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Ausgabe:

1922 Nr. 12

Spalte:

282-283

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Greifswalder Reformgedanken zum theologischen Studium 1922

Rezensent:

Niebergall, Friedrich

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 12.

282

Bei aller Anerkennung des guten Willens wundert
man fich doch über die Harmlofigkeit des Autors, der
es fertig bringt zu ichreiben: Man muß nur die Differenzpunkte
vergeffen und zufammen gehen, und das Ziel ift
erreicht (S. 59). Auch verlangt der deutfche Lefer bei
der Behandlung eines fo fchweren Problems etwas mehr
Gründlichkeit und gefchichtliches Wiffen über Wefen und
Vergangenheit der,Kirche', als fich hier findet. Und wer
nicht auf ganz orthodoxem Standpunkt fteht, wird fich
auch nicht befreunden können mit dem, was als unumgänglicher
gemeinfamer Glaubensgrund aufgeftellt wird
[S. 49. 52.54.68.81.], wurzelnd in dem apoftolifchen und
nicänifchen Glaubensbekenntnis.

Immerhin gewährt die von rein anglikanifchen Ge-
fichtspunkten aus entworfene Schrift einen wertvollen Ein-
blick in die Beftrebungen, die drüben im Gange find.
Dortmund. H. Goetz.

Eiert, Seminardirektor Lic. Dr. phil. Werner: Der Kampf
um das Chriftentum. Gefchichte d. Beziehungen zwifchen
dem evangelifchen Chriftentum in Deutichland und
dein allgemeinenDenken feit Schleiermacher und Hegel.
(VIII, 513 S.) gr. 8°. München, C. H. Beck 1921.

M. 65 —; geb. M. 85 —
Wenn ich dies gelehrte und fcharffinnige Buch recht
verliehe, fo ift es der Vorläufer einer eignen größeren
fyftematifchen Leiftung des Verf.s Er hat die gefamte
theologifche, vor allem die apologetifche, Literatur des 19.
Jahrhunderts durchgearbeitet auf eine beftimmte Krage
hin: wie das Verhältnis des Chriftentums zur geiftigen
Umwelt in den verfchiedenen Jahrzehnten und von den
verfchiedenen Männern grundfätzlich beftimmt worden fei.
Die beiden letzten großen Möglichkeiten, zwifchen denen
zu wählen ift, find ihm die Synthefe und die Diaftafe.
Dabei fteht er mit allen feinen Sympathien auf feiten der
Diaftafe. Die innere Hoheit des Chriftentums verbietet
es, daß es fich mit einer ihm entfremdeten, nicht von feinen
Gefichtspunkten beherrfchten Weltanfchauung verbinde.
Das Chriftentum hat fich ,von der Kultur zu ifolieren'.
Das gilt auf allen Gebieten, auf denen Berührungsmöglichkeiten
vorliegen, erkenntnistheoretifch, methodifch, ge-
fchichtsphilofophifch, ethifch, praktifch. Diefem feinem
Ziele fcheint ihm nun die Entwicklungsrichtung, die er im 19.
Jahrhundert wahrnimmt, zu entfprechen. Die apologetifche
Arbeit diefes Jahrhunderts ringt fich mühfelig und
fchrittweis, aber mit immer wachfender Klarheit und Ent-
fchiedenheit, von der Verflechtung mit dem profanen
Geiftesleben los. Ein letzter Abfchnitt von etwa 70 Seiten
läßt alles, was von der theologifchen Literatur der letzten
beiden Jahrzehnte in diefe Richtung drängt — und das
ift wahrlich ein ganzer Chor von Stimmen —, am Lefer
vorüberziehen. Leider, leider, beruft fich dann E. zum
Schluß noch auf Spengler und fordert die chriftlichen
Theologen auf, — gewiffermaßen als Ratten — das leck-
gewordene Schiff der Kultur zu verlaffen. Das ift nicht
fein empfunden, und bleibt hinter dem letzten Gefichts-
punkt des Verf.s unnötig zurück. Es erniedrigt zu einem
taktifchen Verhalten, was ihm letztlich doch Ausdruck
eines zur Gefinnung gewordenen Grundfatzes ift.

Vom Einzelinhalt des Buchs eine Vorftellung zu geben,
ift fchwer, eine kritifche Stellungnahme zu Einzelfätzen
der Darftellung vollends unmöglich. Die vom Vf. durchgängig
angewandte Methode befteht darin, daß er zeitlich
und fachlich naheftehende Bücher und Männer zu einer
Gruppe zufammenfaßt, die ihm wichtigen Grundgedanken
heraushebt (mit forgfältiger Angabe der individuellen Spielarten
) und einer kritifchen Beurteilung von feinem Standpunkte
aus unterwirft. Diefe Methode wirkt ermüdend; ich
habe mich gkichfam durchkämpfen müffen durch das
Buch. Das Ermüdende beruht wefentlich darauf, daß gar
zu viele der Kleinen und Kltinften, faft ebenbürtig mit
den Größeren, analyfiert werden, und daß darum an den
einzelnen, auch wenn er bedeutend ift, immer nur wenige

Worte gewendet werden können. D. F. Strauß bekommt
4 Seiten, Franck 5, A. Ritfehl 8 ufw.

