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Ausgabe:

1922 Nr. 11

Spalte:

253-255

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Ritter, Gerhard

Titel/Untertitel:

Marsilius von Jnghen und die okkamistische Schule in Deutschland 1922

Rezensent:

Scheel, Otto

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. II.

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der Frühfcholaftik zu der Hochfcholaftik dar u. handelt
dann ziemlich eingehend über die philofophifchen Lehren
des Thomas. Ein Schlußkapitel wendet dann 2 Seiten an
die Darfteilung der Philofophie des Duns Scotus, erledigt
auf 3V2 Seiten Ockam u. feine Schule u. bietet noch
einige Bemerkungen über den Plumanismus u. die Myftik.
Ich bedauere es lebhaft, daß die beiden letzten Jahrhunderte
des Mittelalters in dem Büchlein fo ftiefmütter-
lich wegkommen. Der Zufammenhang diefer Zeit mit der
neuzeitlichen Entwicklung hätte eine ausführlichere Dar-
ftellung nicht nur gerechtfertigt, fondern'aucherfordert. Zudem
hätte das Werk dadurch auch anpraktifcher Brauchbarkeit
erheblich gewonnen. Während der Lernende die
ausführlichere Darftellung der erften Kapitel leicht ver-
ftehen wird, dürfte er mit den kurzen Andeutungen des
letzten Kapitels wenig anzufangen wiffen. •— Im übrigen
bewährt fich der Verf. auch in diefer Schrift als fachkundiger
Führer. Auch neuefte Erkenntniffe find verwertet.
Ich verweife etwa auf die Hervorhebung der Bedeutung
Abälards für die mittelalterliche Erkenntnistheorie auf
Grund der Veröffentlichungen B. Geyers oder auf
die weitere Kreife gewiß überrafchenden, auf den For-
fchungen Sudhoffs, Bäumkers, Duhems u. a. beruhenden
Mitteilungen über die naturwiffenfchaftlichen Erkenntniffe
der Scholaftik (S. 46 ff).

Berlin-Halenfee. R. Seeberg.

Ritter, Gerhard: Marfilius von Jnghen und die okkamiftifche
Schule in Deutfchland. (Studien zur Spätfcholaftik 1.)
(210 S.) er. 8°. Heidelberg, Carl Winter 1921.

M. 10.80 u. 20O°/s T.-Z.
Auf G. Ritters fchöne erfte Studie zur Spätfcholaftik
darf mit Nachdruck hingewiefen werden. Sie läßt
fich auch die mühfeligfte Kleinarbeit nicht verdrießen,
verzettelt fich aber nicht, fondern behält ftets die großen
Gefichtspunkte im Auge. Unfere Kenntnis der okkami-
ftifchen Schule in Deutfchland hat fie um ein tüchtiges
Stück gefördert. Daß man nicht fchlechthin die okkamiftifche
Schule mit Okkam identifizieren darf, zeigen
Ritters Unterfuchungen inftruktiv. Die Tatfache war
freilich nicht unbekannt. Daß unter den Okkamiften
nicht bloß gewiffenhafte Schüler Okkams, fondern auch
.Eklektiker' zu finden feien, wußte man wohl. Ritter
bleibt aber das Verdienft, durch feine forgfältige Unter-
fuchung der Schriften Marfilius' von Jnghen unfer Wiffen
um das Gewebe der okkamiftifchen Schule erheblich
bereichert zu haben. Was er ausgeführt hat, ift, wenn
ich recht fehe, weithin zutreffend.

Über feine Darfteilung des erkenntnistheoretifchen
iToblems brauche ich mich hier nicht weiter auszulaffen.
Sie deckt fich in den Hauptpunkten mit dem, was ich
in meinem Luther I vorgetragen habe. Von kleinen
Differenzen, die mir zum Teil auf Mißverftändniffen zu
beruhen Rheinen, will ich fchweigen. Als Naturphilofoph
bat Marfilius, wie Ritter mit Recht feftftellt, fich bemüht,
grundfätzlich die ariftotelifche Weltbetrachtung festzuhalten
. Jede phyfikalifche Betrachtung mündet in ariftotelifche
Gedankengänge aus. Wenn man nicht die feineren
Unterfchiede auffucht, ift die Abweichung vom Weltbild
der anftotelifchen Überlieferung kaum zu bemerken.
Mit Recht warnt Ritter zur Vorficht gegen die glänzenden
Thefen Duhems und vor allem zur Vorficht gegen
eine Verallgemeinerung feiner Ergebniffe. Der Grundzug
der Phyfik M.'s ift zweifellos konfervativ. Als Metaphy-
bker hat Marfilius die grundfätzlich fkeptifche Haltung
Okkams gegen die Metaphyfik aufgegeben und das
Wiffen mit dem Glauben wieder auszutonnen den Vernich
gemacht. Hier fcheint mir Ritter freilich noch nicht
das letzte Wort gefprochen zu haben, immerhin aber
doch wohl richtig zu behaupten, daß Marfilius den No-
"Jinalismus mit der ariftotelifchen Metaphyfik auszugleichen
unternimmt. Wenn man z. B. nach Marfilius von
Gottes Wefen zugleich ein Wiffen und ein Glauben haben
kann, fo widerftrebt das wenigftens dem okkamiftifchen
Wiffenfchaftsbegriff und kann eine Abkehr von
der kritifchen Handhabung der Erkenntnistheorie Okkams
bedeuten. Gegen alle Überlieferung der okkamiftifchen
Theologie ift es jedenfalls, wenn Marfilius mit Thomas
von Aquino die Theologie als eine fpekulative Wiffen-
fcbaft bezeichnet. Daß an diefer Abkehr von der ftren-
gen okkamiftifchen Frageftellung auguftinifche Einflüffe
beteiligt find, ift wohl unbeftreitbar.

