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Ausgabe:

1922

Spalte:

261-262

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Spengler, Oswald

Titel/Untertitel:

Preußentum und Sozialismus 1922

Rezensent:

Ficker, Gerhard

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Seite 1

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. tl.

262

Girgenfohn, Prof. D. Dr. Karl: Der Rationalismus des
Abendlandes. Ein Votum zum Fall Spengler. (24 S.)
gr. 8°. Greifswald, Ratsbuchhandlg. L. Bamberg 1921.

M. 3 —

Heim, Prof. Karl u. Prof. Rieh. H. Grützmacher: Oswald
Spengler und das Chriltentum. 2 kritifche Auffätze.
(73 S.) 8°. München, C. H. Beck 1921. M. 6.50

Stange, D. Dr. Carl: ,Der Untergang des Abendlandes' von
Oswald Spengler. (35 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann
1921. M. 4—

Haering, Prof. Dr. Theodor L.: Die Struktur der Weltge-
fchichte. Philofoph. Grundlegung zu einer jeden Ge-
fchichtsphilofophie (in Form einer Kritik Oswald
Spenglers). (VIII, 373 S.) gr.8°. Tübingen, J. C. B.
Mohr 1921. M. 28— u. ioo°/0 T.-Z.

Spengler, Oswald: Preuflentum und Sozialismus. (99 S.)
gr. 8°. München, C. H. Beck 1920. M. 4—

Obgleich das große Auflehen, das der erfte Band
von Spenglers Untergang des Abendlandes bei feinem
Erfcheinen verurfachte, einer ruhigeren Stimmung Platz
gemacht zu haben fcheint, und der 2., längft erwartete
und angekündigte Band noch nicht erfchienen ift, mag
es geftattet fein, auf obige Schriften hinzuweifen, die
fämtlich gut in Spenglers Gedankenwelt einführen und
trotz fcharfer grundfatzlicher Gegnerfchaft jedenfalls in
der Form würdig gehalten find und gerecht zu urteilen
fich bemühen. Sie erkennen auch die Vorzüge des Werkes
an, die ungeheure Belefenheit, das Bemühen, das
Wefen der gefchichtlichen Vorgänge zu begreifen, Spenglers
Vertrautheit mit den abgelegenften Kulturen und
Wiffenlchaften, feine virtuofe Fähigkeit, auch fcheinbar
Verfchiedenartiges mit einander in Verbindung zu bringen
, feine packende und auf den Eindruck berechnete
Sprechweife und anderes, wobei fie, foviel ich urteilen
kann, mitunter zu weit gehen; fo kann ich z. B. Spenglers
Stil nicht für glücklich halten; er regt mehr auf,
als an und feine Worte find mir nicht genügend hinter
der Sache her.

Aber im allgemeinen lehnen fie Spenglers Werk ab.
Im Grunde genommen find es fein Skeptizismus und fein
Peffimismus, die fie bekämpfen.

Girgenfohn findet das Buch in feinen Inftinkten an-
tirationaliftifch und dennoch begeiftert rationaliftifch; es
ift ihm darum ein Spiegelbild der Zerriffenheit unteres
Zeitalters; er zeigt, wie die antirationaliftifchen Inftinkte
durch feinen Rationalismus um ihre Geltung gebracht
werden und wie in feiner Zukunftrechnung die freie,
fchöpferifche, erfindende Perfönlichkeit keine Rolle fpielt.
Er fetzt dem Rationalismus Spenglers und des Abendlandes
feinen Gott entgegen. Es ift fchade, daß G.
feine fruchtbaren Gedanken nicht weiter ausgeführt hat.

Heim findet in Spenglers Gefamtanfchauung den
Widerftreit zwifchen der müden, alexandrinifchen Stimmung
, die der gefchichtsphilofophifche Relativismus, die
endlofe Aufeinanderfolge aufblühender und fpurlos ver-
finkender Kulturen auslöft, wenn wir fie allein auf uns
wirken laffen, und dem tapferen Schickfalsglauben, der
durch feine Kampffchrift ,Preußentum und Sozialismus'
hindurch geht. Er löft diefen Widerftreit für fich und
feine Lefer, indem er dem Außenbild des Gefamtge-
fehehens, wie es Spengler gibt, das Innenbild entgegenfetzt
, nach dem es ein lebendiger Organismus ift, deffen
Seele Gott ift.

