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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

135-136

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Rickert, Heinrich

Titel/Untertitel:

Die Philosophie des Lebens 1921

Rezensent:

Frischeisen-Köhler, Max

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135

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 11/12.

136

Luther in der Literatur fpäterer Jahrhunderte erfcheint.
Das Buch ift reich an Anregungen und voll wertvoller
Ergebniffe; fchade, daß der Herr Verfaffer uns keinen
Einblick in fein Rüftzeug gibt. Inzwifchen ift der Schlußband
des großen Werkes, betitelt: Luthers Ausgang und
Vermächtnis, angekündigt; hoffentlich können wir bald
auch über ihn an diefer Stelle berichten.

Ilfeld a. H. Ferdinand Cohrs.

Bezzel, Hermann von: Briefe, nebft e. kleinen Anh. v.

Gedichten u. Gedanken hrsg. v. Wilh. Seb. Schmer 1.

Buchfchmuck v. Frdr. Preuß. (334 S. m. Bildnis.)

kl. 8°. Nürnberg, Zeitbücherverlag (1919). Geb. M. 8 —
Der fammelnden und fichtenden Arbeit W. S. Schmerls
verdanken wir diefe Briefe des ehemaligen bayr. Ober-
konf. Präfidenten von Bezzel. Die größere Hälfte flammt
aus feiner Tätigkeit als Rektor der Diakoniffenanftalt
Neuendettelsau (1891—1909), die kleinere aus feiner
Münchener Zeit (1909—1917). Trotz aller Zufälligkeit des
hier Gefammelten — denn die meiften Briefempfänger
fahen in einer Veröffentlichung eine ftarke Beeinträchtigung
, ja Schädigung des ihnen mit diefen Briefen Gewordenen
— kann man fchon jetzt fagen, daß fie einftens
ein wertvolles Material zur rechten Würdigung diefer
einzigartigen Perfönlichkeit bilden werden. Von kirchen-
politifchen Ereigniffen bieten fie nichts; auch in die Leitung
der gerade in jenen Jahren fo ungeheuer gewachfenen
Werke der inneren Miffion gewähren fie keinen Einblick;
ihre Bedeutung liegt auf dem feelforgerlichen Gebiete.
Trotz aller dogmatifchen und konfeffionellen Exklufivität
floß hier ungebrochen ein reicher Strom religiöfen Lebens
— das zog viele in den Bannkreis diefer Perfönlichkeit,
das zieht auch hin zur Lektüre diefer Briefe. Nicht unbeachtet
mögen die „Gedichte und Gedanken" bleiben.
Alfeld. Schornbaum.

Rickert, Heinrich: Die Philofophie des Lebens. Darftellg.
u. Kritik der philofoph. Modeftrömgn. unf. Zeit. (VII,
196 S.) gr. 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1920. M. 12 —;

geb. M. 16 —

Die Hauptthefe diefer Schrift ift, zu zeigen, daß man
beim Philofophieren über das Leben mit dem Leben allein
nicht auskommt. Der Lebensmonismus, wie er in derGegen-
wart ftürmifch gefordert wird, ift ein unhaltbares Unternehmen
. Ob wir das Leben intuitiv erfaffen (Simmel, Dilthey,
Scheler oder) ob wir demWefen des All von den biologifchen
Erfcheinungen aus uns nähern wollen (Nietzfche, Bergfon):
immer müffen wir das Leben, wenn wir philofophierend
es erkennen wollen, zu etwas anderem, das nicht Leben
ift, in Beziehung fetzen. Insbefondere ift die mit der
Lebensphilofophie verbundene Ablehnung des fyftema-
tifchen Denkens und der Verftandesbegriffe als der einzigen
legitimen Mittel, durch welche wir das Wirkliche erfaffen
und darftellen können, verhängnisvoll. Die Hingabe an
das bloße ,Erleben' ift prinzipiell- und formlos. Die Philofophie
des bloßen Lebens kann zwar Ausdruck einer
Lebensftimmung fein, aber zu einem pofitiven Aufbau
vermag fie nicht zu gelangen. Ihre Bedeutung liegt daher
vornehmlich darin, daß fie eine Reaktion gegen einen
einfeitigenRationalismus darftellt. Infofern fie dieBefinnung
auf die anfchauliche und lebendige Unmittelbarkeit des
Lebens fordert, bereitet fie eine Einficht in die Grenzen
des Verftandeswiffens vor. Sie lehrt das Unberechenbare
, das Irrationale fehen, das es doch auch gibt. Sie
bringt dem wiffenfchaftlichen Menfchen neues Material
zur begrifflichen Bearbeitung zum Bewußtfein. Sie hebt
das Individuelle, die fortfch reiten de Entwicklung, den Tatcharakter
des lebendigen Lebens und feine Wertbezogen-
heit hervor. Aber nur, wenn fich die Lebensphilofophie
zur Wertlehre ausgeftaltet, kann fie fruchtbar und pofitiv
werden. Verlieht man nämlich das Wefen der zeitlofen
theoretifchen Wertgeltung, fo wird damit das Prinzip der

reinen Lebensimmanenz durchbrochen und der Weg zu
einer wahren Philofophie des Lebens vorbereitet, die fich
nur auf Grund eines Syftems der Werte erreichen läßt.

