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Ausgabe:

1922 Nr. 15

Spalte:

354

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schnippenkötter, Josef

Titel/Untertitel:

Der entropologische Gottesbeweis 1922

Rezensent:

Titius, Arthur

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 15.

354

anfpruchen darf. Für das Rechtsproblem entfcheidend find die Gedanken,
daß die Motive charakteriftifche Beftandteile der Willenshandlung, nicht
aber ihre „Urfache" find, daß der Zweck letztlich aus dem Willen
ftammt (nicht umgekehrt). Der Gefamtwille, der nicht mit überein-
ftimmendem und gemeinfamen Wollen identifiziert werden darf, da er
vielmehr Einheit und Mannigfaltigkeit zugleich ift, ift ein jedem jub-
jektiven überlegener objektiver Wille, der aus der Vergangenheit be-
ftimniend in die Gegenwart herabreicht und in einer Herrfcherperrön-
lichkeit angefchaut zu werden pflegt. Die den Willen des Einzelnen
bezwingende Feftigung aber zu erzeugen und bis in die fortgefchrittenen
Stufen der Kultur zu bewahren, ift der Erfolg des religiöfen Kultus.
Die univerfellfte unter den in der Mcnfchheit entftandenen Willensentwicklungen
ift der Rechtswille, denen Bildung mehr und mehr einer
die Schranken nationaler Scheidung durchbrechenden Gleichartigkeit
entgegengeht, während es eine internationale Willenseinheit bei der Gebundenheit
des Gefamtwillens an die Bedingungen der nationalen Kultur
und ihrer Differenzierungen höchftens vorübergehend geben kann. Sehr
dankenswert ift, obwohl fie in eine Völkerpfychologic wohl nicht hineingehört
, auch die ausführliche Gefchichte der Rechtstheorien, aus der
die Darftellung Fichte« und Hegels, fowie die Kritik an Stammler be-
fonders herausgehoben fei. Eigentlich „völkerpfychologifchen" Inhalts
find die Ausführungen über die Synonymik der Rechtsbegriffe (24fr.) und
über den Aufbau der Rechtsordnung; letzterer befchränkt fleh im wefent-
lichen auf die, am beften bekannte, germanifche Rechtsentwicklung,
doch wird zum Schluß eine intereflante Veigleichung mit dem Gefetz
Hammurabis geboten. Alle Darlegungen zeigen den tiefgehenden Einfluß
des Kultus und bieten fo eine dankenswerte Ergänzung der Ausführungen
über Mythus und Religion in Bd. 4—6. — Der Schlußband
ift aus dem Bedürfnis einer ftraffen Zufainmenfaffung der leitenden Ge-
flehtspunkte des Ganzen entftanden, das in feinem Umfange wie durch
die 20jährige Dauer der Veröffentlichung über die Anfangs beabfleh-
tigten Grenzen hinausgewachfen war. Sachlich berührt fleh felbftver-
ftändllch die Darftellung ftark mit den Grundlinien einer pfychologifchen
Entwicklungsgefchichte der Mcnfchheit, die W. in den „Elementen der
Völkerpfychologie" (2A. 1912) gezeichnet hat. Unterfchieden find fle
dadurch, daß hier der Begriff der Kultur in den Vordergrund gerückt
ift, deren Entwicklung, Verzweigung in die Einzelgebiete und Zukunft
betrachtet werden und daß die Ausführungen fehr viel prinzipieller gehalten
find. Aus dem reichen Inhalt können nur wenige leitende
Gefichtspun'ktc herausgehoben werden. Zu den Artmerkmalen des
Genus Homo gehört nach W. ein wenn auch noch fo primitiver Kul-