Aus Grützmachers Gegenüberftellung der chriftlichen
Weltanfchauung und der Gefchichtsphilofophie Spenglers
IT>ag hervorgehoben werden, daß hier mehr Einzel-
Kritik getrieben wird, was ich für durchaus geboten
halte. Es ift felbftverftändlich, daß die chriftliche Welt- ,
anfehauung überlegen erfcheint. .Gläubige Intuition, gerichtet
auf die gefchichtliche Offenbarung in Chriftus,
fehrt in das Wefen alles Lebens, in das >Urfeelentum<

ein und ermöglicht dann auch, vergangene Gefchichte
zu deuten und kommende vorauszubeftimmen.(f)'

Stange charakterifiert nach einer Darlegung der
Eigenart und des Programms des Buches, das er das
Werk eines Künftlers nennt, Spenglers Theorie der Kultur
und knüpft daran eine in aller Kürze einfehneidende
Kritik. ,Der begriffliche Unterbau des Buches wird von
niemandem ernft genommen werden'. Der Gedanke der
parallelen Kulturtypen, der keineswegs neu ift, ift ganz
einfeitig übertrieben ufw. Aber: ,das Buch Spenglers
wird nicht logifch, fondern praktisch widerlegt, nicht
durch den Nachweis einzelner Fehler und Unrichtigkeiten,
fondern durch den Glauben an eine Aufgabe und an ein
Ziel der gegenwärtigen Kultur. Je ftärker in uns die
Überzeugung ift, daß Spengler unrecht hat, um fo
mehr hat er auch unrecht; denn eben diefe unfere Überzeugung
ift ein Beweis dafür, daß die Kräfte des Aufbaus
, der Vertiefung und der Verinnerlichung auch gegenwärtig
noch lebendig find'.

Härings großes Werk geht doch weit über eine
Kritik Spenglers hinaus, fo fehr es von diefer angeregt
erfcheint. Es fteht mir nicht zu, über feine grundlegenden
Erörterungen zur Gefchichtsphilofophie zu urteilen;
ich bekenne gern, daß mir vieles in den fcharffinnigen
und lehrreichen Unterfuchungen neue Auffchlüffe gegeben
und mich gefördert hat. In der Kritik Spenglers
hat er es befonders mit einer fcharfen Beftimmung der
Begriffe zu tun, mit denen er arbeitet, und zeigt, wie
hier bei ihm eine große Willkür waltet, und wie darum
in fein Denken eine Zwiefpältigkeit und Unficherheit
kommt, die feinen Ergebniffen gefährlich ift. Man vergleiche
etwa die Ausführungen über Intuition, über das
Wefentliche in der Gefchichte u. a. Er beweift, daß Gefchichte
nicht prophezeibar ift, daß bei Spengler die
fchöpferifche Perfönlichkeit zu kurz kommt ufw. Vielmehr
hat fich auch hier diefer Umweg über ftrengfte
intellektuelle Selbftzucht, wie immer, wenn man ihn nur
wirklich bis zum Ende und bis zur tiefften Tiefe geht,
nicht als ein folcher erwiefen, der die Erlebniffe und
Überzeugungen des naiv-unverbildeten (,gläubigen') Herzens
zerftört und als Narrenpoffen erweift, fondern als
jener alte Goethefche Weg zu der, wenn auch auf höherer
, reiferer und bewußter Stufe .wiedergewonnenen
Naivität'.

Während fich in den erwähnten Schriften im Wefent-
lichen die Kritik gegen Spenglers Untergang des Abendlandes
richtet, fo fehlt doch auch in einigen nicht der
Hinweis darauf, daß in feinem .Preußentum und Sozialismus
' ein ganz andrer Geift zu herrfchen fcheint. In der
Tat fpricht hier eine ftarke Männlichkeit, die nicht für
Untergang, fondern für neues fchöpferifches Leben
zeugt. Es gehört fchon Mut in unferer Zeit dazu, ein
nahezu gerechtes Urteil über das Altpreußentum öffentlich
auszufprechen und noch mehr, zu beweifen, daß der
Sozialismus, foweit er berechtigt ift, längft im Altpreu-
j ßentum verkörpert war. Freilich feinen Glauben, daß
' die ruflifche Volksfeele eine neue. Geftalt des Chriften-
tums erzeugen werde, wird niemand nach den bisherigen
Erfahrungen gerechtfertigt finden. Aber wenn der 2.
Band feines .Unterganges', von deffen Inhalt diefe Schrift
Manches vorweg genommen haben foll, denfelben männ-
; liehen Geift zeigt, fo dürfen wir mit Recht auf ihn ge-
! fpannt fein.

Kiel. G. Ficker.

Jaeger, Hr. H. Paul: .Gottesfragen'. 3 Volkshochfchul-
vorträge. (106 S.) 8°. Freiburg i. Br. J. Boitze 1921.

M. 9 -

Verf. fchildert zunächft den Atheismus, feine Er-
fcheinungsformen (dogmatifcher, kritifcher, skeptifcher)
und feine Entftehung (Ärgernis an den Unbegreiflichkeiten
des Lebens, am geiftlichen Pfaffentum, Untertauchen im