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Ausgabe:

1921

Spalte:

112

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Reymond, Arnold

Titel/Untertitel:

Pascal et l’apologétique chrétienne 1921

Rezensent:

Bornhausen, Karl

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112

vor 18 Jahren und dann fpäter in meinen Arbeiten über
Paracelfus auf den Theologen Paracelfus hingewiefen und
vor allem feine Lehre vom Reiche Gottes, von dem Inhalte
und der Begründung der fittlichen Forderung Jefu,
vom neuen Menfchen und der neuen Welt, von der Ge-
finnungsgemeinfchaft und dem Gewiffen als individuellem
Lebensideal zu fkizzieren verflicht und vor den Hintergrund
der deutfchen Renaiffance und Reformation ge-
ftellt. Auch ergaben fich mir neue Gefichtspunkte für
die Beurteilung der Gefchichte der Naturwiffenfchaften
der beginnenden Neuzeit. Nun bringt Wilhelm Matthießen
in feinen wertvollen Unterfuchungen eine Fülle neuen
Stoffes, den er aus noch unveröffentlichten Paracelfus-
Handfchriften fchöpft, (vor allem aus dem cod. Pal. germ.
476(Heidelberg), dem wertvollftenManufkripte überhaupt):
Offenbarungsglaube, Religion und Myftizismus, die natürliche
Erkenntnis und ihre Beziehung zur Religion, Erkenntnis
und Wille, Notwendigkeit des Böfen und des
Leidens, Unfreiheit des Willens und deren religiöfe Uberwindung
, die innere Freiheit, das neue Gottesreich oder
der Gottesftaat, vom feiigen Leben, Abendmahlslehre,
Pfychologifches und Pfychiatrifches u. a. Es ift fowohl
für den theologifchen, als auch philofophifchen Paracelfus-
lefer von Bedeutung, die Grundlinien feines religiöfen und
metaphyfifchen Syftems zu kennen, umfomehr, da fich
diefer neue Paracelfus wefentlich von dem ,Alchemiften',
,Natur-Schwärmer' und ,Okkultiften' der meiften alteren
und auch neueren Handbücher unterfcheidet.

Paracelfus will Gott in allem und alles in Gott befitzen und alles
eigene und fremde Tun an den letzten Zufammenhängen und Zielen
orientieren. Alle Naturforfchung und Medizin bringt er damit in Einklang
. Religion ift ihm die höchfte Synthefe. Es gibt natürliche und
übernatürliche Erkenntnis. Eine rein rational-logifche Erkenntnis gibt
es nicht, denn alles rationale Denken ift Schwärmerei und Phantafie.
,Die Natur ift objektiv gegeben.' Nur durch Sehen, Anfchauen, Empirik,
Objekt kann man zur Wahrheit kommen. .Aller Scharffinn der Spekulation
trügt/ Weg vom Buche, hin zur lebendigen Natur! Aber wohl
gemerkt, das einfache Beobachten und Sehen genügt nicht, darum müffen
wir .unterer Weisheit (Vernunft) befehlen', was wir aus der Natur lernen
wollen. Die Weisheit fetzt die Buchftaben der Natur finnvoll zufammen.
Das Buch der Natur und der Arznei heißt ,Sapientia und ohne diefes
Buch kann keiner nichts Fruchtbares ausrichten und das Buch ift
Gott felbft.' Das ,Licht der Natur' (lumen naturae, Auguftin, Bonaventura
, Thomas!) kommt nur aus Gott. Der hl. Geift ift der Anzünder
des lumen naturale. Aus dem .Licht der Natur' kommt die .Illumination,

daß der textus libri naturae verbanden werde........' Ohne Gott

und feine Offenbarung nützt weder Ertahren noch Denken. Wir müffen
darum mit reinem Herzen das Reich Gottes buchen, durch Bitten und
Anklopfen und Lieben. Es ift der Anfang aller Weisheit, Licht von
oben, Glauben und wieder Glauben, das heißt Leben in Gott, das Aufgehen
in feinem Willen, Herzensidealismus. Alle Dinge fallen uns zu
durch die einzige wahre Magie, die in Gott felbft ift. Magie ift
Phyfik, und Phyfik ift ja auch nur wieder Gott. Magie und Kabbala
haben zum Ziel, den inneren Menfchen, den verborgenen Menfchen des
Herzens ffttlich fichtbar zu machen.

