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Ausgabe:

1922 Nr. 1

Spalte:

3-5

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Zahn, Theodor

Titel/Untertitel:

Die Apostelgeschichte des Lucas. 1. Hälfte: Kap. 1-12, ausgelegt 1922

Rezensent:

Dibelius, Martin

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Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 1.

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Ur (ntf), das mit dem bekannten Ur der Chaldäer
aber nur den Namen gemeinfam hat, während es geo-
graphifch mit Mari am mittleren Euphrat zu indentifi-
zieren ift (S. Iii). Von anderen amoritifchen Königreichen
und bemerkenswerten Städten find befonders zu
nennen Kimafch (fonft an die elamifche Grenze verlegt)
= Damaskus, Simurru (gewöhnlich am unteren Zab
lokalifiert) = Simyra an der phönizifchen Külte, Urbillu
in der Nähe davon, Humurti = Gomorrha u. a. m.
(S. 123 ff.). Babylonien verdankt den Amoritern fall feine
gefamte Kultur. Schon die vorfintflutlichen Könige waren
Amoriter (S. 76Ü.): Aloros ift = El-Uru, Alaparos
= Alap-Uru, Amillaros = Amel - Uru und felbft
Euedorachos, deffen Aequivalent wir in einem affy-
rifchen Text als En-me-dur-an-ki wiedererkannt zu
haben glaubten, ift vielmehr als Ebed-Uru-ahu zu erklären
. Auch viele der nachfintflutlichen legendären wie
hiftorifchen Könige wie Gilgamesch (d. h. Spross des
Gottes Mesch), Lugalzaggisi, Ur-Nina, Dungi ufw.
(S. 89 fr.) waren Amoriter. Ferner find die großen baby-
lonifchen Epen amoritilchen Urfprungs (S. 178), ebenfo
faft das ganze babylonifche Pantheon (S 162 ff), vor allem
der Gott Amurru, der auch unter den Namen Urra,
Ne-uru-gal, Amar (= Marduk), Urta (= Ninurta)
erfcheint, aber auch mancherlei andere wie Anu und Antu,
Aschir und Aschirtu, der Mondgott Sin, der Sonnengott
(deffen Etymologie als: ,der von Mafch' = Scha-
mafch wir S. 179 erfahren) und der Gott Zababa, der
der Beelzebub ift. Die Beeinfluffungen Ägyptens durch
die Amoriter find befonders in der Mythologie ebenfalls
recht tiefgehend: Horus ift der amoritifche Hauptgott
Uru, der durch die femitifche Endung -an erweitert, fich
übrigens auch in dem Namen Orion findet, Osiris ent-
fpricht dem amoritifchen Gotte Asaru (S. 140), einer
Form des Marduk. — In diefer Weife wird noch eine
Menge anderer Dinge behauptet; Beweife dafür zu erbringen
, hält der Verfaffer aber nicht für nötig.

Berlin. Bruno Meißner.

Zahn, Theodor: Die Apoftelgefchichte des Lucas. 1. Hälfte,
Kap. 1—12, ausgelegt v. Z. i. u. 2. Aufl. (Kommentar
zum N. T., hrsg. v. Th. Zahn. Bd. V.) (II, 394 S.) gr. 8°.
Leipzig, Ä. Deichert 1919. M. 65—; geb. M. 85 —
Der neue Kommentar Zahns, deffen erfte Hälfte mir
vorliegt, verfpricht wieder ein Zeugnis von der großen
Gelehrfamkeit des Verf.'s zu werden und von feinem
ftetigen Bemühen, die Forfchung auch über Ergebniffe
eigener Arbeit hinaus weiterzuführen. Für den Mitforfcher
hat das Büch noch feinen «befonderen Reiz. Denn es
bringt mit der Auslegung zugleich eine Verteidigung
des von Zahn A genannten „weltlichen" Textes, d. h.
im wefentlichen der Textgeftalt, wie fie der Verf. in Bd. IX
feiner „Forfchungen" als „Urausgabe" rekonftruiert hat; nur
an einigen Stellen find die dort vorgetragenen Ergebniffe
korrigiert. Ich muß allerdings geftehen, daß ich auch durch
diefe für die Prüfung der Hypothefe fo fehr willkommene
Rechtfertigung nicht von der Priorität des yl-Textes überzeugt
worden bin. Es bleibt bei der größeren Zahl der
bedeutfameren Varianten der Eindruck, daß kein Chrift,
auch der Autor ad Theophilum felber nicht, den Text A
zu B verändert haben würde. Und es verftärkt fich gerade
im Zufammenhang der Auslegung das Urteil, daß eine
Anzahl der A Lesarten nicht urfprünglich fein kann.

Daß die berühmte Variante 539 ovxs ßaadtTg of/re xvqovvoi
offenbar ein vaticinium ex eventu ift, wird von Z. nicht berückfichtigt.
Daß i6 die Jüngerfrage urfprünglich gelautet hätte tl iv xqovo) xovxw
ünoxaxaoxaitqOr/ („wirft du dich wieder ßchtbai darfteilen'''), w'ird man
fchwerlich glauben. In i2 läßt fich die/(-Lesart xccl ixiXsvOt xt]i>vaaeiv
xö tvayytXwv trotz Z. fehr wohl aus dem Beftreben verftehen, eine
Überleitung zu i3 zu finden. Der von Z. oft geführte Nachweis, daß -1
„lukanifches" Sprachgut biete, würde auch dann nicht viel bcfagen,
wenn diefes Sprachgut abfonderlicher wäre; denn der oder die L'rheber
des „weltlichen" Textes haben den Lukas nachgeahmt. Und fo glaube
ich auch die ,,Wir"-Stelle des /(-Textes in n2g verftehen zu können:
fie will den fchon vom Verf. der Acta beabfichtigten Zufammenhang

' mit 2i10 verftärken, indem fie dem Propheten Agabus auch hier das
„wir" gefeilt, das dort neben ihm auftritt.

