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Ausgabe:

1921

Spalte:

86-88

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Müller, Alphons Viktor

Titel/Untertitel:

Agostino Favaroni (†1443) e la teologia di Lutero. Bilychnis. Anno III, fasc. VI 1921

Rezensent:

Kattenbusch, Ferdinand

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8s ,

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Lodovico l'afchetto in Rom und D. G. Whittinghill (,per
l'eftero', alfo vermutlich für alles .Nichtitalienifche' darin)
ebenfalls in Rom. Der Titel, verfinnbildlicht durch ein
farbiges Bild über ihm, das auf jedem Heftumfchlage
wiederkehrt und eine antike Lampe mit zwei Flammen i
zeigt, wird fich etwa deuten laffen auf ,Glauben und
Wiffen' oder .Zeitliches und Ewiges', oder ähnlich. Die j
Ztitfchrift ift gedacht als Vertreterin des Chriftentums in
der modernen Welt, vergleichbar etwa unferer .Chriftlichen !
Welt'. Sie ift nicht interkonfeffionell, aber auch nicht
in befonderer Betonung proteftantilch. Dem päpftlichen
Katholizismus begegnet fie (loweit ich fehe)mindeftens mit j
Ablehnung, fowohl deffen, was da Seelenherrfchaft und
enges Dogma ift, als was politifche Anfprüche darfteilt.
Doch rechnet fie offenbar — und kann in Italien ja auch
kaum anders, wenn fie als ,Rivifta' wirklich weite Kreife !
erreichen will — auch auf katholifche Lefer. Es gibt in
Italien zweifellos katholifche Kreife, die innerlich erfchloffen
find für alle geiftigen Intereffen des 20. Jahrhunderts, gerade
dabei aber die religiöfen lebendig mitempfinden.
Die Moderniften, ein Fogazzaro u. a. find nur relativ dafür
charakteriftifch, da fie noch allzuweit .kirchlich' gebunden
find, nicht fo fehr in ihren Gedanken, als ihrer 1
Stimmung. Ohne dem bewußten gefchichtlichen Brote- j
ftantismus zugewandt zu fein, gibt es daneben folche j
Katholiken, die gern .Chriften' bleiben oder (wieder) werden j
möchten, ohne daß fie lieh von der freien, alle Probleme
anerkennenden Wiffenfchaft entfernen wollten. Und auf
folche katholifche Kreife Italiens ift die Bilychnis offenbar
mit eingeftellt. Ich entnahm fchon einem Auffatz von

E. Platzhoff über das Italien von heute, fpeziell dasje- |
nige während und mehr noch nach dem Kriege (,Von
ausländifchen Kirchen', 2. Italien, Chriftl. Welt 1920, Nr. I
16u. 18), daß die Zeitfchrift von den Baptiften herausgegeben
bzw. getragen wird. Sachlich bemerkbar ift das 1
kaum. Doch kann ich nur über eine Anzahl Hefte aus 1920
nach eigener Kenntnis der Bilychnis urteilen. Bemerkenswert
darin erfchien mir, um das nicht zu verfchweigen, |
auch das lebhafte .foziale' Intereffe, will heißen: das In-
tereffe an der italienifchen Form des Sozialismus und den
ethifchen Belangen des Sozialismus überhaupt.

Das Programm der Bilychnis verheißt Artikel zur
biblifchen Kritik, der Kirchen- und allgemeinen Religions-
gefchichte, ferner zur Religionsphilofophie und Ethik, aber
auch zur Pfychologie und Pädagogik; dazu Berichte über
«die Arten von ,queftioni vive', fpeziell alle modernen
.Stömungen' (correnti) des religiöfen Lebens in Italien
e all' eftero. So bringt jede Nummer zuerft einige größere
Artikel. Z. B. im April 1920 eine Art von Brief (von
G. Luzzi) ,A uno ftudente del fecolo XX' über die Frage
,Ift es noch möglich ein Chrift zu fein?', daneben (von

F. Momigliano) einen Auffatz über J' momenti del pensiero
italiano, d. h. über die Ideen der italienifchen Renaiffance-
Philofophen, ferner aber auch (von P. Arcari) über die reli-
giöfeMalereiE.Burnands:Hier eine Anzahl recht guter Holz-
Ich nitte. Es folgen in den meiften Nummern kleinere
Auffätze, .Gedanken und Bemerkungen' könnte man die
Rubrik überfchreiben. Z. B. in der Juli-Nummer eine
Nachbildung von 1. Cor. 13 (von W. Raufchenbufch: ,La
preghiera d' amore di S. Paolo') in Sätzen, die den Reichtum
, die Macht, die Standesunterfchiede meffen an der
Liebe, mit dem Schluffe: Ora dunque reftano 1' onore, la
giuftizia e l'amore, tre grandi cofe: e la piü grande e
l'amore. Ferner Skizzen über Matthias Flacius (von
V. Maruffi) und über Theodor Roofevelt (von A. Cervefato).
Unter der Überfchrift .Cronache' treffen wir z. B. (von
Q. Tofatti) einen Bericht über den Vatikan und Polen j
bzw. Irland (Sept.), fowie Frankreich (Juli u. Okt.) hier auch j
über die von Frankreich gefchürten, von ultramontanen [
Kreifen getragenen Verfelbftändigungstendenzen in unferen I
Rheinlanden. Kurze Notizen über neuefte literarifche
Erfcheinungen machen den Schluß der Hefte. Auch |
deutfehe Schriften (ziemlich wahllos) find daberückfichtigt. j

