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Ausgabe:

1921

Spalte:

113-114

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Mahnke, Dietrich

Titel/Untertitel:

Das unsichtbare Königreich des deutschen Idealismus 1921

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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H3

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 9/10.

114

Mahnke, Dietrich: Das unfichtbare Königreich des deutfchen
Idealismus. (IV, 71 S.) 8°. Halle a. S., M. Niemeyer
1920. M. 6—

Wundtf, Wilhelm: Die Weltkataltrophe und die deutfche
Philolophie. (Beiträge zur Philofophie des dtfch. Idealismus
. Folge der Beihefte Nr. 6.) (16 S.) 8°. Erfurt,
Keyfer 1920. M. 2.20

Pichler, Privatdoz. Dr. Hans: Volk und Menfchheit. (Beiträge
zur Philofophie des dtfch. Idealismus. Folge der
Beihefte, Nr. 4.) (13 S.) 8°. Erfurt, Keyfer 1920.

M. 2.20

Diefe drei Schriften gehören zu einer erfreulicherweife
rafch anwachfenden Schriftengruppe: Sie werben
angefichts des unermeßlichen Elends, den Krämergeift
und Machtpolitik über die Welt und zumeift über Deutfch-
land gebracht haben, für den deutfchen Idealismus.

Am feurigften die erftgenannte. Das ift ein Buch,
das wir mit herzlicher Freude begrüßen. Strenges und
fcharfes Denken, das fich nichts abmarkten läßt, geht in
ihm einen Bund ein mit warmer Frömmigkeit, Hufferl fche
fublime Geiftigkeit verbindet fich mit Herrmann'fcher
Jefusverehrung. Zunächft wird der Standpunkt des rein
philofophifchen Idealismus klargelegt. Die Idee, die nicht
mit Spinoza als transzendente Wefenheit, fondern kan-
tifch, vielmehr neukantifch, als tranzendentale Norm zu
faffen ift, die nicht ift fondern lediglich gilt, wandelt, wenn
fie gefchaut wird, das Leben in eine unendliche Aufgabe
(Wiffenfchaft, Kunft, Sittlichkeit). Gefchaut, ergriffen
aber wird fie in der Sehnfucht und Macht des Eros, den
religiöfer Sinn als innerfte Triebkraft in Seele und Weltenall
verftehen lernt. Erft wenn fo der philofophifche durch
den religiöfen Idealismus ergänzt ift, hat man eine Geift
und Gemüt gleichmäßig befriedigende Weltanfchauung
gewonnen. Man läßt fich gern von diefen in edler Sprache
vorgetragenen Gedanken anregen und erbauen, kann jedoch
, auch ohne fich kleinlich an Einzelheiten zu reiben,
kritifche Bedenken nicht ganz unterdrücken. Ich glaube
nicht, daß Philofophie fich mit der Gegenüberftellung einer
empirifchen Wirklichkeit, die vom Menfchengeifte mittels
der idealen Formprinzipien in endlofem Prozeß geordnet
und geftaltet wird, und jener rein normativen nicht fub-
ftanziellen Ideen begnügen kann, fondern daß fie immer
von neuem, und zwar von fich aus, nicht erft infolge religiöfen
Anftoßes, die Frage nach dem wahrhaft Wirklichen
aufwerfen wird. Noch weniger aber kann fich Religion
für voll befriedigt erklären durch den Gedanken eines
,ewig werdenden Gottes, der als Weltenfehnfucht und
WeltenfchafTenskraft die Unendlichkeit des irdifchen Lebens
zu dem Ideal feines Liebesftrebens empordrängt', S. 58.
In ihm kann man nicht ruhen. Auch die Myftik, auf die
Verf. fich beruft, hat nicht in ihm (der nicht mehr ift als
Weltfeele) das Ziel des Aufftrebens erblickt, fondern in
dem ewigen Vater, dem Urgrund des Seins, der Sonne,
von welcher die Ideen ausftrahlen.

Die zweite Schrift bringt uns den Schwanengefang
des Neftors der deutfchen Philofophie, W. Wundt; wenige
Tage vor feinem Tode hat er fie feinem Sohne zur Veröffentlichung
übergeben. Sie enthält die eindringliche
Mahnung des greifen Gelehrten an fein Volk und deffen
geiftige Führer, der deutfchen Ethik zu gedenken, die nicht
gleich der bei den Weftmächten herrfchenden Moral (Jeremy
Bentham) den privaten Nutzen, fondern die auf dem
Boden des Gemeinfchaftslebens zu verwirklichende geiftige
Kultur zum Strebeziel hat und am mächtigften von I. G.
Fichte verkündet ift, die, feit einigen Jahrzehnten auch bei
uns bedroht und zurückgedrängt, durch die Not und Er-
fchütterung des verlorenen Krieges zu neuem Leben erweckt
werden kann und muß, wenn es nicht um Deutfch-
lands Zukunft und um die geiftige Kultur Europas
gefchehen fein foll.