Die Textfrage der Apg. hängt viel zu fehr mit anderen
Fragen, dem Kanonproblem und dem literarifchen Problem,
zufammen, als daß fie ifoliert behandelt werden könnte.
Die „ifagogifchen" Fragen will Z. erft am Ende des zweiten
Teils befprechen; fo wird auch erft nach deffen Erfcheinen
über die Textformen ein letztes Wort gefagt werden
können. Über die heute die Forfchung befchäftigenden
literarifchen Fragen findet man in diefem Teil des Kommentars
wenig ausgeführt. Das Problem von Kap. i, die
Frage, warum das Proömium in eine Erzählung übergleitet
, die noch dazu eine Repetition aus Lk darftellt,
wird nicht behandelt. Auch an den Stellen des Buches,
die für die Quellen- oder Traditions-Frage befonders bezeichnend
find, wird einer Diskuffion darüber ausgewichen.

Die Verfe 69 ff., wo m. E. der Übergang von einer Notiz über die
Sieben zu dem Martyrium des Stephanus, einem feiten und vom Vf.
nur bearbeiteten Traditionsitück, deutlich wird, erfahren gar keine Würdigung
unter diefem Gefichtspunkt. Am Ende der Petrus-Erzählung 12, ff.,
deren urfpriinglicher Schluß wohl in dem fonderbaren elf I'xsqov xönov
durchblickt, während V. 18. 19 die Überleitung des Autors zum Folgenden
darftellt, wird das Problem mit dem Hinweis auf den von Lk. be-
abfichtigen 3. Band feines Werkes erledigt, in dem Lk. die Geichichte
des Petrus habe wieder aufnehmen wollen. Die Verflechtung verfehle
den er Fäden, die man 83.4 9,. n)9 fpürt, wird S. 339 fr. nur unter dem
Gefichtspunkt der hiftorifchen Reihenfolge der Ereigniffe gewürdigt.
Dem Problem der Stephanus-Rede, die fo gar nicht in die 6,. ff. ge-
fchildcrte Situation hineinpaßt, hat freilich auch Z. nicht ausweichen
können; er löft die Schwierigkeit pfychologifch: Perfon und Bered-
famkeit des Stephanus follcn den Richtern gewaltig imponiert haben;
nur fo könne man verftehen, ,daß fie ihn nicht nach den erften Sätzen
zur Sache gerufen, fondern fchweigend feinen die Gcfchichte Israels . . ,
umfpannenden Vortrag anhörten, ohne daß . . . eine der dem Redner
vorgeworfenen Läfterungen zur Sprache gebracht wurde'.

Ich erwähne dies alles nicht, um über Einzelfragen
zu diskutieren oder Zahns aus feiner Einleitung bekannten
Standpunkt zu kritifieren, fondern um einen offenbaren
Mangel des Buches deutlich zu machen. Es ift kein
Studenten- und überhaupt kein Lehrbuch. Ein Kommentaraber
, vollends der Einzelband einer geläufigen Kommentarreihe
, muß beides fein. Der Lernende darf verlangen,
daß der Interpret ihn nicht bloß einen Weg, nämlich den,
den er für richtig hält, führt, fondern ihm auch die Fragen,
die andere zu Recht oder zu Unrecht an den Text herangebracht
haben, mindeftens aufgezeigt werden, auch
wenn der Erklärer felbft diefe Frageftellungen und die
ganze daran gewendete Arbeit fouverän verachtet. Daß
in Z.s Kommentar die literarischen Probleme, die gar
nicht immer literarkritifche zu fein brauchen, und daß
die hiftorifchen Fragen (wie die Authenthie der Reden)
nicht genügend behandelt werden, ift unter allen Um-
ftänden ein Fehler, denn es verhindert den Lefer, felb-
ftändig an der wiffenfchaftlichen Arbeit der Gegenwart
teilzunehmen und verführt ihn geradezu, genützt auf die
große Autorität Z.s, deffen intereffante, mit großer Gelehrsamkeit
begründete, aber doch mit vielen alten und
neuen Eigenwilligkeiten beladete Exegefe diskuffionslos
anzunehmen. Der Verf. felbft wird wiffen, wie ftark bei
dem fynthetifchen Zug der Zeit die Gefahr ift, daß die
P^rfchung, gerade die von ihm vorbildlich vertretene
ftrenge Forfchung von den Studierenden als unwefent-
lich beifeite gefchoben wird; ich begreife nicht recht, daß
er in einem Kommentar über ein fo problemreiches Buch
wie die Apg. den Lernenden nicht zum Schwimmen
zwingt, indem er ihn in das Meer der Fragen hinein wirft.
So ift es eigentlich vor allem der Gelehrte, der von
j Z.s Buch Gewinn hat. Diefer Gewinn ift groß. Er be-
! fteht nicht nur in der Fülle von wertvollem Material, das
j hier neu ausgegraben, neu beleuchtet oder auch nur mit
1 umfaffender Kenntnis zufammengeftellt wird und das in
diefem Band vor allem in den Anmerkungen enthalten
I ift — und auch nicht nur in Sonderabschnitten wie in dem
über das Freer-Logion zu ifi und über die Nachrichten
! von Simon Magus zu 824. Sondern ftärkfte Anregung
geht von der gefamten Exegefe aus, und gerade dort,