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Ausgabe:

1921 Nr. 2

Spalte:

317-319

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Holl, Karl

Titel/Untertitel:

Gesammelte Aufsätze zur Kirchengeschichte. Bd. 1: Luther 1921

Rezensent:

Hirsch, Emanuel

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317

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 25/26.

3i8

Holl s Lutherbuch.

Holl, Karl: Gefammelte Auffätze zur Kirchengefchichte Bd. I.
Luther. (VIII, 458 S.) gr. 8". Tübingen, Mohr 1921.

M. 96—; geb. M. 112—.

1. Was verftand Luther unter Religion? S. I—90.

2. Die Rechtfertigungslehre in Luthers Vorlefung über den Römerbrief
mit befonderer Rückficht auf die Frage der Heilsgewißheit,
S. 91 — 130.

3. Der Neubau der Sittlichkeit. S. 131—244.

4. Die Entftehung von Luthers KirchenbegrilT. S. 245—278.

5. Luther und das landesherrliche Kirchenregiment. S. 279—325.

6. Luthers Urteile über fich felbft. S. 326—358.

7. Die Kulturbedeutung der Reformation. S. 359—413.

8. Luthers Bedeutung für den Fortfehritt der Auslegekunft. S. 414—450.
Sachverzeichnis und Namenverzeichnis.

1910 hat K. Holl zum erften Mal mit einem Auffatz
über Luther in die wiffenfchaftlicheDiskuffion eingegriffen,
mit dem hier unter Nr. 2 neu gedruckten. Ich habe als
Mitglied des Berliner kirchenhiftorifchen Seminars dem
Werden diefes Auffatzes zufchauen dürfen, und mir ift
damals die Art, in der uns Holl die Rechtfertigungslehre
Luthers auffchloß, der Weg zum Verständnis Luthers
geworden. Später dann, als ich die Lutherliteratur über-
fehen lernte, begriff ich erft vollftändig, daß Holls Er-
faffung der Rechtfertigungslehre einen wefentlichen Fortschritt
in der Lutherforfchung bedeutete. Er zeigte zum
eriten Male, daß Luther seine Rechtfertigungslehre von
einem beftimmten Gottesgedanken her, von dem Gotte
her, der fuveräner alles wirkender Wille und als folcher
zugleich unerbittliche Heiligkeit und liebende Barmherzigkeit
ift, durchgedacht hatte. Die Kluft zwifchen dem
alleinwirkenden und dem rechtfertigenden Gotte, die bei
A. Ritfehl aind feinen Schülern — darin Erben des melanch-
thonifierenden Luthertums — aufgeriffen war, fchloß fich
hier. Die Frage, wie man den Vergebungsfpruch Gottes
innerlich rechtfertigen und von dem Schein fittlicher
Zweideutigkeit befreien könne, war gründlicher und
wahrhaftiger beantwortet als in der Schullehre von der
satisfactio vicaria. Über allem aber ftand Luther als
ein Denker von Folgerichtigkeit und Gefchloffenheit (vgl.
jetzt S. 97 Anm. 1) da, und es vertiefte fich die Erkenntnis,
daß man Luther und Luthertum deutlich auseinander
halten muffe,

Seit 1910 hat dann Holl von der gewonnenen Grund-
einficht aus Luthers geiftige Lebensarbeit unter den ver-
fchiedenften Gefichtspunkten beleuchtet. Es erfchienen
der Reihe nach Nr. 5, Nr. 4 und Auszüge aus Nr. 1 und
Nr. 6. Sie alle zeigten die Fruchtbarkeit der neuen Betrachtung
Luther's. Vor allem erwies fich Luther's Lehre
von der unfichtharen Kirche, die von der evange-
lifchen Theologie gerade des letzten Menfchenalters merkwürdig
kühl behandelt worden war, als einer feiner älteften
eigentümlichen Gedanken und als Herzftück einer wohldurchdachten
, die mittelalterliche Weltanfchauung im
entfeheidenden Funkt durchbrechenden neuen Sozial-
philofophie (vgl. jetzt S. 79). Schließlich zeigte Nr. 1,
wie allein von der Neugeftaltung der Rechtfertigungslehre
her der Einfchnitt, den Luther in der Gefchichte des
chriftlichen Gottesbegriffs und der chriftlichen Frömmigkeit
bedeutet, recht begriffen werden könne.

Der Wirkfamkeit der Luther - Forfchungen Holls
ftand bisher hindernd im Wege, daß feine Auffätze, in
Zeitfchriften und Feftfchriften zerteilt, fchwer zugänglich
waren und fo nicht als das zur Geltung kommen konnten,
was fie waren, als Glieder einer neuen Gefamterfaffung
Luthers. So würde der vorliegende Band fchon allein
deshalb willkommen fein, weil er die wichtigften von
ihnen fammelt. Er bietet darüber hinaus aber mehrfache
Überrafchungen. Zunächft find fämtliche Auflatze durchgearbeitet
und um wichtige Ergänzungen bereichert. Zwei
von ihnen, Nr. 1 und 6, lernt man überhaupt erft jetzt

in ihrer richtigen Geftalt kennen. Sodann aber find drei
bisher ungedruckte Auffätze (Nr. 3, 7, 8,) hinzugekommen
die ihrem äußeren Umfange nach die kleinere Hälfte des
Buches, nach ihrem inneren Gewichte noch mehr dar-
ftellen.

