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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

394-395

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Löhr, Max

Titel/Untertitel:

Psalmenstudien 1922

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 18/19.

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kommen), 5) das Gefetz für das Leben (darin Staat, Krieg,
Sklaverei, Kriminal- und Zivilrecht ufw), 6.) das Verhältnis
zu den Fremdreligionen. Was dabei herauskommt,
ift ein noch blutleereres Nebeneinander als z. B. die Kapitel
über den ,Paulinismus' in manchen ntl. Theologien.
Darüber hilft auch die S. 9—29 gegebene Einleitung
(Text, Einteilung und Periodifierung des Korans) nicht
hinweg, ebenfowenig die in der Darftellung felbft hin und
wieder gegebenen Hinweife auf eine Entwicklung einzelner
Begriffe. Der Stoff hätte, von dem religiös-ethifchen
Erbe und den neuen beherrfchenden Ideen ausgehend,
in organifcher Entwicklung lebendig vorgetragen werden
müffen. Für das fyftematifche Nebeneinander war ja
der Index da, der noch weit umfaffender fein könnte,
um praktifchen Wert zu haben.

An Einzelheiten ift manches zu beanftanden. Z. B.: die Transskription
ift nicht konfcquent, t marbutum abwechfelnd — ah oder at,
die Nunnation ift teils gefchrieben, teils nicht, d wäre beffer als z.
a's sä'ah u. ä. ift unnötig und irreführend. Hai, Qayüm u. ä. ungenau.
Ebenfo Tsadäqäh S. 6o4. Die Cberletzung von Furqän = Discerner
(S. 42), Distinguisher (S. 83) ift falfch. Das Wort heißt 1.) Offenbarung
, 2.) Rettung, Heil, vgl. die zitierten Stellen. Mit Ikhläs = Unity
ift es ähnlich; richtig ift sinceritas. Khadaijah S. 17? S. I315 1. dällin.
S. 3210 1. asmä'u-ssifät, ähnl. 343 asmä u. S. 6j4 fi sabili-llähi. Daß
Ruh Organ der Heilsvermittlung ift, wird nirgends getagt. Auch die
sakina ift nicht treffend bezeichnet. Die mythologifchen Vorftellungen
vom kejd der (oder) makr Gottes fehlen u. a. m. Mit der unwahrfcheinlichen
traditionellen Vita Mohammeds follte man fich nicht mehr abgeben
(f. die Tabelle).

Das Buch paßt ganz zur heutigen Muhammedaner-
miffionl

Bonn a. Rh. F. Horst.

Volz, Profeffor D. Paul: Der Prophet Jeremia, überfetzt
und erklärt. (Kommentar zum Alten Teftament von
E. Sellin) (LIII, 445 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert
1922. M. 100 —; geb. M. 130 —

Diefen Kommentar kann man nur mit tiefer Freude
anzeigen. Was Verf. will, fagt er einleitend: nach der —
unbedingt notwendigen — kritifchen und religionsgefchicht-
lichen die Zuwendung zur ,durchaus pofitiven Arbeit', die
,die Größe der altteflamentlichen Offenbarung' mehr und
mehr erfchließt (S. V); feine Auslegung will .immer wieder
zur Hauptfache führen, zu dem, was Jeremia mit feinem
Gott erlebte, und was er uns über feinen Gott zu fagen
hat' (S. VII). Dies Ziel erreicht er durch eine wundervolle
Fähigkeit, fich in Wort und Geftalt Jeremias hineinzufühlen
; fo fehr ift er in feinen Stoff hineingewachfen,
daß leine Diktion oft etwas dem Jeremia Kongeniales
annimmt. Dabei fleht er durchaus über der Sache; der
Blick bleibt niemals nur am einzelnen kleben; weil er
fich fo in feinen Gegenftand hineingelebt hat, ift feine
Art, denfelben zu behandeln, eine fo fouveräne, eine felbft-
verftändlichere und freiere als bei all feinen Vorgängern;
auch über Duhm und Cornill hinaus ftellt das Werk, fo
viel es natürlich jenen verdankt, einen entfchiedenen Fort-
fchritt dar. Verf. erkennt als innerlich zufammenhängend,
was die Kritik oft genug auseinandergefchlagen hatte
(14,1 ff. 30f.); er löft aus der Verfchlungenheit des Zu-
fammenhanges, was für fich entftand und gewertet werden
muß (2,33 fr. u. ö.). Das Verfländnis der Gefamtperfön-
lichkeit des Jeremia, nicht der Zwang des Metrums oder
der Gattung ift ihm Führer; auch in profaifchem, auch
in formelhaft erweitertem Text empfindet und findet er
das Jeremianifche. Trotzdem — oder deswegen — kommt
auch das Dichterifche voll zu feinem Recht; Verf.' äfthe-
tifche Bewertung des Propheten erfchließt auf Schritt und
Tritt neue Feinheiten; und gerade über den Dichter
Jeremia (S. XXXVI ff.) und die ,Prophetenrede' allgemein
(S. XXXIXff) hat er Bedeutungsvolles zu fagen.

