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Ausgabe:

1921

Spalte:

145-147

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mieses, Matthias

Titel/Untertitel:

Die Gesetze der Schriftgeschichte 1921

Rezensent:

Lidzbarski, Mark

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Theologische Literaturzeitung

Begründet von Emil Schürer und Adolf Harnack

Fortgeführt von Professor D. Arthur TitiuS und Professor D. Hermann Schuster

Jährlich 26 Nrn. Verlag: J. C. Hinrichs'fche Buchhandlung, Leipzig Halbjährlich 18 Mark

Bezugspreife für das Ausland jährlich Fr. 25—; 1 £; $ 5— 1 holl. Gulden 12—; fkandin. Kr. 18 —

, _ _ , __ , Manufkripte und gelehrte Mitteilungen find aus fehl i e ßl i c h an _ . _

46. Jahrg. Nr. lo/14 Profeflbr D. Titiui inGötüngen, Nikolausberger Weg 66, zu fenden. J(Jt Juli 1921

° ' Rezenfionsexemplare ausfchließlich an den Verlag.

Miefes, Die Gefetze der Schriftgefchichte

(Lidzbarski).
Grü tz mac 1) er, Konfuzius-Buddha-Zarathuflra-

Muhammed (Haas).
Rullcrton, Prophecy and Authority (v. Dob-

schütz).

Sulzbach, Targum Scheni zum Buch Efther
(Strack).

Bergmann, Die Legenden der Juden (Bischofl).

Harnack, Studien zur Vulgata des Hebräerbriefs
(Windifch).

Juncker, Die Ethik des Apoftels Paulus (Di-
beliusp

Johann Georg, Herzog zu Sachfen, Monumentale
Reite frühen Chriftentums in Syrien
(Dalman).

Haafe, Die koplifchen Quellen zum Konzil
von Nicäa (Lietzmann).

Väth, Der heilige Thomas der Apoltcl Indiens
(Hennecke).

Kurfeß, Curae Conftantinianae (Koch).

Alt-Konftantinopel (Stuhlfauth).

Kattum, Die Eucharilticlehre des heiligen Bonaventura
(Koch).

Neue Beiträge zur Gefchichte deutfehen Altertums
(Grützmacher).

Schröder, Der moderne Menfch in Erasmus j der Kultur (Derf.)

Jan Ifens Briefe, hrsg. v. Paftor (Mirbt).
Caffirer, Das Erkenntnisproblem in der Phi-
lofophie und Wiffenfchaft der neueren Zeit
(Troeltfch).

VVundt, Die deutfehe Philofophie und ihr

Schickfal (Wendland).
— Vom Geift unfrer Zeit.
Sawicki, Lebensanfchauungcn moderner Denker
(E. W. Mayer).
Radbruch und Tillich, Religionsphilosophie

(Köhler).

Kalkoff, Erasmus, Luther und Friedrich der

Weife (Derf.).
— Ulrich von Hutten und die Reformation (Derf.)
Meifl, Haskalah (Bifchoff).

König, Religionsbankrott (Thimme).
Niebergall ,PraktifcheTheologie(Baumgarten).
Meifter Guntram von Augs bürg, Der König
(Knevels).
Bibliographie.

VIieles, Matthias: Die Gefetze der Schriftgelchichte. Kon-
feffion und Schrift im Leben der Völker. Ein Verfuch.

