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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

140

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Eberhardt, Paul

Titel/Untertitel:

Religionskunde 1921

Rezensent:

Richert, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 11/12.

140

gegenfeitige Befruchtung von Philofophie und Geiftes-
wiffenfchaften in die Wege leiten und eine Fühlungnahme
der einzelnen Geifteswiffenfchaften durch die Erkenntnis
herbeiführen, daß diefelben methodifchen Probleme in
den einzelnen Wiffenfchaften auftauchen. Er umfaßt in
weitem Horizont ebenfo die Kirchengefchichtsfchreibung
wie Kunftgefchichte, Literatur und politifche Gefchichte,
Nationalökomonie und Philologie. — Möchten die fyfte-
matifchen Fortfetzungen diefer Arbeit bald folgen! R.
hat bis jetzt dargetan, daß jede Gefchichtsforfchung, mag
fie es wollen oder nicht, von einer beftimmten Philofophie
und Weltanfchauung getragen wird.
Bafel. J. Wendland.

Liebe, Dr. Reinhard: Die Neugeburt des Chriftentums. Ein

Buch von der Schickfalsfrage des Geiftes der Gegenwart
. (190 S.) gr. 8°. Freiberg i. S., Verlagsanftalt
E. Mauckifch 1920. M. 16 —

Um ein neues Chriftentum im deutfchen Geht fchaffen
zu helfen, unterfucht L. zuerft das Wefen der Religion;
in ihr findet er neben einer von Menfchen erfonnenen
Gedankenwelt eine andere Art, die von einer höheren
Wirklichkeit ausgeht und mit jener Phantaftik wenig Berührung
hat. Diefe höhere Welt ift die des nichtfinnlichen
,Ichs', das das ewige Sein hinter den Erfcheinungen ausmacht
, wie L. in eindrucksvollen Gedankengängen ausführt.
Wo der Menfch zu Welt und Schickfal ,Du' fagt und
damit das höchfte Ich findet, da ift der Kern jener höch-
ften Religion der Gottinnigkeit, der Ichheit, die ihrer
Gottbezogenheit bewußt geworden ift. Von diefer Vor-
ausfetzung aus bietet L. nun eine einzigartige Darftellung
der Geftalt Jefu als des Urbildes vollkommener Ichheit,
in der fein Göttliches enthalten ift; an acht Merkmalen
führt er das aus, die ihr Wefen ausmachen: feelifche Ge-
fchloffenheit, Weltaufgefchloffenheit, feelifche Lebendigkeit.
Urfprünglichkeit, Zielficherheit, Hochgefühl, unperfönliche
Lebensleidenfchaft, Hingabefreudigkeit — alles im Bund mit
der Gottinnigkeit. Im Gegenfatz zu feinem Stifter ftellt
das Chriftentum eine Phantafiereligion dar, well es in zeitgemäßen
Vorftellungen eingekleidet wurde. Diefe ift aber
gegenwärtig tot; aber die Nachfolge Jefu kommt noch
für unfer Gefchlecht in Betracht, und zwar in der Geftalt
des dritten Reiches, eines Kulturchriftentums, das keine
Lehre, fondern eine Praxis für das Leben und die Fort-
fetzung der Einheitskultur des deutfchen Idealismus ift. —
Im zweiten Hauptteil wird diefes Chriftentum auseinandergelegt
, foweit das in Worten möglich ift. Gott ift das
Ich der Welt mit feiner zielficheren und doch zweckvor-
ftellungslofen gleichen Triebkraft voller Liebe, das Heil
liegt nicht da, wo es der Jenfeitsenthufiasmus fucht, fondern
im Ichwerden, mitten in des Lebens Herrlichkeit und
Qual, wobei der ftille Ewigkeitskern in der Seele unbemerkt
wächft. Ihm entfpricht ein rückhaltlofes triebhaftes
Ausfichheraustreten nach der Regel: Werde fertig mit
dir felbft! So wird unter den erlöfenden Einflüffen des
Schickfals, der Kunft, der Natur und gottbegnadeter
Menfchen, das Ich zum Leben entbunden. Unter den
letzteren nimmt Jefus die hervorragendfte, keine ausfchließ-
liche Stellung ein. Das neue Leben der Erlöfung umfaßt
ein neues Gutfein voller Gottbezogenheit, fchöpferifcher
Kraft und unerbittlicher Gewaltfamkeit und bedeutet eine
Aufwärtsentwicklung ohne Ende. Im Gegenfatz zur heutigen
Ichverachtung ift es ein Leben gefteigerter Ichheit,
die aber ihr Ziel, anftatt im Himmel, im Dienen am Ganzen
fucht, ob es nun der Lebenskreis des Staates oder der
der Kirche oder ein anderer ift. Im Geift des nüchternen
Gotteswirklichkeitsfinnes müflen diefe energifchumgeftaltet
werden, damit das Reich Gottes, der letzte Sinn der Welt,
komme, wenn es auch nie auf diefer armen Erde die
Alleinherrfchaft führen wird, weil mit Gottes Macht die
des Teufels wächft. — Das ift der Inhalt des in lebendiger,
oft kräftiger Sprache gefchriebenen bedeutenden Buches,
das mit dem Geift des alten Kultuschriftentums indi-

vidualiftifcher Art glücklich den Marken Einfluß von
Johannes Müller eigenartig vereinigt. Man müßte, foll man
denken, auf diefe Weife wirklich zu einer heilfamen chrift-
lichen Verkündigung kommen, die fernab von alten Frage-
ftellungen wirklich Kräfte für wirkliche Nöte entbinden
kann.

