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Ausgabe:

1921 Nr. 2

Spalte:

333-335

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Pringle-Pattison, A. Seth.

Titel/Untertitel:

The Idea of God in the light of Recent Philosophy 1921

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 25/26.

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fchiede von dem diskurfiven das intuitive Denken als ein
gefühlsmäßiges Denken. Solche unanfchauliche Denk-
leiftungen find das führende, von Zuftänden der Luft oder
Unluft immer nur begleitete Moment im religiöfen Erleben
, das ftets zugleich perfönlich überzeugter Gedanke
und Beziehung zu dem religiöfen Objekt ift, dem fich das
Ich hingibt. So kommt niemals lebendige Religion ohne
irgendwelche Produktion vor, und die Religion ift, wie
fchon Schleiermacher erkannt hat, wefentlich Activität,
wenn auch nicht Willensactivität der Seele. Vielmehr
haben die Willensakte, die ftets aus einem intellektuellen
und einem aktuellen Moment beliehen, im religiöfen Erleben
nur fekundäre Bedeutung, und ein einfeitiger Voluntarismus
läßt fich in der Pfychologie überhaupt nicht
aufrechterhalten. Bei diefer Auffaffung ift es erklärlich,
daß der Verf. auf die Pfychologie des Willens, die an
fich eine fehr viel eingehendere Behandlung erfordern
würde, verhältnismäßig am wenigften eingegangen ift, ohne
daß doch diefe Befchränkung der Durchführung feines
ganzen Unternehmens einen wefentlichen Abbruch getan
hätte. Vielmehr hat er diefes trotz aller Sorgfalt im
kleinen, die er durchweg geübt hat, in einem großen
Stile zu geftalten verftanden, da er bei der umfallenden
Stoffbehandlung, die feine Arbeit auszeichnet, niemals die
zufammenhängenden Beziehungen des Einzelnen untereinander
aus dem Auge verliert.

Bonn. Ritfchl.

Pringle-Pattison', A. Seth., L. L. D., D C L: The Idea
of God in the light of Recent Philosophy. The Gifford
Lectures delivered in the University of Aberdeen in
the Years 1912 and 1913. Second Ed. (XVI, 443 S.)
8°. New York, Oxford University Press 1920. 16 sh.
,The theistic problem is the ultimate question of
philosophie' (S. 38). In zwei Reihen von je zehn Vorle-
l'ungen ringt der Verf. darum, die Gottesfrage im Rahmen
einer allgemeinen philofophifch begründeten Weltanficht
zu beantworten. Sein Verfahren ift dabei nicht
rein autbauend. Jede Erkenntnis wird kritifch aus eingehender
Prüfung anderer Gedanken entwickelt. So
ift das Buch zu einer Auseinanderfetzung mit allen
wichtigeren philofophifchen Erfcheinungen des Säku-
lums von Hume und Kant bis Bergfon und James geworden
. Den breiteften Raum widmet er dabei naturgemäß
zeitgenöffifchen englifchen Philofophen, und
zwar den Fortbildnern Hegels, denen er zum minderten
in der idealiftifchen Grundeinftellung nahe fleht. Dabei
verliert er fich manchmal mehr, als feinem großen Gegen-
ftande angemeffen ift, in das Kleinwerk von Schulfragen.
Gleichwohl find die verhandelten Fragen gerade einem
Deutfchen nirgends ganz fremd. Denn der Idealismus,
innerhalb deffen die Gedanken des Verf. fich bewegen,
ift ja urfprünglich Erzeugnis deutlchen Geiftes. Wie der
Verf. in den zahlreichen meift zuftimmenden Zitaten aus
der deutfchen philofophifchen Literatur, vor allem aus
Lotze und Hegel, offen zum Ausdruck bringt. Man merkt
es feiner dem deutfchen Denken willig bezeugten Achtung
nicht an, daß das Buch zum erften Male im dritten
Kriegsjahre erfchienen ift (Vorrede der t. Aufl. datiert
vom 20. XII. 1916). Die mir vorliegende zweite Aufl. von
1920 ift lediglich ein um einen Anhang von Anmerkungen
vermehrter, fonft nur gelegentlich im Ausdruck verbeffer-
ter Abdruck der erften.

