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Ausgabe:

1922 Nr. 9

Spalte:

192-193

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Heinemann, J.

Titel/Untertitel:

Poseidonio‘s metaphysische Schriften 1922

Rezensent:

Helbig, Georg

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19I

Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 9.

192

Gunkel, Hermann: Ein Vorläufer Jefu. (27 S.) 8°. Bern
Seldwyla 1921. M. 6 —

Vorliegende Arbeit Gunkels greift zurück auf die
von mir in diefer Zeitfchr. 1921 S. 290 f angezeigte Schrift
Sigmund Mowinckels, der nach Gunkel das Ei des Co-
lumbus wieder entdeckt hat, denn der Knecht Jahves,
mit dem Jes. 42,1—7. 49,1—7- 5°.4—11 5243— S3,12 ncn
befchäftigen, fei Niemand als der Prophet felber. Gunkel
verfucht auf Grund von Mowinkels Entdeckung dem
Lefer in feiner pfychologifcher Zeichnung das Bild die-
fes Frommen vor Augen zu führen, der uns zum erften
Male in der Gefchichte Jsraels den Auferftehungsglauben
als Befitz einer perfönlichen Frömmigkeit erkennen läßt.
Er hat auch die letzte göttliche Abficht feines Leidens
und Sterbens begriffen: fein Tod ift notwendig gewefen,
um die Frevel feines Volkes zu fühnen; weil er ohne
Sünde war, hat er die Miffetaten anderer getragen.
,Diefer freiwillige Tod wird auch feinen Eindruck auf
diejenigen, für die er gelitten hat und die fich mit Ab-
fcheu von ihm wandten, nicht verfehlen. So wird fich
Gottes Heilsplan, der die Bekehrung Jsraels bezweckte,
endlich doch vollziehen 1' In einem letzten Liede hat
der Proph. alles, ,was er über fein Leben und Sterben,
fein fchmachvolles Leiden und fein herrliches Auferftehen,
feine Gegenwart und Zukunft zu fagen hatte, zufamnien-
gefaßt. Die Mitte desfelben ift ein Leichenlied, das,
wie folche Lieder, nicht für die Gegenwart, fondern für
das kommende Gefchlecht beftimmt war. In folchen
Liedern wird die Zukunft gefchildert, als ob fie fchon
Gegenwart wäre. Solch Lied wird fein Volk einft fpre-
chen, wenn er geftorben, aber auferftanden und zu voller
Herrlichkeit verklärt ift. Dann wird fich ihr Herz ihm
zuwenden und in bitterer Reue werden fie klagen über
fein Gefchick.

Auf der letzten Seite 27 find die von Gunkel angenommenen
Textänderungen angegeben, foweit fie nicht
in Kittels Biblia hebraica fich finden, fie find namentlich
bedeutungsvoll für die Schlußv. die in ziemlich verderbtem
Zuftand überliefert, find. Wie ich fchon in meiner
Anzeige Mowinckels darlegte, daß ich ernfter Bedenken
mich nicht entfchlagen kann, fo ftehe ich auch jetzt
noch nach Durchlefung diefer pfychologifch feinen Ausführungen
Gunkels, in denen er die verbindenden Fäden
zwifchen den verfchiedenen Liedern aufzeigt, und die
ihren Wert behalten, auch losgelöft von der Frage, ob
Deuterojesaja der 'Ebed Jahve' ift, von dem diefe Lieder
handeln. In 52, 14L findet fich ohne Zweifel der Hinweis
auf die Wirkung diefes 'Ebed auf die Völker. Wie
er früher für viele ein Gegenftand des Entfetzens war,
fo wird er für viele Völker ein Gegenftand der Bewunderung
fein. Gunkel will zwar D^U als Zufatz ftreichen, das
ändert aber in der Sache nichts, denn das parallele D^bln
zeigt, daß B^ai jedenfalls durch CH5 richtig gedeutet ift.
Wie ift diefe Wirkung des 'Ebed auf die Heidenwelt
vorftellbarr Nach 42,18". 49,1 ff. foll er die Religion den
Völkern verkündigen, ihn hat Jahve zum Licht der Hei- :
den gemacht, damit fein Heil reiche bis zu den Enden !
der Erde, wie ift das vorftellbar, wenn Deuterojes. der j
'Ebed ift? Dasfelbe Ziel, daß den Heiden die wahre 1
Religion gebracht werde, findet fich in 51,4 f., und zwar j
im engften Zufammenhang mit der Erlöfung, die der
Arm Jahves herbeiführen foll. Wer der menfchliche
Vermittler fein foll, ergibt fich aus der Vergleichung von
51,4 7: im V. 7 wird das Volk angeredet, ,das meine
Thora im Herzen trägt, und V.4 heißt es: ,Thora foll von
mir ausgehen und meine Religion als Licht der Völker'
vgl. auch 51,4 mit 42,1. 4 und 51,7 mit 50,4 — 9: was
dort der Knecht von fich ausfagt, ruft hier Jahve dem
Volk ermutigend zu vgl. Budde, die'Ebed-Jahve-Lieder
S. 16 f. Aus diefen und anderen Stellen des Buches er-
giebt fich, daß Aufgaben, die dem 'Ebed-Jahve in den
Liedern zugefchrieben find, in anderen Stellen des Buches
mit Jsrael in Beziehung gefetzt werden: hier fallen

die Schwierigkeiten fort, die fich aus der individualifti-
fchen Deutung des 'Ebed ergeben. Von hier aus fällt
auch neues Licht auf Tod und Auferftehung diefes
'Ebed, namentlich, wenn wir an Ez. 37 denken. Es ift
leider nicht möglich, im Einzelnen weiter diefer Frage
hier nachzugehen, nur andeuten wollte ich, daß mir die
Freude über das neue Ei des Colombus noch etwas verfrüht
erfcbeint.

