Recherche – Detailansicht

Ausgabe:

1921

Spalte:

330-331

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Paul, Hermann

Titel/Untertitel:

Aufgabe und Methode der Geschichtswissenschaften 1921

Rezensent:

Troeltsch, Ernst

Ansicht Scan:

Seite 1, Seite 2

Download Scan:

PDF

329

Theologifche Litetaturzeitung 1921 Nr. 25/26.

330

Meifterfchaft diele Seele wiederklingen in den reichen Tönen ihrer
Skala vom äfthetifchen Naturgefiihl bis zu den zarten Tiefen des Gottgefühls
u. den fittlichen praktifchen Wirkungen in Bildung, Erziehung,
Volkstum u Menfchentum hin. Und das meiftens in einer Sprache,
die immer belehrend und gedankenvoll, oft felber faft zum Gedicht wird
Tagorcs Profa gibt er wieder, wie wahrscheinlich diefer fchreiben würde,
wenn er deutfch könnte. Und feine Vcrfe überfetzt er nicht, fondern
dichtet fie nach, indem er ihnen häufig die Versform wiedergibt, die
Tagore felber ihnen unbegreiflicher Weife in feinen eigenen Übertragungen
genommen hatte. Allerdings 'find feine einfachen Jamben dem kunft-
vollen Versbau des Urtextes gegenüber unzureichend.

Über manches wäre zu rechten mit dem Verfaffer.
„Fichtifch" ift Tagore gerade garnicht. Vieleher fchleier-
macherifch. Ob das „Indo-germanifch" viel befagt, weiß
ich nicht. Sicher ift der „Indogermane" Luther mit feinem
Gefühlsleben u.mit feiner Lichtung dem femitichen Pfalmen-
(änger viel verwandter als dem Inder Tagore. Eine
fehr feine pfychologifche Aufgabe würde es fein, gründlich
und nach Quellen zu unterfuchen, wie weit Tagores
Gefühlsleben „indifch" ift' Kein Zweifel, daß diefe Gefühle
der Weltimmanenz des Göttlichen, zugleich mit ausge-
fprochenperfonaliftifchem und theiftifchem Charakter längft
im Erbe feiner väterlichen Religion gegeben waren, nämlich
in den vonCaitanya beftimmten Vifchnu-u.Krischnatum
Bengalens. Auch die für Tangore fo charakteriftifchen
Identitätsgefühle in bezug auf Welt, Natur und Menfch-
heitszufammenhang. Und Prahladas Erlebnis im Vifchnu-
Purana ift dem Tagores, das auf S. 66 fo fchön wiedergegeben
wird, fo unähnlich nicht. Und doch fehlte dem
früheren Inder das „Naturgefühl" Tagores ficher noch.
Hat fich diefes aus jenem entfaltet? Hat es fich erft
hineingefetzt? Wenn das letztere, fo hat es doch im
alten Erbgute das denkbar bereitetfte u. wärmfte Neft gefunden
. Mit Recht unterftreicht Engelhardt das myftifche
Kontakt-Erlebnis bei Tagore. „Es liegt uns daran, daß
der Lefer folche Bekenntniffe wörtlich u. ernft nimmt,"
Allerdings. Und wer diefe Erlebniffe nicht — ganz unaufdringlich
u. leife — hinter Tagores Verfen vibrierend
zu fühlen vermag, der lefe ihn überhaupt nicht und feinen
feinen Ausleger auch nicht.

Marburg. R.Otto.

Schwarz, Hermann: Über neuere Myltikin Auseinanderfetzung
mit Bonus, Joh. Müller, Eucken, Steiner.
(Studien des apologet. Seminars in Wernigerode, hrg.
v. Karl Stange, I.Heft.) (76S.) 8°. Gütersloh,C. Bertelsmann
1920. M. 6.50
Die behandelten Erfcheinungen neuerer Myftik werden
(abgefehen von Eucken) als unreligiös abgelehnt. Es
könnte alfo ebenfo gut „moderne Verirrung der Myftik"
heißen. Ich halte es überhaupt nicht für angebracht, hier
noch von „Myftik" zu reden, zumal die Betreffenden felbft
ihre Botfchaft nicht Myftik nennen; es wird ja fogleich
bewiefen, daß es nicht echte und nicht religiöfe Myftik fei;
u. fo ftiftet die Ausdehnung des Begriffs Verwirrung. Das
Wefentliche des myftifchen Grunderlebniffes ift nach Schw.
dies, daß man fich über dem Bewußtfein der eigenen
Wertleerheit von unendlichem Wertgehalt durchweht fühlt
u. ohne eigenes Zutun unendlichen Reichtums inne wird.
Die religiöfe Deutung fei die, daß Gott darin fich uns
fchenke. Wefen und Deutung derart zu trennen, fcheint
mir gefährlich. Jedenfalls kommt es aller Myftik auf
die transzendente Wertwirklichkeit an, und religiöfe
Myftik wäre zu beftimmen als die Form der Religion, in
der eine unmittelbare Beziehung zur transzendenten (ganz
anderen) Wirklichkeit erlebt wird u. in diefer der Wert
gefehen wird (dem gegenüber alles andere zurücktritt). —
Daß dies mehr als terminologifche Bedeutung hat, ergibt
fich u. a. daraus, daß die rein axiologifche Begriffsbe-
ftimmung zur Folge hat, daß Schw. allen das Erlebnis
begleitenden Vorftellungen lediglich Lebensgültigkeit, d.
h. praktifchen Wert, zufchreibt.

