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Ausgabe:

1921

Spalte:

30-31

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Sild, Olaf

Titel/Untertitel:

Das altchristliche Martyrium in Berücksichtigung der rechtlichen Grundlage der Christenverfolgung 1921

Rezensent:

Harnack, Adolf

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 3/4.

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werden, von Tatian gemacht fein. Meine' Einwendungen I
gegen diefe Hypothefe in ,der Text des N. T. nach feiner
gel'chichtlichen Entwicklung' (Teubner, A. N. und G. 2. Auflage
1918 S. 64O und ausführlich in Mnemosyne Heft Juli
und Oktober 1920 de textu evangeliorum in saeculo secundo
richten fich auch gegen Vogels. Von ihnen fei hier nur
bemerkt: aus Übereinftimmung mit Tatian folgt nicht
Herkunft aus T., fondern foweit keine enkratitifchen und
parallelen Lesarten vorliegen, Benutzung einer gemein-
famen Grundlage (gegen HIK); die Lesarten von de
und Verwandten aus T. herzuleiten nur auf T arab., oder
ohne jeden Tatianzeugen, fogar gegen T ephr, ift Willkür;
die Gemeinfamkeiten von 6$ und Verwandten mit Marcion
(deffen Lesarten darum weder von Soden noch von Vogels
im nötigen Umfange gebracht werden) würden als Ergänzung
eine Marcion-Hypothefe fordern, verlangen in
Wirklichkeit eine vortatianifche Grundlage für alle diefe
Zeugen; bei faft gleichartiger Zeugenfchaft gleichartiger
Varianten in der Äpoitelgefchichte müßte die Hypothefe
auf letztere ausgedehnt werden, während doch die Apoftel-
gefchichte nichts mit einer Evangelienharmonie zu tun !
haben kann; daß Lesarten eines Erzketzers zwifchen 170
(ungefähre Abfaffung des Diateffaron) und 200 (vetus latina
vor 200) von Syrien über das ganze Abendland fich verbreiten
und in Rücküberfetzung den heiligen (oder heilig
werdenden) Text der Einzelevangelien verdrängen, ift hi-
ftorifch und pfychologifch gleich unwahrfcheinlich. Wenn
V. auch nicht hier feinen Standpunkt neu darlegt, fo
mußten diefe Einwände gegen den von diefem Standpunkt
aus dargebotenen Text doch gemacht werden.

Im Vorwort charakterifiert Verfaffer feine Abficht
gegen Nestle und Soden. Er will katholifcherfeits einen
Erfatz für die Ausgabe von Nestle bringen; während
Nestle einen Text nach der Mehrzahl der Herausgeber
böte, gäbe er den nach feiner Anficht urfprünglichen
Text. Gegen Soden tadelt er, daß die Gefchichte der
griechifchen Überlieferung Konftruktion fei und die der
Verfionen zu dürftig, und fordert, daß aus ihrer Gefchichte
ihr Einfluß auf den griechifchen Text herausgearbeitet
werden müßte; wenn man daraufhin bei ihm eine größere
Geltung der Verfionen erwarten würde, fo gleicht doch
fein Text dem Sodens außerordentlich. Für alle 3 Herausgeber
nämlich ift dl+ 2 an fich der hefte Text. Nestle
fchließt fich ihnen am engften an; Soden muß nach feinem
Prinzip der Übereinftimmung zweier Rezenfionen mehrfach
von H=dl4 2 zu gunften von IK abweichen; Vogels
geht in diefer Linie noch etwas konfequenter vor.