Leipzig. W. Nowack.

Heinemann, Dr. J.: Poseidonios' metaphyfifche Schriften.

I. Bd. (218 S.) Lex. 8«. Breslau, M. & H. Marcus
1921. M. 28—

Der Einfluß, den Pofeidonios auf helleniftifches Judentum
und Kirchenväter — etwa auf einen Gregor von
Nyffa oder einen Nemefios von Emefa — geübt hat,
wird meift recht hoch gewertet. Das Bild, das man fich
von ihm macht, ift jedoch deshalb nur ein verfchwom-
menes, weil von ihm felbft herzlich wenig auf uns gekommen
ift und man eine Beeinfluffung durch ihn auch
dort gefucht hat, wo entweder die Abhängigkeit des
Schriftftellers von ihm nicht erwiefen oder aber ein freies
Schalten und Walten mit Pofeidonianifchem Gedankengut
anzunehmen ift. Mit Freuden ift daher die Vorficht
zu begrüßen, mit der der Verfaffer die Benutzung des
Pofeidonios in den Schriften eines Philo Alexandrinus
u. a. unterfucht. Er ift dadurch der Gefahr glücklich
entgangen, die z. B. Jofef Kroll in feinem fonft fo glänzenden
Werke über „die Lehren des Hermes Trismegi-
ftos" nicht zu überwinden vermochte, da er alles auf die
eine Formel „Pofeidonios" zu bringen fich bemühte (vgl.
Bouffet, Gott. gel. Anz. 1914 XII. 697 ff.).

Im I. Teil des vorliegenden Buches werden in feiner
Darftellungsart die Lebensideale der alten Stoa, des Po-
lybios, Panaitios, Antiochos fkizziert nnd daran anfchlie-
ßend eine Zeichnung der Lebensanfchauung des großen
Syrers entworfen. Es ift das Verdienft Heinemanns,
durch Herausarbeitung der für Pofeidonios charakterifti-
fchen Eigentümlichkeiten der (Quellenkritik eine fichere
Grundlage gegeben zu haben.

Befonders das letzte Kapitel des 1. Teiles „Religion und Religionen
" bietet viel des Intereffanten. Es zeigt zum erften Male, wie Pofeidonios
zwar gegen Skepfis und Materialismus eine religiüfe Lebens
anfchauung verteidigt, aber dem Antliropomorphismus und jeder Unfitt-
lichkeit im Kult fchroff entgegentritt. Kein Wunder, daß folche Gedanken
— mit glühender Beredfamkeit verkündet — auf Juden und
Chriften ihren Eindruck nicht verfehlen und ihnen eine gute Wehr
und Waffe im Kampfe gegen Heidentum und Atheismus bieten
konnten.

Der 2. Teil des Buches mit feinen Analyfen der Sa-
pientia Salomonis, des IV. Makkabäerbuches fowie einer
Reihe von Senecabriefen und eines Stückes aus dem
Kommentar zu Piatons Timaios verfolgt den Zweck, den
Wirkungskreis des Pofeidonios genauer zu beftimmen
und das Bild zu v. rvollftändigen, das der 1. Teil auf
Grund der geficherten Ergebniffe der feitherigen For-
fchung entworfen hatte. Der Verfaffer macht es wahr-
fcheinlich, daß einerfeits die Sapientia Salomonis aus
Pofeidonios als einziger griechifcher Quelle fchöpft, an-
dererfeits die Ethik der epiftulae morales aus Pofeidonios
ftammt — für die Beurteilung des Verhältniffes zwifchen
Paulus und Seneca ein recht intereffanter Doppelnachweis
. Die Möglichkeit, daß Gedanken des Pofeidonios
durch Vermittler wie Pf.-Salomo ihren Weg ins Judentum
fanden, wird gefteigert durch den Nachweis, daß auch
IV. Makk. in gleicher Richtung geht; nur nimmt Heinemann
hier mittelbare Benutzung des Pofeidonios an.

Zu erweifen, daß neben anderen Gedanken auch Grundvorftellun-
gen iranifcher Frömmigkeit auf Pofeidonios und durch ihn auf das
hellcniftifche Judentum wie auch auf Paulus eingewirkt haben, dürfte
eine lohnende Aufgabe fein, die vielleicht im zweiten Bande mit ge-
löft werden könnte. Mancherlei wertvolle Anregungen finden fich in
der neueften Arbeit von Reitzenftein: „Das iranifche Erlofungsmy-
fterium".