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Ausgabe:

1922 Nr. 8

Spalte:

181

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Koppelmann, Wilhelm

Titel/Untertitel:

Einführung in die Politik 1922

Rezensent:

Schuster, Hermann

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Seite 1

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l8i Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 8. 182

wefentlich die Bedeutung einer Sanktion diefer Werte
und wird merkwürdigerweife trotz der ftark religiöfen
Anlage des Verf. nicht felbft als inhaltlicher Wert in die
Wertlehre aufgenommen.

Das Büchlein über die Erkenntnistheorie, das Külpe
als einer der Väter des heutigen kritifchen Realismus
gewidmet ift, entwickelt den gleichen Grundgedanken in
technifch-wiffenfchaftlicher Form, fehr überfichtlich und
klar. Die Kantifche Theorie wird mit Recht in ihren
metapfyfifch-phänomenaliftifchen und ihren transzenden-
tal-logifchen Teil zerlegt und dem letzteren fchließlich
ein metaphyfifcher Realismus unterlegt. Die Wertwiffen-
fchaften werden gleichfalls weit über Kants formale Ethik
hinaus in die den Dingen felbft inhärenten Werte hinein
verfolgt. Es ift der heute allenthalben zu Tage tretende
Zug, der .kopernikanifchen Wendung' zu entgehen, wie
er auch die Hufferlfche Schule beherrfcht. Ich glaube
freilich nicht, daß das Ziel mit den Mitteln Meffers erreicht
werden kann. In ihnen fteckt m. E. zuviel bloße
Reaktionspfychologie

Berlin. • E. Troeltfch.

Koppelmann, Prof. Dr. w. Einführung in die Politik. Theoret.
GrundlegK. f. d. Aufgaben d. Praxis. 'Bücherei d. Kultur u. Ge-
fchichte, Bd. n.) (XV, 278 S.) 8". Bonn, K. Klaveder 1920.

M. 20—; geb. M. 24 —
An einigen Stellen kommt die politifche Richtung des VerfafTers
in bedenkenerweckender Weife zu tage. Befonders S. 126. ,Von diefem
Standpunkt betrachtet, wird die Demokratie, die rechtliche Gleichheit
aller Staatsangehörigen, zur politifchen Konfequenz einer echten chrift-
lichen Weltanichauung, d. b. das Chriftentum führt, wenn es emft genommen
wird, auf dem Gebiet der Politik zu demokratifchen Anfchau-
ungen.' Auch lonft nahm ich hier und da Anftoß. S. 27t: ,Das
Glücksftreben muß fich dem fittlichen Streben unterordnen, oder mit
andern Worten: der formalen Ethik gebührt der Vorrang vor der materiellen
'. Hier fcheint mir ein recht anfechtbarer Begriff von materieller
Ethik zum Grunde zu liegen. Die Ausführungen des VerfafTers über
die Kulturaufgaben des Staates und fein Verhältnis zu Religion und
Kirche find verftändig, den Konfeffionsfchulen wird er freilich nicht
voll gerecht, und fein Staatsbegriff bleibt nüchtern Mit Recht betont
K. wiederholt die Bedeutung ethifcher Kräfte und Ziele für den Staat.
Hier könnte er noch mehr tun. Justitia fundamentum regnorum heißt
zu Deutlch : Sittliche Kräfte find das Fundament der Staaten. Das ift
die Lehre der letzten 8 Jahre.

Hannover-Kleefeld. Schuft er.

Dryander, D. Ernft: Erinnerungen aus meinem Leben. Mit

einem Porträt des Verfaffers. (314 S.) gr. 8°. Bielefeld
, Velhagen & Klafing 1922. M. 25—
Willibald Beyfchlag fagte im Vorwort zu feinen
Lebenserinnerungen (2 Thl. S. VII), die Kunft fei noch nicht
erfunden, eine Selbftbiographie zu fchreiben, ohne von
fich zu reden. Diefe Kunft hat Ernft von Dryander in
der Tat zu üben verftanden. Er erzählt uns fo einfach
und menfchlich von feinen Erlebniffen und Erfahrungen,
daß man vergißt, daß der Erzähler fein eigenes Leben erzählt
, und doch ift wieder alles fo perfönlich, daß uns nirgends
ein hiftorifcb.es Endurteil objektiver Art abgenötigt wird.
Es ift ein menfchlich außerordentlich anziehendes Buch.

Die Lefer der theologifchen Literaturzeitung werden
allerdings vor allem fragen, was es uns für unfer theo-
logifches Denken, für die Kirchengefchichte unferer Zeit
und für die praktifche Theologie biete. Der kurze Rückblick
auf die Univerfitäts- und Ausbildungszeit bringt uns
wertvolleBeiträge zur Charakteriftik feinerLehrer: T h o 1 u c k,
Jakobi, Hupfeld, Julius Müller, Wuttke,Riehm und Beyfchlag,
aus Tübingen Beck und Landerer. Es ift für Dr. felbft und
•eine fpätere Predigtweife charakteriftifch, wie er bei Beck
■ las ethifche Moment feiner Wirkungsweife befonders betont.

Aus der Kandidatenzeit find feine Reifen nach Holland, Südfrankreich
und Italien befonders beachtenswert; zumal die franzöfifchen
Reifeeindrücke haben ihm ein fpäter wirkfaines Bild lebendigen Gemeindelebens
hinterlaffen. Der Horizont hat fich geweitet, der große
Reichtum an wertvollen pcrfönlichen Eindrücken wirkt vertiefend, und jede
fhcologifche und kirchliche Engigkeit wird ihm für Lebenszeit unmöglich.

