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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

5-6

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mundle, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Die Eigenart der Paulinischen Frömmigkeit 1922

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Seite 1

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5 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 1. 6

wo fie eigenwillig ift, wird man lieh gern und feiten ohne
Gewinn mit ihr auseinanderfetzen. Schade, daß dies gelehrte
Werk den Studenten, Pfarrern und Lehrern, die
es einfehen, zwar eine Vorftellung von dem Wiffen und
der Kombinationsgabe feines Verf.'s, aber nicht die vvün-
fchenswerte Kenntnis von dem gegenwärtigen Stand der
Forschung vermittelt!

Heidelberg". Martin Dibelius.

o

Brun, Lyder: Paulus' kristelige tanker. En studiebok.

(162 S.) 8°. Kristiania, H. Aschehoug & Co. 1919.
Bruns Darltellung der ,chriftlichen Gedanken Pauli'
ift als Grundriß des Chriftentums, der Verkündigung und
der Theologie Pauli gedacht und beftimmt, als Grundlage
für Prüfungen und als Leitfaden für das ,bibeltheo-
logifche' Studium des Paulinismus zu dienen. Dem ent-
fpricht die äußere Form: die gedrängten Paragraphen,
die den Überblick vermitteln wollen, und die ausgiebigen
Stellenverweife, die zum Stoff felbft hinführen follen.
Mit ihm die Studierenden und etwa auch Pfarrer und
andere vertraut zu machen, ift das Hauptanliegen des
Verfaffers. Darum befchränkt er fich darauf, das Thema
.bibeltheologifch' zu behandeln; d. h. er gibt einen Aufriß
von Pauli perfönlichem Chriftentum, von feiner Mif-
fionspredigt und Theologie, und fucht deutlich zu machen,
warum und wie Pauli Chriftentum ufw. feine beftimmte
gefchichtliche Geftalt erhalten habe, verzichtet aber darauf
, den hiftorifchen Wurzeln des Paulinismus nachzugehen
. Wie Brun felbft bemerkt, will er nicht ,Ätiologie',
fondern .Statiftik' geben. Dem darf aber doch hinzugefügt
werden, daß die .Statiftik' recht lebensvoll ausgefallen
ift und der vom Studium diefes Buches herkommende
Lefer ein recht anfehauliches Bild des Apoftels
gewonnen hat. Ob es wirklich möglich ift, Ätiologie
und Statiftik fo ftreng zu fcheiden, wie B. es wenigftens
theoretifch tut, ift eine Frage für fich. Ich wage nicht,
fie zu bejahen. Jeder Hiftoriker macht die Erfahrung,
daß die .Ätiologie' die .Statiftik', wie fie B. verlieht, beeinflußt
. Ift die .Statiftik' mehr als gedankenlofe Aufzählung
von Stellen und ideenlofes Nebeneinanderreihen
von Stoffmaflen, will fie wirklich auch die Frage beantworten
, wie das Einzelne in einer lebensftarken Perfön-
lichkeit gerade diefe oder jene Geftalt gewonnen hat, fo
ift der Übergang zur .Ätiologie' fchon da. Ich glaube
z. B. nicht, daß Pauli Anfchauung vom Sohne Gottes
bloß .ftatiftifch' zutreflend dargeftellt werden kann; oder
anders ausgedrückt: Die Darfteilung wird beeinflußt von
der .ätiologifchen' Anfchauung des Forfchers. In der
Gefchichte gibt es nun einmal Probleme, deren man —
auch wenn es nur darzuftellen gilt — nur Herr werden
kann, wenn man den gefchichtlichen Rahmen fo weit als
möglich fpannt. Ich habe aus der Lektüre des Buches
Bs nicht den Eindruck, daß er fich dies verhehlt. Vermutlich
find es nur ,pädagogifche' Rückfichten, die ihn
zu der theoretifch fcharfen Trennung veranlaßt haben.
Ob das aber nicht bedenklich ift? Ohne auf eine Be-
fprechung von Einzelheiten mich einzulaffen, möchte ich
jedenfalls diefe Frage aufgeworfen haben. Im übrigen
darf betont werden, daßB. den norwegifchen Studierenden
eine ftraffe, kenntnisreiche und zu ernfter hiftorifch-wiffen-
fchaftlicher Befchäftigung mit Paulus anregende Darfteilung
in die Hände gegeben hat, für die ihm auch außerhalb
des fkandinavifchen Sprachgebiets gedankt werden darf.

Tübingen. Otto Scheel.

Mundle, Lic. Wilhelm: Die Eigenart der Paulinifchen Frömmigkeit
. Habilitationsvorlefg., geh. am 30. VII. 1919
in Marburg. (19 S.) 8°. Marburg, N G. Elwert 1920.

