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Ausgabe:

1922

Spalte:

313-315

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Paulus, Rudolf

Titel/Untertitel:

Das Christusproblem der Gegenwart 1922

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Seite 1, Seite 2

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf Harnack

Herausgegeben von Professor D. EmanUßl Hirsch unter Mitwirkung von

Prof. D. Wilh. Heitmüller, Prof. D. Dr. G. Hölscher, Prof. D. Arthur Titius, Prof. D. Dr. G. Wobbermin-

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig Vierteljährlich 30 Mark

Bezugspreife für das Ausland vierteljährlich Fr. 12.50; 10 sh.; # 2.50; holl. Gulden 6—; fkandin. Kr. 9 —

Manufkripte und gelehrte Mitteilungen find ausfchließlich ,rnr
47. Jahrg. Nr. 14 »" ProfefrorE..Hirsch in Göttingen Hoher Weg to rufenden. 15. JijJj 1922

o Rerenfionscxemnlare ausfchließlich an den Verlag.

Paulus, Das ChriRusproblem der Gegenwart
(Hirfch).

Nieifen, Der dreieinige Gott (Haas).

Boll, Die Sonne im Glauben u. in der Welt-
anfebauung der alten Volker (Derf.).

Dalman, Orte und Wege Jefu (Guthe).

Schaeder, Die Siindlofigkeit Jefu (Thieme).

Hoff mann, Das Geheimnis der Auferftehung
Jefu (Steinmann).

Weinel, Die Hauptrichtungen der Frömmigkeit
des Abendlands und das Neue Teftament
(Windifch).

Heuffi, Altertum, Mittelalter und Neuzeit in

der Kirchengefchichte (Krüger).
Lübeck, Das Mönchswefen der griechifchen

Kirche (Kattenbufch).

Graham, An Abbot of Vezelay (Ficker).

Reu, Quellen zur Gefchichte des Katechismus-
Unterrichts (Meyer).

Schriften Theophrafts von Hohenheim genannt
Paracelsus (Petfch).

Delehaye, A travers trois siccles (Kattenbufch
).

Scheurlen, die Sekten der Gegenwart (Derf.).
Stegemann, Kennen die ,Siebcnten-Tag-Ad-

ventiften' das Evangelium? (Derf.).
Hoffmann, Die griechifche Philofophie von

Thaies bis Piaton (Goedeckemeyer).
Siegel, Piaton und Sokrates (Derf.).
Wich mann, Piaton und Kant (Derf.).

Bohlin, Sören Kierkegaards ethiska äskädning
(Tiedje).

Archiv für Religionspfychologie (Titius).
Revue d'Histoire et de Philofophie religieuses

(Mayer).

Thumwald, Entftchung von Staat und Familie
(Titius).

Cathrein, Der Sozialismus (Titius).
Die Tat (Schian).

Kremers, Deutfch-Proteftantifche Sorgen und
Aufgaben (Hirfch).

Humburg, Aus der Quelle des Wortes (Bornemann
).

Kern, Johann Rift als weltlicher Lyriker (Katz).
Verzeichnis neuefler Befprechungen.

Paulus, Stadtpfarrer Lic. Rudolf: Das Christusproblem
der Gegenwart. Unterfuchung über das Verhältnis von
Idee und Gefchichte. (XVI, 182S.) 8°. Tübingen, J. C. B.
Mohr 1922. M. 54—.

R. Paulus hatte zuerft meine Aufmerkfamkeit geweckt
durch feine Studien zur Chriftologie Fichtes (Schwab.
Heimatgabe f. Th. Häring 1918, S. 83 fr.; Fichte und das
neue Teftament 1916). Jetzt erweift's fich, daß diefe
Studien Vorarbeiten waren zu einem großen Wurf. Das
dringendfte und fchwerfte Problem unferer gegenwärtigen
Theologie wird von ihm mit gründlichem Ernfte angepackt
. Im Glauben an Jefus Chriftus find zwei Momente
enthalten, ein übergefchichtliches und ein gefchichtliches.
Erftens die Chriftusidee: das Hineingehen Gottes in den
in Sünde und Leid verftrickten Menfchen, um ihm gerade
da zu feinem eignen Leben zu werden. Zweitens die
gefchichtliche Erfcheinung Jefu von Nazareth, die in ihren
konkret-individuellen Zügen eine Veranfchaulichung der
Chriftusidee und ein Quellpunkt des Chriftuslebens für
die Gefchichte der Menfchheit wie für unfere eigne Geschichte
ift. Läßt fich die innere Beziehung der beiden
Seiten aufeinander rechtfertigen und als notwendig einfielen
? Muffen nicht Gegenwartsreligion und Gefchichts-
religion auseinanderbrechen? Das ift die Frage des
Buchs.