Die erften praktifchen Arbeitsfelder findet er nach kur-

Seelforger werden; grade unfere jungen Paftoren follten
diefe fehr inftruktiven Abfchnitte lefen, von denen der
über Bonn die ganze Liebe wiederftrahlt, die Dr. der
rheinifchen Gemeinde widmete.

Es war ein großer Widerftand zu überwinden, um
ihn aus feinem Bonner Idyll nach dem parteizerriffenen
Berlin zu bringen, und auch in Berlin felbft will er fich
in keine Partei und für keine Schablone einfangen laffen.
Aber alle Seelenkräfte ftrengt er an, ein rechter Prediger
zu werden; Konfirmandenuntericht, perfönliche Seelforge
und freundfchaftlicher Verkehr, daneben Bibelftunden find
ihm die Hauptfache. Den kirchenpolitifchen Ereigniffen
folgt er mehr von ferne — bis er felbft immer mehr hineingezogen
wird als Konfiftorialrat, als S c h 1 oßp far r er infolge
von Stöckers Entlaffung, als Generalfuperintendent,
dann im Oberkirchenrat, deffen Vicepräfident er wurde.

DerKirchenhiftoriker freilich wird etwas enttäufcht
fein. Ereigniffe wie Walderfee-Verfammlung, Stöckers
Entlaffung — Fall Harnack, fpäter Fall Jatho find mehr
kurz geftreift als ausführlich behandelt. Dr. weiß natürlich
viel mehr, als er fagt — aber will auch in diefen
Erinnerungen feinem Lebensgrundfatz treu bleiben: chrift-
liches Glauben und Lieben pflegen, nicht Gräben ziehen
oder fcharf urteilen. Nur Engigkeiten bleiben ihm fern.
Wer die Dinge kennt, weiß oft, was er nur zart andeutet.—

Für die praktifche Theologie find feine Mitteilungen
aus feiner Generalfuperintendenten-Zeit und aus der
Kriegszeit fehr wichtig, und der letzte Thronbericht,
den er feinem Kaifer machte, ift ein Dokument kirchen-
regimentlicher Weisheit. Wenn wir fpäter die Entwicklung
der kirchenpolitifchen Dinge deutlicher kennen,
fo wird auch manches Wort diefer Lebenserinnerungen
noch beffer verftanden werden, auch in der Charakteriftik
der zahlreichen führenden Perfönlichkeiten. Der Ver-
faffer follte einmal eine Sammlung feiner wertvollen Gedächtnisreden
uns geben. Die Plöner Zeit, die
Kaiferreife nach Paläftina und endlich die fchweren letzten
Erlebniffe beim Zufammenbruch und beim Heimgang
der Kaiferin werden fo erzählt, daß auch ein wertvolles
Zeugnis gegeben wird für den religiöfen Grundcharakter
des Kaiferpaars und des Kronprinzen. Der Beichtvater
wahrt auch hier fein Geheimnis — aber der Chrift gibt
der Verleumdung zum Trotz der Wahrheit die Ehre —
unferm Kaifer und feinem Haufe nicht zu Unehren! Die
Beziehungen zum freundlichen und zum unfreundliche Ausland
erfahren eine helle und charaktervolle Beleuchtung.

Es ift alles in allem ein reiches Buch, das dem Men-
fchen und dem Theologen viel bietet und dem Hirtoriker
neue Aufgaben ftellt. Möge es dem verehrten Manne
befchieden fein, auch dazu noch ergänzende Beiträge zu
veröffentlichen oder wenigftens aufzuzeichnen.

Greifswald. Ed. von der Goltz.

Thieme, Prof. D. Karl: Perfönlichkeit und Gemeinfchaft, e.

Gegenwartsproblem der Kirche. (Vortrag auf der
Kirchen- u. Paftoralkonferenz in Meißen am 4. Juni
1918.) (32 S ) 8°. Leipzig, Quelle & Meyer 1918. M.--80
Die im Titel ausgefprochene Behauptung ift zweifellos
richtig. Thieme zeigt, wie nach einer Zeit der Über-
fchätzung der Perfönlichkeit jetzt von Theologen und Nicht-
theologen die Gemeinfchaft oder auch die Organifation
betont werde. Er fucht feinerfeits das richtige Verhältnis
beider zu beftimmen. Dazu befpricht er zunächft die
Terminologie, dann die Stellung Jefu, Pauli, Luthers, die
Lage unferer Zeit (d. h. der Kriegszeit). Er findet die
Löfung gegeben in dem qualitativen Individualismus', der
aus dem Evangelium Jefu flammt und mit ihm fleht und
fällt. Diefe Parole wendet er fchließlich noch auf kirchliche
Zukunftsaufgaben an. Sehr anregend! Im Wichtig,-
ften zweifellos richtig! Und — da wohl die Gefahr der
Überfchätzung der Gemeinfchaft wirklich in manchen
z.er Wirkfamkeit als Do'mhilfsprediger in Torgau und Bonn, j Kreifen vorhanden ift — auch fehr dankenswert! Nur

Da fleht man den Prediger, den Konfirmandenvater und ' fcheint mir, daß die andere Gefahr, die der Überfchätzung