Die dritte enthält kluge, abgewogene Bemerkungen
über Nationalismus, Humanitätsideal und Völkerbund,
"nd, f0 fern fie fich von verftiegenen Hoffnungen hält,

fo klar fie es betont, daß nationaler Egoismus nicht nur
nie auszurotten ift, fondern fogar — wenigftens zunächft —
die Grundlage eines erfolgreichen Völkerbundes bilden
muß, bringt fie doch die Bedeutung der Moral für die
Regelung der internationalen Beziehungen zur Geltung
und fetzt fich dafür ein, daß in Deutfchland die alte weltbürgerliche
Gefinnung wieder zu Ehren komme. Hätte,
fo fchließt fie, die Bismarck'fche realiftifche Politik diefen
Geift in fich aufgenommen, ,wir wären vieleicht nicht fo
freundlos in der Welt geblieben, unfere Feinde hätten
uns nicht mit einem deutfchen Gedanken, den wir wegwarfen
, zu Boden gefchlagen'.

Iburg. W. Thimme.

Scherffig, Pfr. Paul: Der lebendige Gott. Vier Vorträge
für Menfchen in Weltanfchauungsnot, im volkskirchlichen
Laienbund zu Leipzig geh. (64 S.) kl. 8°. Leipzig,
Paul Eger 1920. M. 4 —

Dem im Untertitel angedeuteten Zweck entfprechend
entfaltet der Verf. in populär gehaltenen Ausführungen
die chriftliche Gottesanfchauung nach der Richtung des
Wefens Gottes im allgemeinen, fowie feiner Tätigkeit als
Schöpfer, Regierer und Erlöfer. Die Probleme von Immanenz
und Tranfcendenz und der Perfönlichkeit Gottes,
der Kosmologie und Biologie, des Wunders, der menfch-
! liehen Freiheit fowie des Leids werden dabei in großen
Umriffen fkizziert. Anthropologie, Chriftologie und Escha-
tologie fügen fich dem Rahmen der Gottesfrage ein. Sie
ift in richtiger Erkenntnis ihrer primären und entfeheidenden
Bedeutung in der Religion als dominierend behandelt.
So wenig der Verf. im allgemeinen Aufgefchloffenheit
gegenüber kritifcher Verinnerlichung vermiffen läßt, fo
zweifelhaft fcheint es mir, ob Ausführungen wie die über
den Teufel (S. 46) und die Auferftehung (S. 52) gerade
,Menfchen in Weltanfchauungsnot' werden etwas bieten
können! Auch fonft vermißt man mehrfach gedankliche
Schärfe, fo bei der Behandlung des Offenbarungsgedankens
(S. 9/10), die nun einmal ohne religionsgefchichtliche
Orientierung nicht in die Tiefe dringen kann, ferner bei
der Argumentation mit erbaulichen ftatt wiffenfehaftlichen
Gedankengängen in der Gottesfrage (S. 24, 25) an einer
Stelle, die entfcheidend-klare Auseinanderhaltung von
Glaube und Wiffenfchaft erfordert hätte, endlich in den
Ausführungen über Weltende- bezw. Untergang (S.41.42.).

So ftellt auch der Satz: ,lis ift falfch, von der menfchlichen
Perfönlichkeit aus auf die göttliche zu fchließen' (S. 14) die infolge
Mangels an Schärfe fchiefe Formulierung eines methodifchen Notftandes
dar, die Folgerung ,gäbe es keine Sünde, fo gäbe es kein Leid' (S. 39)
eine unbegründete Hyperbel und die Ausführung über den Tod (,Nicht
als ob . . . Leib verwefe' S. 48) eine haltlofe Spekulation. Der Satz über
den Unwert eines unerreichbaren Vorbildes (S. 53) dürfte fich gegen
I jedes Ideal richten laffenl Mißverftanden ift die paulinifche Verl'öhnungs-
lehre (S. 53) 1 S. Weinel: Bibl. Theol. d. N. T. 21913, S. 285! Diewiflen-
fchaftlich indifferente bloße Volksetymologie für den Jahvenamen in
Ex. III, 14 verträgt nicht die gedankliche Beladung, die der Verf. ihr
aufpackt (S. 31), die Etymologien aber für ,Sünde' (S. 45) und ,glauben'
(S. 56) dürften kaum das Placet des Germaniften finden.

Königsberg. Theodor Krueger.

Sallwürk, Ernft von: Ethik in entwickelnder Darfteilung.

(VII, 279 S.) gr. 8°. Langenfalza, Beyer&Söhne 1920.

M.9 —

Nicht die ftrenge gedankliche Gefchloffenheit, die
Seitenwege meidet, und die klare Entfchiedenheit, die
ein kritifches Nein gegen fremde Anfchauungen nicht
fcheut, geben diefem Buch das Gepräge. Der Verf. erweift
fich als Mann vielfeitigfter Bildung, der aus den
mannigfaltigften Orten Belehrung fchöpftc und nur wenige
Autoren ohne irgendeine Anerkennung entläßt. (Selbft für
einen ihm fremden und unverftändlichen Geift wie Nietzfche
findet er die gebührende Bewunderung, obwohl er es
kritifieren muß, daß Nietzfche nicht durch Verfaffung von
Lehrbüchern und Syftemen Überfchwänglichkeiten wie die
Idee des Übermenfchen vermieden habe.) Der Erfolg
diefes Verfahrens ift, daß die Entwicklung des eignen