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Ausgabe:

1921

Spalte:

63

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thieme, Karl

Titel/Untertitel:

Religion und Sittlichkeit 1921

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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6.3

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Zillel, Edgar: Die Geniereligion. Ein kritifcher Verbuch
über das moderne Perfönlichkeitsideal mit einer hi-
ftorifchen Begründung. Erfter, kritifcher Band. (200 1
S.) gr. 8°. Wien, W. Braumüller. M. 8 —

Das Buch ift zunächft eine kritifche Auseinander-
fetzung mit dem modernen Geniekultus. Der Verf. fucht j
zu zeigen, wie diefer Geniekultus den Charakter eines
eigenartigen religiöfen Glaubens trägt mit eigenen Dogmen
, eigener Andacht.sftimniung, auch eigener Priefter-
fchaft. Die fehr fcharfe kritifche Abrechnung mit diefen
Auswüchfen des modernen Kultus der Perfönlichkeit I
wächft fich aber aus zu einer Kritik der gefamten Ein- j
ftellung auf Perfönlichkeitskultur, wie fie feit den Zeiten
der Renaiffance in unferer geiftigen Orientierung die i
Puhrung an fich geriffen hat, und ftellt dem gegenüber j
die auf alles Perfonaliftifche verzichtende Orientierung
einfach an der fachlichen Forderung. Sicher litt unfere
.Perfönlichkeitskultur' an einer ftarken Einfeitigkeit. Ihr
Kritiker tut es aber in feinem Teil nicht minder. Und !
fo ftellt fich bei ihm als bloßer Gegenfatz gegen einander, !
was einem weniger nur polemifch orientierten Verftändnis
als die beiden Seiten der ganzen Wahrheit erfcheint,
deren rechtes Verhältnis zu einander gegen das einfeitige
Perfönlichkeitsgerede feftzuftellen fein würde. Diefelbe
einfeitige Neigung zu fchroffen Scheidungen führt ihn
fchließlich dazu, alle und jede Verbindung zwifchen der
Welt des Seins und dem Sollen aufzuheben; es foll das
Beides in unferer geiftigen Orientierung ohne alle Beziehung
einfach nebeneinander ftehen. Wird dadurch aber
nicht das Sollen um all feinen vernünftigen Sinn gebracht,
wenn es fo garnichts foll in die Beurteilung des Seienden
hineinzureden haben und wenn unbekümmert um alles
Sollen die Welt des Seins fo ift, wie fie nun einmal ift,
und dabei hat es fein Bewenden? Ift da nicht die unvermeidliche
Konfequenz ein geiftiger Illufionismus, da
das Sollen vor dem Sein die Segel ftreicht?

Herrnhut. Th. Steinmann.

Thieme. I'rof. D. Karl: Religion und Sittlichkeit Vortrag im Volks-
kirchliclien I.aicnbund zu Leipzig. (16 S.) 8". Leipzig, P. E^er 1920.

M. 1 —

Verf. zeigt, daß eine naturwifl'enfchaftliche Begründung der Sittlichkeit
, wie fie der Monismus fordert, unmöglich ift. Er entwickelt fodann
am kleinen Katechismus Luthers, wie der chriftliche ({ffenbarungsglaubc
chriftliche Moral hervortreibt, wobei eine ideale, fpezififch Luther'fche
(etwa in der Erklärung des 2. Artikels und der 5. Bitte zum Ausdruck
kommende) Ableitung neben einer gröberen, volkstümlich pädagogifchen
(wie fie das erfte Hauptftück bcherrfcht) hergeht. Er fetzt ferner auseinander
, daß wenn ein Menfch ernfthait an Gott, den VaterJefuChrifti, und
ein ewiges Leben glaubt, die fittlichen Wirkungen fich nicht nur von
felbft ergeben, fondern eine normalerwcife fonft nicht erreichbare Höhenlage
einnehmen. Schließlich entläßt er den Lefer ein wenig verwundert
und weitere Aufklärung wünfehend mit den Sätzen: ,Wir entfeheiden
uns., für die Möglichkeit. Moral zu begründen aus dem felbftändigen
Gewifi'en und der fittlichen Entwicklungsgefchichte. Aber es ift dem
felbftändigen Gewifien nicht wohl bei feiner Selbftändigkeit. Es gibt
fie auf im Glauben an die moralifche Weltordnung, im Gefühl der Zugehörigkeit
zu einer überlinnlichen Welt. Das Gefühl der Zugehörigkeit
zu einer überfinnlichen Welt der verwirklichten Ideale ift . . Religion.'
Iburg. W. Thirame.

Stephan, Prof. D. Horft: Glaubenslehre. Der evangel. Glaube
u. feine Weltanfchauung. (Sammig. Töpelmann, I.
Gruppe, Bd. 3). 1. u. 2. Liefg. (212 S). gr. 8°. Gießen
A. Töpelmann 1920. M. 10—

Diefe neue Glaubenslehre ,ringt um das Ziel eine wirkliche
Glaubenslehre' zu bieten, welche ,die gefchichtliche
Art unfres Glaubens mit dem religiöfen Pirleben und den
Frageftellungen der Gegenwart noch kräftiger verwebt'
und .dadurch zugleich mit der Eigenart die Weltweitheit
und Fruchtbarkeit des ev. Glaubens noch deutlicher zeigt', j
Daher Erfatz .aller äußeren Bindung durch die innere,
die in ftets erneutem Rückgang auf den lebendigen Glauben
liegt' und ,der bloß theoretifchen Befchäftigung mit modernen
Gedanken durch innere Auseinanderfetzung mit den
Bedürfniffen der Gegenwart'. Dazu ift in formaler Hinficht I
erforderlich ,ein fcharfes Hervortreten des organifchen Zu-

fammenhangs des Stoffs durch eine beffere Gruppierung'.