In Nr. 2 ift vor allem neu vieles auf S. 94—103, und der Sclduß
des Auffatzes (S. 128—130). In Nr. 4 ift die wichtigfte Bereicherung
S. 255 f. In Nr. 5 ift S. 288 ff. eine wefentliche Ergänzungen (z. B. über
den Begriff der Gefelllchaft S. 292 f.) bringende Neugeftaltung. In Nr I
und 6 ift ein beziehender Vergleich zu den früher verkürzt und ohne
Belege veröffentlichten Stücken nicht möglich. Überall ift in den Anmerkungen
die neueftc Literatur durchgearbeitet.

Außerhalb der gefammelten Auffätze flehen nun noch: a) .Luther
als Erneuerer des chriftl. Gemeinfchaftsgedankens-. (Deutfch-Evangelifch
1917 S. 241fr.), doch vgl. in Nr. 3 S. 166IT., b) .Luther und die mittelalterliche
Zunftverfaffung' (Mitteilungen der Luthergefellfchaft 1919
Heft 1 und 2, S. 22ff.), aber vgl. in Nr. 3 S. 232fr. c) Luther und
Calvin, Berlin 1919, das Folgerungen aus Nr. 3 zieht, d) Luthers An-
fchauung über Evangelium, Krieg und Aufgabe der Kirche im Lichte
des Weltkriegs (7. Flugfchrift des Ev. Gemeindetages 1917), e) Die
iuftitia dei in der vorluthcrifchcn Bibelauslegung des Abendlandes. (Feft-
gabe von A. v. Harnack Tübingen 1921 S. 73 fr.). e) ift befonders zu
haben, der Abdruck der übrigen unterblieb, weil es fonft Wiederholungen
gegeben hätte, was in dem ganzen — die überreichen Erträge der
Erforfchung und Durchdeukung Luthers auf engftem Kaum
zufammen drängenden — Buche streng vermieden ift.

Der Eindruck, den das fo erwachfene Ganze macht,
beruht darauf, daß Holl's wiffenfehaftliche Eigenart zwei
Züge miteinander verbindet, die gemeinhin als Gegenlätze
gelten, nämlich einerfeits die peinliche Gewiffenhaftig-
keit des philologifch gefchulten Hiftorikers, der keinen
Satz niederfchreibt, ohne einen genauen Beleg zu befitzen,
und über kein Ding fich äußert, außer auf Grund reft-
lofer Erforfchung der Quellen erfter Hand, — anderer-
feits den weitfehauenden Blick, der überall auf die letzten
großen Fragen des menfehlichen Lebens und auf die
letzten großen Zufammenhänge des gefchichtlichen Werdens
aus ift. So ift ihm fein Buch über Luther zu einem
Beitrag zur abendländifchen Geiftesgefchichte geraten,
der an Fülle der Gefichtspunkte und Univerfalität der
Betrachtung neben Troeltfch's Soziallehren fich ftellt und
zugleich doch durch die Tat den Beweis erbringt, daß
auch die Geiftesgefchichte fich exakt behandeln läßt.
Der alles Einzelne zufammenhaltende Grundgedanke aber
läßt fich fo ausdrücken; Luther ift der die gefamte Neuzeit
bcherrfchende fchöpferifche Geift. Auf allen Gebieten
des höheren menfehlichen Lebens flößt man, wenn man
nach dem letzten Urfprung der lebendig wirkenden Ideen
fragt, zuletzt auf ihn und feine Gedanken. Nirgends hat
er die Anfchauungen des Mittelalters einfach übernommen,
überall hat er die Sache von fich aus durchdacht, und
das, was er fich fo erwarb, fchließt allemal eine grund-
fätzliche Wendung in fich. Der Quellort aber aller
feiner neuen Gedanken ift feine in perfönlichem Kampfe
errungene Wiederentdeckung des Evangeliums und des in
ihm befchloffenen Gottesgedankens.

Das ift eine Auffaffung Luthers und der Neuzeit, die den augenblicklich
gängigen Überzeugungen widerfpricht. Ich greife ein Beifpiel:
nach Holl nähren fich auch die Schwärmer aus Luthers geiftigem Eigentum
, und die Erklärung der geiftigen Welt des Schwärmertums "aus
mittelalterlichen Sekten ift ein Fehlgriff (S. 366). — Inbefondre wird
es nach Holl's Buch nötig fein, die Konftruktionen Troeltfch's zur
Geiftesgefchichte der Neuzeit in allem Wefentlichen preiszugeben. Durch
die Anmerkungen des ganzen Buchs zieht fich eine Auseinanderfetzung
mit Troeltfch, die eingreifender ift als alles bisher zu Troeltfch Gefagte.
Dabei fleht nicht Meinung gegen Meinung, fondern durch einfache Dar
legung der Tatbeftände wird den Sätzen Troeltfchs im ernften zergliedernden
Nachdenken ein Fundament nach dem andern weggezogen. Troeltfch
felbft wird nun feine Darftellung Luthers nicht mehr aufrecht erhalten
mögen.

Für die bisher völlig unbeachtet gebliebene Gefichtspunkte
erfchließende Art, in der diefe Schätzung Luthers
begründet wird, ift vielleicht am bezeichnendften die dritte
Studie ,Der Neubau der Sittlichkeit'. Es ift ja wohl
fchon gelegentlich, von anderen, daran erinnert worden,
daß Luther der Reformator auch der chriftlichen Sittlichkeit
fei. Was aber zur Begründung dieles Satzes vorgebracht
wurde, hatte keine durchfchlagende Kraft. Holl
vermag zweierlei bisher kaum Verfuchtes zu leiften. Ein-