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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

350

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Troeltsch, Ernst

Titel/Untertitel:

Der Berg der Läuterung 1922

Rezensent:

Tillich, Paul

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349

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 15.

mann hat diefe noch immer kommuniftifch organinerte
,Sekte' geradezu wieder entdeckt, als er 1907 in den vereinigten
Staaten war. Sie lebte damals, 1300 Köpfe
ftark, auf zwölf verfchiedenen ,Bruderhöfen' in South
Dakota. Liefmann hat dort auch das ,Gefchichtsbuch
der Gemeinde', das der Hauptforfcher über die Huette-
rifchen, Beck (f. Cramer, S. 594,57) ,in Taurien' verfchollen
glaubt, wiedergefunden. — Unter den andern Mitteilungen
des Buches intereffiert am meiften der ausführliche Bericht
über den jetzigen Beftand der Aman a-Gern ein de. Diefe
auch immer noch blühende kommuniftifche Sekte ftammt
aus dem Großherzogtum Heffen. Ihre Anfänge reichen
bis zum Beginn des 18. Jahrhunderts zurück. Sie gehört
zu den Jnfpirationsgemeinden' und nahm feit 1817 einen
neuen Auffchwung. In Oberheffen weiß man durchaus
noch von ihr, wie ich denn in Gießen noch dies und das
über fie hörte. Sie war domiziliert bei der Ronneburg,
auf dem Solm'sfchen Gute Marienborn und in dem durch
die Herrenhuter bekannten Herrenhaag, zuletzt im Klofter
Arnsburg bei Lieh (in der Sprache der Sekte: Armenburg
'). In den Jahren 1843—46 wanderte fie nach Nordamerika
aus und hat dort 1855 definitiv ihre neue Heimat
gefunden im Staate Jowa, wo fie den Ort Amana(=,Bleib-
treu', eine verworrene Bibelreminifcenz, immer wiederkehrendes
Stichwort des am 8. Auguft 1853 dem Führer
Chriftian Metz vom Geift eingegebenen Gemeindefangs, den
L. mitteilt und der übrigens gar nicht ,fektenhaft' fondern
gut lutherifch klingt) gründete und in hohem Anfehen fich
erhalten hat.

Halle a. S. F. Kattenbuich.

Hofer, Dr. H.: Weltanlchauungen in Vergangenheit und Gegenwart.

Eine allgemeinverftändliche Einführung in die Geiftcsgefchichte

der Menfchheit. 1. Band: Die Weltanschauungen der Naturvölker.

Die Weltanfchauungen der orientalifchen Völker im Altertum.

(182 S.) 8°. Nürnberg, Zeitbücher-Verlag 1921. M. 16 —

Das Buch genügt beftcnfalls für populäre Orientierung. Auf
fekundären Quellen fußend trägt es nicht einmal diefen genügend Rechnung
. Das Literaturverzeichnis zitiert z. B. Hennecke: A11teflament-
liche (!) Apokryphen und Pfeudepigraphen, kennt nur die 2. Auflage
von PRE und nimmt von RGG, z. B. dem wichtigen Artikel von Lehmann
über die Erfcheinungswelt der Religion überhaupt keine Notiz.
Halle a. S. F. W. Schmidt.

Birt, Theodor: Von Homer bis Sokrates. Ein Buch über
die alten Griechen. (466 S.) 8°. Leipzig, Quelle &
Meyer 1921. Geb. M. 52—.

„Ein Buch des Allerlei", fagt der Verfaffer in feiner
Vorrede, und fügt hinzu: „Die Griechen find felbft daran
fchuld, daß dem fo ift." Aber nicht nur die Griechen,
fondern auch der Verfaffer ift daran fchuld. Er Hellt
fich auf den Beobachtungspunkt, von dem aus man das
„Allerlei" fehen kann, und — nur fehen kann. Das ift
der Vorzug des Buches. Es führt uns ins griechifche
Leben lebendig ein; es zerftört alles falfche klaffiziftifche
Pathos. Es zeigt uns Menfchen von Fleifch und Blut
und treibt keinerlei Götzendienft, nicht einmal mit den
Größten der Griechen. Wer diefes alles fehen will, dem
fei das Buch dringend empfohlen. Es lieft fich leicht
und amüfant und kommt oft bis zu einer wahren Plaftik
der Sprache und Geftaltung. Aber vielleicht gibt es
noch einen anderen Standpunkt gegenüber den Griechen,
der mehr fieht als „Allerlei" und auch weiter blickt als
uuf parteiifch gefärbte Analogien mit der gegenwärtigen
deutfehen Gefchichte. Das gewaltige einmalige Menfch-
heitsgefchehen, was in jener allermenfchlichften Gefchichte
fich vollzogen hat, erfordert einen Gefichtspunkt, der fich
über das Menfchliche, nur Menfchliche erhebt. Und das
fehlt dem Buch, es fehlt ihm der Geift und die Größe
der Anfchauung, es fehlt ihm die „metaphyfifche Haltung
", ohne die es fich letztlich doch nicht lohnt, irgend
eine Erfcheinung des gefchichtlichen Lebens zu betrachten.
Berlin-Friedenau. Paul Till ich.

