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Ausgabe:

1921

Spalte:

43

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Thoma, Hans

Titel/Untertitel:

Seeligkeit nach Wirrwahns Zeit 1921

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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43

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 3/4.

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und wohl auch eine Pflicht der Selbftbehauptung und
Selbftentfaltung, und ift damit die grundfatzliche Ablehnung
aller Gewaltübung vereinbar?

Iburg. W. Thimme.

Thoma,Hans: Seeligkeit nach Wirrwahns Zeit. Der,zwifchen
Zeit u. Ewigkeit unficher flatternde Seele' 2. Tl. Jena,
E. Diederichs 1919. (63 S. m. 1 Bildnis u. 1 Fkfm.)
8°. M. 2.50

Dies Büchlein enthält allerlei finnig-tieffinnige, liebenswürdige
, fromme Ketzereien. Es lüftet ein wenig den
Schleier, der die ,zwifchen Zeit und Ewigkeit unficher
flatternde Seele' verhüllt. Der greife Maler kennt fie
beffer als die meiften andern. Er hat fie betrachtet mit
andächtigem Künftlerblick, wie fie ganz frifch vom lieben
Gott gekommen, in Kleinkinderaugen. Er weiß, daß fie der
Kern der Welt und zugleich gleichkam der Raum ift,
der das wunderliche Weltgefchehen in fich faßt. Er hat
ergriffen dem tiefen Seufzer der im Fegefeuer Schmachtenden
, nach dem Paradies fich Sehnenden gelaufcht.
Er kennt auch das Paradies. Wie einft Meifter Eckhart
es kannte. Auch in das Geheimnis Jefu ift er eingedrungen
. Was ift Jefus anders als das Bild, in dem die
Seele fich felber erkennt, das Bild der leidenden, überwindenden
, auferftehenden, heimkehrenden Seele? Er
hat wohl wirklich gelebt, doch daran liegt nicht viel.
Was ift die Bibel anders als ,das Buch, in welches die
Gefchichte der Menfchenfeele eingefchrieben ift, wie fie
fich aus den Tiefen der Gottheit zum Lichte des Menfchen-
fohnes hervorarbeitet'? Freilich je tiefer man in die Ge-
heimniffe eindringt, um fo rätfelhafter werden fie. ,Men-
fchenherz, fei ftille! Vor verfchloffenen Pforten foll man
keinen unnötigen Lärm machen'. Die Schöpfung ein
Wunder, die Menfchenfeele das Wunder aller Wunder;
nur eines ift felbftverftändlich, unbeweglich im Wandel und
Wechfel des Gefchehens, notwendig — Gott.

Iburg. W. Thimme.

Niebergall, Prof. D. F.: Idealismus, Theofophie und ChriHen-

tum. (Religiongefch. Volksbücher V. Reihe, 23. Heft.)
(40 S.) 8°. Tübingen, J. C. B. Mohr 1919. M.— 50;

geb. M. — 80

Von der Vorausfetzung aus, daß es in dem uns bevor-
ftehenden Weltanfchauungskampf über den Sinn des Däferns
um eine Entfcheidung zwifchen diefen drei Formen
einer idealiftifchen Weltauffaffung gehen wird, — Materialismus
und Myftik lehren ja überhaupt nicht einen Sinn
des gegebenen Dafeins, — gibt Niebergall auf der Grundlage
einer kurzen Skizze ihrer Entwicklung von ihrem
ernten Urfprung an — (derfelbe liegt nach ihm, wie für
das Chriftentum bei Jefus, fo für den Idealismus bei Plato
und für die Theofophie bei Buddha) — ein Bild fowohl
von der Gleichartigkeit der drei Weltanfchauungen: fie
alle find praktifcher Idealismus, wie auch von ihrer charakte-
riftifchen Verfchiedenheit. Dabei geht es ihm vornehmlich
darum, die Sonderftellung des Chriftentums gegen die
beiden andern deutlich zu machen. Ob das aber wirklich
mit voller Klarheit möglich ift, nachdem man das Chriftentum
, das doch Religion ift, mit den andern beiden unter
den Oberbegriff des praktifchen Idealismus zufammenge-
fügt hat? — Das Chriftentum ift affektvoller, lebendiger,
konkreter als jene mit ihrem kühlen Intellektualismus —
was befonders von der Theofophie gilt, worin man N.
nur recht geben kann, — und ihren ,dünnen und blaffen
Wahrheiten'. Und darum auch ift es im Unterfchied von
jenen beiden, die für den kleinen Kreis der Intellektuellen
genügen mögen, lür die ganze große Menge der von
den Nöten der Weltdeutung bedrückten. — Daß wir von
der Theofophie lernen müffen, nach einem umfaffenden
Denkfyftem für unfre religiöfe Überzeugung zu fuchen:
darin ftimme ich N. gerne zu. Ob wir aber wirklich
mit ihr lernen müffen, von den jenfeitigen Dingen ,mehr

realiftifch' zu denken? Gewiß find fie klarer als wirkliche
Realitäten zu nehmen; aber doch ficher nach wie vor
gegen die Theofophie ,ohne zu fehen' und (unmittelbar
) zu erleben.

Herrnhut. Th. Steinmann.

Herrmann, Prof. Immanuel: Das neue Vaterunfer. Kein hilflofes
Gebet, fondern ein Vorlatz zur tätigen Arbeit. (24 S.) 8*. Jena,
Volksbuchbandlg. o. J. [1920].