Was fo nicht zuftande gekommen ift, ift deutlich
Eine großangelegte, wirklich fruchtbare Betrachtung der
Theologie des 19. Jahrh.s unter geiftesgefchichtlichem Ge-
fichtspunkt müßte anders ausfeilen. Sie müßte auch die
allgemeine Geiftesgefchichte, auf die das chriftliche Denken
fich bezieht, viel ftärker hineinziehen in die Entwicklung.
Für den Geiftesgefchichtler hat das Buch darum wefentlich
den Wert einer umfaffenden Materialfammlung zu
einer beftimmten, allerdings fehr wichtigen Frage. Als
folches wird es, des bin ich gewiß, von vielen dankbar
benutzt werden, — auch von folchen, die dann vergeffen
werden, ihre Dankbarkeit abzuftatten. Ein Namens- und
ein Sachwortverzeichnis machen zudem die zahlreichen
und belehrenden Einzelangaben und Literaturverzeichniffe
des Buchs bequem zugänglich. Auch viele der fcharf-
finnigen Einzelkritiken verdienen ernfte Beachtung.

Uber diefe hiftorifche Bewertung hinaus fordert das
Buch natürlich zu einer fachlichen Stellungnahme zu den
in Einleitung und Schlußkapitel entwickelten grundfätz-
lichen Gefichtspunkten auf. Es ift gewiß ein richtiger
Gefichtspunkt, daß das chriftliche Denken feine innere
Selbftändigkeit wahren foll. Aber der hier empfohlene
Weg ift bedenklich. Ich finde bei E. eine Verbindung aller-
modernfter Urteile und Stimmungen mit einem pietiftifch
durchfäuerten, ftreng konfeffionellen Supranaturalismus
älterer Obfervanz. Ich kann auch E. das innere Recht
zu diefer Verknüpfung nicht abfprechen. Es kommt bei
ihm, nur etwas frühzeitig und vorbehaltlos, das Ziel zum
Vorlchein, auf das die augenblickliche Zeitftrömung, vorläufig
noch unwiffend, zufchießt. Ob aber wirklich das
Luthertum die Frucht einernten wird, und nicht vielmehr
die katholifche Kirche ? Ich kenne eine Bindung des Chriften
an die Welt: die Bindung in der Pflicht des Gehorfams
gegen den Gott, der in diefer Welt und ihren Ordnungen
feine Chriften heranreifen läßt für die Ewigkeit, und dem
es darum nicht gleichgültig ift, wie es mit der Welt und
ihrem Leben fteht. Durch diefe Bindung wird eine geiftige
Abfchließung des Chriftentums unmöglich gemacht. Ich
weiß z. B. nicht, wie E. von feiner Theologie der totalen
Diaftafe und Ifolierung aus die Arbeit und Treue für das
eigne Volk und den eignen Staat begründen will. Aber
vielleicht verrät er uns das in der fyftematifchen Arbeit,
die er diefem feinem — überaus eckigen, aber auch überaus
gewiffenhaft gearbeiteten — gefchichtliehen Werke
nach meiner Vermutung nachfolgen laffen wird.

Göttingen. E. Hirfch.

Greifswalder Reformgedanken zum theologifchen Studium.

Johannes Haußleiter 23. Juni 1851 und Victor Schultze
13. Dezember 1851 zum fiebzigften Geburtstage dargebracht
von ihrer Fakultät. (IX, 114 S.) gr. 8°.
München, C. H. Beck 1922. M. 40 —

Diefe Schrift ftellt fich in den PTuß der Erörterungen
über die Reform des theologifchen Studiums mit Glück
hinein. Sie bedeutet einen Fortfehritt fowohl auf dem
theologifchen wie auf dem hochfehulpädagogifchen Gebiet
. Die Greifswalder Fakultät hat fich überall modernen
Methoden der theologifchen Arbeit zugewandt. Die
folgerichtig durchgeführte gefchichtliche Betrachtung erfetzt
die alte Einleitungswiffenfchaft in das A. T. durch
eine Literatur- und Entftehungsgefchichte der einzelnen
Schriften (Prockfch). Für fie kommt es auch beim N. T.
auf eine lebensvolle Anfchauung vom Urchriftentum an
(Deißner). Die biblifche Wiffenfchaft muß auf einer eingehenden
Kenntnis des hl. Landes ruhen (Dalman). Nicht
weniger dringt überall der religionswiffenfchaftliche Gefichtspunkt
durch. Statt der alten Neuteftamentlichen
Theologie foll eine ideengefchichtliche Darftellung der
Frömmigkeit geboten werden; kommt es im A. T. darauf,
an, in die Glaubenswelt der Propheten und der Dichtungen
einzudringen, fo im N.T. die Frömmigkeit von Jefus,