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Ausgabe:

1922

Spalte:

255-256

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Günther, Otto

Titel/Untertitel:

Die Handschriften der Kirchenbibliothek von St. Marien in Danzig 1922

Rezensent:

Clemen, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. Ii. 256

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könnte, fcheitert auch nach Meinung der Okkamiften an
der Macht der böfen Gewohnheit. Marfilius fagt darum
nichts befonderes in den von Ritter herausgehobenen
Sätzen, alfo nichts, was hier ihn von der okkamiftifchen
Schule entfernen würde. Ich hege darum ftarke Zweifel
an der Zuverläffigkeit der von Ritter gegebenen Einordnung
M.'s, möchte aber meinen Zweifeln hier nur zum
Zweck erneuter Prüfung des Tatbeftandes Ausdruck gegeben
haben.

Tübingen. Scheel.

Eck, Johs.: Epistola de ratione studiorum suorum (1538).
Erasmus Wolph: De obitu Joan. Eckii adversus calum-
niam Viti Theodorici (1543). Hrsg. v. Johs. Metzler, S.
J. (Corpus Catholicorum. 2.) (VII, 106 S.) 4n. Münfter,
Afchendorff 1921. M. 15 —

Bekanntlich plante der früh verftorbene Leiter des
Corpus Catholicorum, Jos. Greving, eine Biographie von
Joh. Eck. Ob das nicht über Vorftudien hinausgekommene
Werk je vollendet werden wird von anderer Seite, fteht
dahin; um fo dankbarer müffen wir Metzler fein für die
trotz erzwungener Kürzungen fehr eingehende Kommentierung
des von Eck 1538 felbft verfaßten, dem damaligen
Würzburger Dompropfte Moritz v. Hutten gewidmeten
Lebenslaufes. Das ift wenigftens eine Biographie
des ,Achilles Catholicorum' (fo nannte ihn Kardinal Qui-
rini) in nuce; Ecks Stiefbruder Thaddäus gab fie 1543
erftmalig heraus und fügte eine herzlich unbedeutende,
Verleumdungen Veit Dietrichs zurückweifende Epiftel des
Erasmus Wolph über Ecks Tod bei. Daß die Edition (es
ift die erfte vollftändige, den größten Teil der ratio studiorum
hatte Strobel 1780 veröffentlicht) allen modernen
Anfprüchen genügt, bedarf wohl kaum befonderer Hervorhebung
; man findet namentlich manche wenig bekannte
katholifche Abhandlung zitiert. Nicht befriedigend find
die Anm. auf S. 56 zur Leipziger Disputation, weil fie
die Provokation Luthers durch Eck vertufchen; zu Oeko-
lampad (S. 61 Anm. 4) fähe man gerne die verfchiedenen
Arbeiten von E. Stähelin zitiert, oder zur Berner Disputation
(S. 63 Anm. 2) die Aktenfammlung von Tobler-
Steck, überhaupt kennt fich begreifiicherweife M. in pro-
teftantifcher Literatur nicht fo gut aus wie in katholifcher.
Beilagen geben Streitfchriften von und gegen Eck im
Anfchluß an die Leipziger Disputation, Ecks Arbeiten
auf dem Reichstag zu Augsburg 1530 und Satiren auf
Eck. Gute Regifter find beigegeben.

Zürich. W. Köhler.

Günther, Otto: Die Handfchriften der Kirchenbibliothek von
St. Marien in Danzig. Mit einer Einleitung über die Ge-
fchichte diefer Bibliothek u. 9 Tafeln Abbildungen. (VIII,
671 S.) gr. 8°. Danzig, A.W. Kafemann 1921. M. 120 —
Der Grund zu der Danziger Kirchenbibliothek wurde
in den erften Jahren des 15. Jhrh.s gelegt. Bis über die
Mitte des Jhrh.s verblieb fie im Pfarrhaufe der Marienkirche
, 1458 wurde fie in der Allerheiligenkapelle der
Kirche untergebracht. Als der eigentl. Begründer der
Bibliothek, als ihr erfter Ordner u. Verwalter, hat der
Altarift Heinrich Calow zu gelten. Er hat über 50 Hff.
mit Inhaltsangaben verfehen u. über 80 binden laffen,
wahrfcheinlich auch den Katalog angelegt, den Günther
als den älteften anfah, bis er in einer Elfi der Czartorys-
kifchen Bibliothek in Krakau einen Katalog der Bibliothek
aus der Zeit vor ihrer Überführung aus dem Pfarrhaufe
in die Kapelle fand, woraus fich ihm ergab, daß
auch ein Katalog im Archiv der Marienkirche fich auf
die Bibliothek bezog (S. 598ff); ,kurz vor Torfchluß' fand
fich im Archiv noch ein drittes Inventar (S. 621). Zwifchen
1468 u. 72 folgte Calow fein Neffe Nikolaus Swichtenberg,
der die Verwaltung 50 Jahre inne hatte u. auch beibehielt,
als er zwifchen 1474 u. 79 Pfarrer an der Johanniskirche
wurde. Er hat der Bibl. viele fchöne Inkunabeln zuge- 1
führt. Danach verfiel die Bibl.; erft 1660 wurde wieder I

gründlich Ordnung gefchaffen. 1694 wurden Hff. u.
Drucke neu aufgeftellt, nur nach dem Format; diefe Einteilung
ift auch für das vorliegende Hff.verzeichnis beibehalten
worden. Erft 1789 wurde die Bibl. gewiffer-
maßen neuentdeckt, 1912 in die Stadtbibl. überführt.

