Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1922

Spalte:

322-323

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Graham, Rose

Titel/Untertitel:

An Abbot of Vézelay 1922

Rezensent:

Ficker, Gerhard

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

321

Theolog ifche Literaturzeitung 1922 Nr. 14.

322

Heuffi, Karl: Altertum, Mittelalter und Neuzeit in der Kirchen-
gefchichte. Ein Beitrag zum Problem der hiftor. Perio-
difierung. (IV, 68 S.) gr. 8». Tübingen, J. C. B. Mohr
1921. M. 15 —

An diefer Arbeit gefällt mir zunächft die Knappheit,
mit der der Verfaffer feine Gedankengänge zum Ausdruck
bringt. Sie ift ein ficherer Beweis dafür, daß es sich
um ausgereifte Aufftellungen handelt. Der Verfaffer kann
darum verlangen, daß man fich ernfthaft mit ihm auseinanderfetzt
. Das ift aber leichter gefagt als getan.
Denn einmal liegt es in der Natur folcher methodologi-
fchen Arbeiten, daß man fie bis in die feinften Veräfte-
lungen verfolgen muß, wenn die Auseinanderfetzung
fruchtbar fein foll; und fodann find grade die Eigendenkenden
und darum in erfter Linie Urteilsberechtigten
unter den Eachgenoffen gern geneigt, den Wert metho-
dologifcher Unterfuchungen gering zu fchätzen, indem fie
fügen: fchreibt keine Programme, macht's beffer. Das
wird auch Heuffi erfahren. Er felbft hat fein bekanntes
Kompendium nach dem Schema der Dreiteilung in
Altertum, Mittelalter, Neuzeit angelegt. Er hat fich dabei
, wie ein Vergleich der Auflagen zeigt, dauernd um
die Grenzen, insbefondere zwifchen Altertum und Mittelalter
, bemüht. Nunmehr verwirft er jenes Schema als
ungefchichtlich und diefe Bemühungen als ausfichtslos.
Auch weiß er die Schwierigkeiten, von denen das Problem
gedrückt wird, mit alten und neuen Gründen überzeugend
darzulegen. Aber ich vermag ihm doch nicht überall zu
folgen. Zugegeben, daß man Univerfalgefchichte — eine
folche einmal als möglich vorausgefetzt — nach jenem
Schema nicht fchreiben kann, weil es auf den vorder-
afiatifch-mittelmeerländifch-abendländifchen Kulturkreis
zugefchnitten ift. Aber die Kirche ift doch nun einmal
in diefen Kulturkreifen bodenftändig, und ihre Gefchichte
fpielt fich innerhalb diefes Kreifes ab, zu dem wir mit
Zuftimmung der Amerikaner auch Amerika rechnen
dürfen. Nun will zwar H. von feinem nominaliftifchen
Standpunkt aus eine historia ecclesiae überhaupt nicht
anerkennen und nur von einer historia ecclesiarum geredet
wiffen. Wenn er aber dabei Kirche und Staat in
Parallele ftellt, fo fcheint er doch zu vergeffen, daß es
fich nicht um gleichartige Begriffe handelt. Eine .Gefchichte
des Staats' kann man freilich nicht fchreiben.
Aber .Kirche' ift im Gegenfatz zu .Staat' ein örtlich verankerter
, aus den klaffifchen Urkunden unferer Religion
unfchwer zu erhebender Begriff, deffen Gefchichte durch
die mannigfachften Verzweigungen hindurch ftetig zu verfolgen
fehr wohl möglich ift, ohne daß die Darftellung
monographifchen Charakter erhält. Ich kann auch nicht
zugeben, daß Müllers Kirchengefchichte und Loofs'
Grundlinien, wie H. will, im Grunde monographifch angelegt
find und zu Unrecht .unter univerfalgefchichtlicher
Flagge fegein'. Im übrigen find wir gewiß alle mit H.
darüber einig, daß die Begriffe Altertum und Mittelalter,
Mittelalter und Neuzeit nur typologifche, nicht periodo-
logifche Bedeutung haben, und daß fie fich, fofern man
auf die Grenzen achtet, mit vielfach fich fchneidenden
Kreifen vergleichen laffen. Aber eben jene typologifche
Bedeutung bringt unfer altes Schema gut zum Ausdruck,
und mit den fjberfchneidungen müffen wir uns, fo gut
es gehen will, abfinden. In Wahrheit handelt es fich
dabei ja doch nur um Theorie; ich will nicht fagen
,graue', denn ernftes Nachdenken über diefe Fragen
fördert die Klarheit und wirkt reinigend. In der Praxis
wird niemand nicht einmal nach feinen eignen Rezepten
verfahren. Eine Vorlefung ift etwas anderes als ein
Handbuch, und wer, dem in meinem .Handbuch' vor-
gefchlagenen und auch von H. angenommenen Einfchnitt
entfprechend, in feiner Vorlefung das Mittelalter um ,726'
eröffnen wollte, der müßte buchftäblich mit der Tür in's
Haus fallen.

