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Ausgabe:

1922 Nr. 13

Spalte:

296

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stokes, H. P.

Titel/Untertitel:

A short history of the Jews in England 1922

Rezensent:

Goetz, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 13.

296

5,18 von Zauberknoten. ,Man betet faft nie um Heilung
der Krankheit, fondern immer um Befreiung von den
Feinden'; find letztere befeitigt, fo fchwindet automatifch
die Krankheit. Bisweilen handelt es fich auch um Dämonen
, fo in 59,7. Dämonen find die v. 4, ebenfo
die QiX5 140,6, 94,2, die 0"HT 19,14 119,51. 122, tierge-
ftaltige Dämonen die krankheiterregenden Feinde von
Pf. 22. Die Pfalmdichter find nicht pathologifch, leiden
nicht am Verfolgungswahn durch religiöfe oder weltlich
gefinnte Feinde, fondern — ,an Halluzinationen von
Zauberern und Dämonen, die in Gehirn und Phantafie des
Kranken ihr furchtbares Spiel treiben'.

Nachgewiefen wird das alles durch etymolog. Ausführungen
über JIN und feine Synonyma, deren Beweiskraft
mir fehr problematifch erfcheint. Ferner durch
Analogiefchluß aus babylon. Zaubertexten. Die Ähnlichkeit
der Vorftellungen liege auf der Hand, was mir
durchaus nicht der Fall zu fein fcheint. Endlich durch
eingehende Exegefe.

Aber diefe Exegefe ift, gelinde gefagt, einfach rät-
felhaft. Wo in einem Pfalm Krankheit und Feinde vorkommen
, find letztere die Verurfacher der erfteren. So
in Pf. 6, v. 2 wird völlig ignoriert, in 38 trotz v. 2 f., in 41
trotz v. 5. In 109 find die Feinde unbekannte, geheime
Krankheitsmacher, die man nicht fieht, dabei kennt der
Dichter fie nach v. 2—5 nur zu genau. Krankheit als
göttliche Reaktion gegen Sünde wird kaum erwähnt, alles
kommt auf Rechnung der Feinde, die ihr Opfer aus Bosheit
oder Habfucht zu Tode zaubern. Auch den Hiob
haben Zauberer krank gemacht, vielleicht auch Dämonen
oder beide zufammen. Zauberer haben wir in Pf. 37, 49,
73, enttäufchte Zauberer in 23,5. Krank durch Zauberer
oder Dämonen waren auch die Dichter von 103,30, 116,92.
Man kommt fich felber ganz verhext vor.

Vf. ift reich an Ideen, und bisweilen begegnet man
einem glücklichen Gedanken. Aber im Ganzen ftellt er
die Dinge fo ziemlich auf den Kopf — eine auf die
Dauer unhaltbare Pofition. Mir fcheint, daß der babylo-
nifche Gaul mit dem Vf durchgegangen ift und dabei
erhebliche Verwirrung angerichtet hat. Man muß das
A. T. in Schutz nehmen. Nicht einmal die fpäteren
Juden, noch viel weniger das kräftige alte Volk Israel,
waren halbtoll vor Zauberangft. Der unternehmende Vf.
hat fich m. E. ftark verrannt.

Göttingen. Hans Duhm.

Kittel, Prof. D. Rudolf: Die Pfalmen, überfetzt und erklärt
. Dritte und vierte Auflage. (Kommentar z.
Alten Teltament, hrsgeg. v. Prof. Dr.E.Sellin, Bd.XIII)
(LVII, 462 S.) gr. 8°. Leipzig, A. Deichert 1922.

M. 90—; geb. M. 110 —
Kittels Pfalmenkommentar in 3. und 4. Aufl., zeigt
im Wefentlichen und mit voller Abficht des Verf.'s den
gleichen Charakter wie die 1. u. 2. Aufl. die 1914 er-
fchienen ift, vgl. die umfangreiche Anzeige von W. Staerk
in diefer Zeitung 1915 Sp. 76 fr. Die inzwifchen veröffentlichte
Literatur ift textkritifch, fprachlich und fachlich
eingehend verwertet. In der Überfetzung find Pf.
1 — 39 vollkommen neu dargeboten, Pf. 40—150 vielfach
berichtigt und metrifch praezifer gefaßt. Der vorliegende
Kommentar ift zur Zeit das Befte, was uns auf diefem
Gebiete zur Verfügung fteht.

Königsberg, Pr. Max Lohr.

Die Lehren des Judentums. Nach den Quellen herausgegeben
vom Verband der deutfchen Juden. Bearbeitet
von Dr. Simon Bernfeld. II..Teil: Die fittlichen
Pflichten des Einzelnen. Mit Einleitungen von
Dr.L. Baeck, Dr.S.Bernfeld, Prof. Dr. J Elbogen,
Dr S. Hochfeld, Dir. Dr. M. Holz mann, Dr. A.
Loewenthal. (319 S.) gr. 8°. Berlin, Schwetfchke
& Sohn 1921. M. 24 —

Über den I. Teil diefes großen fechsteiligen fyfte-

matifchen Werkes hat Ref. in Kürze ThLZ. 1921 Nr. 5/6
berichtet. Der vorliegende II. Teil behandelt nach der-
felben Methode der Aufreihung von Quellenzeugniffen
die fittlichen Kernfragen: Wahrhaftigkeit, Befcheidenheit
und Dankbarkeit, Arbeit, Gefchlechtliche Sittlichkeit, Gerechtigkeit
, Nächftenliebe, Pflichten des lmmdienkreifes,
Förderung des Gemeinwohls, Pflichten gegen das Tier.
Dabei ift wohl mit Abficht, und mit gutem Recht ange-
fichts der fteigenden Flut roher antifemitifcher Befchim-
pfung des Judentums, den Abfchnitten über Gerechtigkeit
und Nächftenliebe ein größerer Umfang zugewiefen
worden. Ein ausführliches Verzeichnis der Quellen, ein
Sachregifter und gute Literaturangaben zu den einzelnen
Abfchnitten erhöhen die Brauchbarkeit des Buches. Sein
Studium fei den Vertretern der philofophifchen und theo-
logifchen Ethik ans Herz gelegt.

