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Ausgabe:

1922 Nr. 15

Spalte:

342-345

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Bornhäuser, Karl

Titel/Untertitel:

Das Wirken des Christus durch Taten und Worte 1922

Rezensent:

Windisch, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 15.

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beim NT, als .Urkundenfammlung für die Beftimmung deffen, was
chriftlich ift', vielmehr hier beim AT als .heiliger und daher untrüglicher
Schrilt1 beftimmc. Zudem fei ,AT' keineswegs gleich ,Gefetz' (VI).
Die Ausfcheidung des AT würde unfer religiöles Leben einer reich
(ließenden Quelle, unfere geiftige Kultur eines namhaften Faktors berauben
, zeigt S. leicht. Alle Angriffe entflammen der unbefehnen
praktifchen GleichftcUung von AT und NT. Darum ift auf richtiges
Verftändnis und richtige Wertung des AT in der Gemeinde zu dringen.
An den Unterricht in Schule und Haus fowie an die Ausbildung der
Theologen ergeben fich hieraus Forderungen (VII).

.Endlich die Dinge ehrlich beim Namen nennen! Nicht immer
weiter meinen, daß wir als fchlechts Advokaten Gottes Sache führen
müßten! Was feit bald 100 Jahren wiffenfchaftlich als Sage im AT
erkannt ift, nun endlich auch im Unterricht als folche bezeichnen! Es
heißt, die Gewiffen morden und Glauben ertöten, wenn man hier weiter
als Gefchichte aufzwingen will, was nach dem AT felbft gar keine Ge-
fchichte lein kann. . . Nie die eindrucksvollen altteftl. Geftalten als Vorbilder
chriftlicher Ethik hinftellenl' Aus den Gefchichten foll das Kind
merken, daß ,in das Leben der Natur und der Völkcrwelt ein höheres
Sein und Reich hineinragt'. Dann .bleibt es beliehen, daß fich an
keinem Stoffe beffer der Kinderfeele das Geheimnis der Religion
erfchließt'. Mit dem fortfehreitenden Alter muß .natürlich das Schwergewicht
des altteftl. Unterrichts von den Gefchichten hinweg verlegt
werden auf die Gefchichte. Aber auch hier um Gottes willen kein
Pauken der ifraelitifchen Volksgefchichte . . '. .Neben der felbftvei
Handlichen Schulbibel . . muß es womöglich auch eine Familienbibel
überall geben.' Anftelle der überlebten ehrwürdigen Bibelwerke fehlt
,ein Neues, . . ein Hillsmittel für untere Häufer und Gemeinden, das
AT als Schrifttum feiner Zeit richtig zu verliehen und doch des lebendigen
Gottes Wort in ihm zu vernehmen. Natürlich breche man mit
dem feelenmordcndcn Rate, der ja wohl aus England oder Amerika zu
uns gekommen ift, jeden Tag fortlaufend und der Reihe nach ein
Kapitel aus der ganzen hl. Schrift zu lelent' .Aber freilich, überall
. . muß noch viel klarer als bisher mancher Orten der Hinweis erklingen,
daß das AT über fich felbft hinausweift, daß wir nur das in ihm, was
fich mit Chrifti Geift verträgt, uns reftlos zu eigen machen können, daß
wir mit der ifr.-jüd. Schale nichts zu tun haben.'

S. ift fich bewußt, oft Gefagtes wiederholen zu muffen;
daß er es fagt und daß er es fo fagt, begeiftert und
frifch, knapp und doch aus lebendiger Anfchauung eines
Ganzen, ift wohl ein Ereignis zu nennen, deffen Verftänd-
niffe man gern weitefte Kreife geöffnet fähel Möchten
fie erkennen, wie die evangelifche altteftl. Wiffenfchaft
der verfchiedenen Lager zueinandergefunden hat, um den
gemeinfamen Feind zu beftehn, der älter ift als fie. Vor
100 Jahren bot die altteftl. Wiffenfchaft der praktifchen
Theologie noch nicht die Handhaben zu einer klaren
Stellung zum AT in Predigt und Unterricht. Schleiermacher0
mußte darum, bei aller Zurückhaltung in feinen
theoretifchen Äußerungen, für feine Predigt fo gut wie
ganz auf das AT verzichten und unterfchied fich von
der Generation, die er überwinden half, hier wie fonft
im wefentlichen durch die mit Weite des Blicks gepaarte
Unbeirrbarkeit feines aus dem Glaubensgrunde der chrift-
lichen Gemeinde erwachfenen Taktes. Und heute lebt
gefpenftergleich die ungefchichtliche Abneigung gegen
das AT wieder auf. Die alten Argumente der rationa-
liftifchen Pädagogen kehren wieder und bedienen fich
der Sprache des 19. Jahrhunderts als eines Megaphons.
Geratie die geiftig geweckteften Lehrer find hier ftark
gefühlsmäßig engagiert, und fo geht der Kampf um Lehr-
pläne und bemächtigt fich, im heranwachfenden Gefchlecht,
der Zukunft der Kirche. Da kommt nun S.s warmherziges
Votum zur guten Stunde. Möchte es viele Lehrer zu den
Urkunden und ihrer gefchichtlichen Erfaffung führen!

