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Ausgabe:

1922 Nr. 10

Spalte:

234-235

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hofmann, Theodor

Titel/Untertitel:

Grundriß einer neuen Philosophie (ein Fragment) 1922

Rezensent:

Steinmann, Theophil

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 10.

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Ganzheit (wenn auch verkleinert) entlieht und diefe
Ganzheit zeigt eine höherftufige Mannigfaltigkeit als die
Ausgangsfumme es war. Eingehend wird nun gezeigt,
daß die Einwirkung formativer Reize zum Verftändnis
nicht genügt und jede rein chemifche oder mafchinelle
Theorie verfagt, fo daß wir annehmen müffen, daß die
Formbildung eignen Gefetzen unterworfen fei (Vitalismus
oder Autonomie des Lebens). Gleiches folgt, um von
minder Gefichertem abzufehen, aus den Tatfachen der
Vererbung, die von der Mafchinentheorie aus unerklärlich
bleiben; ebenlo aus der Analyfe der Handlung als
eines Phänomens in der objektivierten Natur, denn alles
Handeln ift eine Zuordnung zwifchen individualifierten
Reizen und individualifierten Wirkungen, verlaufend auf
einer hiftorifch von außen gefchaffenen Reaktionsbafis.
Nennen wir das .Irreduzible' alles deffen, was es in der
Formbildung an Ordnung gibt, Entelechie, fo liegt es
nahe, den in der Handlung aufgedeckten elementaren
Faktor als Pfychoid einzuführen, d. h. ein etwas, welches
zwar keine Psyche ift, aber doch nur in pfycholo-
gifchen Analogien erörtert werden kann (S. 222, 357). In
eingehender Darlegung wird der Entelechiebegriff mit
den Begriffen der anorganifchen Naturwiffenfchaft verglichen
und mit ihnen, zumal dem Energiefatz und dem
Satz des Gefchehens verträglich befunden. Der Unter-
fchied aber liegt darin, daß organifche Syfteme einen
höheren Grad von Verteilungsmannigfaltigkeit ohne
Beziehung auf andre materielle oder energetifche Faktoren
als ihre eigenen erlangen können (451). Pmtelechie
bleibt, im Unterfchied von der pfycho-vitaliftifchen Anficht
, ein elementarer Faktor der Natur, kein pfychifcher,
aufgeftellt zur Erklärung einer gewiffen Klaffe von Naturvorgängen
, wo fich die Richtung des Gefchehens und
feine Aktualität (bezw. Potentialität) gegenüber mecha-
nifchem Gefchehen geändert zeigt. Im allgemeinften
philofophifchen Sinn könnte man die Plntelechie auch
eine (nicht räumliche, intensive) Subftanz nennen (5114
Eine Analyfe der fundamentalen morphogenetifchen,
adaptiven und inftinktiven Entelechien zu geben, ift eine
höchft mißliche Sache, da wir ihr ,Wiffen' und ,Wollen'
auch nicht im geringften zu verftehen vermögen (403).
Auch von der Gefamtheit der Zuftändlichkeit der Entelechie
meines Leibes erlebe ich doch nur einen kleinen
Bruchteil, ja vielleicht fogar nur einen kleinen Bruchteil
von derjenigen Seite der Entelechie meines Leibes, die
ich das Pfychoid meines Leibes nenne (534). Man muß
fich damit begnügen, zu fagen, daß Entelechie indivi-
dualifierte Subftanz, dynamifch gedacht individualifie-
rende oder Ganzheitskaufalität ift. Noch viel hypothe-
tifcher wird alles, wenn wir das Gebiet überperfonaler
entelechialer Entwicklung betreten, doch möchte auf Grund
.deutlicher Gefamtheitsbezüge' der organifchen Lebens-
gefamtheit D. eine folche annehmen (auf dem Gebiete
fier Menfchheitsgefchichte befonders in der Moralität
und im Wiffen fich erweifend). Letztlich möchte D. eine
übergreifende Entelechie fetzen, die aber zu vielen personalen
Entelechien wird; vielleicht äußert fie fich auch
in den okkultiftifchen Phänomenen namentlich des Hellfehens
als .überperfonalem Ganzheitszeichen im Reiche
des Pfychifchen'.

Man erkennt, daß D. die Welt tief genug fieht, um
Schließlich in einen Ozean von Rätfein zu geraten. Das
ift ficher kein Zeichen von Schwäche oder Unklarheit
des Denkens, aber es warnt davor, ihm mit unbedingter
Sicherheit dort zu folgen, wo er meint, den Gegner,
die hylozoiftifche Mechaniftik (man verzeihe den Wider-
Spruch) völlig bezwungen zu haben; daß gegenüber dem
bisherigen mechaniftifchen Denken D. völlig Recht hat,
bezweifle ich nicht, aber ob diefes auch nur fein bisheriges
Gebiet der anorganifchen Natur uneingefchränkt
wifd behaupten können? Wenn aber .Ganzes' und .Ganzheitskaufalität
auch fchon im Bereich des Organifchen
vorliegt, worauf neuefte phyfikalifche Theorien hinweifen,

fo müßte die ganze Grenzfcheidung neu durchdacht
werden und anders ausfallen als bei D.