AnRefichts der (tändigcn kritifchen Verwicklung mit anderen Meinungen
ifl es nicht leicht, in Kürze ein einigermaßen rundes Bild von
dem Inhalt des Buches zu geben. Von den ftarken Seiten vollends, die
nicht in der begrifflichen Schärfe und nicht in der fyftematifchen Verkettung
der Gedanken, fondern in den feinfinnigen Einzelbemerkungen
zu finden find, wird ein Bericht einen Eindruck nicht vermitteln können.
Die erftc Reihe (Lekt. I—X) entwickelt die allgemeine Weltanficht des
Verf.s Ihre Eigentümlichkeit beruht auf der Verknüpfung der idealiftifchen
Bejahung der .Werte' — des Wahren, Guten und Schönen — mit
den Einrichten der modernen Biologie, als deren Vater dem Verf. Darwin
gilt. ,The rioctrinc of evnlution seemed at first . . . to thrust man
uitlilessly back into the lower circles of nature and to make for an

all cngulfing materialism. But, in another perspective, the process of evo-
lution as a whole, wilh man as its crowning produet, may be held to
reintroduce into nature, on a grander scale and in a more tangible form,
the idea of end or aim which the theory of natural selection had done
its best to banish from the details of her procedure . . . And so Darwin
may be taken as replacing man in the position from which he was
ousted by Copernicus. Man appears, aecording to the doctrine of evo-
lution, so interpreted, as the goal and crown of nature's long upward effort.
The evolution of ever higher forms of life, and ultimately of intelligence,
appears as the event to which the whole creation moves; and aecor-
dingly, man is once more as in pre-Copernican days, set in the heait
of the world, somehow centrally involved in any attempt to explain it'
(S. 82t. Die Lekt. IV, aus der diefe Worte genommen find, hat die
kennzeichnende Überfchrift: The liberating- inlluence of Biology und
enthält — was als ein Bcifpiel der Belefenhcit des Verf. für viele erwähnt
fein möge — auch eine kritifche Auseinanderfetzung mit Dricfch).
Die fo gewonnene Schätzung des Menfchheitslebens wird dann (Lekt. Vllf.)
aber fehr fein abgegrenzt gegen Comte's religiöfe Anbetung der Menfchheit.
Die Menschheit hat in der Natur nicht bloß eine mechanifche ihr fremde
äußere Voraussetzung, fondern ein fie umhegendes und tragendes Leben.
Das führt auf den Gedanken Gottes, deffen lebendige Macht fich in allem
was ift, offenbart, um dann im geiftig-fittlichen Wcfcn des Menfchen ihren
eigentlichen Sinn und Gehalt zu enthüllen. Humanity is . . . the organ
and the expression of the divine (S. 157). So baut fich dem Verf., unter
(trenger Wahrung der Kontinuität und inneren Einheitlichkeit der Welt,
— alfo in der Geftalt zugleich eines .höheren' Naturalismus — ein
Idealismus auf, der die .geiftigen Werte', als die Subftanz der Wirklichkeit
faßt und in der Bejahung Gottes als des im allgemeinen Leben immanenten
fchöpferifchen Prinzips feinen Höhepunkt findet.