Es ift mir nicht möglich, weiteres Einzelne zu nennen;
Ich kann nur bezeugen, daß die Zeitfchrift wirklich fehr
inhaltreich ift, im Tone durchaus fachlich und vornehm,
im Kriege waren die italienifchen Proteftanten, wie Platzholf
mitteilt, und wir von den Waldenfern fpeziell mit Schmer/,
öfters bemerkten, fehr nationaliltifch und auch wider uns
Reichsdeutfche. Doch habe ich die Jahrgänge der Bilychnis
jener Zeit nicht kennen gelernt. Von eigentlicher
Bedeutfamkeit ift mir kein Artikel in den Nummern, die
ich oben vor mir hatte, erfchienen. Aber auch keiner,
den ich in umgekehrter Weife beurteilen würde. Die Zeitfchrift
fleht den beften ähnlichen Blättern anderer Länder
nicht nach.

Halle. F. Kattenbufch.

Müller, Alphona Viktor: Agottino Favaroni (-H443) e la
teologia di Lutero. Bilychnis, III, fafc. VI (Juni 1914;.
— G. Perez di Valenza e la teologia di Lutero. Bilychnis
IX fafc. V/VI (Mai/Juni 1920). Beide auch feparat
zu haben.

Von den Artikeln hiltorifcher Art in der Bilychnis
dürfen diefe beiden, die durch ihren fpezififch wiffenfehaft-
lichen. gelehrten Charakter in einer Zeitfchrift, die doch
nicht für theologifche Fachforfchungen beftimmt ift,
auffallen, um fo ficherer erwarten, in Deutfchland beachtet
und von den Lutherforfchern ernftlich berückfichtigt zu
werden. Sie gehören in die Reihe von Veröffentlichungen,
durch welche Müller zeigen zu können meint, daß Luther
nur in relativem Maße ein religiöfer .Neuerer' gewefen
fei. Luther fei in feinen eigentlichen Grundgedanken nur
der Fortführer auguftinifcberTradition; durch das ganze
Mittelalter hindurch habe fich folche Tradition erhalten;
es habe recht eigentlich eine ".auguftinifche Schule,
gegeben, von der Luther nach aller Wahrfcheinlichkeit
direkte Einflüffe erfahren habe, und der er durch feine
Entfchloffenheit und Fertigkeit endlich fo großen Erfolg
gefichert habe, daß ein wefentlicher Teil der Chriften-
heit zum Evangelium wieder zurückgekehrt fei. Müller
war ehedem Dominikaner und lebt jetzt, mit einer Italienerin
verheiratet, feit Jahren in Rom. Er machte zuerft Auf-
fehen durch feine fcharffinnigen und gelehrten Widerlegungen
vieler Thefen Denifles und Grifars (1912). Sein
letztes Buch .Luthers Werdegang bis zum Turmerlebnis
(1920), eine Auseinanderfetzung hauptfächlich mit Scheel,
brachte eine vorläufige Zufammenfaffung feiner Studien.
Ich habe diefes Buch alsbald nach feinem Erfcheinen in
einem kleinen Auffatz in .Lutherana' II (Theol. Stud. u.
Krit. 1919, 3.(4. Heft, herausgeg. 1920) mit der Überfchrift
,Zu Luthers Entwicklung' (dazu ein Nachtrag, ebenda,
,Das Turmerlebnis Luthers'] beleuchtet und bin ihm in
wefentlichen Beziehungen zur Seite getreten. Ich möchte
auf die entfeheidende Frage, die ich dort noch zurück-
ftellte, doch hier nun in der Kürze eingehen. Umfomehr,
als einige Gefahr ift, daß Müller da größere Zuftimmung
findet, als der Lutherkenner berechtigt heißen kann. In
der Bilychnis (Sept. 1920, S. 230—38) trifft man eine
ausführliche, in der Tat allzuweit zuftimmende Anzeige
diefes letzten (wie ich auch hier hervorhebe, fchönen und
lehrreichen) Buches von Müller. (Mario Roffi überfchreibt
den Auffatz a. a. O. in wörtlicher Wiedergabe des
Müllei 'fchen Titels mit La formazione di Lutero fino all'
>efperienza della Torre<). Müller hat, wie mich dünkt,
bewiefen, daß es eine Auguftinusfchule im Mittelalter gegeben
hat. Die beiden Auffätze; die ich oben notiert
habe, find weitere Verftärkungen deffen, was er fchon
dargetan hatte. Es handelt fich in ihnen um weithin
bekannte Männer, Angehörige des Auguftinerordens; Favaroni
war Italiener, Perez Spanier, letzterer (f 1490) etwas
jünger als jener. Müller bringt Sätze über die Hauptbe
griffe, auf denen fich die Lehre von der juftificatio erbaut
(Sünde, als Erbe, Tat, Habitus; Gnade, Verdienft, Glaube,
Gerechtigkeit, Genugtuung Chrifti, Sakrament, Freiheit
des Willens, Gefetz und Evangelium, Vorherbeftimmung