Der aufmerkfame Lefer wird dem Verfaffer gerne bezeugen
, daß er fich diefes ihm vorfchwebende Ideal bei
der Ausführung ftets gegenwärtig gehalten hat. Das Wort
AI. Schweizers trifft ihn nicht ,Unfre Väter haben ihren
Glauben bekannt; wir mühen uns, ihre Bekenntniffe zu
glauben'. Sachliche Belehrung im Sinne einer .glaubbaren
Glaubenslehre' wird man reichlich finden. Herausgehoben
feien etwa die Abfchnitte über das Heilsziel und die Auf-
faffung der Heilsbedürftigkeit, die Heilsvermittlung durch
den h. Geift, das Wort als Gnadennlittel. Auf die Herausarbeitung
des bildhaften Charakters der Glaubensausfagen
ift überall viel Sorgfalt verwendet und dadurch dem In-
tereffe des wirklichen Glaubens gedient. Ob dabei in
allen Fällen die trotzdem erreichbare Beftimmtheit der
Glaubensfätze erreicht ift? Z. B. bei Schuld im Verhältnis
zur Sünde, Bedeutung der Gefchichte für den Glauben
an Chriftus (vgl. S. 47 mit 137), Werk Chrifti, Glaube
und Rechtfertigung. Daß dieBegriffe .rational und irrational'
eine fchärfere Prägung und gleichmäßigere Verwendung
finden dürften (30. 36. 68 110. u. a.), hat der Verf. in dem
am Schluß gegebenen Vorwort feibft ausgefprochen.

Sehr wichtig ift ihm die fachgemäße Einteilung des
Stoffs: Wefen des Glaubens, die ev. Glaubenserkenntnis,
die ev. Weltanfchauung. Die bewußte und ausführliche
Voranftellung des ev. Glaubensbegriffs werden viele als
wirklichen Fortfehritt empfinden; wohl ebenfoviele die Einteilung
der Glaubenserkenntnis in Gottes-und Heilserkenntnis
beanftanden, zumal fie in dem Schlußwort preisgegeben wird ,
und in dem Abfchnitt ,die innere Einheit der ev. Glaubenserkenntnis
' nicht gegen das Motiv, aber die Ausführung vielleicht
Bedenken haben. Die Behandlung der apologetifchen
Hauptfragen nach der eigentlichen Glaubenslehre im dritten
Teil des Werkes unter dem Titel ,die ev. Weltanfchauung,
wird zu erneuter Erwägung des Verhältniffes von Apologetik
und Dogmatik anregen und mag manches für fich
haben, wenn auch eine reftlofe Trennung nie gelingen
kann (vgl. § 6 ,die Begründung des Glaubens' fchon innerhalb
der Glaubenslehre, aber auch § II, 16. u. a.). Jedenfalls
enthält diefer dritte Teil ,über die Welt der Religion,
des Geiftes, der Natur,' fachlich befonders viel Eigenes
und Beachtenswertes in allen drei Abfchnitten. Wenn
fich dementfpiechend hier auch Widerfpruch oder doch
Zweifel regt (z. B. betr. der .philofophinhen Religion'
233 fr. oder der Verwendung der Begriffe .Offenbarung'
.Erlöfung' .Neufchöpfung' V III u. 264 ff.), fo vergeffe man
nicht, daß der H. Verf. felbft neben aller Beftimmtheit
im Zentrum des Glaubens von .leifeni Taften
und Ringen' redet, und daß eben deswegen in unfrei
gährenden Gegenwart ihm mancher Werdende dafür befonders
dankbar fein wird. Und wenn er fich im fteten
Rückgang auf den lebendigen Glauben auf der Linie
Schleiermacher—Ritfehl—Herrmann weiß, fo darf er die
Anerkennung fordern, daß er ernftlich bemüht war, von
allen zu lernen, und die Widmung an die theol. Fakultät
Leipzig als ein Hoffnungszeichen anfehen, daß die Schranken
der theol. Richtungen ohne künftliche .Vermittlung' überwunden
werden können.
Tübingen. Th. Haering.

Eiert, Lic. Dr. W.: Irrwege bei der Verteidigung des Glaubens.

(Zeit- u. Streitfragen des Glaubens, der Weltanfchg.

u. Bibelforfchg. 13. Reihe, 9./10. Heft.) (24 S.) 8°.

Berlin-Lichterfelde, E. Runge 1920. M. 1.50

Ein intereffantes, bei aller Kürze gehaltreiches Schriftchen
. Nach E. war der Fehler der üblichen Apologetik,
daß man bei Auseinanderfetzung mit der Wiffenfchaft in
die wiffenfehaftliche Arena hinabftieg, um die hiftorifchen
Bedenken hiftorifch, die naturwiffenfehaftlichen Einwände
naturwiffenfehaftlich zu widerlegen und womöglich chrift-
lichen Glauben und Wiffenfchaft, fei es durch Gleich-
fetzung (Hegel), fei es durch reinliche Gebietsfcheidung
(Kantifche Schule) in Harmonie zu bringen, oder wiffen-