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Ausgabe:

1921

Spalte:

110-112

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Theophrast v. Hohenheim genannt Paracelsus 1921

Rezensent:

Strunz, Franz

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 9/10.

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den Wert eines Beweifes gegeben und damit die Bedeutung
, die das religiöfe Erleben im 19. Jhd. hatte. Hat es
aber Beweiskraft, fo wird damit die Vorftellung unvereinbar
, daß es fich um weiter nichts als .Vergewifierung'
(eines objektiven Tatbeftandes) handelt.

Eine Auseinanderfetzung mit P.s beachtenswerten
Unterfuchungen ift hier nicht möglich. Seinen Ausführungen
über die Gottesgewißheit und Schriftautorität kann
ich weithin folgen. Zweifelhaft bleibt mir aber, was er über
den deus abfconditus fagt, den er der natürlichen Theologie
zuzählt, vor allem aber, um das Wichtigfte zu ftreifen,
ob wirklich das Chriftuserlebnis pfychologifch richtig erfaßt
ift und alfo jener breite Riß zwifchen Erleben und
theologifcher Formulierung befteht, den P. fleht. Wenn
nur in der Rechtfertigung erfahren wird, wie Gott ift, fo
ift dies auch pfychologifch mehr als eine .Vergewifierung'
des Heils, die ohnehin entwicklungsgefchichtlich an zweiter
Stelle fteht. Rechtfertigung und Offenbarung gehören zu
einander, alfo Erleben und Offenbarung. Ift das zutreffend,
fo handelt es fich im Chriftuserlebnis um mehr als bloß
um Vergewifierung. Die Kluft liegt dann zwifchen dem
alten und neuen Offenbarungsbegriff. Doch ich enthalte
mich um fo lieber weiterer Bemerkungen als P.s Unterfuchungen
eingehende Erörterungen verdienen.
Tübingen. Scheel.

Zwingliana. Mitteilungen zur Gefchichte Zwingiis und der
Reformation, herausg. vom Zwingliverein in Zürich.
1920, Nr. 1 (Bd. III, Nr. 15) (S. 478—508) gr. 8". Zürich,
Berichthaus. M. (fr.) 1 —

Wichtig ift die von W. Wuhrmann bearbeitete
Bibliographie des Züricher Reformationsjubiläums 1919,
die mit ihrer ftaunenswerten Fülle von Arbeiten über
Zwingli und fein Werk die Freude der Schweizer an
ihrem Reformator klar bekundet und von künftigen
Forfchern dankbar benützt werden wird. Ob eine ähnliche
Biographie über das deutfche Reformationsjubiläum
1917 möglich wäre, ift wegen ihres mutmaßlichen Umfanges
zweifelhaft, aber erwünfcht wäre fie .ficher. Jofeph Th.
Müller zeigt, wie der aus Breslau vertriebene Mönch
Joh. Zeifing mit feinem Genoffen, dem Liederdichter
Michael Weiße, für Zwingiis Abendmahlslehre in Mähren
und im Kreife der Brüderunität wirkte, wogegen fich
Br. Lukas in einem von Müller mitgeteilten erregten
Schreiben wandte. R. Hoppeler gibt Beiträge zur
Bibliographie des Embracher Probfts Heinr. Bremwald,
der fich früh Zwingli anschloß, und dazu ein, leider erft
von 1819 flammendes Bild von Einbrach. F. Jecklin
zeigt, wie fcharf Zwingiis Freund Martin Seger von Maienfeld
von dem gleichnamigen Vogt von Hohentrins zu
Tamins zu unterfcbeiden ift. W. Köhler behandelt die
von Bucer am 19. Dez. 1530 an Zwingli gefchickte Schrift des
damals Kaifer und Papft fehr abgeneigten Humaniften
Jakob Ziegler mit dem von deffen Amanuenfis Martin
Richter gezeichneten Spottbild, von dem ein Abdruck
beigegeben ift. J.Pfifter weift ausBullingersHandexemplar
der erften Ausgabe von Tertullian nach, wie genau Bullinger
das Buch gelefen und Tertullian in feiner erften
pfeudonymen Schrift vielfach benützt hat. K. Gauß'
ergänzt eine Lücke in Val. Boltz Leben durch Nachweis
feiner Dienfte im Züricher Gebiet und im Glarnerland.
Ungefchickt ift der Mangel einer Angabe, woher der Ab-
fchied vom 13. Sept. 1541 flammt, nämlich aus Stuttgart.
Vgl. ZGOR. N. F. 14, 194 ff Zu beachten ift, daß fchon
B. Friedrich von Konftanz 1435 in feinen Diözefanftatuten
die Anlegung von Taufbüchern forderte, was aber nicht
befolgt wurde, und daß, wie Egli fchon für Zwingli nachwies
, die geiftliche Verwandtfchaft im Eherecht dazu
Anlaß gab. Über .Prophetie' in Emden berichtet auf Grund
der Kirchenratsprotokolle E. Kochs und zeigt, daß fie
mit der Züricher Prophezei nur den Namen gemein
hatte und an eine Anordnung Joh. aLascos für feine nieder-
ländifche Flüchtlingsgemeinde in London anknüpfte, aber

nicht lange lebensfähig war, obwohl fie ein Mittel der Vertiefung
der Gemeinde in die Schrift und ein Gegengewicht
gegen fektiererifche und häretifche Spannung in der Gemeinde
war. Die kleine Arbeit verdient Beachtung im
Kreis der praktifchen Theologen.

