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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

14-15

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Walter, Johs.

Titel/Untertitel:

Die Kirche Deutschösterreichs am Vorabend der Reformation 1922

Rezensent:

Benrath, Karl

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1,3 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 1. 14

deutfche Aufklärung und das 19. Jahrhundert behandeln
foll, mit einiger Spannung entgegenfehn.

Göttingen. E. Hirfch.

Ritlchl, Otto: Die evangelitch-theologifche Fakultät zu Bonn
in dem erften Jahrhundert ihrer Gefchichte. 1819—1919.
(119 S.) 8°. Bonn, A. Marcus & E. Weber 1919.

M. 7 —

Laufcher, Prof. Dr. Albert: Die katholilch-theol. Fakultät
der Rhein. Friedrich-Wilhelms Univerfität zu Bonn (1818
bis 1918) (82 S.) Lex. 8°. Düffeldorf, L. Lohmann
1920. M. 12 —

Die Jahrhundertfeier der Bonner Univerfität follte
durch eine zweibändige große Gefchichte der Univerfität
ihr literarifches Denkmal finden. Die Not der Zeit hat
den Plan zertrümmert. Wichtige Teile gelangen nur einzeln
und als felbftändige Bücher zur Veröffentlichung.
Dahin gehört die großangelegte .Gefchichte der Rheinifchen
Friedrich-Wilhelms Univerfität von der Gründung bis
zum Jahre 1870' von Friedrich v. Bezold (Bonn, VI, 535,S.
Marcus und Weber 1920), dahin gehören die beiden hier
zu befprechenden Gefchichten der theologifchen Fakultäten
. Die urfprünglich beabfichtigte Eingliederung in
ein größeres Ganzes muß man fich gegenwärtig halten,
um ihren Charakter zu verliehen. Beide Verfaffer hatten
die Aufgabe und die Abficht, eine die große Gefamtdar-
ftellung ergänzendeSpezialgefchichte eines Univerfitätsinfti-
tuts von vorgefchriebenem Umfang zu liefern. Es kam vor
allem auf Genauigkeit und Vollftändigkeit in der Übermittlung
der Nachrichten an.

Von diefem Gefichtspunkte aus geurteilt ill die Arbeit
Otto Ritfchl's eine unfchätzbare Leiftung. Klar und fauber
arbeitet fie die Einfchnitte heraus, die die Gefchichte der Fakultät
in vier Epochen zerlegen (1847, 1878, 1891), und
Hellt jede Epoche in fich abgefchloffen dar. Die
Perfönlichkeiten und der Gefamtcharakter der Fakultät
werden jedesmal knapp, doch mit Beziehung auf die
großen Zeitftrömungen, gefchildert, von Verhandlungen
und Streitigkeiten, foweit fie wichtig waren, durch aktenmäßige
Auszüge ein verläßliches Bild geboten. Genaue
Tabellen über Dozenten, Promotionen, Frequenz ermöglichen
das mühelofe Feftftellen jedes beliebigen einzelnen
Datums.

VermilTen könnte man allein bei den Dozenten Vcrweife auf die
Biographieen der Real-Enzyklopiidie. Die Gefchichte des Univerlitäts-
predigeramts ist nur gelegentlich berührt. Hier find als Ergänzung
heranzuziehen die Veröffentlichungen von Ulrich Stutz (Das Amt des
evangelifchen Univerfitätspredigers an der Rhein.-Fricdr.-Wilh.-Univer-
lität in Bonn während des erften Jahrhunderts ihres Beftehens. 50 S.
Weimar, Hofbuchdruckerei 1920, und ,Das Bonner Univerfitätsprcdiger-
amt in feinem Verhältnis zu Staat, Kirche und Gemeinde, Berlin.
Akademie 1921, S. 171 ff). — Für die von Ritfehl nach ihren wichtigsten
Daten mit eingewobene Gefchichte des Evang. Theol. Stifts
bietet manche lebendige Ergänzung die Feftfchrift zum fünfzigjährigen
Beftehen des Stifts vom Jahre 1904.