Die Auseinandersetzung mit Bonus u. Müller ift glucklich; daß
ihre Pofition rein anthropozentrifch ift, wird klar herausgeftellt. Auch
die Hauptfchwäche der Steiner'fchen Anthropofophie ift erkannt:

daß die begleitenden Vorftellungen einfach als Eikenntniffe genommen
werden. Doch geht die Polemik z. T. zu weit: z. B. wenn getagt wird,
daß bei Steiner das Erkennen die Hauptfache fei u. es auf Schaubegehrlichkeit
hinauslaufe. Auch find die gegnerifchen Pofitionen nicht
immer tief genug erfaßt, befonders da jeweils nur der Inhalt einer Schrift
dargeftellt wird.

Auf seinem eigenflen Gebiet ift der Verf. bei der Würdigung der
Eucken'fchen Philofophie, deren panentheiftifcher Kern aufgezeigt wird.
— Die Schrift gibt reiche Anregungen.

Mannheim. W. Knevels.

Frohnmeyer, D. L. Johs.: Die theorophilche Bewegung, ihre Ge-

fchichte, Darftellung und Beurteilung. (120 S.) 8°. Stuttgart, Calwer
Vereinsbuchhandlg. 1920. M. 8 —
Der im März vorigen Jahres in hohem Alter verdorbene Verfafter
hat lange Jahre als Miffionar in Indien gelebt und fich mit der indi-
fchen Gedankenwelt vertraut zu machen gefucht. So ift er in der vorliegenden
Schrift vornehmlich bemüht gewefen, die mancherlei Verbindungsfäden
aufzuweifen, die zwifchen diefer Gedankenwelt und den the-
ofophifchen Vorftellungen einer Helene Bl avatsky und AnnieBefan
nicht nur, fondern auch des angeblich viel fclbftändigeren Rudolf Steiner
tatfächlich beliehen. Die Schilderung, die er von dem Wefen der Frau
ßlavatsky gibt, hat leider etwas Mofaikartiges. Die Anhäufung einer
Reihe z. T. pikanter Einzelheiten aus dem Leben eines Menfchen gibt
noch kein wirkliches Bild feines Wefens. Von den gegenwärtigen deutfch
en Theofophen ift faft nur Steiner ausführlich berückfichtigt. Freilich
ift es mehr eine Auswahl aus feinen Gedankengängen, die F. gibt,
als daß der freilich äußerft fchwierigen Aufgabe genügt wäre, den ganzen
kraufen Wirrwarr der angeblichen Schauungen Steiners dem Lefer vorzuführen
. Beachtenswert ift, was er über deffen Gottesbegriff S. 78 h
fagt. Er lehnt die ganze Richtung im wefentlichen ab, wenn er auch
an Steiners Charakter nicht die fcharfe Kritik übt, wie fie etwa Frei mark
geübt hat.

Mit manchen Ideen Steiners fetzt fich in origineller Weife der ihm
an kühnen Spekulationen nicht weit nachftehende Georg Sulz er auseinander
, in feiner neuen Schrift: Der Sündenfall (Leipzig, Mutze
1921). Zur Frage nach der Wiederverkörperung wären die Experimente
, die de Rochas mit Somnambulen vorgenommen hat, die dem
deutfehen Lefer unter dem Titel: Die aufeinanderfolgenden Leben
(Leipzig, Altmann 1914) vorliegen, einmal genauer nachzuprüfen. Und
was Steiner anlangt, fo harren wir noch des gründlich auf parapfycholo-
gilchem und pfychopathifchem Gebiet gebildeten Mediziners, der ihn unter
die kritifche Lupe nimmt.

Wien. R. A. Hoffmann.

Paul, Piermann: Aufgabe und Methode der Gefchichtswiffen-
fchaften. (57 S.) 8°. Berlin, Vereinig, wiff. Verl. 1920.

M. 3.75

Der berühmte Sprachforfcher legt feine Gefchichts-
theorie prinzipiell dar, die er in feinen „Prinzipien der
Sprachgefchichte" nur angedeutet, aber zugleich angewendet
hatte. Es find Grundfätze eines gemäßigten, von den Teleo-
logien und Entwicklungsstadien Comtes befreiten Pofitivis-
mus. Naturgefchichte,'Organismen-Gefchichte, Menfchen-
gefchichte bieten fämtlich Kompliziertheiten dar, die nicht
wie die Gebilde der Materie restlos in allgemeine Gefetze
aufgelöft, daher nur befchrieben werden können.
Immerhin ift die Individualität kein myftifches Wunder,
wie die Romantiker wollen, fondern ein Schnittpunkt
allgemeinfachlich verftändlicher Elementarvorgänge, von
denen trotz allem ein großer Teil durch Vergleichung
und darauf aufgebaute Kausalitätsforfchung unter allgemeine
Regeln gebracht werden kann. Diefe find immer
noch viel unficherer als die Naturgefetze, aber fie flehen
doch den pfychologifchen Gefetzen recht nahe. Mit ihrer
Hilfe — fie find in den „Prinzipienwiffenfchaften" jedes
Kulturgebietes d. h. den fog. fyftematifchen Geifteswiffen-
fchaften, niederzulegen und beruhen völlig auf der das
Fremd-Ich durch Analogie und Affoziation verftehenden
Selbfterkenntnis — können dann die komplexen hifto-
rifchen Tatfachen doch recht wirkfam kritifch hergeftellt
und zu einer die Realität leidlich abbildenden Reinheit
gebracht werden. Seinen Wert hat diefes hiftorifche Erkennen
in der Belebung und kritifchen Reinhaltung der
Vergangenheit, der großen von ihr gelieferten Vorbilder
und der lehrreichen Beifpiele für fchwierige Fälle. Damit
wird verhindert, daß man Phantaften und Spekulanten in
die Hand fallt, die den Egoismus der Einzelnen und der
Klaffen für ihre Zwecke mißbrauchen, ein deutlicher Wink
gegen den dialektifchen Maxismmus, der diefer Nüchtern-