Eine kleine Stichprobe mag das Verhältnis ihrer Texte veranfehau-
lichen und zugleich die Inkonfenuenzen zeigen und die Wirkungen der-
felben für die Soden und Vogels gemeinfame Tatianhypothefe. Vogels
lieft Lukas 12,1 zmv <l'aQiaaaov poft i^v/it/c auf Marcion Tatian IK <$2
alii [Matth. 16,6 + Mark. 8,15] mit Naftle, dagegen Soden poft vito-
xpioic auf (5 1 56 6*371 af; und faft ebenfo 12,20 anaizovatv auf Marcion
Kl Origenes IK d 2 alii [Luc. 6,30], dagegen Soden (mit Neftle)
[anjaizovoiv und, da er anaizovatv in der Hauptausgabe als fraglichen
Urtext und in der Handausgabe als Variante bietet, fo will er atzovaiv
als Urtext gelefen wilTen auf dl 6 d 48 f 376 f I 4 d. An beiden
Stellen ift Vogels Entfcheidung für die Übereinftimmung zweier Rezenfionen
verftändlich; Soden verdrängt diefes Grundprinzip (trotz d 2) durch
Abneigung gegen Tatian und Verdacht auf Tatian wegen der .Parallelen'.
Dabei hat 12, 1 keine echte Parallele, weil der Zufammenhang ein anderer
ift und die allein fraglichen Worte nziq iaziv vnoxpwa; in Matth.
Mk. gar nicht flehen; für 12,20 aber liegt überhaupt keine Parallele
vor. Weiter fchreibt Vogels 12,27 av^avei xai xonia ovSe vn&ti mit
Neftle auf Tatian'H, I, K, f g q vg sah cop arm aeth; Soden aber ovze
rn&fi ovis vipaivei auf ^5 a ssc Kl Marcion; und faft ebenfo 12,39
eye'jyoQnoev av xai mit Neftle auf Tatian d 1 4- 2c (= H) K it vg sah
copt syr arm [Matth. 24,43], Soden aber bringt diefe Lesart in der Haupt-
ausgabe als fraglichen Urtext und in der Handausgabe als Variante,
fodaß die Einklammerung diefer Worte im Text ihre Omiffion als Urtext
empfiehlt auf d 2 pr. m. d 5 af i, ssc Marcion. Der Tatianhypothefe zuliebe
muß Soden von H I K abfehen und den Wortlaut der als tatianifch verdammten
Zeugen als Urtext fetzen; Vogels muß um der Übereinftimmung
der Rezenfionen willen die Lesarten Tatians gar aufnehmen, gleichviel
ob fie mit diefer oder jener der feindlichen Textgruppen gehen. Solche
Stellen find nun keineswegs vereinzelte und darum nichtsfagende Ausnahmen
, fondern fie find überaus häufig. In ihnen zeigt fich ein von
T. unabhängiger Text, der von d; und Verwandten vertreten und von
Marcion fchon gelefen ift, und diefer Text hebt die Tatianhypothefe auf.

Was den Apparat betrifft, fo läßt Vogels die Differenzen
der Herausgeber im erften Apparat von Neftle
als unwichtig fort und zeigt einen m. E. dankenswerten
Fortfehritt in dreifacher Hinficht; er bringt mehr teils
durch die Sache teils durch die Vertreter wichtige Lesarten
, er zieht die Verfionen in größerem Umfange heran
, er gibt die Zeugen an, während das Fehlen diefer
Angabe bei Neftle die Wertung der Varianten fehr ein-
fchränkt. Obgleich Vogels fich früher das Siglen-Syftem
Sodens angeeignet hatte, geht er jetzt auf das von Ti-
fchendorf zurück; doch wer nicht Spezialift ift, kann
mit den bloßen Zahlen und Buchftaben nichts anlangen,
Sodens Syftem aber gibt fchon nach geringer Übung
ein anfchaulich.es Bild der Texttypen und ermöglicht,
fich von der Sklaverei der dl + 2 zu befreien. Die Auswahl
der Varianten muß freilich ftets fubjektiv bleiben;
fo werden von den oben erwähnten Stellen 12, I+204-27
die von Soden als Urtext angefehenen Lesarten im
Apparat nicht erwähnt. Beide, V. und N., find für d 5
unvollftändig, und Tatian und Marcion kommen längft
nicht im gebührenden Umfange zur Geltung. Tatian und
Marcion möglichft vollftändig zu bringen, wäre für eine
auf dem Boden der Tatianhypothefe flehende Ausgabe
doch wohl wünfehenswert, aber freilich auch verhängnisvoll
gewefen.

