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Ausgabe:

1921

Spalte:

39-40

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

„Altes“ und „neues“ Evangelium? 1921

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 3/4.

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und dem Denken nicht zu erreichende Wirklichkeit zu
finden fei. Sie zeigte fich ihm als Komplex einzelner
Dinge = Welt; als Netz von Gefetzen = Natur; als ,Gott'.
Dies letzte fucht er in Auseinanderfetzung mit dem
Goethe'fchen Begriff des .Dämonifchen' deutlich zu machen:
das Unmögliche, das jeden Augenblick möglich werden
kann, das Überrafchende, Unheimliche. Nur dem einzelnen
ift es zugänglich, mit Gott bin ich immer ganz allein.
Und diefer einzelne fteht mit Gott nicht in einem
Verhältnis der Pflicht oder der Liebe oder des Vertrauens,
fondern in beftändigem Kampf; gerade darin erlebt er
die Zuverficht ewigen Lebens.

Wie der Verf. das ,ewige Leben' verfteht, zeigt der
dritte Teil. Zuerft polemifch in Auseinanderfetzung mit
dem .Sterblichkeitsglauben', mit dem gewöhnlichen chrift-
lichen Unfterblichkeitsglauben, mit Buddha (ein Höhepunkt
des Buches), dann pofitiv. Ich verftehe mein Leben
als einen Kampf um das Leben; die Perfönlichkeit, nicht
Luft und Leid ift der wahre Zweck, alles andere ift Szenerie
. Man kann als finnlicher, fozialer, fittlicher Menfch
leben, oder unter dem Gefichtspunkt von Zeit und Ewigkeit
. Keiner überzeugt den andern, alle haben Recht von
ihrem Standpunkt aus, aber alle muffen dem wahrhaft
Lebendigen dienen, auch die Athener dem Sokrates, die
Pharifäer Jefus, zur Selbftentdeckung, Selbftbehauptung.
Diefe ift Inftinkt, wird zur Ahnung des ewigen Lebens,
und in der Wahl zwifchen Leben und Tod entfteht der
ernfte Glaube an das ewige Leben; diefes geht im Tode
nicht unter, fondern gewinnt eine höhere Stufe feiner
Verwirklichung. —

Nur eine einzige Frage; diefelbe wie beim letzten
Buch. Das ,agimur, non agimus' des früheren Schrempf
ift nicht zurückgenommen, z. T. befonders fchroff wiederholt
: .gleich unfchuldig an Sieg und Niederlage'. Mancher
Lefer, der dankbar ift für viele Tiefblicke in das
religiöfe Geheimnis, wird fich vergegenwärtigen, wie völlig
verändert fich alles darftellte, wenn der Gedanke der
Verantwortlichkeit im Sinn wirklicher Freiheit anerkannt
würde. Sollte er, unfaßbar dem alten Schrempf, dem
.Glauben' des jetzigen unerfchwinglich fein, wenn er doch
von feinem .ewigen Leben' auch eine tiefere Erkenntnis
diefes unfterblichen Problems erhofft?
Tübingen. Th. Haering.

»Altes« und »neues« Evangelium? Eine theologifche Aus-
fprache. (56 S.) 8°. Nürnberg, Verl. der Buchh. des
Ver. f. inn. Miff. 1920. M. 3 —

Lehmann, Paft. Hans: Was ift uns Jefus? (Flugfchriften der
Freunde evang. Freiheit in Braunfchweig u. Hannover,
Nr. I.) (24 S.) 8°. Braunfchweig, B. Goeritz in
Komm. (o. J.) M. 1 —

Das in dem erftgenannten Schriftchen enthaltene
Nürnberger Religionsgefpräch vom 13. Februar 1920, bei
dem fich feitens der theologifchen Rechten Rektor Lic.
Lauerer-Neuendettelsau und einige Gefinnungsgenoffen,
feitens der Linken Pfarrer Dr. Stählin, fekundiert von
Pfarrer D. Dr. Geyer und anderen, gegenüber ftanden,
deffen Protokoll nunmehr der Öffentlichkeit zugänglich
gemacht ift, darf als zeitgefchichtliches Dokument von
nicht geringem Intereffe gelten. Die Lektüre wirkt ermutigend
. Trotz anfänglich vorhandenen Mißtrauens und
der von den Altgläubigen zunächft unverhohlen ausge-
fprochenen Uberzeugung, daß ein unüberbrückbarer Gegen-
fatz beftehe, äußert fich zum Schluß allfeitig das befriedigte
Gefühl, daß man fich näher gekommen und ein Zu-
fammenarbeiten wohl möglich fei. Freilich ermöglicht es
den Vertretern der liberalen Richtung ihre eigentümliche,
von theofophifcher Spekulation nicht unbeeinflußte Chri-
ftologie, fich in der Ausdrucksweife den Gegnern faft
überrafchend anzunähern. Aber andererfeits zeigen fich
die Orthodoxen oder zum minderten ihr Hauptwortführer
als Vertreter des fchärfften Standpunktes (Lauerer auf S.
29: .Hier fteht der Buchftabe der Schrift, unter den

beuge ich mich'), und Gefprächsgegenftand find nicht die
religiöfen Grundfragen, fondern gerade die fo heiß um-
ftrittenen chriftlichen Außenpofitionen: Leibliche Aufer-
ftehung, Präexiftenz, Jungfrauengeburt und Wiederkunft
Chrifti, fowie die fühnende Bedeutung feines Todes. Wales
möglich, fich darüber brüderlich auszufprechen und fo
das Bewußtfein innerer Verbundenheit zu ftärken, darf
man darin wohl ein hoffnungsvolles Zeichen erblicken.

