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Ausgabe:

1922 Nr. 8

Spalte:

180

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mausbach, Joseph

Titel/Untertitel:

Weltgrund und Menschheitsziel 1922

Rezensent:

Krüger, Theodor

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Seite 1

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179 Theologifche Literaturzeitung 1922 Nr. 8. 180

Leben hinüber. Dadurch entflieht ein unmethodifches
Schwanken zwifchen der älteren Methode und Anleihen
bei der jüngeren. Vor allem aber bleibt für den, der es
nicht fchon ohnehin weiß, völlig unklar, was von dem
über die fremden Konfeffionen Gefagten dogma decla-
ratum ift, was nur die Praxis trifft, was gar nur als re-
ligiöfe oder ethifche Beurteilung feitens K.'s zu gelten
hat. 2) Die Eigenart der orthodoxen Kirche wird völlig
verwifcht. Z. B.: § 15 ftellt als Materialprinzip des Katholizismus
die römifche Rechtfertigungslehre in ihren
Grundzügen dar. Am Schluß heißt es dann, daß alle
diefe Ausfagen auch von der orthodoxen Kirche gelten,
nur daß dort alles einfacher und naiver fei. Mehr als
folche Allgemeinheiten erfährt man nur feiten über die-
fen Zweig des Chriftentums. 3) Umgekehrt erfcheint die
Differenz zwifchen lutherifcher und reformierter Lehre
mir z. T. überfcharf ausgefprochen. Es zeigt fich deutlich
, daß der Verfuch, das reformierte Chriftentum als
Lehrbegriff zu unterfcheiden vom lutherifchen, in den alten
unfruchtbaren Streit der Schwefterkirchen zurückführen
muß, und daß dabei doch der wefentiiche Unter-
fchied — der in der Geftaltung des Lebens — völlig im
Dunklen bleibt. 4) Die ftarke Herausarbeitung des apo-
logetifchen (oder eigentlich polemifchen) Endzwecks verwifcht
für K. den Unterfchied von Darfteilung und Kritik
. Er führt die Lehren des Katholizismus nicht in
derjenigen Formgebung vor, die ihnen im Katholizismus
eigen ift. Der Erfolg ift, daß feine Symbolik
vielfach ungeeignet ift, ihren Lefern ein treues Bild
der fremden Konfeffionen zu vermitteln. Sie müffen K.
mißverftehen. Ich erwarte einen ftarken Proteft der
katholifchen Theologie gegen das hier vom Katholizismus
entworfene Bild. Dieter Proteft ift berechtigt. Es
geht wirklich nicht an, von einem katholifchen Formal-
und Materialprinzip zu reden. Es geht nicht an, den
katholifchen Gottesbegriff damit erfchöpfend zu befchrei-
ben, daß Gott a) höhere feine Subftanz und b) richtender
Oberherr fei. Es geht nicht an, zu fagen, daß das Verhältnis
zu Gott im Katholizismus eins der Furcht fei,
oder daß dem Katholiken nur zwifchen Verzweiflung und
äußerem Vertrauen auf die Sakramentsmagie die Wahl
gelaffen fei. Es geht nicht an, zu fagen, daß im allgemeinen
kein Bittgebet im Katholizismus zu Gott gefchehe,
ohne die Heiligen um ihren Beiftand anzugehen. Alle
diefe Urteile find viel zu ungenau, viel zu wenig eingehend
in die katholifche Empfindungsweife, als daß fie
träfen. Man muß fich ganz anders hineindenken in die
katholifche Art. Man muß vor allem die myftifche Seite
der katholifchen Frömmigkeit ernfthaft prüfen. Kann
man den Katholizismus darftellen, ohne es deutlich zu
machen, daß die Gottes-und Nächftenliebe (gewiß eigenartig
verbogen) auch in diefer Geftalt der chriftlichen
Religion die Herzbegriffe bilden?

Ich habe dies letzte Bedenken auf den Katholizismus zugefpitzt.
Ich habe das getan, weil ich der Gefahr vorbeugen mochte, daß man
das Buch K.'s auf katholifcher Seite benutze, um an der evangelifchen
Theologie überhaupt zum Ritter zu werden. Ich hätte aber auch
ebenfo gut K.'s Darftellung des evangelifchen Chriftentums anfechten
können. Auch hier macht fich ein zwiefacher allgemeiner Mangel lehr
ftark geltend: 1) Die Ungenauigkeit der Begriffe, die immer wieder
zu Mißverftändlichkeiten Anlaß gibt. Es wäre für böfen Willen ein
Leichtes, K. eine ganze Menge von Fehlern nachzuweifen. Viele feiner
Sätze bedürfen einer Auslegung in bonam partem, um richtig zu fein.
Die Studenten, die zu folcher Auslegung nicht genug wiffen, werden
fich oft falfche Urteile bilden müffen, z. B. über das reformierte Chriftentum
. 2) Eine eigentümliche fchematifche Trockenheit, die die hinter
den Begriffen flehenden Lebensmächte nicht zum Bewußtfein kommen
läßt. Dazu kommt, daß K.'s Begriff von der evangelifchen Rechtfer-
ügungslehre ziemlich einfeitig an Auguftana und Apologie gebildet ift und
an der ganzen reichen Arbeit der Lutherforrchung der letzten Jahrzehnte
vorübergeht.