506 S.) gr. 8°. Wien, W. Braumüller 1919. 28 M.

Die Schrift wollte in ihren erften Anfängen Gefcheh-
niffe und Gedanken unabhängig vom gefprochenen Wort
wiedergeben. Aber bald trat fie in engere Beziehung zur
Sprache, und ihr letztes Ziel war, möglichft einfache Zeichen
für Laute zu bieten. Unter allen Schriftgattungen,
die im Laufe der Gefchichte aufkamen, erfüllte das Alphabet
diefe Aufgabe am beften, daher drängte es faft
alle anderen Schriftarten zurück und verbreitete fich über
die ganze Erde. Sieht man aber nach, wie diefe Verbreitung
ftattgefunden hat, fo findet man, daß fprachliche
und nationale Verhältniffe dabei ohne Irinfluß waren. Völker
in weit auseinander liegenden Gebieten mit ganz verfchie-
denen Sprachen gebrauchen diefelbe Schrift, umgekehrt
werden manchmal auf engem Gebiete von demlelben
Volke mit einheitlicher Sprache verfchiedene Schriften gebraucht
. Die Tataren, die Afghanen, die Malaien, die Somali
und die Senegambier gebrauchen diefelbe arabifche Schrift,
und im kleinen Albanien wird das Albanifche teils mit
griechifcher, teils mit lateinifcher, teils mit arabifcher Schrift
gefchrieben. Sehr lehrreich ift ein kleines Heft, das die
englifche Bibelgefellfchaft als Mufter ihrer Bibelüberfet-
zungen herausgegeben hat. Da finden wir den Versjoh.
3,16 in etwa 300 Sprachen. Es zeigt natürlich eine bunte
Fülle von Schriftarten. Aber wer etwa bei einer Textprobe
aus der Schrift Schlüffe auf die Sprache ziehen
wollte, fleht fich bald getäufcht. Die hebräifche Schrift
z. B. fehen wir wohl für die hebräifche Sprache verwandt
, aber außerdem finden wir Arabifch, Deutfch, Per-
fifch und Spanifch mit hebräifchen Lettern. Die hebräifche
Schrift zeigt uns nur, daß die Lefer Juden find, nicht
aber daß fie hebräifch fprechen. Hier fallen allerdings
Religion und Raffe zufammen, aber wie wir die arabifche
Schrift bei den heterogenften Völkern finden, fo fehen
wir auch die Fraktur bei Völkern verfchiedenfter Raffe
verwandt, die nur das gemein haben, daß fie Proteftan-
ten find. Nicht nur Deutfch, Dänifch und Schwedifch,
fondern auch Slowakifch, Finnifch und Lappifch werden
in Fraktur gedruckt. Ja, für die Bibelgefellfchaft find
Fraktur und Lutheranismus fo eng mit einander verknüpft,

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daß fie für die wenigen lutherifchen Polen in Oftpreußen
i die Bibel polnifch in Fraktur drucken läßt. Daß diefe
Erfcheinung nicht neu ift, kann man fehen, wenn man
i etwa die Handfchriftenfunde aus Turfan mit ihrer Bunt-
> heit an Schriften und Sprachen ins Auge faßt. Nimmt
man ein Schriftftück in die Hand, fo kann man an der
Schrift niemals die Sprache, aber faft immer die Religion des
i Schreibers erkennen. Diefe Erfcheinung und ihre Gründe
behandelte ich in einem Auffatze in den Sitzungsberichten
der Berliner Akademie 1916, p. I2i8ff. im Anfchluß
an eine Untersuchung über«, den Urfprung der manichä-
ifchen Schrift. Denfelben Fragen ift auch Miefes' umfang-
; reiches Buch gewidmet. Meine Arbeit nennt er nicht;
; daß fie ihm unbekannt gewefen fei, ift, da er aus demfel-
; ben Bande der Sitzungsberichte andere Arbeiten anführt
(S. 47**, 62+), fchwer anzunehmen. Er bringt ein umfangreiches
Material zufammen, befonders aus dem Gebiete
des Judentums und der ofteuropäifchen Länder.
Seine engeren Beziehungen zum europäifchen Often find
auch in Sprache und Stil nicht zu verkennen. Auf den
Gebieten, die ich überfehe, zeigt er fich unzuverläffig.
,Die arabifche Schrift differenzierte fich aus dem fyrifchen
durch chriftliche Glaubensboten nach Nordarabien gebrachten
Alphabet bei den dem Chriftentum abtrünnig
gewordenen Stämmen heraus, die dann zur felbftändigen
islamitifchen Abart fich formte' (S. 234). Dies zeigt eine
folche Unkenntnis der Schriftgefchichte Vorderafiens, wie
j man fie bei dem Verfaffer eines dicken Wälzers über die
I Schrift nicht annehmen follte. In allen Fragen, die das
i Judentum betreffen, ift er einfeitig und voreingenommen,
| und er überfchätzt den Einfluß der Juden auf die Verbrei-
| tung der Schrift. Bei den Palmyrenern zeigen fich fchwache
| Einflüffe des Judentums. Daß aber fie oder gar die Na-
• batäer ,halb und halb dem Mofaismus fich näherten'
(S. 228), davon kann keine Rede fein. Die palmyreuifche
! und die nabatäifche Schrift find auch nicht .Sproffen der
! hebräifchenQuadratfchrift'(S.67), fondern die drei Schrift--
; arten gehen getrennt von einander auf die mittelaramäifche
: Schrift zurück. Natürlich will er auch nicht gelten laflen,
j daß die Quadratfchrift nicht von der althebräifchen, fon-
! dern von der aramäifchen Schrift herftammt (S. 229). Die
Behauptung, daß der Schriftcharakter der jüdifchen Papyri

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