Allerdings wäre das Gefpräch fchwerlich fo verföhn-
lich ausgelaufen, wenn der Neuendettelsauer Richtung ein
Mann wie H. Lehmann gegenübergeftanden hätte. Diefer
gibt in feinem durch die kirchlichen Kämpfe Braun-
fchweigs (Witte, Heinecke) veranlaßten lichtvollen Vortrage
der gängigen Chriftusanfchauung der heutigen freien Theologie
einen fchärfer geprägten Ausdruck (Jefus kein bloßes
Phantafiegebilde, kein beliebiger Menfch oder lediglich
Kind feiner Zeit, auch kein Schwärmer, aber nicht Gottes
Sohn im metaphyfifchen Sinn des Wortes, fondern ein
Menfch und zwar ,der' Menfch, der vollkommene Gottesoffenbarer
, Führer zu Gott und Erlöfer).
Iburg. W. Thimme.

Schneider, Prof, Dr. Karl Camillo: Die Welt, wie fie jetzt
ift und wie fie fein wird. Eine neue Natur-, Geift- u.
Lebensphilofophie. (XIII, 713 S. m. 2 Tabellen) gr 8°.
Wien, Örion-Verlag 1917. M. 15 —

Die Zoologen beginnen zu philofophieren. Neben
den bekannten Publikationen von H. Driefch ift dafür
die vorliegende ein überzeugender Beleg und zwar ift
es, wie Schneiders Darlegung feines Werdeganges fchon
in der Einleitung zeigt, die nachhaltige Beeinfluffung durch
die (katholifche) Theologie, fowie die Abneigung gegen
ihren Gottes- und Schöpfungsgedanken, die ihn zu eigner
philofophifcher Stellungnahme veranlaßten. Neben den
religiöfen Problemen find es aber auch logifche, äfthetifche,
und fonftige Kulturintereffen, die feine Gedankenbildung
beeinfluffen. Ein erfter .dogmatifcher' Teil handelt von
den Elementen des Alls, der Phyfiogenie, Morphogenie,
Biogenie und den .Steigerungsmöglichkeiten des Lebens';
der zweite .kritifche' Teil geht von den theologifchen
Problemen aus, faßt ferner die philofophifchen Syfteme
und die .kategorialen Beftimmtheiten', fodann das Reale
und das Ideale (Formale), weiterhin das Leben in feinen
Grundanfchauungen, den Menfchen mit feiner Kultur und
feiner Gefchichte ins Auge. Ausgangspunkt ift der Boltz-
mann'fche Satz, daß die Welt ein Wahrfcheinlichkeits-
gebilde ift. Am unwahrfcheinlichften find — als extreme
reine Potenzen — Gott und das Nichts (Chaos), aus ihrem
Zufammen- und Gegeneinanderwirken ift mithin die
Welt entftanden. Beider Einwirkungen laffen fich im
Realen wie im Idealen bis herauf zur höchften Lebens-
ftufe, der Religion [wo das Nichts durch den Buddhismus
repräfentiert werden foll] nachweifen. Ebenfo eigenartig,
z. T. noch phantaftifcher ift die Schilderung kommender
Lebensentfaltungen. Die felbftändigen Studien des Ver-
faffers haben felbftverftändlich nicht überall zu einem fo
großen Wurf hingereicht, auch auf dem Gebiete der
Naturphilofophie findet fich viel Willkürliches, ja Bizarres,
aber überall macht fich das Streben geltend, die zähe
widerftrebende Maffe zu einem Gefamtbild zu formen.
Göttingen. Titius.

Holle, Prof. Dr. H. G.: Allgemeine Biologie als Grundlage
für Weltanfchauung, Lebensführung und Politik. (282 S.)
8°. München, J. F. Lehmanns Verl. 1919.

M. 9—; geb. M. 11 —
Holle vertritt mit Entfchiedenheit einen neovitali-
ftifchen Standpunkt, indem er alles organifche Gefchehen
durch eine Urkraft bedingt fein läßt, die, ohne felber
energetifcher Natur zu fein, den energetifchen Kräften
nach den durch die Befonderheiten der Umwelt bedingten
Lebenszielen die Richtung weift (44). Auch in der Entwicklung
der Arten ift ein feelifcher Faktor als wirk-