Um nicht kleinlich zu erfcheinen, verzichte ich darauf
Stellen anzuführen, die ich im einzelnen als fehlerhaft
beanftande. Ich verfichere aber, daß ich mein Urteil
auf grund einer genauen Prüfung aller Einzelheiten
niedergefchrieben habe, und daß es fich nur, je tiefer

ich in die Einzelheiten ging, je genauer ich es an den
Quellen überprüfte, fortwährend verfchärft hat.

Es ift mir fchmerzlich, daß ich zu einem fo fehr
verneinenden Urteil über die Arbeit gekommen bin.
Die Pflicht ftrenger Wahrhaftigkeit hat mir jedes Wort
der Kritik abringen müffen. Ich bin mir auch der unendlichen
Schwierigkeit einer Darftellung der Symbolik
bewußt. Gleichwohl bleibt mir nichts übrig als mit dem
Satz zu fchließen, daß diefe Symbolik für den akade-
mifchen Unterricht nicht geeignet ift, und daß das dringende
Bedürfnis der evangelifchen Theologie, von dem
ich am Anfang meiner Befprechung redete, nach wie
vor auf feine Erfüllung wartet.

Göttingen. E. Hirfch.

Mausbach, Prof. Dr. Jofeph: Weltgrund und Menfchheits-
ziel. 2 Vorträge. (Apologet. Tagesfragen, IV. Heft). 8°.
München-Gladbach, Volksvereinsverlag 1921. M. 6 —
Dem Mechanismus, dem Evolutionismus des bloßen
Zufalls fowie einer reinen Immanenzphilofophie ftellt der
erfte der beiden Vorträge. ,Moderne Naturauffaffung und
Gottesglaube' betitelt, den teleogifchen Theismus als die
überlegene Weltanfchauung entgegen unter gleichzeitiger
befonnener Läuterung des Transcendenz- und Zweckgedankens
. Der andere Vortrag, der den .Kampf um das
fittliche Endziel' behandelt, führt über eine Kritik des
evolutioniftifchen Naturalismus, des Sozialeudämonismus
und des idealiftifchen Kulturevolutionismus zum chriftlichen
Ideenkomplex von Gotteskindfchaft und Reich
Gottes als dem abfoluten Ziel fittlichen Strebens. Beide
Vorträge, im beften Sinne volkstümlich und wiffenfehaft-
lich gründlich, können als Mufter gediegener Apologetik
bezeichnet werden.

Königsberg i. Pr. Theodor Krueger.

Schrempf, ChHftoph: LelTmg als Philofoph. Mit Bildnis. 2. Aufl.

(Klaffiker Frommans d. Philofi XIX.) (193 S.) 8U. Stuttgart, Fr.

lrommanns Verl. M. 18—; geb. M. 23 —

Der Verf. kündet im Vorwort, er meine jetzt, indem er das von
Leffing erreichte Aller überfchritt, auch über Leffing hinausgekommen
zu fein. Nicht als ob feine Auffaffung Leffings fich geändert habe,
wohl aber fein Urteil über den Wert feiner letzten und höchften Gedanken
. Der Verfuchung, fein Buch entfprechend zu verändern, hat er
aber aus verfchiedenen Gründen widerftanden. Es wiederholt den erften
Druck von 1906.

Hannover-Kleefeld. S c h u ft e r.

Meiler, Auguft: Glauben und Willen. Gefchichte e. inneren
Entwickig. (III, 172 S.) gr. 8°. München, E. Reinhardt
1919. M. 7.20; geb. M. 9.60
Die in Briefen erzählte geiftige Entwicklung Auguft
Meffers ift ein fehr lehrreiches Beifpiel modernen feelifchen
Werdens, überdies ausgezeichnet durch Klarheit, Nüchternheit
, geiftige Reinlichkeit und Strenge des Verfaffers
gegen fich felbft. Es ift der Kampf eines katholifch erzogenen
und katholifch gläubigen Menfchen um Behauptung
und Wiedergewinnung feines Gottesglaubens gegenüber der
modernen Wiffenfchaft. Die letztere tritt ihm, wie das
für die 70er und 80er Jahre felbftverftändlich ift, zunächft
als Naturalismus gegenüber d. h. im allgemeinen als
ein an Darwin und Spencer orientierter kaufalgenetifcher
Evolutionismus, worin ihn fein Lieblingsfach, die Pfycho-
logie, zunächft beftärkt. Aus diefem Zuftande zieht ihn
fein angeborenes ftarkes religiös-ethifches Gefühl zunächft
mit Hilfe des Berkeleyifchen und dann des neukantifchen
Idealismus wieder heraus. Aber er empfindet doch auch
dielen allzufehr als bloßen Subjektivismus, um darin verharren
zu können. Er ftrebt nach einem kritifchen
Realismus und lernt die Werte von der Luft zu unterfcheiden
. Von der Wertlehre aus gelangt er dann auch
zu einer Metaphyfik, in der wenigftens Seele und Freiheit
wiedergewonnen werden, während der Gottesgedanke
felbft dauernd in den Problemen der Theodizee verftrickt
bleibt. Nietzfche hilft ihm zur Freiheit und Beweglichkeit
der Wertbildung. Inhaltlich bleiben feine Werte
die der europäifchen Humanität. Das Religiöfe hat