Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1921 Nr. 2

Spalte:

335-336

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Borries, Arthur v.

Titel/Untertitel:

Evangelisches Christentum und Wissenschaft 1921

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

Ansicht Scan:

Seite 1

Download Scan:

PDF

335

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 25/26.

336

durchwaltenden und in der Menfchheitsentwicklung fich
ganz offenbarenden göttlichen Schöpfermacht und Liebe zu
nehmen, und fo einfach, wie der Verf. es fich denkt, geht
es wirklich nicht. Und dennoch — mag auch fein Optimismus
nicht ernft genug in die Abgründe geblickt haben,
die göttliches und menfchliches Wefen fcheiden: fein Grundgedanke
, daß Gott zu dem in der Menfchheit fchaffenden
Geifte ein Ja fage, ift letztlich wahrer und tiefer als die
fich jetzt bei uns ausbreitende Meinung, daß es flach fei,
Gottes Verhältnis zu Menfchheit und Welt noch irgendwie
anders zu nehmen denn als ein in der immer wieder
hereinbrechenden Vernichtung fich offenbarendes richtendes
Nein.

Göttingen. E. Hirfch.

Heiler, Jofef: Das Abfolute. Methode und Verhielt einer
Sinnklärung des transzendentalen Ideals'. (78 S.) gr. 8°.

München, E. Reinhardt 1921. M. 11.05

Ein Buch über das Abfolute zu fchreiben ift heute
ein Wagnis. Daher legt H. das Schwergewicht auf die
methodifche Rechtfertigung feines Unternehmens. Eine
phänomenologifche Erforfchung der Welt hat zu zeigen,
wie von der Welt des Seins, der Werte und der Erkenntnis
aus fich dem auf abfchließende Erkenntnis gerichteten
Willen Hinweife ergeben auf ein in fich vollendetes
Sein, das fich zu einem Ganzen entfaltet, zu einem Willen,
der die Welt der Werte begründet, zu einer uns Menfchen
vertagten abfoluten Erkenntnis, die in einem Zufammen-
hang wahrer Urteile und Begriffe alles Gefchehen in der
Welt begriffen hat, fchließlich zu einem abfoluten Bewußtfein
, das die Wirklichkeit aus fich gefchaffen hat. Damit
endet die Schrift in Hinweifen auf die religiöfe Erfahrung
. H. will ftreng philofophifch verfahren, weiß aber,
daß die religiöfe Erfahrung viel reichere Ausfagen über
Gott hinzufügen wird. Er will nur die rationale Seite des
Problems behandeln. Seine Methode will die bei Kant
gegebenen Anfätze fortführen; fie liegen in den transzendentalen
Ideen, in dem Begriff der Dinge an fich, in dem
unbedingten Willen und der bei Kant nur zuweilen fich
ausfprechenden re'igiöfen Erfahrung. H. will diefe Anfätze
weiterführen. — Solange man die Aufgabe empfindet
, die religiöfe Erfahrung und eine philofophifche Me-
taphyfik in ihrem Verhältnis ins Reine zu bringen, wird
man den klaren und feinen Ausführungen des inzwifchen
leider geftorbenen Verf.s gerne folgen.

Bafel. J. Wendland.

Borries, Staatsmin. a. D., Arthur v.: Evangelifches Chriften-
tum und Wiflenfchaft. (252 S.) gr. 8°. Leipzig, A.
Kröner 1919. M. 5—; geb. M. 7—

Es ist das Buch eines Laien, eines hohen Verwaltungsbeamten
, der mit Liebe an Vaterland, Volk
und Kirche hängt und den Erfchütterungen des Prote-
ftantismus mit berechtigter Sorge zufieht. Er bat daher
es für nötig gehalten, von einem mild pofitiven Standpunkte
aus die gefamte Religionswiffenfchaft und Theologie
kurz und gemeinverftändlich zufammenzufaffen. Den
Eingang bildet eine Darftellung der geiftigen und kirchlichen
Lage. Darauf folgen die Grundzüge einer allgemeinen
Religionstheorie und -Gefchichte, auf diefe die
der befonderen chriftlichen Offenbarungs- und Kirchen-
gefchichte. Den Abfchluß bildet eine fehr ins Einfache
gezogene bibliziftifche Ethik und Dogmatik, fo, wie die
Bibel fich einem modernen weitherzigen, mild-konfervativen
Manne feiner gefellfchaftlichen Stellung darstellt und
ähnlich fehr vielen lutherifchen Proteftanten bereits dar-
geftellt hat. Den Abfchluß bildet die Rechtfertigung
des Offenbarungsglaubens gegenüber dem Wiffen, auch
der Wiffenfchaff einer idealiftifchen Philofophie. Die letztere
fei ohne Gewißheit, lediglich diesfeitig und Selbst-
erlöfung. Wirklichen Halt gebe nur ein pofitiver Offenbarungsglaube
, der aber über die Autorität Jefu nicht

hinausgehen foll. Es find taufendfach gehörte Argumente,
die dem eigentlich wiffenfehaftlichen und dem modernen
Menfchen nicht viel fagen, die aber fehr zu Gemüt und
Verftand der nach Offenbarungshalt Strebenden fprechen
werden. Solchen kann das Buch lebhaft empfohlen
werden, Religionslehrern insbefondere, die hier ihren
ganzen Stoff beifammen finden. Der Rezenfent eines fo
warmherzigen und moralifch gefunden Buches tut gut,
von feiner perfönlichen Auffaffung der dargeftellten Dinge
völlig abzufehen.