Die liebevolle Sorgfalt, mit der G. die ihm anvertrauten
Schätze hegt u. pflegt, die Genauigkeit, mit der
er den Inhalt u. auch alle Äußerlichkeiten, befonders
Einband, Schrift, Beigaben unterfucht, ift unüberbietbar.
Eine ausgezeichnete Bibliotheksgefchichte, aus der ich
oben das Wichtigfte exzerpiert habe, fteht voran.

Den Hinweifen auf gedruckte Literatur oder auf Hff. Kataloge
anderer Bibliotheken, meint G., fei durch die ,immerhin befchrünkten
Hilfsmittel' der Danziger Stadtbibl. eine ,gewi(fe Grenze' gezogen
worden. Indes wird man nur höchft feiten etwas nachzutragen finden.
S. 301 und 402 (Gedicht Dolus mundi) vgl. W. A. 38,376fr. S. 361
und 623 (Si vis esse cenobita) vgl. die von Flacius Bafel 1556 herausgeg.
Varia poemata S. 46t—69, Anzeiger f. Kunde d. deutfehen Vorzeit
N. F. 18, 233 und 20, 96 fL. S. 406 Auflofung des 5. Rätfels: cor.
S. 504 (Carmen de contemptu mundi) vgl. Flacius S. 240—349; Cata-
logus testium veritatis, Francofurti 1666, 593, Auct4i; von Nathan < by-
träus Bremae 1597 herausgeg. — Wie jämmerlich ift's dagegen mit
Hilfsmitteln in der Zwickauer Ratsfchulbibl. beftellt, wo jetzt ein Hff.
Katalog in Arbeit ift!

Zwickau i. S. O. Clement.

Heigafon, Dr. Jon: Islands Kirke. Fra Reformationen til
vore Dage. En historisk Fremstillung. (251 S.) gr. 8".
Kopenhagen, G. E. C. Gads Forlag 1922.
Eine zufamnienfaffende, bis in die Gegenwart reichende
Kirchengefchichte Islands befaßen wir nicht. Die Lehrbücher
der Kirchengefchichte bringen nur wenige Nachrichten
über die isländifche Kirchengefchichte. Das kann
man ihnen fchwerlich verübeln. Denn befondere Wirkungen
der isländifchen Kirche auf die allgemeine kirchliche
Entwicklung find bisher nicht zu verzeichnen. Die
abgelegene kleine Kirche führte im ganzen ein Leben
für fich. Der Verfaffer fürchtet fogar, daß ihre Gefchichte
vielen mager und arm erfcheinen werde. Dennoch durfte
er den Verfuch wagen, als erfter eine Gefchichte der isländifchen
Kirche von der Reformation bis zur Gegenwart
zu fchreiben. Denn grade die ftarke Ifolierung der
isländifchen Kirche weckt den Wunfeh, ihre Entwicklung
kennen zu lernen. Und man darf es dem Verfaffer danken,
daß er, unterftützt von ,Dansk-islandsk Kirkefag', uns
diefen Überblick' gegeben hat, wie er befcheiden feine
Darfteilung kennzeichnet. Der Überblick' führt doch tief
in die Einzelheiten hinein. Daß die Darfteilung nicht auf
neuen umfaffenden Quellenftudien ruht, ift verftändlich.
Der Verfaffer hätte das kaum zu entfchuldigen brauchen.
Wer kann immer aus erfter Hand fchöpfen? Und die
heimatlichen Quellen hat Heigafon doch nicht unbenutzt
gelaffen, auch feine Aufgabe mit wiffenfehaftlichem Ernft
angefaßt. Darum wird diefer ,erfte Verfuch' eine Grundlage
für jede weitere Befchäftigung mit Islands Kirchengefchichte
bleiben. Und die ,magere' Gefchichte? Wie
follte eine Kirche, die kaum je über mehr als irooooo
Seelen verfügte, die bis in die neuere Zeit hinein mit
Europa nur fchwach verbunden war, die zeitweilig durch
fchwere Naturkataftrophen in bittere wirtfehaftliche Bedrängnis
geführt wurde, um nur einiges zu nennen, wie
follte eine folche in der Einfamkeit lebende kleine Kirche
den Wettbewerb mit anderen Kirchen des Proteftantis-
mus aufnehmen können, deren äußere Lofe glücklicher
gefallen waren? Mit lolcher Erwartung wird niemand an
die isländifche Kirchengefchichte herantreten. Uns wird
vielmehr die Frage bewegen, wie es der faft ganz auf
fich felbft geftellten und jedes ficheren und leichten Aus-
taufches mit den Schwefterkirchen entbehrenden isländifchen
Kirche möglich gewefen ift, fich als geiftliche Kraft
zu erhalten und welche Formen das kirchliche Leben in
der Einfamkeit nahe dem Polarkreis annahm. Weithin
wirkende fchöpferifche Impulfe werden wir nicht finden,
I von der kontinental-europäifchen Bewegung nicht viel mehr
I als ein Echo zu vernehmen erwarten.