Die Antwort wird zweifach gegeben. Der erfte
Teil (kizziert das Verhältnis von Chriftusidee und ge-
fchichtlicher Perfönlichkeit in der Gefchichte der chnft-
'ichen Religion. Das Urchriftentum zeigt beides zugleich,
die Unterichiedenheit der beiden Realitäten wie ihre
u»autgebbare Beziehung: keine würde ohne die andere
•ein, was fie ift. Die an das N T dann anfchließende
Cefchichte ift ein großer Verfuch, die innere Einheit des
Glaubens an Jefus Chriftus nachzuweifen. Sie zerfällt in
zwei Epochen. Die kirchliche Chriftologie zunächft
niüht fich um den Nachweis der ftarren Identität. Die
Unmöglichkeit diefes Nachweifes hat fie zerrieben. Das
neuere Denken fodann empfindet die Unmöglichkeit
einfacher Einsfetzung und zerfällt in mehrere typifche
Verbuche einer neuen Löfung. Entweder, es faßt als

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wahren Kern des Chriftusglaubens das gelchichtsfremde
religiöfe Prinzip, oder es fieht den Chriftusglauben allein
in der wahrnehmbaren gefchichtlichen Wirklichkeit, ohne
Beimifchung der Idee, begründet. Das find die einander
wechfelieitig aufhebenden Irrwege des Rationalismus
und des Hiftorismus. Doch noch ein dritter Weg ift im
neueren Denken gewagt worden. Ein tieferes Verftänd-
nis für die Eigenart der Religion und die allgemeine
Erkenntnis der dialektifchen Einheit von Idee und Gefchichte
, wie fie auch vom deutfehem Idealismus errungen
worden find, haben zum Nachweis diefer Einheit auch
gegenüber dem Chriftusglauben eingeladen. Freilich,
die von den Idealiiten felbft unternommenen Verfuche,
auch der Hegel's, der dem Ziel am nächften vorbei trifft,
flehen noch unter einem letzten Vorwiegen des Rationalismus
, was auf Unvollkommenheit des Religions- und Ge-
fchichtsbegriffes zurückweift. Gleichwohl, Denkziel und
Denkverfahren find fchon richtig erkannt, und auch der
Anfatzpunkt zur Löfung ift gegeben. Es gilt alfo, unter
Weiterbildung des Idealismus auf Grund eines Religionsund
Gefchichtsbegriffes die Möglichkeit und Notwendigkeit
der Beziehungseinheit von Chriftusidee und gefchicht-
licher Wahrheit nachzuweifen.

Damit wäre der Boden gewonnen für den fyfte-
matifchen Löfungsverfuch des zweiten Teils. Wahrheit
und Wirklichkeit find nie zu trennen; jede trägt, die
Sache metaphysisch angefehen, ihren Widerpart in fich.
Gefchichte ift darum immer nur da in lebendigem Durchdrungenfein
vom Übergefchichtlichen, Übergefchichtliches
immer nur als in die Gefchichte eingehende Potenz.
Womit die Lebenseinheit von Idee und Wirklichkeit im
Gefchichtsbegriff verankert wäre. Doch das ift nur der
Hintergrund für die eigentliche Löfung des Problems,
die in der Sphäre der Religion erfolgt. Der Gottesglaube:
die vom Chriftusglauben niemals zu begründende, fondern
immer nur zu vertiefende Vorausfetzung aller Religion,
tragt in fich eine Antinomie. Gott foll zugleich weltüberlegen
und weltimmanent, zugleich heilige Güte wie
die Macht fein, die diefe graufame und fündige Wirklichkeit
trägt und beherrfcht. Diefe Antinomie ift gelöft

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