Stuttgart. G. Boffert.

Tagebuchaufzeichnungen des Regensburger Weihbilchofs Dr.
Peter Krafft von 1500—1530. Hrsg. von Dr. Kar
Schottenloher. (Reformationsgefchichtl. Studien u.
Texte, Heft 37) (VIII, 71 S. u. 1 Abb.) gr. 8°. Münfter
i. W., Afchendorff 1920. M. 6 —

Der Regensburger Weihbifchof Peter Krafft hat ein
Exemplar des von Joh. Stöffler und Jakob Pflaum 1499
gedruckten lat. Almanachs zu kurzen Aufzeichnungen während
feiner weihbifchöflichen Tätigkeit 1500—1530 benutzt
. Bei feiner Stellung könnte man manchen wichtigen
Beitrag zur Gefchichte der Reformation — man
denke nur an die Regensburger Verhandlungen 1524 —
erwarten. Davon finden wir aber nichts; er berichtet vielmehr
über feine Reifen zur Weihe von Kirchen und Klö-
ftern, über mancherlei Perfönlichkeiten feiner Umgebung,
über kriegerifche Ereigniffe in der Nähe feines Bifchofs-
fitzes, über Wetter, Schnee und Regen; auch vergißt er
nicht anzugeben, wenn eine neue Magd von ihm gedingt
wurde. Was zunächfl merkwürdig erfcheint, wird begreiflich
, wenn man hört, daß er fogar die Reformverfuche
der in Regensburg verfammelten kath. Fürften bekämpfte
und es bedauerte, daß die Vornahme kirchl. Weihehandlungen
umfonft vorgenommen werden follte. Sein Auge
war nicht nur blind für die Schäden des kirchl. Lebens;
er hatte auch nicht das geringfte Verftändnis für die gei-
ftigen Bewegungen feiner Zeit. Ein gutmütiger Charakter
— er konnte fich freuen über die Vögel —, der aber über
das Mittelmaß nicht hinausragte. Bei diefer Sachlage
erhebt fich doch die Frage, ob der Abdruck famt der
mühevollen Interpretierung gerechtfertigt ift; was der
Herausgeber auf S. 1 anführt, genügt doch nicht ganz.

Die Kommentierung der manchmal fchwer zu entziffernden
, fehr flüchtig hingeworfenen Aufzeichnungen
des auch nicht immer das befte Latein fchreibenden Weih-
bifchofs verdient alles Lob. Alle Rätfei zu löfen, war
natürlich nicht möglich. Auf die Einleitung, in der alles
über fein Leben Bekannte zufammengeftellt ift, und die
wichtigen Urkundenbeilagen fei befonders aufmerkfam
gemacht.

Alfeld. Schornbaum.

Matt hießen, Wilh.: Die Form des religiöfen Verhaltens bei
Theophratt v. Hohenheim, gen. Paracelfus. (Diff, Bonn)
(X, 53 S.) 80. Düffeldorf 1917.
Theophraft von Hohenheim genannt Paracelfus. Sieben theol.
Abhandlgn. Nach d. Handfchriften zum erften Male
veröffentl. u. übertragen. (Sonderabdruck aus d.Monats-
fchrift ,Theofophie'). (39S.)gr. 8°. Leipzig, Theofoph.
Verlagshaus. M. 4 —

— Zehn theolog. Abhandlgn. Nach cod. Pal. germ.
476 zum erften Male hrsg. v. W. M. (S.-A. aus Archiv
f. Ref.-Gefch. 1917.) (S. 81—122) 8<>. Leipzig, M.Hein-
fius Nachf. Einzeln nicht käuflich.
Man hat den Theologen Paracelfus erft fpät entdeckt.
Das religiöfe Element in feinen Schriften ift von den
meiften Biographen und Herausgebern gänzlich verkannt
oder beften Falls durch Theofophie und Okkultismus erfetzt
worden. Beides hat aber mit dem hiftorifchen Paracelfus
nichts zu tun. Karl Sudhoff's grundlegende For-
fchungen brachten das erftemal neue Einblicke in den
wirklichen Paracelfus, ganz neue Materialien wurden zu
Tage gefördert und es zeigte fich, daß der große Arzt
und Naturforfcher in ,ftaunenswerter Weife fehr weit auseinander
liegende Gebiete menfchlichen Denkens und
Forfchens zu durchmeffen beftrebt war.' Ich habe fchon