Paracelfus ftrebt immer nach innerer Erweckung und Wiedergeburt.
Die Weisheit, das Göttliche, das in uns ift, foll aufbrechen und ins
Blühen kommen: die Wiedergeburt. Nur fo kann man vor Gott bettelten
und nur fo ift die fittliche Einheit mit lieh felbft möglich, die
Seligkeit des frommen Reich Gottes-Bürger. Alles auf der Welt foll
man religiös ausnützen, auch Elend und Jammer, Mangel und Krankheit
. Das ift die reinftc Askefe. Nur muß man lieh immer felbft treu
bleiben. Alterius non fit, <|ui fuus elfc poteft. ,Ein jeder bleibe ein
Fels in feinem Wefen' .... Des Paracelfus Myftik ift gefteigertes reli-
giöfes Erleben, Gefundwerden der Seele, perfönlicher Verkehr mit Gott,
fittliche Herausarbeitung des inneren Menfchen, Regeneration des
Willens, Transmutation und wieder Neufchöpfung, von der er fo oft mit
Wärme redet. Religion ift nicht Wunder, fondern fittlicher Wille und
fitttliche Tat ,ein reines Herz und ein feiles Herz' und Beachtung der
gottgewollten Ordnung der Natur. Wille und Glaube find das-
felbe. Der echte Glaube ift eine Funktion des innerften und letzten
Kerns der Natur. So wie die Alchemie eine Transeiementation ift, eine
Umwandlung von Unedlem in Edles, To muß fich der .Tiermenfch' (der
viehifche Menfch) in den .ewigen Menfchen' wandeln. Wie ift das
möglich? Wenn man in Gottes Willen wandelt, d. h. durch unfer reli-
giöfes Verhalten. Die fittliche Tat ift alles, das Dogma und Theologie
gar nichts. Aber auch das Böfe ift notwendig, und es ift genau fo berechtigt
wie das Gute. ,Not ift, daß Lafter werden und gefchehen, wiewohl
der verflucht wird, durch den fie kommen; jedem wird das offenbart
, wonach feine Liebe geht.' Erlöfen muß jeder Menfch fich felbft.
Auch im Böfen arbeitet fich der fittliche Gehalt eines Menfchen ans
Licht, denn Gutes und Böfes muß herfür. Irrtum und Wahrheit brauchen
fich gegenfeitig. Wir haben eigentlich keinen freien Willen. Er ift ,im

Fleifche' unfrei. Als metaphyfifches und religiöfes Wefen ift der Menfch
frei, je religiöfer, defto mehr. Religion macht frei! Alles, was man aus
dem ganzen Zufammenhange unferer religiöfen Erlebniffe hervorbringt,
ift eigenftes Ich. Gottes Kraft ift überall da, und der Menfch gebraucht
fie je nachdem: gut oder böfe. Unfer Eigenwille ift darum eine Gefahr
, wenn ihn nicht Gott behütet. Diefen Eigenwillen muß man kennen
und ihn zügeln. Nur das ift innere Freiheit, daß man diefes niedrige
Begehren (Wille) befiegt und fich ein freies Herz bewahrt . . Paracelfus
lehnt Sakramente und Sakramentalien ab. Keine Beichte. Im Herzen
follen wir beichten,-denn nur lo kommt die neue Geburt. Jeder fei fein
eigener Vermittler bei Gott. Keine äußerlichen Gebete. In uns muß
! es liegen: ,ein reines Herz und ein feiles Herz'. Das Herz ift unfer
I Bethaus. Dort werde ein .auffteigender Brunnen der Liebe' und Gottes-
! kindfehaft. Das ift die neue Kirche im hl. Geift, aber doch auf feftem
Grunde der Gelinnungsgemeinfchaft und Sündenvergebung. Gott vergibt
nur, wenn wir vergeben. Für Paracelfus entfehwindet die Kirche
nicht ganz im Geiftigen wie bei Sebaftian Franck, fie behält noch akut
Katholifches an fich, das von der auguftinifchen civitas dei und der großen
mittelalterlichen Papftkirche herkommt. Paracelfus blieb zeitlebens
Katholik. Er war vielleicht ihr feltfamfter Romantiker und wunder-
lichfter ,Ketzer', der an Gedanken von der Wiedergeburt fein ganzes Werk
orientierte. Paracelfus verband eigenartig, wie auch ich fchon an anderer
Stelle öfters hervorhob, die geiftige Gefinnungsgemeinfchaft, den verborgenen
und vergrabenen Tempel aller Heiligen, Bekenner und Märtyrer
mit der fichtbaren Heilsanftalt, der Trägerin einer beftimmten Lehre, Ver-
faffung, Kultregel und Disziplin. So denkt er fich die Reichsgotteskirche
, ganz mittelalterlich und auguftinifch und doch innerlich reformiert
ohne Vorbild, romantifch und ideal. Das höchfte Symbol ill das
Abendmahl. Es ift die .Funktion der Wiedergeburt', d. h. das tatwirkende
Sichbewußtwerden der höheren Einheit alles Seins.
Das Walten diefer Zufammenhange in der Natur bildet gewiffermaßen
den Vorhof zur höheren Synthefe in der religiöfen Sphäre. Oder wie
Paracelfus fagt: ,So oft ein Biß der Speife, alfo oft ift Himmel und Erde
in der Hand im felbigen Biffen.' Das Abendmahl ift ihm alfo die
höchfte Synthefe alles Seins, Himmel und Erde leben in der hl. Speife.
Die Hoftie ift ein Mikrokosmos und ein metaphyfifches und doch
phyfifches Symbol.