Gießen. G. Krüger.

Lübeck, Prof. Dr. Konrad: Das Mönchswefen der griechi-
fchen Kirche. In »Vorträge und Abhandlungen der
Herren Grauert, Scharnagl, Lübeck, Ehfes.' (84 S.)
Köln, J. P. Bachem 1921.

Ich glaube auf die gediegene Abhandlung des Fuldaer
Seminarprofeffors Lübeck über das orthodoxe orienr
talifche Mönchtum kurz hinweifen zu follen. Sie gehört,
S. 31—67, zu der Feftfchrift, die zum Gedächtnis der im
Oktober 1920, zum dritten Male, in Fulda abgehaltenen
GeneralveTfammlung der Görresgefellfchaft herausgegeben
worden. L. ift einer der beften Kenner der Kirche des
Oftens, fpeziell ihrer eigentlich orientalifchen Zweige.
Sein Intereffe gilt hauptfächlich den rechtlichen und litur-
gifchen Formen. Das zeigt auch die vorliegende fleißige
und zuverläffige Darftellung des Mönchstums dort. Es
ift nicht eine Gefchichte desfelben, die er gibt, fondern
eine Überficht über die Einrichtungen, die kanonifche,
oder auch nur gewohnheitsmäßige Ausprägung, die es
zur Zeit hat. Die drei Stufen der Rafophoren, Mikro-
fchimi und Makrofchimi nehmen feine Aufmerksamkeit
befonders unter dem Gefichtspunkt in Anfpruch, ob fie
vergleichbar find der Abftufung, die die römifche Kirche
an den verfchiedenen Charakter des votum simplex und
solemne knüpft. Er lehnt das ab, mit Recht. Soweit
nicht das eigentliche Dogma reicht, und es betrifft nur
die Lehre von der Trias Gottes, von den zwei Naturen
Chrifti und den Myfterien (auch hier eigentlich nur das
der Euchariftie), lebt die orthodoxe Kirche in lebendigen
Empfindungen (vielfach feinfter Art) und in Rechten,
die nur in unbeftimmtem Maße als göttliche, alfo ,indis-
penfable', angefehen oder wieder .empfunden' werden.
Eine Konftanz kirchlicher Rechtfprechung gibt es nicht
im gleichen Maße wie in der römifchen Kirche. So
fchwanken auch die Rechtsentfcheidungen über Möglichkeit
oder Unmöglichkeit des Austritts aus dem Mönchs-
ftand und das Maß der .Wiederverweltlichung', das damit
etwa gewonnen wird. Merkwürdig in L.'s Abhandlung
ift das uneinheitliche Urteil über das ruffifche Mönchtum
, fowohl fein geiftliches Anfehen als feinen tatfächlichen
geiftlichen Habitus. Willkommen find verfchiedene ftati-
ftifche Aufmachungen. Die meiften Mönche (prozentual)
hatten nach den letzten Ziffern, die erreichbar waren, die
autokephale Kirche von Cypern, demnächft die Kirche
Rußlands (je eine Perfon, Mönche und Nonnen zufammen,
auf 1321), am wenigften Serbien (je eine auf 22123 Ber-
fonen). Daß L. den Melchiten mehr Raum widmet, als
ihnen nach ihrer Zahl zukommen dürfte, mag man bei
einem ,miffionarifch' fo lebhaft, wie er, intereffierten Mann
begreiflich nennen. Aber er hätte z. B. den großen
Klöftern des Oftens, denen von Weltruf, als folchen auch
fpezielle Achtfamkeit fchenken follen.

Halle. F. Kattenbufch.

Graham, Rofe: An Abbot of Vezelay. (Studies in Church
History). (IV, 136 S. u. Illuftr.) 8°. London, S. P.
C. K. 1918. sh. 3/6

Diefes hübfch ausgeftattete, auch mit guten Abbildungen
der Klofterkirche von Vezelay und einiger ihrer berühmten
Skulpturen verfehene kleine Buch fchildert die Kämpfe
und den Sieg des Abtes Pontius von Montboissier (1138—
(i6i), des Bruders des Petrus Venerabiiis. Es handelt
fich um die Unabhängigkeit des Klofters vom Bifchof
von Autun, vom Grafen von Nevers, von der fich bildenden
Commune Vezelay. Es gelang dem Abt, die Stadt
in feiner Botmäßigkeit zu erhalten. Es wird anfchaulich
auf Grund der Historia Vizeliacensis coenobii von Hugo
von Poitiers erzählt, wie fich die verfchiedenen Gewalten
gruppierten, mit welchen Mitteln fie arbeiteten, welche
Ziele fie verfolgten. Wir erhalten fo ein lehrreiches Bild
der Stellung eines großen Klofters in der Mitte des 12.
Jhs. Die einleitenden Bemerkungen über die Anfänge des
Klofters, über den dort blühenden Kult der Maria Magda-