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Ausgabe:

1922 Nr. 11

Spalte:

246-247

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Meyerhof, Max

Titel/Untertitel:

Persisch-türkische Mystik 1922

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 11.

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Bhagavadgitä, mit vollem Namen Bhagavadgitopa-
nisad (S. 51) ,die von dem Erhabenen' (d. h. dem Gott-
menfchen Visnu-Krsna) ,verkündete' Upanisad (religiös-
philofophifche Lehre), heißt ein Stück im indifchen Epos
Mahäbhärata, das zu deffen früheften Einfügungen gehört
(S. 17). Gegenüber der 1. Aufl. von G.'s Überf. weift in
diefer 2. nur die Einleitung erhebliche Umgeftaltungen
und Zufätze auf, die Überf. felbft aber nur wenige (S. 8).
So braucht über die eigentl. Überf. nur bemerkt zu
werden, daß fie in ihrer fmnentfprechenden fchlichten
Knappheit und (fo weit nachgeprüft) faft durchgehenden
Richtigkeit als hervorragend gut bezeichnet zu werden
verdient und nur weniges zu wünfchen übrig läßt, wie,
daß manchen kernigen, volltönenden Ausdrücken nicht
ohne Not Farbe und Kraft genommen und z. B. nicht
überfetzt werden foüte .heldenhaft', wo .Männerftier'
(I, 5), .tapferfter', wo .Tiger der Männer' (XVIII, 4),
.befter*, wo .Stier' (XVIII, 36), .König', wo .Erdenherr'
fteht, ufw.

In der erften Aufl. hatte G. die Abfaffung der ur-
fprünglichen Bh. in die 1. Hälfte des 2. Jh. v. Chr. gefetzt
, hier in der 2. fetzt er die uns überlieferte Bh. etwa
in das 2. Jh. n. Chr. und hält für die untere Zeitgrenze
der Abfaffung der urfprünglichen etwa das 1. Jh. n. Chr.,
eine etwas frühere Entftehung aber für wahrfcheinlich,
nach S. 40 entweder in vorchriftlicher Zeit oder jedenfalls
in einer Zeit, in der das Chriftentum in Indien noch
nicht bekannt war; chriftlichen Einfluß lehnt er (S. 40 ff.
und 66 ff.) mit Recht ab. Je nach der noch ftrittigen
Einheitlichkeit (oder Nichteinheitlichkeit) des Grammatikers
und des Yoga-Philofophen Patanjali wird man nach
G. möglicherweife einmal wieder auf die frühere Datierung
zurückkommen. — Während andere, z. B. Deuffen,
die in der Bh. vorgetragene Lehre für eine Übergangs-
Philofophie zwifchen dem Idealismus der Upanisaden
und den Syftemen der klaffifchen Zeit, namentlich dem
Sünkhya und Yoga, hielten bezw. halten (S. 4), betrachtet
G. fie als Mifch-Philofophie, d. h. er glaubt, daß die
Dichtung urfprünglich rein theiftifche (S. 3 f.), und zwar
(f. z. B. S. 20 fg., 38,56 ff.) auf Sänkhya-Yoga-Grundlage
geftellte, Krsna-Verehrung enthalten habe und erft fpäter
im pantheiftifchen Sinne umgearbeitet worden fei. Die
Stücke, die er für unecht und die er für echt hält, hat
er in der Überf. durch kleineren und größeren Druck
unterfchieden. (S. dazu S. 22-26 und den Anhang.)
Jeder wird es dankbar anerkennen, daß er nicht fo radikal
wie Graßmann in feiner Rgveda-Überf. vorgegangen
ift und die Einfchübe nicht einfach ausgemerzt hat. Die
Frage der Urfprünglichkeit ift ja keineswegs leicht zu
entfcheiden, und manche von G.'s Beweisftücken für die
Mifchungstheorie find in verfchiedener Weife deutbar,
daß der darauf errichtete Bau den Eindruck der
Stabilität nicht ganz aulkommen läßt. Für direkt irrtümlich
halte ich die fo frühe Datierung des Sänkhya-Yoga-
Syftems. Wäre Buddha (der um 500 v. Chr. gefetzt
wird) von beiden abhängig (f. z. B. S. 66 und 74 und
oef. G.'s Sämkhya-Syftem2), fo müßte fich das in feiner
Terminologie zeigen, aber er redet vom Selbft, von der
Seele, nichts als vom Purusa wie das Sänkhya, fondern
als vom Ätman wie die Upanisaden, buddhi gebraucht
er im ganz gewöhnlichen, durchaus untechnifchen Sinne
.Erkenntnis', ebenfo yoga im allgemeinen Sinne .eifriges
Sichwidmen' u. ä., u. f. w. Die Entwicklung vom Idealismus
der Upanisaden über den Materialismus des Sänkhya
wieder zum Idealismus Buddhas wäre auch höchft fonder-
bar. Und es fehlt fchließlich die literarifche Evidenz für
jene relative Datierung. Dem Kautillya-oäftra mit feiner
Erwähnung des Sänkhya und Yoga fehlt ganz befon-
ders dann die Beweiskraft, wenn Hillebrandt Gött. Gel.
Anz. 1915 S. 629 und Jolly mit ihrer Anficht Recht haben,
daß es nicht fo alt (um 300 v. Chr.) fei, als es fein foll.
— Die Erklärung Krsna's als eines urfprünglich rein
menfchlichen Helden (S. 28 und 32) ift für meine An-

