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Ausgabe:

1922 Nr. 12

Spalte:

271

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Horsch, Johannes

Titel/Untertitel:

Die biblische Lehre von der Wehrlosigkeit 1922

Rezensent:

Mulert, Hermann

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 12.

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der Boden des allgemein Anerkannten gegenwärtig geworden
ift. .Pofitive' Refte kann man in mancherlei Ide-
alifierungen, Überhöhungen, Abfchwächungen erkennen: der
Verfaffer ift fichtlich beftrebt, die antike Religion modernem
Empfinden nahezubringen; dabei aber ift er in der Gefahr
, das Antike zu verfärben, damit es dem gegenwärtigen
Gefchlecht annehmbar erfcheine. Daß er weniger Beweife
mitteilt als Behauptungen aufhellt und Entfcheidungen
fällt, erklärt fich zu einem gewiffen Teil aus dem Zweck
und der Kürze der Schrift. Auffällig ift, daß die Geftalten
der fchriftftellernden Propheten in feiner Darfteilung fo
ftark zurücktreten, von den ganz kümmerlich bedachten
Pfalmen ganz zu fchweigen.

Halle a. S. Hermann Gunkel.

Hör feh, Johannes: Die biblilche Lehre von der Wehrlofigkeit. (127 S.)

8Ü. Scoitdale (Pennsylvanien), Mcnnonitifche Verlagsauft. (Stuttgart
, Steinkopf) 1920. M. 4 —
Diefer amerikanifche Mennonit ift gerecht genug, Militarismus
nicht nur bei uns Deutfchen zu linden. Er verwirft jeden Krieg. Könne
die menlchliche Gefellfchaft ohne Obrigkeit nicht beliehen, fo dürfe
doch der Chrift an Gewaltmaßregeln auch der Obrigkeit fich nicht beteiligen
. Das fei nur fcheinbar ein Widerfpruch; es geht durchs Kreuz;
in Icheinbarem Unterliegen feiert das Chriftentum feine Triumphe. Solche
echte Friedensgefinnung wird achten, auch wer fachlich hier zu Luther
und gegen Tolftoi fleht. Ift manches in dem Buch anfechtbar und
die dogmatifche Grundlage, Verbalinfpiration, uns fremd (von ihr aus
erfcheint dem Verfaffer die Anerkennung des Liberalismus auf dem
Stuttgarter Kirchentag als Stück unferes religiöfen Niedergangs), fo
bietet er dafür manch gute Kritik an englifch-amerikanifcher Kriegstheologie
.

Kiel. Mulert.

Herrmann, Prof. D. W.: Die fittlichen Weifungen Jefu.

Ihr Mißbrauch und ihr richtiger Gebrauch. 3. Auflage,
hrsgeg. v. Prof. D. Horft Stephan. (48 S.) kl. 8°.
Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht 1922. M. 6 —
Noch zu Herrmanns Lebzeiten hat Stephan die 3.
Auflage diefer kleinen Schrift beforgt Wir wiffen ihm
Dank dafür, daß er das Ganze in Abfätze gegliedert
und einen Gedankengang herausgeftellt hat. Dadurch
ift das Büchlein leichter lesbar geworden. Der Herausgeber
hat Recht: die Schrift faßt die ethifche Seite von
Herrmanns Theologie in eindrucksvollfter Kürze zufam-
men. Diefe Ethik Herrmanns braucht hier nicht darge-
ftellt zu werden; wohl aber foll hervorgehoben werden,
wie die vorliegenden Ausführungen, obwohl 1903 ge-
fchrieben, doch gerade auch heute fehr wichtig find.
Das Problem der Bergpredigt ift ganz aktuell; Herrmanns
Auseinanderfetzung mit Tolftoi und Naumann
greift tief in die uns bedrückenden Fragen des heutigen
Chriftentums ein. Möge unfere Zeit H.'s Urteil über
Tolftoi nicht vergeffen: er mißbraucht Worte Jefu fo,
,wie es uns längft als eine Krankheit am Chriftentum
bekannt ift' (S. 27)! Möge fie fich immer H.'s Wort gegenwärtig
halten: ,Das ganze Chriftentum ift das durch
Jefus den Menfchen erfchloffene perfönliche Leben in
Zucht und Freiheit' (S. 44)! Wir freuen uns jetzt, da FI.
von uns gegangen ift, und da feine großen Schriften
vergriffen find, doppelt diefer handlichen Neuausgabe.
Gießen. M. Schi an.

Schütz, Dr. phil., Ifta theol. Roland: Apoftel und Jünger.

Eine quellenkritifche und gefchichtliche Unterfuchung
über die Entftehung des Chriftentums. (120 S.) 8°.
Gießen, A. Töpelmann 1921. M. 20 —

Die Abficht des Verf. ift bedeutend, und feine
Efrgebniffe find überrafchend. Ift greift das Problem des
Verhältniffes von jüdifchem und heheniftifchem Urchriften-
tum an und meint, daß nicht jenes das ältere und dies eine
jüngere Entwicklungsftufe gewefen fei. Vielmehr gehöre das
heliemftifche Chriftentum an den Anfang, fei durch das
jüdilche verdrängt und erft durch Paulus wieder zu feinem
Rechte gebracht worden. Als helleniftifches Chriftentum
find die erften Gemeinden in Galiläa, in Sama-
rien, in der Dekapolis auf Grund der Predigt Jefu erwacb-

fen; die Gemeinde in Jerufalem ift erft eine fpätere
Gründung.