Begrcillichcrweife geht V. bei feiner faft genial-intuitiv zu nennenden
Art, die Einzelbilder und die Gefamtgeftalt zu erfaffen, mehrfach
Uber das Beweisbare hinaus (der „opfcrlofe Gottesdienft' der „ifr. Ur-
gemeinde" zur Moiezeit, S. 102, läßt fich aus 7,21—j3 nicht entnehmen,
ebenfowenig aus c. 29 die Behauptung des Jer., ,fie brauchen d e Propheten
nicht, fie können Jahwe felber haben', — als wolle Jer. ,das
Laienelement zu feinem Recht kommen' laffen, S. 269 f). Auch in

feinen meift originellen, aber oft änßerft kühnen Konjekturen, — fie
find näher begründet in feinen Studien zum Text des Jer., 1920, vgl.
Th. L. Z. 1921, S. 99 f, — wird man ihm nur zögernd folgen. Ab-
fchließenden Wert fcheinen mir vor allem zu haben (von Einzelkonjekturen
u. a. zu fchweigen) die Ermittelung von 25,, —14 als den Einleitungsworten
zu der laut c. 36 niedergefchriebenen Sammlung (S. 249),
die Darlegung des Verhältniffes von c. 27 zu c. 28 (S. 255), die Interpretation
von 19,, ff. (Zufammenarbeitung zweier verfchiedener Stücke,
vgl. fchon ,Studien'), fchließlich die Gefamtdarftellung von c. 30 f, —
wenn man auch im einzelnen dem, was V. für echt oder unecht hält,
nicht immer zuftimmen wird, — der efraimitifchen Heilsfchrift. Dagegen
berührt feltfam, — befonders wenn man lieft: .Gedanken wie
31.3! ff erftrecken fich unwillkürlich über Eraim hinaus auf die Ge-
famtheit des Jahwevolkes' (S. 296), — V.' ablehnende Haltung betr.
Heilsweisfagungen über Juda (S. 263 und 46f); die Ausführungen über
das Zemach-Stück, 23,5f (S. 229ff; die entlcheidenden Sätze im Mittel
abfatz S. 230 find Punkt für Punkt unhaltbar) und die ,70 Jahre', 29,10f
(der Hinweis auf 29,,2, S. 265, erledigt fich dadurch, daß es fich hier
nicht nur um Schemaja, fondern auch um feine Nachkommen handelt;
gerade v. 32 beweift doch, daß Jer. auch eine Heilsbotfchaft an die
Gola gefandt hat!) (teilen den fchwächften Punkt des Kommentars dar.

Auch die Behandlung der Fremdvölkerorakel, 25,)5ff 46 fr, _ nach V.