Eine Umwandlung des Vaterunfcrs aus dem Jenleitsglauben der
,Gottfrommen' in den Diesfeitigkeitsftandpunkt der .Gottentwachfenen',
aus dem kindlichen Gebet um Hilfe zum männlichen Vorfatz zielbewußten
Handelns. Die Weltanfchauung ift etwa die der ,ethifchen Kultur' und
der freireligiöfen Gemeinden. Neben ethifch Hochftehendem findet fich
Seichtes und Flaches. Das Ergebnis ift:

,Brüder find wir Menfchen auf Erden. Unfer Brudername fei untere
Lofung. Unfer ßruderreich richten wir auf. Unfern Willen fetzen
wir durch. Jedem werde fein täglich Brot. Mit allen verftändigen wir
uns, die auch uns verliehen wollen. Und niemand komme mehr in
Verfuchung. Sondern alle erlofen wir von dem ( bei. Denn unterer
Kraft gehört die herrliche Zukunft.'

Soweit fich die fozialiftilche Agitation diefer Schrift (die für fie
beftimmt ift) bedient, fetzt fie fich zu dem, was wir Religion nennen,
in völligen Gegenfatz.

Mannheim. Lic. Kncvels.

Stieglitz, Stadtpfr. D. Heinrich: Die religiöfe Fortbildung

der Jugendlichen. Kempten, J. Köfel 1920. (XVI, 155 S.)

kl. 8n. In Pappbd.

Den Hauptinhalt der Schrift bildet ein ausgearbeiteter
Lehrplan für die ,Chriftenlehre' (d. i. nach kath. Sprachgebrauch
gewöhnlich der Religionsunterricht in der Fort-
bildungsfchule), recht gefchickt angelegt (3 Jahresziele: ein
glaubensftarker Chrift; ein willensftarker Chrift; ein ganzer
Chrift) und einen guten Überblick über das ganze katho-
lifche religiös-ethifche Syftem gewährend. Angenehm
berührt die Reformfreudigkeit (z. B. wird die Verwendung
des Katechismus in der Chriftenlehre abgelehnt) und die
Aufgefchloffenheit für moderne Methoden und Problem-
ftellungen. Wie fich diefer Geift mit der unangetafteten
katholifchen Lehre vereint, ift das eigentlich Intereffante
an dem Werke: z. B. werden die Tatfachen des Spiritismus
anerkannt, aber als Wirkungen des Teufels erklärt.
Der Urfprung aus einer Differtation verleugnet fich nicht:
fchematifch-logifche Einteilungen, umftändlicher und weit-
fchweifiger Stil, überflüffiges Zitieren anderer Schriften.
Mannheim. Lic. W. Knevels.

Bibliographie

von Oberbibliothekar Kippenberg in Leipzig,
Univerfitätsbibliothek.

Beziigl. Ilinweije und Sendungen find jederzeit erwünfeht.

1. Jüngft erfchienene Befprechungen.

Dehio: Gefch. d. deut. Kunft i (Günther: MfGoKiKu 1920, 1/2,
17—24; LtZtbl '20, 8; KWoermann: DtLtztg '20, 12; CNeumann:
HiZ 123, F3, 27, 1, '20; WPinder: Prßjbb 181, 1, '20).

Delitzfch: Die grolle Täufchg. (Fiebig: LtZtbl 1920, 30; WBaum-
gartner: ChrW '20, 26; DtTgztg '20, April 30; EKönig: AELKztg
'20, 31; Waldmann: Prßjbb 182, 1, '20 Okt; RKittel: ThLtbl '20, 17;
GHoberg: LtFIdw '20, 9; ABea: StimmZeit99, 5, 'ig/'zo, 11 ; JBoehmer:
Studft '20, 10; Eißfeldt: Krlll-Ztg '20, 31, 1; JMcinhold: ThLtztg
'20, 15/16).

Denkmäler, Alte, aus Syrien, Palaftina u. Weftarabien (RPagenftecher-
BerlPhilWf 1919, 27; PThomfen: LtZtbl 'ig, 3,; FKoepp: DtLtztg
'19, 31/32 u. 33/34; EFicchter: WfKlalTPhil '19, 4546; JBoehmer:
Studft '20, 3; MMaas: Knftchron Ii, 221 f.; HTObbink: NThStud "20, 3).

Dölger: Sonne d. Gerechtigkeit und d. Schwarze (KStapper: ThRev
1919, 56; PSiinon: I.tHdw 'ig, 7; HLietzmann: ZSavignyStRg 40
KanAbt 9, '19; JBraun: StimmZeit '19 20, 4; (Gotthardt: LtZtbl '20,47-
FKattenbufch; ThLtztg '20, 23/24).

Dunkmann: Chriftl. Gottesglaube ffMehlhorn: LtZtbl 1920, 6;
Honig: GerefThTijdf 20, 5, '19; HFaber: ZThKi '20, 4, 277—296).

Eberhardt, H: Diözefe Worms am Ende d. 15. Jh. (GGriitzmacher:
ThGgw 1920, 4; UStutz: ZSavignyStRg 41 KanAbt 10, '20; FVige-
ner: ThLtztg '20, 17/18).

Eberbardt, P: Religionskunde (KL: LtZtbl 1920, 26; HTObbinl:
NThStud '20, 8; Bauke: Krtll-Ztg '20, 30, 12; Fiebig: MbllEvRlg.
unterr '20, 7/8; Wolfftieg: GftkltVlksb '20, 10/12).