Von befonderem dogmengefchichtlichen Intereffe ift,
was Ritter über die Gnadenlehre M.'s mitteilt. Er fieht
in den Schriften M.'s die von Scotus und Okkam zurück-
gewielene gratia gratis data wieder auftauchen und ftellt
darum eine ganz auffallende Abkehr M.'s von der Überlieferung
der okkamiftifchen Schule feit. Das sola gratia,
die Alleinwirkfamkeit Gottes im Sinne Auguftins, ift mit
einer Energie feftgehalten, die keiner Steigerung mehr
fähig ift (S. 178). Daß nun die Erinnerung an Gregor
von Rimini auffteigt und Beziehungen zu ihm angedeutet
werden, ift verftändlich. Aber grade diefer Abfchnitt
bedarf m. E. einer umfaffenden Nachprüfung. Es ift mir
freilich nicht möglich, hier meine Bedenken ausreichend
zu begründen. Das Sentenzenwerk des Marfilius ift mir
nicht zur Hand. Und Ritter unterläßt es oft, die Texte,
auf die er fich beruft, auszufchreiben. Er begnügt fich
mit dem Hinweis auf den Fundort. Doch die Texte, die
er mitteilt, find nicht beftimmt genug, um feine Thefe
zu rechtfertigen. Was Marfilius über die Unzulänglichkeit
des meritum de condigno ausführt, weift nicht auf
die auguftinifche sola gratia, fondern entfpricht dem, was
die Okkamiften auf Grund ihrer Akzeptationstheorie fa-
gen mußten oder jedenfalls tagten. Hier entfernt fich
Marfilius nicht von dem, was in der okkamiftifchen
Schule üblich war. Und ob er wirklich die gratia gratis
data als innerlich wirkende übernatürliche Gnade fo ficher
behauptet hat wie Ritter meint? Auch das ift mir recht
zweifelhaft. Daß der Ausdruck vorkommt, ift nicht ent-
fcheidend. Auch Scotus bedient fich diefer Formel.
Was aber Marfilius alles unter der gratia gratis data zu-
fammenfaßt (fides informis, vel spes scientie, donum pro-
phetie, eloquentie et virtutes morales, immoet bona utilia
exteriora) läßt doch erkennen, daß er an die innere
übernatürliche Gnade nicht gedacht hat. Ritter felbft
kann fich des Eindrucks nicht erwehren, daß der Kreis
deffen, was alles unter die gratia gratis data fallen foll,
fo weit gefpannt ift, daß ihr Wefen kaum zu beftimmen
ift. Marfilius lege auch anfcheinend kein großes Gewicht
auf ihre Verwandtfchaft mit der eigentlichen Gnade
(S. 174). Das ift richtig. Aber dann fehlt gerade das,
was für die fpezielle übernatürliche Gnade bezeichnend ift:
die innere Wirkfamkeit auf Grund übernatürlicher Eingriffe.
In der Annahme einer gratia gratis data als äußerlich
wirkender Gnade haben wir keine grundfätzliche Abwendung
von der fkotiftifchen und okkamiftifchen
Kritik an der Speziellen' Gnade zu erkennen. So
kann denn Marfilius auch ganz unauguftinifch zugeben,
daß es ohne die innere Wirkung der übernatürlichen
Gnade möglich ift, pofitive Gebote Gottes, wie das Gebot
der Gottes- und Nächftenliebe, zu erfüllen, und daß
auch heidnifchen Philofophen dies in ihrer Art gelungen
ift. Sagt das nicht jeder Okkamift? Und warum Ritter
es als etwas befonderes heraushebt, daß nach Marfilius
der Menfch feit Adams Fall ohne die eingegoffene Gnade
zur Erfüllung der pofitiven Vorfchriften des Gefetzes im
Sinne des Gefetzgebers ebenfo wenig imftande ift wie zu
längerem Beharren im Gehorfam gegen die Verbote,
bleibt mir unverftändlich. Die Gebote quoad intentionem
zu erfüllen ift doch nach Auffaffung aller Okkamiften
nur mit Hilfe der gratia gratum faciens möglich. Nicht
einmal eine gratia gratis data als innerlich wirkende
Gnade könnte dies Ergebnis zeitigen. Und die Annahme
, daß der auf fich felbft geftellte empirifche Menfch
dauernd die Gebote Gottes buoad substantiam erfüllen