Berlin. Troeltfch.

Hanne, Paft. emer. Lic. Dr. J. R.: Freies Chriftentum. Für Denkende
und Suchende kurz dargeftellt. (176 S.) 8°. Hamburg, WilTenrchftl.
Verlag W. Gente 1921. M. 15 —

Ein Veteran des Proteftanten Vereins gibt in volkstümlicher Schrcib-
weife Rechenfchaft von der Auffaffung des Chriftentums, wie fie im
Kreife feiner Freunde feit Jahrzehnten hergebracht ift. Unter Ablehnung
der orthodoxen Pofitionen wie Gottheit Chrifti, Trinilät, Erbfündenlehre,
Verföhnung durch Chrifti Blut, leibliche Auferftehung Jefu, Infpirations-
theorie legt H. das Chriftentum dar, wie es mit der .Vernunft' über-
einftimmt und ,untrer heutigen Bildungs- und Kulturftufe' entfpricht.
Hierbei kommt die irrationale, von keiner Vernunft und Wiffenfchaft
zu erreichende Eigenart des Glaubens nicht zu deutlichem Ausdruck.
Der Schein wird erweckt, als fei die heutige Kultur eine fefte Größe,
die fich aus dem chriftlichen Glauben, diefen vielfach befchränkend und
befchneidend, das berausfuche, was ihren Prinzipien entfpricht. — Ein
Beifpiel für die mangelnde Klärung des Verhältniffes von Glauben und
Wiffen ift der Satz: Je tiefer wir alfo in die Natur eindringen, umfo
tiefer erkennen wir unfern Gott.' (S. 99.) Eine voreilige Harmonie
zwifchen Glauben und Wiffen wird hier aufgeftellt. bevor Unterfchied
und Kontraft beider Größen herausgeftellt find. — Ebenfo vermißt man
auf ethifchem Gebiet einen Abfchnitt über die unfre wirtfehaftliche und
politifche Kultur kritifierende Kraft des Chriftentums. Die Harmonie
von Chriftentum und Kultur tritt ftärker hervor als die Spannungen
beider Größen. Doch wird man letztlich mit dem Verf. einig fein, daß
fchließlich eine Einheit gefunden werden muß, auch wenn zuerft in
tiefer grabender Arbeit die Gegenfätze deutlicher zu Worte kommen
müffen.

Bafel. J. Wcndland.

Schleich, Carl Ludwig: Gedankenmacht und Hyfterie. (78

S.) 8°. Berlin, E. Rowohlt Verlag 1920.

M. 4.50; geb. M. 7.50
Schleich ift einer der hervorragendften Vertreter ftreng
wiffenfehaftlich gerichteter und praktifch fegensreich wirkender
ärztlicher Kunft, der der leidenden Menfchheit
manche wohltätige Gabe gefchenkt hat. In der vorliegenden
Veröffentlichung eines Vortrags zeigt er fich, wie in
einigen anderen ähnlichen Publikationen, als ein tieffchür-
fender Forfcher, der auch vor dem dunklen erkenntnis-
theoretifchen Problem des Zufammenhangs von Leib und
Seele nicht zurückfehreckt. Die Brücke zwifchen den
beiden Begriffen, deren Verbindung zunächft fremdartig
anmutet, zwilchen der höchften Steigerung der menlchli-
chen Denkfähigkeit und einer krankhaften Verzerrung des
menfehlichen Seelenlebens, als welche wir die Hyfterie an-
fprechen, ift für ihn die Phantafie. Der größte Teil
feines Auffatzes ift der Aufgabe gewidmet, zu zeigen,
welche Teile und Organe des menfehlichen Gehirns die
Träger der Phantafietätigkeit find und welche unentbehrliche
Rolle diefe Tätigkeit bei der Entwicklung des Men-
fchengefchlechtes überhaupt, bei jeder Kulturbetätigung,
in der freien wiffenfehaftlichen Forfchung wie im Sitten-
gefetz fpielt. ,Ohne die Vorftellungsmöglichkeit vom Leiden
der Kreatur wäre Mitleid und damit Güte und Opferfähigkeit
gar nicht denkbar'. Eine der unferen gleichwertige
Phantafie kann das Tier gar nicht befitzen. An der
Hand der modernften Hirnforfchung wird gezeigt, wie diefer
kompliziertefte Apparat des menfehlichen Körpers in feinen
verfchiedenen Unterapparaten die Hilfsmittel für die
gefamte geiftige Tätigkeit befitzt, wie nur im fteten
Gleichgewichtsfpiel zwifchen rechter und linker Hirnhälfte,
zwifchen höheren und niederen Zentren, die Funktionen
der Wahrnehmung, der Vorftellung, der logifchen Verknüpfung
zuftande kommen und wie fchließlich als höch-
fteLeiftungüber allen die regulierende und neu fchaffende