Vielleicht könnte feine Arbeit einen Bundesgenoffen
finden in einem fchlichten geiftesgefchichthehen Verfuch
einer Leidensgefchichte des AT (nicht erft) feit den Zeiten
des Rationalismus. Es müßte reizvoll fein zu zeigen, wie
hier der Gegenfchlag gegen die Aufklärung, die Romantik
als Mutter der Gefchichtsforfchung und Völkerkunde, am
allerfpäteften ans Ziel, die liebende und aneignende Erfaffung
der vergangenen Wirklichkeit, geführt hat, einmal
wegen des weiten Wegs, den die Forfchung zurückzulegen
hatte, dann, weil die Träger der Erweckung felbft
zu fchwere Wunden aus ihrer rationaliftifchen Zeit aus-
z-uheilen hatten, um fich die Unbefangenheit für die neu
erarbeiteten Erkenntniffe zu bewahren, endlich, weil unferer
Bildungswelt der Herderfche Sinn für den Eigenwuchs

des aus der Tiefe des von Gott berührten Volkstums
entfproßnen Geiftesgutes fremd wurde in dem Jahrhundert,
an deffen Ende wir ftehn. Die gewünfehte Arbeit möchte
in ihrem Beftreben, den heutigen Volksbildner den Irrweg
zurück zu leiten, ganz modern und ganz altmodifch zugleich
anmuten.

________ Peter Katz.

Rofenzweig, Franz: Der Stern der Erlöfung. Drei Teile
in einem Bande. (532 S.) 8°. Frankfurt a. M., J. Kauff-

mann r92i. M. 58 — ; geb. M. 68--(- T.-Z.

In der evangelifchen Apologetik wird das Judentum
als Religion entweder ganz überfehen, oder man begnügt
fich mit Ausführungen über das Judentum zur
Zeit Jefu. Daß es unter uns noch ein lebendiges Judentum
gibt, das fich in fehr viel anderen Formen äußert
als die Frömmigkeit feiner Väter vor 2000 Jahren, fcheint
man in weiten Kreifen nicht einmal zu ahnen. Darum
foll hier auf das Buch von R. mit befonderem Nachdruck
hingewiefen werden, denn da kann man die neue Frömmigkeit
des Juden finden.

R. führt in edler Sprache einen großen, klar gegliederten
Bau auf, der die Geheimniffe des im Stern Ifrael
fvmbolifierten jüdifchen Glaubens umfchließt. Myftifch-
theofophifche Frömmigkeit, von Kabbalah und Chaffi-
dismus genährt, verbindet fich mit den fpekulativen Er-
rungenfehaften des deutfehen Idealismus. So gibt er eine
Art Offenbarungsphilofophie. Aber fein Ausgangspunkt
ift nicht die im Wort vorliegende Offenbarung, fondern,
vom altteftamentlichen Realismus geleitet, fucht er in den
Tatfachen der ErfahrungsWirklichkeit das geheimnisvolle
Wefen zu erfaffen. Mathematik lehrt ihn die Elemente
des Glaubens in ihrem So-Sein zu verftehen; die Sprache
zeigt ihm, wie Gott, Welt und Ich untereinander in Beziehung
flehen; in Liturgie, Feftfeier und Gebet erblickt
der Fromme fich und die Welt in ihrer ewigen Bewegung
auf das Reich, in dem Gott alles in einem ift. So ift
alles Irdifche ein Gleichnis und doch mehr als ein
Gleichnis: die Wirkfamkeit Gottes, die fich felbft weis-
fagend offenbart. Zum Schluß wird das Verhältnis von
Judentum und Chriftentum fo beftimmt: Beide feien für
Gott gleich notwendig in und wegen ihrer Gegenfätzlich-
keit. Für den Juden beftehe die Zugehörigkeit zu Gott
in feiner Geburt und feinem Blute, für den Chriften dagegen
in feiner Wiedergeburt. Jeder habe nur an der
Wahrheit teil, die Parufie des Meffias werde fie beide
vereinigen und allen im Jenfeits die volle Schau der
Wahrheit geben.

Es ift hier nicht möglich, die Fülle von Gedanken anzudeuten,
die diefes Buch in fich birgt. In einer Menge Einzelheiten wird fich
der chriftliche Theologe aus R.s Werke Rat und Anregung holen können
etwa in den feinfinnigen Ausführungen über des Herbeizwingen des
Reichs, über das Gebet zur angenehmen Zeit oder in den Analyfen der
Weltreligionen. Der altteftamentlichen Exegefe wird die realiftifche Auslegung
manche wertvollen Fingerzeige geben. Vielleicht gehen von ihm
fogar Anregungen auf die fyftematifche Theologie aus, wenigftens durch
die von ihm geübte Methode: Im Begriff der Offenbarung fieht R. die
Synthefe von Religion und Philofophie. Nicht als ob nun die Philo-
fophie die Inhalte der Religion nachkonftruieren follte, wie in der ideali-
ftifchen Philofophie, fondern Philofophie foll in der Welt der Tatfachen
die Vorbedingungen aufweifen, auf denen der Glaube beruht (S. 137).
Ob da nicht für eine wirklich fyftematifche Theologie des Proteftantismus
auch noch eine Aufgabe liegt?

Göttingen. Piper.

Bornhäufer, Prof. D.Karl: Das Wirken des Chriltus durch
Taten und Worte. (Beiträge z. Förderung chriftlicher
Theologie. 2. Reihe. Sammlung wiffenfchaftl. Monographien
2. Bd.) (310 S.) gr. 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann
1921. m. 65 __

— Zeiten und Stunden in der Leidens- und Auferftehungs-
geichichte. — Zum Petrusbekenntnis und zur Hohenpriefter-
frage. (Beiträge z. Förderung chriftlicher Theologie.
26. Bd. 4. Heft) (82 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann
1921. M. 15_

Die Gebeine der Toten. Ein Beitrag zum Verftändnis