Es wird nun Aufgabe weiterer Arbeiten fein, religiöles
Erleben und Frömmigkeitsideal, die religiöfen Güter, den
Verkehr des Menfchen mit Gott, die Teilnahme am göttlichen
Sein, die ganze religiöfe Seelenkunde und vor allem
die Mariologie des Paracelfus noch tiefer zu unterfuchen
und auch dogmengefchichtlich neue Gefichtspunkte zu gewinnen
. Manche intereffante Parallele mit Johannes Hus,
Arnos Comenius und den böhmifchen Brüdern (Vgl. deffen
wenig bekannte pänfophifche Schriften und Iraktate in
tfchechifcher Sprache: z. B. das ergreifende .Teftament
der fterbenden Mutter' (1650) u. a. auf die ich fchon öfter
hingewiefen habe), Sebaftian Franck, Hans Denck, vielleicht
auch in einigem Abftande mit Hubmaier, ! letzer,
Grebel, Hermann Ryffwick u. a. wird fich ergeben.
Wien. Franz Strunz.

Revue de Theologie et de Philolbphie. Fondee en 1868. Nouvelle
Serie. Tome VIII. Nr. 35: (Juni—Juli 1920); Reymond, Arnold:
Pascal et l'apologetique chretienne. (S. 93—140) gr. 8°. Laufanne,
Bureau de la redaction 30 rue d'etraz (1920). Fr. 3—; jährl. 15 —
Der Auffatz behandelt Pascals Vernich, die chriftliche Apologetik
an der Grenze des Rationalismus zu fichem und weift auf ähnliche
aktuelle Möglichkeiten hin. Doch geht er im Wefentlichen nicht über
das hinaus, was durch die Pascalforfchung der letzten Jahre (Strowski)
bekannt war. Verwunderlich ift die Nichtberückfichtigung der deutfchen
neueften Pascalarbeiten, vor allem von M. Laros. ,Das Glaubensproblem
bei P.' 1918 (rec. ThLZ 1919, 251), das als modem-katholifche Wendung
des Gegenftands Berückfichtigung verdient hätte.

Marburg. Born häufen.

Lager, Domkapit. Dr.: Die Kirchen und klöfterlichenGenorienTchaften
Triers vor der Säkularifation. Nach den Aufz eichngn. v. Fr.
Tob. Müller u. anderen Quellen bearb. Trier, f. Lintz (1920). (IV,
263 S.) 80. m. 7 —

Lager laßt in einem Buche zufammen, was von ihm früher fchon
in einzelnen Nummern des Abendblatts der Tricrifchen Landeszeitung
veröffentlicht worden ift. Es handelt fich um eine teils vereinfachende,
teils erweiternde Bearbeitung der Nachrichtenfammlung, die der Pfarrer
Müller von Longuich unterhalb Trier (geft. 1827 im 75. Jahre) mit viel
Fleiß und wenig Kritik angelegt hat. Neben den Kirchen und Klöftern
der Stadt Trier find die im Umkreife einer Stunde liegenden berückfichtigt.
Belege fehlen, eine durchgreifende Nachprüfung der Notizen ift unterblieben
, Anfätze dazu verraten öfters Unficherheit (S. 50 mit Anm. 2,
S. 222 Anm. 1, S. 229 Anm. 1). Einige ungedruckte Urkunden find gelegentlich
herangezogen; aber man merkt auch da, daß das lehr ungleichmäßig
aufgebaute Buch nicht der Forfchung dienen foll.

Gießen. F. Vigener.