turzuftand. Das nötigt dazu, das Stadium der Vorkultur auf eine
(heute ausgeftorbene) tierifche Vorftufe, in der bereits der aufrechte
Gang erworben wurde, auch eine freie wechfelfeitige Hilfe fchon beftand,
zurückzuführen. Die Menfchwcrdung, d. h. die Geburt des Geiftes aus der
Materie, kann nur verftanden werden als höchfte Refultante fchon vorhandener
pfychophyfifcher Lebensfunktionen (57—72), wie denn auch
Inftinkt und Sitte nur relativ unterfchiedene Größen find (l82ff.) Die
Stufen der Kultur gliedern fich in ihrer Aufeinanderfolge am angemeffen-
ften nicht, wie es gemeinhin gemacht wird, nach den Formen der
Wirtfchaft', fondern nach den von felbft in auffteigender Richtung fich
ordnenden Formen der Gefcllfchaft, weil eben die menfehliche Gefell-
fchaft, wie fie in den Erfcheinungen der Sitte, der Religion, des Rechts
und der Kunft fich ausprägt, die Lebensbe lingung ift, ohne die keiner
der Kulturfaktoren beliehen kann. Dem primitiven Stadium, für das
nach W. die Monogamie charakteriftifch ift, folgt die Stammesgefell-
fchaft mit den beiden Schichten der Sippenkultur und der entwickelteren
Stammeskultur. Aus den Stammesgefcllfchaften fteigt die Ordnung der
politifchen Gefcllfchaft mit nationaler Kultur empor. Der politifchen
Entwicklung kommen die gewaltigen Wandlungen des Kultus entgegen,
indem fich unter Vorantritt der Himmelskulte aus der Wechfelwirkung
aller vorangegangenen religiöfen Elemente die Götterkulte bilden (127).
Die Gottesidee ift letztlich eine Spiegelung jener Welteinheit, die in
ihrem eigenen Wefen den Gedanken der Einheit von Natur und Kultur
in fich fchließt; die Idee diefer Einheit als Wirklichkeit, zugleich als
höchfter Wert, ' ift Religion; als unendliche Aufgabe gefaßt, ift fie
Phllofophle (199). Der Erlöfer als der zum Mcnfchen gewordene Gott
ift der Repräfentant der idealen menfehlichen Perfönlichkeit, die in fich
felbft in der Opferftimmung das Obel überwunden hat (420). Indem
nun die Religion als das zufammenhaltende Band des feelifchen Lebens
wie der Gcfellfchaft gewürdigt wird, tritt diefe Auffaffung in Gegen-
fatz zu der weit verbreiteten utilitariftifchen Kulturauffaffung, die fcharf
bekämpft wird; entfprechend wird der intcllektualiftifchen Auffaffung
vom Werden der Kultur die gefchichtliche entgegengefetzt, die mit der
Inkongruenz der großen Kulturperioden rechnet, fie aber durch das
Frinzip der Hetcrogonie der Zwecke zur Einheit zu verbinden weiß.
Von dielen Grundfätzen und von einem bis in feine Tiefe verarzten
nationalen Empfinden aus wird im Schlußabfchnitt eine Abrechnung
mit den Gewalten der Gegenwart vollzogen, die man als
Teftament des greisen Forfchers an das deutfehe Volk würdigen wird:
i.Wie der deutfehe Geift ein nicht hinwegzudenkender Beftandteil der
bisherigen Gefchichte ift, fo ruht unfere ganze Hoffnung einer belferen
ftaatlichen und fittlichen Zukunft der Menfchheit auf der Wiedergeburt
jenes deutfehen Geiftes, der in der Reformation feinen erften, in dem
deutfehen Idealismus feinen zweiten Aufftieg erlebt hat und in dem
deutfehen Staat feinen dritten erleben wird". Möge diefe Hoffnung fich
erfüllen!