Die Leiftung Laufcher's hält fich nicht auf der
gleichen Höhe. Weder die Überfichtlichkeit und Vollftändigkeit
, noch die das eigne Urteil zurückhaltende Sachlichkeit
ift ihm fo recht gelungen. Er gibt in einem erften*
Kapitel ohne weitere Gliederung die Gefchichte der Pro-
feffuren, woran fich dann fechs weitere Kapitel reihen,
die Einzelprobleme (wie das Promotionsrecht) oder Einzel-
inftitute (wie das Seminar) behandeln. Dadurch wird zeitlich
und fachlich Zufammengehörendes auseinandergeriffen
und die Bildung einer klaren hiftorifchen Anfchauung
recht erfchwert. Die Urteile über Perfönlichkeiten und
Ereigniffe werden von einem beftimmten Standorte aus
gefällt. So ift Laufcher hinter feinem Gegenftande, der
hiftoiifche Größe hat — die Gefchichte der Bonner ka-
tholifch-theologifchen Fakultät fällt mit der Gefchichte
der deutfehen katholifchen Kirche in Preußen im 19. Jahrhundert
ja faft zufammen — zurück geblieben. Nur gegen
des Verf.s Willen, durch die Gewalt der Tatfachen fei bft,
enthüllt (ich dem Lefer die Einficht, daß er die Gefchichte
eines Trauerfpiels lieft, die Gefchichte des Kampfs des

preußifchen Staates mit dem kölnifchen Erzbifchof um
eine des Namens würdige wiffenfehaftliche katholifche Uni-
verfitätstheologie, und feiner endlichen Niederlage in diefem
Kampfe. Daß aber der Verf. diefen Kampf lediglich mit
dem Maßftabe der kirchlichen Korrektheit mißt, ohne Sinn
für die Werte zu befitzen, die im Rahmen diefer Korrektheit
zerftört wurden, das erhöht den Eindruck des Herzbeklemmenden
für jeden, dem geiftige Größe und kirchlicher
Gehorfam nicht in eins fallen. Soweit Bezold's großes
Werk — in dem die Partien über die katholifch-theologifche
Fakultät befonders gut find — reicht, ift ein Rückgriff auf
Laufcher nicht nötig. Nur für die Zeit von etwa 1860
an wird man ihn zu rate zu ziehen haben.

Göttingen. E. Hirfch.

Stutz, Ulrich: Das Bonner evangel. Univerfitätspredigeramt in
Teinem Verhältnis zu Staat, Kirche und Gemeinde. (Aus: Sitzungsberichte
der preuß. Akad. d. Wiffenfchaften, philos.-histor. Klaffe,
1921, VII). (S. 171 —193) gr. 8°. Berlin, Vereinigg. wiffenlchftl.
Verleger 1921. M. 3—