Die zweite Reihe (Lekt. XI—XX) fucht im Wefentlichen den fo
gewonnenen Gottesgedanken im Sinne eines ermäßigten Theismus zu vertiefen
. Es ift ja aus den Vorausfetzungen klar, Gott und Well gehören
für den Verf. .organifch' und notwendig zufammen als Glieder einer
Relation. Gott ift wefentlich Schöpfer, d. h. Ground or Reason der
Welt, und ohne die Welt ebenfowenig zu denken, wie die Welt ohne
ihn. The world is co-etemal with God (S. 305), und Dafein heißt teilhaben
am göttlichen Wefen. Womit die gewöhnliche Vorftellung einer
Schöpfung mit zeitlichem Anfang cbenfo verneint ift, wie die eines rein
jenfeitig in fich vollendeten Abfoluten; God exists as creatively realizing
himself in the world (S. 312). Aber innerhalb des fo abgedeckten und
auf Hegel ausdrücklich bezugnehmenden Standpunktes fucht der Verf.
nun Schritt für Schritt die Auslagen des chriftlichen Theismus zurückzuerobern
. Im wefentlichen ringt er dabei mit den englifchen Hegelianern
. Der Gott, der fo bejaht ift, ift nicht fchlechtweg gleich mit der
Wirklichkeit, er ift gleich mit der in der Wirklichkeit fchafienden Macht
des Idealen, erweift fich alfo in feiner lebendigen Gegenwärtigkeit zu-
gle'ch als über fie hinaus greifendes Transzendentes (S. 252 f.), was (nach
beiden Seiten hin) duich die Auslagen des frommen Bewußtfeins be-
ftätigt wird. Zum gleichen Ergebnis führt ihn die Unterfuchung des
Verhältniffes des Individuums zum Abfoluten (Lekt. XIV f.) Das Individuum
bleibt eine lebendige Wirklichkeit in fich, und eben als folche
wurzelt es in dem es umgebenden großen geiftigen Leben. Diefe Tatfache
, fo rätselhaft fie fein mag, Schließt die Faffung der Immanenz
als ein reines Identitätsvcrhältnis aus. Der ,Abiblutismus' der Hegelianer
widerfpricht dem chriftlichen Perfonalismus. Aber er widerfpricht
auch (Lekt. XVII) der recht verftandenen 'Ideologie. Zweck ohne Abficht
und Anftrengung ift ein uns unvollziehbar Gedanke. Wird alfo im
biologifch unterbauten Entwicklungsgedanken die Zielstrebigkeit alles
Wirklichen bejaht, fo ift man gezwungen, die Kategorien des persönlichen
j Lebens, voran die der Abficht und der Tätigkeit, auf Gott anzuwenden:
die Welt ift the etemal purpose of God (S. 340). Es ift eine ernfthafte
Bewegung auf das Endliche hin in Gott, die einer fich felbft mitteilen
und verwirklichen wollenden Liebe entspringt. Wir müffen (Lekt. XVIII f. 1
Gottes Ewigkeit denken als ein zum Ganzen Vollendetes, das aber die
Zeit und ihr Werden als eigenes Leben in fich befchloffen trägt.

Zu einer reftlos mit fich einftimmigen Klarheit fcheint
mir der Verf. nicht vorgedrungen. Es ift ihm entgangen,
daß die von ihm aufgenommenen Ausfagen des frommen
Bewußtfeins über fein Verhältnis zu Gott ein antinomifches
Element in fich tragen, das fich in den Grundriß der vor-
angeftellten wiffenfehaftlich-philofophifchen Weltanficht
fchwerlich ganz einfügen läßt. Dennoch ift fein Buch lehrreich
, auch für uns Deutfche, die wir ähnliche Gedankengänge
in unfrer eigenen Literatur hinreichend befitzen.
Es zeigt uns an einem inhaltreichen Ausfchnitt eine Seite
am englifchen Geifte, die wir gern zu überfehen pflegen, und
behütet uns davor, uns für die einzig möglichen Hüter
des idealiftifchen Erbes zu halten. Vor allem aber kann
es uns zeigen, daß die Philofophie der Kataftrophe und
des Untergangs, wie fie unfer Geiftesleben gegenwärtig
beherrfcht, eine Frucht allein unfrer Kataftrrjphe ift und
von glücklicheren Völkern nicht geteilt Vird. Es ift uns
jetzt fo fremd geworden, die in der Menfchheit wirkenden
geiftigen Mächte als Ausdruck einer das All harmonifch