Vielleicht ift es für manchen Lefer diefes Blattes von Intereffe,
wenn Ref. auf die Polemik M. Brod's gegen die Behandlung des
Freiheitsproblems in Bd. I S. 65 ff. des Werkes hinweift (vgl. Heidentum
, Christentum, Judentum I S. 70 ff.), zum Beweis dafür, daß in
M. Brod's ernftem Bekenntnisbuch mehr fteht als die hier (1922 Nr. 4)
abgedruckte kurze Anzeige erkennen läßt. Als kraftvoller Ausdruck
eines neuen Typus jüdifcher Frömmigkeit hat das Buch mindeftens re-
ligionswiffenfchaftliche Bedeutung.
Jena. W. Staerk.

Stokes, H. P., LL. D., Litt. D., F. S. A.: A Short history
of the Jews in England. With 8 illuftrations. (Jewish
Studies. Edited by A. Lukyn Williams, D. D.) (VI,
122 S.) 8°. London, Society for Promoting Christian
Knowledge 1921. 5 sh 6 d

Von jeher hat die engüfche Nation ein befonderes
Intereffe an den Juden genommen, was wohl letztlich in
der inneren Verwandtfchaft ihrer religiöfen Auffaffung
begründet liegt. Auch hatten die Juden fich drüben einer
größeren Duldung zu erfreuen, als in den meiften anderen
Ländern. Aus dem Wunfeh heraus, genauere Kenntniffe
über ihre Gefchichte in England, ihre Lehre und die
Miffionserfolge unter ihnen zu verbreiten, ift jetzt die
Herausgabe einer Serie Jüdifcher Studien' geplant, deren
erfter Band in obiger ,Gefchichte der Juden in England'
vorliegt.

In drei Perioden verläuft diefe Gefchichte. Sie umfaßt die Zeit
bis zur Vertreibung aus England im Jahre 1290, die Zwifchenperiode,
und die Zeit ihrer Wiederzulaffung unter Cromwell von 1656 an. Mit
Wilhelm dem Eroberer kamen die Juden nach England, der fie in ver-
fchiedenen Städten des Landes anfiedelte. Ohne daß es in England be-
fondere Judenviertel' gab wie auf dem Feftland, lebten fie doch für
fich und waren an die ihnen angewiefenen Orte gebunden und durften
nicht ohne Erlaubnis das Land verlaffen oder neu landen. Ihre Haupttätigkeit
beftand in der Abwicklung von Geld- und Wechfelgefchäften;
ihr zunehmendes Vermögen reizte wiederholt zu ihrer fcharfen Be-
fteuerung und gab auch Anlaß zu Verfolgungen. Ihre Geldgefchäfte
brachten fie in dauernde Fühlung mit dem Hofe, felbft mit der Kirche:
find doch zwifchen 1140 und 1152 neun Cifterzienser-Abteien mit jü-
difchem Gelde gebaut worden. Ihre Umgangsfprache war franzöfifch,
entfprechend ihrer Herkunft aus der Normandie; auch die Formen
ihrer Gottesdienfte entfprachen denen' jenes Landes. Eduard I vertrieb
1290 alle Juden aus dem Land; höchft wahrfcheinlich waren ihre
WuchcrgefchäUe der Hauptanlass. Doch mögen auch religiöfe und po-
litifche Gründe mitgefprochen haben.

In der Zeit ihrer Verbannung durfte kein Jude in England leben,
mit Ausnahme jüdifcher Ärzte, die um ihrer Kunft willen bis in die
höchften Kreife hinein gefchätzt waren. Gleichwohl haben heimlich
auch andre Juden unter Verleugnung ihrer Religion fich wieder angefiedelt
Auf wiederholte Bittgefuche hin erlaubte Cromwell ihnen 1656
die Rückkehr und fchützte tie auch vor Verfolgungen. Viele heimliche
Juden, zumeift fpanifche, kamen jetzt in London ans Licht. Ihr Einfluß
nahm mit ihrem Reichtum zu, und nach wiederholten Verfuchen
erlangten fie endlich 1806 die englifche Vollbürgerfchaft und den Zutritt
zu allen Ämtern, was fie mit autrichtiger Loyalität beantworteten. Der
erfte Peer im Parlament war Nathan Meyer Rothfchild. Über 250
frühere Juden bzw. deren Söhne follen heute Geiftliche der Kirche in
England fein.

Seitenblicke auf die jüdifche Reformbewegung im
letzten Jahrhundert und eine Würdigung des Zionismus
befchließen das Buch, das einen nicht unintereffanten
Beitrag zur inneren Gefchichte Englands bildet.

Dortmund. 11. Goetz.