Skeptifch ftimmt freilich, was dem Verf. als helleniftifches
Chriftentum gilt: die freie Stellung zum Gefetz und
zur jüdifchen Nation, die Fortfetzung der Predigt Jefu,
wie fie z. B. auch ein Apollos geübt hat, der von Auf-
erftehung und Meffiasbeweis noch nichts geahnt hat. Die
Taufe war hier unbekannt, wie ja auch Paulus die Taufe
nur ungern zuließ. Demgegenüber ift die jerufalemifche
Gemeinde gefetzestreu und braucht fich mit der Synagoge
gar nicht auseinander zu fetzen. In ihr erhebt fich das
Kollegium der 12 Apoftel, die gegenüber den wilden
Wanderlehrern und freien Apofteln den Anfpruch erheben
, die Lehre zu kontrollieren; fie teilen auch den hl.
Geift aus, der ihnen wichtiger ift als die Hoffnung auf
die Parufie; fie fchaffen den Taufritus und die äitefte Theologie
, in der fie die allegorifche Mothode üben und gar
die griechilche Bibel verwenden.

Ich glaube, daß weder diefe Typen richtig gefehen
find noch das eigentliche Problem des helleniftifchen
Chriftentums erkannt ift. Denn dies ift doch nicht allein
und nicht einmal wefentlich durch die Löfung von der
jüdifchen Nation und dem Gefetz an fich charakterifiert,
fondern durch eine ganz beftimmte Art der Gefetzesfrei-
heit, ferner durch den Kyrioskult, der die Meffias-Men-
fchenfohn-Vorftellung und die Erwartung der Parufie
zurückdrängt, durch eine beftimmte Auffaffung von der
Welt, vom Geift, von der Offenbarung und Erlöfung
(Dualismus, Gnofis, Sakramentsglaube, Askefe etc.). Umgekehrt
ift das paläftinenfifche Chriftentum nicht einfach
durch die Bindung an Nation und Gefetz gekennzeichnet,
fondern durch eine ganz beftimmte Art der Auseinanderfetzung
mit dem Gefetz, in deren Verlauf es (wie bei
Jefus felbft) durchaus zu einer inneren Überwindung des
Gefetzes kommen kann (vgl. die fynoptifche Tradition),
ferner durch den Glauben an Jefus als den Meffias-Men-
fchenfohn, durch die efchatalogifche Erwartung und was
mit ihr zufammenhängt.

Oder muffen wir umlernen? Seh. unterbaut feine
gefchichtlichen Konftruktionen durch eine literarkritifche
Unterfuchung der act. Hier werden im Anfchluß an
Harnack zwei Traditionsfchichten unterfchieden A und
M; für A ift der djtöözoXoq-, für M der /JaOr/rrj^-liegnÜ
charakteriftifch. In diefen Ünterfuchungen finden fich
zweifellos richtige und wefentliche Beobachtungen, und
namentlich fteckt m. E. in der durch die Verteilung auf
A und M gegebenen Differenzierung ein richtiger Kern,
aber ich kann die Deutung der Beobachtungen nur für
verfehlt halten. Die vier Kriterien, die die Quellenfchei-
dung im wefentlichen begründen, kann ich nicht anerkennen
, befchränke mich aber wegen Platzmangels auf
eine Bemerkung über das erfte: den Gebrauch von
anöoxoloq bezw. (laQ-rjrrjq in A und M. Als Kriterium
für eine Quellenfcheidung würde die Beobachtung
des Unterfchiedes doch nur dann ausreichen, wenn es
fich um verfchiedenen Sprachgebrauch für die gleiche
Größe (wie bei den Gottesbezeichnungen im Pentateuch)
handelte; tatfächlich handelt es fich hier aber um ver-
fchiedene Größen, die Apoftel find die Zwölf, die Jünger
die Chriften überhaupt.

Vor allem aber habe ich eine Reihe methodifcher
Einwendungen zu erheben. Der Verf. macht nicht feiten
das Probandum zur Vorausfetzung. Z. B. wird c. 15 zu
A gerechnet, da hier der Apoftelbegriff herrfcht (S. 19f.);
als ob es nicht erft zu erweifen wäre, daß diefer Begriff
für eine beftimmte Quelle in Anfpruch genommen werden
darfl — Act. 19,2—7 wird A zugefchrieben, weil hier
zur Bußtaufe die Geiftestaufe hinzukomme (S. 25); jal
aber ehe ich M habe und kenne, kann ich doch nicht
wiffen, ob nicht auch M die Geiftestaufe kennt, und es
handelt fich doch zunächft noch darum, M zu gewinnen I
— Da die Predigt der Vertriebenen act 11,19b nur an
die Juden geht, muß 11,19b aus A Hammen (S. 27); ja!