Diefem Bericht liegt ein Gutachten zu Grunde, das der Verfaffer
f. Z. auf Wunfeh der ev.-theologischen Fakultät in Bonn erftattet und
als Privatdruck veröffentlicht hat und das er dann in erweiterter aktenmäßiger
Darfteilung in der Zeitfchrift der Savigny-Stiftung XLI Kan.
Abt. X 1920 hat erfcheinen laffen. Es fcheint damit einer Einzclfrage von
nicht gerade großem Belang reichlich viel Ehre angetan zu fein. Allerdings
handelt es fich nur um ein kleines Stück Bonner Univerfitätsgc-
fchichte, aber feine hundertjährige Entwicklung läßt in des Verfaffers
anregender und anlchaulicher Darfteilung den engen Rahmen vergeffen,
es bietet Gefichtspunkte, die über Bonn hinausweilcn, uud entbehrt nicht
eines Ausblicks, der weiter reicht, als der Gegenftand vermuten läßt. Das
kirchenrechtlichc Ergebnis ift diefes: Der Univerfitätsprediger ift nicht
Geiftlicher der Provinzial- oder Landeskirche, fein Vorgefetzter ift nichl
das Konfiftorium oder der OKR., fondern das war und ift einftweilen noch
der Kultusminifter. Wenn er trotzdem bisher in Bonn durch den Gene-
ralfuperintendenten eingeführt wurde, fo hängt das mit der jahrzehntelang
dort beftehenden Eigentümlichkeit zufammen, daß er zugleich Gemeindepfarrer
bzw. -vikar war. In Breslau hatte die Fakultät einer
folchen Einführung mit Erlolg Widerftand geleiftet, während es, wie ich
hier ergänzend hinzufügen kann, in Marburg eines Wideiftandes gar
nicht bedurfte; ich trat dort mein Amt als Univerfitätsprediger an, ohne
daß von einer Einführung auch nur mit Einem Wort die Rede gewefen
wäre. Zwar wurde kurz vor dein Krieg eine Übcrweifung der Univerlitäts-
predigerämter unter die kirchliche Oberbehörde in Angriff genommen,
aber der damalige Kultusminifter wünfehte, fo lange der Krieg dauere,
die Fakultäten nicht beunruhigt zu fehen, und die Überweifung mußte
unterbleiben. Jetzt aber hält fie St. für den gewiefenen Weg bei der
bevorftehenden Neuordnung der Dinge. Ich bin wie Hans v. Soden.
Chriftl. Welt 1921, Nr. 27, Sp. 488 ff. anderer Meinung; mit ihm halte
ich Überweifung des Univerfitätsgottesdienftes an die Fakultäten für das
Richtige. Und dann ift es wünfehenswert, daß an ihm zwar nicht alle
Theologieprofefforeu, aber fo viele wie wollen, und zwar, ohne Bindung
an die offizielle Agende, fich beteiligen. Das haben wir f. Z. in Bonn,
wie Stutz S. 190 erwähnt, vergeblich zu erreichen verflicht, jetzt ift es
hier in Gang gekommen.

Der Verf. fchlicßt feine wertvolle Unterfuchung mit einem warmen
Wort der Anerkennung für das, was das alte Preußen in verftändnis-
voller Fürforge auch für andere als materielle oder militärifche Dinge
geleiftet hat, und er, der Schweizer, bekennt, daß es feine größte Freude
war und immerdar fein Stolz fein wird, diefen Staat miterlebt zu haben
— ein Bekenntnis, das undankbaren Gemütern zur Beachtung empfohlen
fei.

Bonn-Friesdorf. Ed. Simons.

Walter, Prof. D. Johs.: Die Kirche Deutichöfterreichs am Vorabend
der Reformation. Dekanatsrede gehalt. am 31. X.
1919. (24 S.) 8°. Wien, Haimyllo 1921. M. 3.—

Die am 31. Oktober 1919 gehaltene Dekanatsrede des
Wiener proteft. Theologen Hellt Beiträge zufammen für
ein Gebiet, das noch lange nicht genügend bearbeitet ift
welcher Art find die kirchlichen Zuftände in den verfchie-
denen Ländern am Vorabend der Reformation gewefen?
Daß das Urteil über Notwendigkeit und Bedeutung der
letztern für das betreffende Land von einer genauen
Kenntnis der Zuftände abhängen wird, ift felbstverftändlich;
aber mit Recht macht der Verfaffer darauf aufmerkfam,
daß ein gerechtes Urteil nur dadurch zu gewinnen fei,
wenn auf „diejenigen Züge der Finger gelegt werde, die
der Katholizismus von fich aus nicht zu beffern vermochte,
ohne fich felbft aufzugeben". Nachgewiefen wird das
betreffs des Zwangscoelibates und der Verweltlichung des