Heidelberg. F. Niebergall.

Bethaniaftunden. Ein Andachtsbuch f. alle Tage d. Jahres,
zufammengeft. aus Betrachtgn. v. Hermann Bauer.
Erfchienen in d. Jahr. 1898—1919 in dem Sonntagsgruß
aus der Brüdergemeine. (393 S.) kl. 8°. Herrnhut,
Miffionsbuchhdlg. 1920. geb. M. 12 —

In dem Bethania genannten Sonntagsblatt der Brüdergemeine
hat Hermann Bauer (f 1919) jahrelang kurze
Sonntagsbetrachtungen veröffentlicht. Eine Auswahl aus
ihnen hat S. Raillard zu diefem Andachtsbuch geftaltet.
Zuweilen ift gekürzt worden, teils des Raumes wegen, teils
um Anfpielungen auf beftimmte Tage zu tilgen. Geblieben
find zahlreiche Hindeutungen aufBefonderheiten der Brüdergemeine
; geblieben ift auch der vielfach ganz perfönliche
Charakter der Ausführungen. Diefe Stellen, wie auch der
Umftand, daß manchmal deutlich zu fpüren ift, wie fich
urfprünglich jede der Andachten auf einen Sonntag bezog
, wird die Benutzung des Buchs als Hausandachtsbuch,
mindeftens außerhalb der Brüdergemeine, ftören. Den
Gebrauch als Privatandachtsbuch braucht nichts zu ftören.
Die Frömmigkeitsart der Brüdergemeine hat in ihm ihren
Niederfchlag gefunden; aber fie zeigt fich in einer fo fri-
fchen, gefunden Ausprägung, daß es jedem Menfchenkind
von heut wohl tun kann. Befonders erfreut die anfchau-
liche Anknüpfung an allerhand Erlebniffe und Gefchich-
ten, bei der doch die große Gefahr des Künftlichen glücklich
vermieden ift. Bauer vertrat ein fehr warmherziges,
dabei aber durchaus nüchternes und überaus praktifches
Chriftentum; und er haßte die überflüffigen Worte. Das
macht diefe Betrachtungen wahrhaft erquicklich.
Gießen. M. Schian.

Eberhardt, Paul: Religionskunde. (XII, 242 S.) gr. 8°.

Gotha, F. A. Perthes A.-G. 1920. M. 12 —

Der Verfaffer rechnet auf viel Widerfpruch. Ganz
gewiß könnte der Religionsforfcher manche Einzelheiten
beftreiten, könnte der Religionsphilofoph die Gefamt-
anfchauung angreifen. Das Buch aber will und muß
religionspädagogifch gewürdigt werden. Und da ift es
größter Beachtung wert, da es von tiefer, innerlicher Liebe
zur Religion in allen ihren Erfcheinungsformen in der
Seele des Lefers religiöfes Erleben vorbereitet. Der Verfaffer
will als zweiten Teil ein Quellenlefebuch folgen
laffen. Wenn diefer vorliegt, haben wir in der Tat ein
lange erfehntes Hilfsmittel für einen religionsgefchichtlichen
Unterricht, der doch Religionsunterricht ift. Daß das Ver-
ftändnis des Buches in ernfter Arbeit errungen fein will,
halte ich mit dem Verf. für einen Vorzug. Nur geiftiges
Ringen um das religiöfe Verftändnis fchützt vor der
feichten Oberflächlichkeit, mit der unfere Gebildeten
Religionsfragen oft erledigen. Ich möchte den Standpunkt
des Verfaffers am beften dadurch charakterifieren, daß
er in dem Geift den Religionen fich nähert, in dem
Keyferling das Reifetagebuch eines Philofophen ge-
fchrieben hat:

Gottes ift der Orient:
Gottes ift der Okzident.
Reichenbach i. Schi. Hans Richert.

Der hl. Augultinus über den Frieden von VerFailles.

De civ. Dei III, 28 fchildert Auguftinus, wie Sulla nach feinem
Siege über Marius ,non iam bello sed ipsa pace saeviente' in Rom häufte.
Dann fchiießt er: ,hace facta sund in pace post bellum, non ut acce-
leraretur obtinenda victoria, sed ne contemnereatur obtenta. Pax cum
bello de crudelitate certavit et vicit. illud enim prostravit armatos ista
nudatos. bellum erat, ut qui feriebatur, si posset, feriret; pax autem,