Gerade weil Philofophie aus Gründen der Sache es
ftets fchwerer als andere Wiffenfchaften haben wird, ihren
Charakter als Wiffenfchaft zu behaupten, weil zumal die
Intuition jeder Zeit eine gefährliche Einbruchsftelle für
dunkle Erleuchtungen aller Art und der nie erlöfchenden,
mythenbildenden Triebe bezeichnet, dürfte eine fo fcharfe
und temperamentvolle Ermahnung zu logifcher Zucht und
Verantwortlichkeit, wie Rickert fie in feinem Buche gibt,
angebracht und verdienflvoll fein. Fraglich kann allerdings
erfcheinen, ob feine fcharffinnigen Erörterungen das
durch die Lebensphilofophie unferer Tage geftellte Problem
in feinem gefamten Umfang erfaffen und erfchöpfen.
Für das Nähere muß ich hier auf meine ausführlicheren
Bemerkungen in den Kant-Studien, Heft 1/2 1921 verweifen,
in denen ich verfucht habe, die Diskuffion auf etwas breitere
Bafis zu Hellen.

Halle a. S. Max Frifcheifen-Köhler.

Heußner, Dr.Alfred: Ich weiß, an wen ich glaube. Richtlinien
f. einen rehgiöf. Idealismus. Ein Büchlein f.
werdende Menfchen. 2. Aufl. (136 S.) 8°. Berlin-
Dahlem, Burckhardthaus-Verl. 1920. M. 4.50
Materialiftifcher Denkart gegenüber, fei es in profaner
Welterklärung, fei es im dogmatifchen Schema,
vertritt der Verf. einen religiöfen Idealismus, der die Selb-
ftändigkeit und Eigenart des Geiftes gegenüber dem Stoff
beachtet und das Dogma zu verinnerlichen und fittlich
zu vertiefen ftrebt. Von einer fchwungvollen und inhaltlich
vortrefflichen Schilderung wahrhaft proteftantifchen
Verftändniffes des Glaubens führt uns die Darfteilung
über das Thema der Gottesoffenbarung — warum kein
Wort über die Problematik der Gefchichtsoffenbarung? —
zur Frage nach der bleibenden Bedeutung der Bibel, die
unter äfthetifchem Gefichtspunkt — hier hätte noch mehr
gefagt werden müffen — fowie nach ihrem Wahrheitsgehalt
und in fittlicher Hinficht gewertet wird. In würdiger
Auseinanderfetzung mit der Naturwiffenfchaft werden die
kosmifchen Probleme der Weltentftehung und Welterhaltung
— hier Wunder und Gebet — entwickelt. Der
Perfönlichkeit Jefu, den Fragen des Karfreitags und des
ewigen Lebens fowie Taufe — ihre Bedeutung als Gnaden-
zufage hätte fchärfer herausgearbeitet werden müffen —
und Abendmahl find die folgenden Kapitel gewidmet.

Der VerfafTer ift feinem Streben nach Vergeiftigung und Verinner-
lichung nicht immer treu geblieben. Erweckt es einerfeits Befremden,
wie auf fehr unklare Weife nicht nur die materielle Auferftehung Jefu,
fondern fogar das Dogma feines übernatürlichen Eintritts ins Leben verteidigt
werden, fo hat fich Verf. anderieits trotz leiner pfychologifch
vertieften Auflaffung des Kaifretagsgeheimniffes doch juriftifchen Ge-
fichtspunktcn (S. 0,1: .Rechtsllreit'I S. 94: ,Gott ift und bleibt gerecht'l)
nicht entziehen können — Stärkften Bedenken muß des Verf. pragma-
tiftifche Löfung der Wahrheitsfrage in der Religion begegnen (S. 14:
,Wahr ift, was fich bewährt'; S. 36: ,Was uns erhebt und kräftigt, ... das
ift für uns Wahrheit'), wie auch die Frage S. 112: .Kann das lllufion
fein'? bei der fehr blaffen Begründung von Jefu hortleben mit Troft
und Krafterfahrungen, die fehr wohl auch die bloße Erinnerung an
ihn auszuloten vermag, nicht unberechtigt ift. — Ganz unevangelifch
(f. Joh. 9,3!) und die Rätfel des Lebens vergewaltigend ift die Argumentation
:, .Weil diefer Gottesgeift ...'S 49. Unbiblifch ift auch
die dem Text widerlprechende Schematifierung des Gethfemanegebets
S. 55. Für die Auslegung von Mark. 12,17 (S. 70) vgl. Weinel, Bibl.
Theol. d. n. T. 191t, S. H5|l[6. — Warum S. 73 die billige Verwertung
der bloß.n Volksetymologie Gen. 32, 29? Die Behandlung des Jonazeichens
iS. 77) lollte doch vorfichtiger feinl S. 86 ift der Begriff der
xaiaXXayii mißverftanden Warumdenn ,St. Paulus'? (S. 132).

Störend wirken einige Ungenauigkeiten: der für Francke entfeheidende
Bibel pruch war nicht Joh. 20,7, fondern Joh. 20,31 (S. 35); Holbachs
Buch hieß .Syftime de la nature' (S. 45'; dem Satz (S. 65). .Niemals
hatte bisher in Israel eine Einzelperfon Gott als feinen (?) Vater anzureden
gewagt' flehen entgegen Sap. Sal. 14,3 und Jef. Sir. 23,1; der Name
Cyrus begegnet nur 2 Mal in dem betr. Abfchnitt des Jefaja iS. 90)
das Galileiwort beißt: E pur si muovel (S. 105).

Von Möglichkeiten abweichender Auffaffung im Einzelnen
fei hier abgefehen. Mit allem, was hier erinnert