ein einheitliches Werk eines Mannes, der, um 460, durch den Tod des
Nebukadrefar zu der ,Vorftellung des Hinfterbens der alten Welt, des
Gerichts über den Orient' (S. 380) gebracht worden fei, — hat mich
nicht überzeugt. 46,1 ff, auch nach V. das Echo der Schlacht von Kar-
kemifch (S. XIX u. z. St.), kann in feiner aus unmittelbarem Erleben
fließenden Darfteilung (,man hört und fieht die militärifchen Rufe, die
Panik und die Haft der Flucht', S. 393) unmöglich eift 50 Jahre fpäter
konzipiert fein; und ob die nach V. fchwer erklärliche Tatfache, daß ,die
Sammlung gerade an Jer. angehängt wurde'(S. 377), nicht einfach ihren
Grund darin findet, daß in 25,^ ff ein echtjeremianifcher Kern (leckt?
Gerade die von V. fein hervorgehobene Verwendung der ,Leitmotive"
diefes Stückes (S. 374 u. ö.) würde fich fo aufs befte begreifen laffen.
Im übrigen ift V.' Interpretation diefer Kapitel zweifellos ein befonders
wertvoller Teil feines Werkes, wie er überhaupt auch die fog. .Zufätze'
mit tiefer Sorgfalt uud durchaus nicht als Stiefkinder behandelt hat.
Von finnftörenden Druckfehlern find mir aufgefallen (außer 32,ti

v. u. 84,16 97.3 v- u- HL9 v- «•• 190,19 252,5 v- u-)'- 67,5 (rniwa ft mros),

191,5 v. u. (Jahrhundert ft. Jahrtaufend), I09,2 v. u. (20 ft. 21); i6,4 v. u.
ift ein 1, 281,i8 v. u. ift ,7' abgesprungen — Jeremia der .unbeftaubte
| Jüngling' (S. 232) ift eine äfthetifche Entgleifung. — Unter der Literatur
(Lllf) vermißt man Baumgartner, Klagegedichte (S. 184 erwähnt).

Eine trefffichere Inhaltsangabe der Perikopen und der Exkurfe fo-
wie ein forgfältiges Regifter erleichtern die Benutzung.

Alles in allem: Durch V.' Werk ift die Jeremiafor-
fchung ein gutes Stück weitergerückt, die Jeremiageftalt
ein gut Teil lebendiger geworden. Nicht nur der Gelehrte
, auch der Pfarrer und Lehrer wird das dem Verf.
danken. Mögen die Kräfte tiefften, in Gott ruhenden
Lebens, die Jeremia den Propheten und Menfchen tragen
und die das mit fo warmem Herzen gefchriebene Werk
uns erfchließt, auch heute neues Leben fchaffen helfen!
Berlin. H. W. Hertzberg.

Lohr, Prof. D. Dr. Max: Plalmenftudien. (Beiträge z. Wif-
lenfchaft v. Alten Teftament. Hrsg. v. Rud. Kittel,
Neue Folge, H. 3.) (53 S.) gr. 8°. Stuttgart, W. Kohlhammer
1922. M. 15.—
Lohr behauptet S. 1 mit Recht, daß „Beobachtungen
an den äußeren Formen der religiölen Lyrik A. T.'s zu einer
ganz neuen Problemftellung, zur fog. Gattungsforfchung
geführt haben . .. Die Gattungsforfchung ift von Herrn.
Gunkel inauguriert und von allen, die fich am Fortfehritt
der atlichen Wiffenfchaft beteiligen, angenommen worden."
Duhm, bei dem fich auch in der neuen Auflage feiner
„Pfalmen" keine Spur von Gattungsforfchung findet,
rechnet er alfo nicht zu den „Fortgefchrittenen". Man
follte aber meinen, daß L., der die neue Frageftellung
anerkennt, fich ihrer freudig bedienen und an ihrer Beantwortung
mitarbeiten würde. Statt deffen fchreibt er
fein Büchlein zum Beweife deffen, daß fich der Gattungsforfchung
nicht alle Türen öffnen (S. 4), was fich von
felbft verficht. Ihm felbft liegen, wie fich aus den von
ihm behandelten „Gefchichtspfalmen" und den „ausgewählten
Pfalmen" (42. 43. 46. 49. 80. 107. 50. 22. 73) ergibt
, nur Textkritik, Quellenkritik und Strophenbau am
Herzen. So vertritt er die jüngere F"orfchung nur dem
Prinzip nach, in Wirklichkeit aber die ältere, eine etwas
wunderliche Art, fich „am Fortfehritt der atlichen Wiffenfchaft
zu beteiligen". Von prinzipiellen Unterfchieden