Rerlin. Titius.

Sohnippenkötter, Dr. jofef: Der entropologifche Gottesbeweis.

Die phyfikalifche Entwicklung des Entropieprinzips, feine philo-
foph. u. apologet. Bedeutung. (109 S.) 8». Bonn, A. Marcus u.
E. Weber 1920. _

Der fog. 2te Hauptratz der meebanifchen Wärmelehre (Entropie-
fatz), der eine beftimmte Richtung der Naturprozeffe (auf Vermehrung
der „Entropie") behauptet, ift fchon früh (1852 von Thomfon, 1854
von Helmholtz) auf das ganze Univerfum ausgedehnt und zu Schläuen
über feine Zukunft („Wärmetod", „Kältetod" und dgl.) verwandt worden.
Die Apologetik, insbefondere die katholifche, hat darauf einen befondereii
„entropologifchen" Gottesbeweis begründet, der in Jfenkrahe's Programm-
fchrift „Energie, Entropie, Weltanfang, Weltende" (1910) einer vernichtenden
Kritik unterzogen wurde. In der vorliegenden Schrift, einem
Exzerpt zweier druckfertiger Werke, von deren Erfcheinen z. Zt. abge-
fehen werden muß, gibt S. eine gründliche, auf umfaffender Literaturkenntnis
beruhende Darftellung des Problems nach feiner phyfikalifchen
wie nach feiner philofophifch apologetifchen Seite hin, die im Ergebnis
mit Recht Jfenkrahe ganz beiftimmt. Namentlich die Darftellung
der Diskuffion des Problems in der Phyfik kann jedem, der eine
Überficht wünfeht, empfohlen werden, aber auch die philofophifchen
Ausführungen find lehrreich. Bedauerlicherweife ift allerdings darauf
verzichtet, deutlich zu machen, was denn im Grunde Entropie ift, eine
Aufgabe, die auch ohne mathematifche Formeln in gewiffem Maße
lösbar ift. Unrichtig ift es, wenn im Schlußfatz behauptet wird, der
Satz des Thomas Demonstrari non potest, quod homo, aut coelum, aut
lapis non Semper fuerit behalte noch heute Beftand. Denn daß
das Energiefyflem der Erde wie des Sonnenfyftems im Laufe der Zeit
ftarke Veränderungen durchmacht, dafür fprechen gute Gründe, es wird
auch m. W. von kompetenten Beurteilern nicht beftritten. Nur über
das Univerfum als Ganzes laffen fich wiffenfchaftlich geficherte Auslagen
wenigftens bisher nicht machen.
Berlin. Titius.

Natorp, Paul: Individuum und Gemeinfchaft. Vortrag, gehalten
auf der 25. Aarauer Studien-Konferenz am
21. April 1921. Mit einem Anhang: Vom echten
Tode. (31 S.) 8°. Jena, E. Diederichs 1921. M. 5 —

Das ,Friedrich Gogarten freundfchaftlich zugeeignete'
Schriftchen enthält einen Vortrag, der auf der 25. Aarauer
Studien-Konferenz am 21. April 1921 gehalten worden
ift. Beigegeben ift als Anhang ein kurzer Auffatz, der
zum Ofterfonntag in der Frankfurter Zeitung erfchienen
ift. Er ,berührt fich nahe' mit dem Inhalt des Vortrags.

Diefer greift zunächft zurück auf die Gedanken über
Individuum und Gemeinfchaft, die der Verfaffer fchon
früher vertreten und veröffentlicht hat, und legt das Bekenntnis
ab, daß fie heute nicht mehr genügen, weil fie
am Ende doch ,in der Sphäre der Relativität' verbleiben.
Dann wird noch einmal feftgeftellt, was genau unter Individuum
und Individuierung einerfeits, unter Gemeinfchaft
und Maffe anderfeits zu verliehen fei. Es wird gefchildert,
wie beide Größen mit einer gewiffen Notwendigkeit in
Kampf geraten und geraten find, und wie der .unaufhalt-
fame Fortgang der Entwicklung' fchließlich zur Verftörung
und Zerftörung des menfehlichen Geifteslebens führt, zu
dem tragifchen Ende, deffen Zeugin die Gegenwart ift.
Angefichts diefes Sachverhalts tut eine völlige ,Umkehr'
not, der ,vollftändige Abbruch' des .ganzen ftolzen Aufbaues
einer fich felbft genügen wollenden Menfchheit
und Menfchheitskultur', verbunden mit der Übernahme
.unbedingter Verantwortung' für den .gefchehenen Sündenfall
' und der Bereitwilligkeit fich vorbehaltslos Gottes
richtendem Urteil zu unterwerfen. Das bedeutet die
.Nivellierung, Indifferenzierung auch der abgründlichften
Gegenfätzlichkeiten', die in der Menfchheitsgefchichte
allmählich auseinandergetreten find, den Verzicht auf alle
Gewalt, die Zuwendung zu unbedingter Gewaltlofigkeit'
und die entfagende Selbftunterftellung unter das .echte
Walten deffen, dem allein alle Gewalt, dem das Walten
über alles gebührt, und unter dem doch niemand und
nichts fich vergewaltigt fühlen kann'.

So ungefähr, zum Teil in des Verfaffers eigene Worte
gefaßt, die Weifungen und Forderungen Natorps an die
zerrüttete Menfchheit. Referent muß befchämt geftehen,
daß fie ihm ihrem Sinn nach nicht völlig durchfichtig
und klar find. Handelt es fich wirklich um die Forderung
eines tatfächlichen Abbaus unferer ganzen Kultur und
des Aufbaus ganz neuer Lebensformen? Diefe Deutung