In der Apoftelgefchichte und dem Apoftolos fchließt
Vogels fich vielleicht noch enger an den Text Sodens an.

Erwünfcht wäre vielleicht gewefen, hier noch einige Varianten
mehr über Neftle hinaus aufzunehmen, ftatt deffen find z. B. die Lesarten
Gal. 2,5 om oiq Marcion und 2,20 e£uyopaoavzo<; Marcion, die
Neftle bringt, hier überfehen. Seite 491 Anmerkung zu Gal. 2,t6 ift
in. %q. Druckfehler für /q. in. Da fonft kein Latein im Buch lieht,
fo hätte der Titel auch wohl deutfeh fein können (oder gricchifch).

Ich beglückwünfehe den Herausgeber zu dem guten
Papier und Druck. Wenn Verf. im Vorwort ausfpricht,
der Ausgabe von Neftle vieles zu verdanken, fo kann
ich trotz fehr verfchiedener Textwertung diefe Ausgabe
als einen würdigen Konkurrenten von Neftle anerkennen
und empfehlen.

Königsberg i. Pr. Pott.

Documents illustrative of the history of the church. Vol. I to A. D.

313, ed. by B. J, Kidd. D. D. (Translations of Chriftian litcrature.
Ser. VI: Sclect passages). (XIV, 282 S.) kl. 8°. London, Soc. for
Prom. Chrift. Knowl. 1920. sh. 7.6

Vorliegender Band gehört der ser. VI (Select passages) der Translations
of Christian litcrature au und enthält Ouellenftücke zur Gefchichte
der alten Kirche bis z. J. 313 in englifcher Überfetznng. Den Eingang
bilden zwei Stellen aus Plato über Dämonen und über die orphifchen
Myfterien und eine Stelle aus Demofthenes über die Myfterien des Dio-
nyfos. Die Sammlung endet mit den Anfängen des Donatiftenftreites.
Eine ftattliche Reihe von Nummern (lammt aus dem bei den Anglikanern
fo beliebten Bifchof Cyprian von Karthago. Die vom Herausgeber benutzten
L berfetzungen find im Vorwort angegeben. Beftimmt ift die
Sammlung für den Gebrauch in den Colleges. Für uns Deutfche kommt
fie natürlich — vom l'reife ganz abgefehen — nicht in Frage, da wir
ähnliche Sammlungen haben. Die fchöne Ausftattung werden wir uns
freilich weniger als je leiden können. Doch ift das unfer geringfter Schmerz.
München. Hugo Koch.

Sild, Olaf: Das altchriftliche Martyrium in Berückflchtigung
der rechtlichen Grundlage der Chriftenverfolgung.
(184 S.) gr. 8°. Dorypat, Buchdr. Ed. Bergmann 1920
(Durch J. C. Hinrichs Sort, Leipzig). M. 35 —

Die erfte Magifterfchrift der nun eftnifchen Dorpater
Theologifchen Fakultät; daher ift auch die offizielle Umrahmung
(auch die .Thefen') eftnifch; aber die Schrift ift
deutfeh abgefaßt, und die Vorlefungen werden, wenn ich
recht berichtet bin, noch jetzt größtenteils in deutfeher
Sprache gehalten.

Die umfangreiche Arbeit ruht auf einer ausgebreiteten
Kenntnis der Literatur, fie nimmt in der Hauptfache
zu den in ihr vorgetragenen Erkenntniffen und
Meinungen Stellung. Das foll nicht heißen, daß der
Verf. die Quellen felbft vernachläßigt hat, aber nicht die
Literatur wird zu ihrer Aufhellung herangezogen, fondern
in der Regel findet das Umgekehrte ftatt. Befonders in