M. —75

Der Verf. geht einen methodifch fehr ficheren Weg,
um die religiöfe Eigenart des Paulus zu erfaffen. Er
fubtrahiert — im Ganzen wohl vor allem den Spuren
Heitmüllers folgend *- zunächft das, was an der Frömmigkeit
der Paulusbriefe gemeinfames Gut des helleniftifchen
Chriftentums gewefen fein mag: Eschatologie — Heilswert
von Tod und Auferftehung Chrifti — Sakramente.
Er charakterifiert dann weiter die feelifche Eigenart des
Apoftels als reich an Gegenfätzen.

Daß Paulus freilich .jedem freudigen, aber auch jedem traurigen
Eindruck leicht zugänglich' gewefen ift, klingt reichlich matt und dürfte,
wenn diefe Schilderung nicht einfach das pathologifche Bild der Krankheit
des Paulus wiedergeben foll, auch kaum den Tatfachen entfprechen.
Eher wäre davon zu reden, daß Paulus ein feinem innerften Wefen
noch dualiftifcher Menfch war; Freude an der Zerriffenheit des Ich,
daher keine ,Anthropologie'; komplementäre Entfprechung von Leid
und Herrlichkeit, diefer und jener Welt, Fleifch und Gcift; darum das
jubelnde Betonen von Antithefen wie den berühmten 11 Kor, 6g_i0

Endlich gibt M. eine kurze, aber zutreffende Charakte-
riftik der Bekehrung: fie ftellt den Beginn der Chriftusmyftik
dar und fomit eine Befeitigung vorher drückender
Hemmungen, zugleich erzeugt fie die neue Spannung der
Bekehrungsfrömmigkeit.

Die originale Frömmigkeit des Paulus fchildert M.
dann an den Gegenfätzen Gefetz und Glaube, Fleifch und
Geift. Diefe Analyfe ift im allgemeinen gelungen; fie
könnte noch intereffanter fein, wenn der Vf. hier die
Frage ftellen würde, was an diefer dualiftifchen Anfchauung
aus der Umwelt ftammt und was eigene Leiftung
des Paulus ift. Sonft bin ich — was die Deutung der
Stellen und die Methode ihrer Verwartung anlangt —
mit M. weithin einig.

Das Thema ift wohl für eine Habilitationsvorlefung
nicht recht geeignet. Wenn aber doch die Frömmigkeit
des Paulus bei einem speeimen fynthetifcher Darftellungs-
kunft behandelt werden foll, fo muß eines verlangt werden:
daß der Autor, den eigenen Abftand von feinem Objekt
fühlend, feine Hörer die geniale Größe und die dämo-
nifche Gewalt der Frömmigkeit ahnen läßt, von der er
redet. Leider befchließt M. feine methodifch fo vortreffliche
Studie, indem er ungefähr das Gegenteil tut und
die religiöfe Kraft feines Helden als unverlierbaren Schatz
und unverfiegbaren Quell neuen religiöfen Lebens für
die chriftliche Kirche aller Zeiten preift. Diefe kirchliche
Vulgarifierung, fo geläufig fie ift, entfpricht nicht ganz
dem Stil, in dem der Forfcher von folchen- Dingen
reden foll.

Heidelberg. Martin Dibelius.

Beckmann, Pfr. Heinz: Das lebendige Wort. Eine neue
Bibelerklärung. 2. Band: Das neue Teftament. 1. Lfg.
(160 S.) gr. 8U. Wiesbaden, H. Staadt 1920.

M. 6.60

B.s Bibelerklärung ift ein Verfuch, bei vollfter Unbefangenheit
gegenüber der hiftorifch- und philologifch-
kritilchen Arbeit am NT doch deffen religiöfe Bedeutung
ins rechte Licht zu ftellen. Das NT ift mehr als nur
eine rel.-gefch. Urkunde; es ift zugleich ein Erbauungsbuch
. B. verfügt über eine fehr gründliche Kenntnis der
einfehlägigen wiffenfehaftlichen Literatur; in der Methode
der Schrifterklärung zeigt er große Verwandtfchaft mit
Weinel und den Herausgebern der letzten Serie der rel.
gefch. Volksbücher.

Der vorliegenden erften Lieferung liegt der Text
des Mt zugrunde unter fteter Berückfichtigung der fynop-
tifchen Parallelen. In leicht verftändlicher und doch
lebendiger und oft erbauungsvoller Sprache fucht er
in die Probleme einzuführen. Allerdings liegt ihm da
die hiftorifche Problematik mehr als die eigentlich religiöfe
. Die gefchichtlichen Situationen werden feinfinnig
ausgedeutet und plaftifch befchrieben; die Gefchichte Jehl
und der Urgemeinde an einer Menge von Einzelzügen
verlebendigt. Man wird nur Bedenken tragen, in diefer
hiftorifchen und pfychologifchen Feinarbeit bereits eine
Bereicherung des religiöfen Lebens zu finden: die Hiftorie
als folche ift doch immer nur beftenfalls intereffant. Da
aber wo der Verf. Gedanken von ewiger Gültigkeit heraus-
ftellen will, begegnet wie bei allen ähnlichen Schriften

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