Ohne auf vitaliftifche Probleme einzugehen, behandelt
Peter die Zweckmäßigkeit der Natur, nicht im Sinne
irgend einer .Zielftrebigkeit', fondern der Nützlichkeit
für den Organismus. Diefe teleologifche Auffaffung will
er nicht an Stelle der kaufalen oder phylogenetifchen
fetzen, fondern neben fie als eine ergänzende, und zwar
vertritt er den Standpunkt der .Allgegenwart der Zweckmäßigkeit
' in der Tierwelt im allgemeinen, ftellt aber in
den Vordergrund feiner Unterfuchungen die Embryologie
. Der Grundgedanke ift, daß die Berufung auf die
Phylogenefe nicht ausreicht, um die eigenartigen embryo-
logifchen Bildungen und Rückbildungen verftändlich
zu machen, fondern daß überall der Nützlichkeitswert
für den Embryo felbft alsentfcheidend zu betrachten ift. Der
Embryo befteht aus einem höchft plaftifchen Material
und reagiert äußerft fein auf all die unendlich zahlreichen
Reize, die an ihn herantreten. Von den Eigen-
fchaften der Ahnen hat fich das erhalten, was den neuen
Verhältniffen angepaßt ift und daher für das Individium
oder die Art nützlich, dagegen ift all das gefchwunden,
was überflüffig oder fchädlich werden konnte. Zwifchen
paläogenetifchen und känogenetifchen Prozeffen zu unter-
fcheiden, ift fo fchwierig, daß für die Erfchließung des
Stammbaums einer Tierform die Embryologie nur im
Verein mit vergleichender Anatomie und Paläontologie
zu geficherten Ergebniffen gelangen kann. Unter diefem
Gefichtspunkt werden aus der Embryologie, aber auch
aus den Regenerationsvorgängen, der Vererbung, Variabilität
und Gewebebildung zahlreiche Einzelfragen unter-
fucht und höchft merkwürdige Proben zweckmäßiger
Vorgänge und Wandlungen der Organe vorgeführt.

Becher ift beim Studium der Pflanzengallen aut
fehr eigenartige Vorgänge geftoßen, die er nur als alt-
ruiftifch im vollen Sinne des Wortes zu deuten vermag.
Das führt ihn dahin, die in der biologifchen Betrachtung
üblichen Formen der Zweckmäßigkeit (felbftdienliche
und artdienliche) durch eine neue, die fremddienliche
zu ergänzen und über die hier zu tage tretende Art des
Weltgrundes Spekulationen anzuflehen, etwa in der Richtung
, ,daß es das gleiche überindividuelle Seelenwefen
ift, welches durch feine Teile Wirtspflanzen und Parafiten
belebt', ,und an deren Erfahrung, Luft und Leid es fo
teilhat (133 0'- Alfo Providentia specialissima und mehr
als dies gegenüber den Blattläuschen und fonftigen
Parafiten im Unterfchied von dem fonft fo harten
Kampf um's Dafein in der Natur 1 Ich geftehe, daß ich
fkeptifch bin und frage, ob wirklich der anfcheinende
aufopfernde Altruismus der Wirtspflanze ein freier, ob er
nicht vielmehr ein aufgezwungener ift (worauf manche
Zeichen deuten). Die Probleme bedüifen noch gründlicher
Unterfuchung; unter allen Umftänden bleiben die
Tatfachen, auf die B. hinweift, fehr merkwürdig. Was
das Zweckmäßigkeitsproblem anlangt, fo fcheint mir in
B.'s Terminologie eine Gruppe zu fehlen: die gegen-
feitige Zweckdienlichkeit von einander unabhängiger Na-
turwefen. An ihrer Tatfächlichkeit, auf die fchon Darwin
geachtet hat, kann ein Zweifel nicht beliehen, aber ihr
Umfang und ihre Geftaltung bedürfen der Analyfe.
Berlin. Titius.

Hofmann, Theodor: Grundriß einer neuen Philolophie (ein
Fragment). (48 S.) 8°. Berlin, L. Simion 1921. M. 15.—
Der, deffen Gedanken die Herausgeberin diefer
Schrift der Öffentlichkeit übergibt, ift als 31 jähriger ein
Opfer der Münchner Revolutionsunruhen vom Mai 1919
geworden. Die Veröffentlichung der von ihm hinterlaf-
f'enen fragmentarifchen Ausführungen gefchieht nicht nur
in piam memoriam; die Herausgeberin hofft, ,daß
der Grundgedanke zur Anerkennung gelangen und
befruchtend und anregend weiterwirken möge'. Ich
kann diefe Hoffnung nicht teilen. Die Gedanken find