fchauung mindeftens zu einfeitig. Krsna's Gefamtfigur
fcheint mir vielmehr ebenfo zuftande gekommen zu fein
wie die des legendären Buddha, daß ein großer Mann
(wenn in der Krsnafigur ein Menfch überhaupt fteckt)
in das Gewand des zur Sage gewordenen Göttermythus
gekleidet wurde. Das war fozufagen einfach ein literarifcher
Brauch. Nur daß dahinter die menfchliche Natur Buddhas
noch fehr viel deutlicher zu Tage tritt. Was alles
man von G's Ergebniffen aber annehmen mag und was
nicht, wertvoll find G.'s Argumentationen auch da, wo
man ihnen nicht folgt, weil er fich Mühe gegeben hat,
alles erreichbare Beweismaterial zufammenzuftellen.
Königsberg i. Pr. R. Otto Franke.

Das Buch Pubbenivasa. Vier buddhiftifche Wiedergeburts-
gefchichten. (295 S.) 8«. Zehlendorf-Weft, Neu-Buddhift.
Verlag 1921. M. 30 —

Pubbeniväsa bedeutet .frühere Exiftenzen' im Sinne
der Seelenwanderungslehre. Der Eindruck, den der Titel
zunächft hervorbringt, daß das Werk Vorexiftenzgefchich-
ten aus dem buddhiftifchen Kanon enthalte, täufcht. Es
ift ein.Erzeugnis von Dahlke mit unerheblichen indifchen
Einfchlägen und vielleicht Reifereminiscenzen. Etwas
ratlos fteht man auch vor dem Inhalt. Er kann ohne
belehrenden Hintergedanken (was bei D. allerdings nicht
fehr wahrfcheinlich ift), einfach als indifch gefärbter
feuilletoniftifcher Lefeftoff gedacht fein oder als Mittel zur
äußerlichen Aufklärung über die Art des buddhiftifchen
Denkens oder auch als Verfuch, praktifch an den Seelenwanderungsgedanken
zu gewöhnen, dafür zu werben und
fo Anhänger des Buddhismus zu gewinnen. Wohl in
keinem Sinne wäre der Gedanke des Buches als ein glücklicher
zu betrachten, ganz befonders im zweiten und dritten
Falle nicht. Denn es wirkt ein wenig wie Spielerei mit
buddhiftifchen Ideen, daß D. auch nicht indifche Perfön-
lichkeiten aus Altertum und Neuzeit, ja aus neufter Neuzeit
, als in der Seelenwanderung herumgetrieben hinftellt
(wohlgemerkt nicht in geiftreichem Scherz, fondern ganz
trocken in berichterftattendem Stile) und fo außerdem die
dem Buddha beigelegte P'ähigkeit, die Wege der Seelenwanderung
zu überfchauen, für fich in Anipruch zu nehmen
Rheinen kann. Literarifch flehen diefe Gefchichten mindeftens
partienweife nicht fehr auf der Höhe, und in jedem
Falle follte Ausdruck, Rechtfehreibung und Interpunktion
fehr viel weniger flüchtig fein. Es ift keine Frage: D.
arbeitet zu fchnell. Seine fchriftftellerifche Leiftung ift
an Maffe ja riefengroß. Aber vielleicht, und hier ift der
Punkt, wo man ihm wärmeres Intereffe entgegenbringen
kann, will oder muß er mit feiner Schriftftellerei die großen
pekuniären Opfer beftreiten, die er feiner Idee bringt,
der er mit ehrlicher Überzeugungstreue anhängt und mit
heißem Ringen zu dienen fucht. Sicherlich verdient er
große Hochachtung, was ich um fo lieber betone, als
unfere Anflehten über Buddhiftifch.es ftark auseinandergehen
. Aber auch fachlich, das muß immer wieder hervorgehoben
werden, ift ihm Eins hoch anzurechnen: daß
er die Buddhalehre nicht, um fie denAbendländernfchmack-
hafter zu machen, durch die Behauptung entftellt, Buddha
habe ein Ich, ein Selbft (attä) geglaubt und gelehrt (f.
im vorliegendem Buche S. 232), wie eine andere deutfehe
Neubuddhiften-Sekte behauptet.
Königsberg i. Pr. R. Otto Franke.

Meyerhof, Max: PerNrch -türkifche Myltik. (39 S.) 8°.

Hannover, Orient-Buchh. H. Lafaire 1921.

M. 8.50

Fünf perfifche Gedichte aus dem 13. Jahrh. von
Dscheläl ed-Din Rümi, Ssadr ed-Din Qönewi und Muslih.
ed-Din Ssa di und fechs türkifche Gediente aus dem
15.—20. Jahrh.( von Jünus Emre, 'Aschyk 'Omer, Askeri
und Mehmed Ali Hilmi find finngetreu und gefchmack-
voll überfetzt. Anmerkungen unterrichten über die Dichter
, die Literatur und Einzelheiten, die nicht ohne weift