Hatzfeld, Dr. Helmut: Dante. Seine Weltanfchauung.
(Philofophifche Reihe. Hrsg. v. Dr. A. Werner, 21. Bd.)
(210S.) kl.8°. München, Röfl&Co. 1921. Geb.M.22 —
Mausbach, Dr. Jofeph: Der Geift Dantes und feine Kulturaufgaben
. (19 S.) 8°. Köln, J. P. Bachem. M. 6 —
Troeltfch, Ernft: Der Berg der Läuterung. Rede zur Erinnerung
an den 600jährigen Todestag Dantes, gehalten
im Auftrage d. Ausfchuffes für eine deutfehe
Dantefeier am 3. Juli 1921 i. d. Staatsoper z. Berlin
(21 S.) gr.8°. Berlin, E. S. Mittler & Sohn 1921. M. 3 —
Drei Schriften zum 600jährigen Todestag Dantes
liegen vor mir. Das Buch von Hatzfeld ift eine treffliche
Analyfe der Weltanfchauung und Phüofophie Dantes,
wenn auch in ftark populärer Verkürzung; wertvoll für
Nichtkenner Dantes durch genaue Wiedergabe des Gedankenganges
der Göttlichen Komödie'; wichtig vor allem
durch den ausführlichen Nachweis, daß Dante vollkommen
gläubig in der kirchlichen Lehre und Weltanfchauung
des Mittelalters wurzelt, daß alle Modernifierungsverfuche
Dantes Irreführungen find, daß er im Gegenteil in bewußter
Rückwendung zum idealifierten Mittelalter die Auf-
löfungserfcheinungen der Florentinifchen Vorrenaiffance
bekämpft; viele intereflante Bemerkungen zur Weltanfchauung
der mittelalterlichen Phüofophie, Aftronomie,
Pfychologie, zu der Frage, in wie weit bei Dante Symbole
und in wieweit reale Vorftellungen vorliegen; das
Ganze getragen von dem deutlichen Willen, Dante reft-
los für den Thomiftifchen Katholizismus zu reklamieren,
und mit deutlichem Unbehagen gegenüber Dantes Kritik
an der Kirche feiner Zeit und feiner Gleichftellung der
geiftlichen und weltlichen Macht. Ein Buch zur Einführung
wohl zu empfehlen.

Unmittelbarer in die Gegenwart greift die zweite
Schrift, der Vortrag von Mausbach. Er ift gehalten
in der Görresgefellfchaft, und er atmet den Schwung und
Realismus der deutfehen katholifchen Bewegung, die fich
als Tägerin erlöfender Kräfte für die Not und das Chaos
der Gegenwart fühlt: Die Einheit von Wiffen. und Glauben,
die Liebe als Überwinderin der fittlichen Nöte, die Idee
einer Friedenseinheit der Völker, das find die drei Dinge,
die Mausbach aus Dante entnimmt und für die Gegenwart
in Worten edler Wärme und Begeifterung fruchtbar
machen will. Wer etwas fpüren will von den Kräften,
die der Katholizismus für die Löfung der Gegenwartsprobleme
in fich trägt, dem fei das Büchlein dringend
empfohlen.

Daran fchließt fich würdig als Gegenftück der Vortrag
von Troeltfch. Mit einer Reihe von Dingen, über die
er nicht fprechen will und über die er doch immer ein
bedeutendes Wort zur Hand hat, beginnt Troeltfch feine
Rede: Daß Dante Italiener, daß er mittelalterlicher
Menfch, daß er Katholik, daß er Schöpfer dichterifcher
Form war. Aber nicht diefes, fondern was er unferer
Not zu fagen hat, das ift die Frage, die heut geftellt
werden muß. Und mancherlei ift da trotz der Entfernung
der Jahrhunderte zu nennen: Die Überwindung der Zwie-
fpältigkeiten einer Kultur durch eigenes Schöpfertum,
das ebenfo Hingabe an die reine Form der Sprache, wie
an die Sache felbft ift; die Auffaffung des Lebens als
ein Berg der Läuterung, der in Stufen über Heldentum,
Vernunft, Kulturarbeit zur Menfchen- und Gottesliebe
emporfteigt; die Wechfelwirkung zwifchen Höhe der
geiftigen Auffaffung und einer Tiefe, durch die das Werk
jedem verftändlich bleibt. — Wenn in diefen Gedanken
der kulturelle Standpunkt der Beurteilung ebenfo mit
einer gewiffen Einfeitigkeit durchgeführt ift, wie in der
Schrift von Mausbach der kirchlich-religiöfe, fo ergibt
fich daraus die Forderung einer Erfahrung Dantes aus
einer Schicht, die noch unterhalb der Formen des Reli-
giöfen und Kulturellen liegt, aus der Grundftellung zum
Unbedingten felbft, die in all diefen Formen ihren Ausdruck
findet.

Berlin-Friedenau. Paul Till ich.