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Ausgabe:

1921 Nr. 2

Spalte:

264-265

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Schemann, Ludwig

Titel/Untertitel:

Paul de Lagarde. Ein Lebens- und Erinnerungsbild. 2. Aufl 1921

Rezensent:

Mulert, Hermann

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263 Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 21/22. 264

er der Sachlichkeit gedient; foerfcheint erftark parteiifch.
Nach dem Mangel- und Fehlerhaften das Gute. Gut ift
die Charakterifierung des Ignatius von Loyola (7—28);
die Kennzeichnung der fatzungsgemäßen .Denunziationen'
(51 f.); die Schilderung der inneren Kämpfe unter dem
5. Ordensgeneral Aquaviva (55 f.); auch das über Jefuiten
und Wiffenfchaft' Gefagte (67 f.) verdient Anerkennung.
Im allgemeinen muß ich aber das Bedauern wiederholen,
daß die Boehmerfche Schrift Aufnahme gefunden hat in
die Sammlung: ,Aus Natur und Geifteswelt.' In folche
für Maffenverbreitung beftimmte Sammelwerke füllten
nur Schriften aufgenommen werden, die den betreffenden
Gegenftand wirklich einwandfrei behandeln. Der einflußreiche
und in Deutfchland wieder zur Macht gelangte
Jefuitenorden muß in die richtige Beleuchtung gerückt
werden. Das hat Boehmer nicht getan.

Berlin-Lichterfelde. Graf Hoensbroech.

Schemann, Ludwig: Paul de Lagarde. Ein Lebens- und
Erinnerungsbild. 2. Aufl. (XVI, 412 S. m. 3 Bildniff.
u. 1. Fakfim.) gr. 8°. Leipzig, E. Matthes 1920.

M. 20—; geb. M. 25 —
Sch. fchreibt cum ira et studio. Wenn z. B. fein
Kampf gegen Frauenbewegung und Frauenftudium wenig
von Europens übertünchter Höflichkeit verrät, fo
werden unfere Frauen das zu ertragen wiffen. Aber daß
er nicht nur die nationale, fondern bisweilen auch die fitt-
liche Gefinnung nur feinen politifchen Glaubensgenoffen,
denen, die rechts flehen, zufchreibt, das ift nicht die Kampfesweife
des freien deutfchen Mannes; diefe dem schärf-
ften Parteigetriebe entflammende Methode ift vielmehr
ein ficheres Mittel, unfer zerriffenes Volk noch tiefer ins
Elend zu flößen. Einem um fein Vaterland trauernden
Greis wie Sch. gegenüber mag ich keine fchärferen Worte
brauchen, darf vielmehr, nachdem ich diefen Fehler des
Buchs erwähnen mußte, um fo kräftiger Sch.'s Verdienfte
anerkennen. Daß außer den intimen, reizvollen und darum
ihren Wert behaltenden Erinnerungen, die L.'s Witwe
gegeben hat, faft ein Menfchenalter nach feinem Tode
noch keine ausführlichere Biographie L.'s vorlag, fland in
feltfamem Mißverhältnis zu der Bedeutung des Mannes,
war aber begreiflich angefichts feiner Vielfeitigkeit. Und
manches wird ja vielleicht in andere Beleuchtung rücken,
wenn L.'s in Göttingen verfiegelt liegende Papiere zugänglich
werden. Sch. tat aber recht, nicht darauf zu warten.
Er fchildert zuerft L.'s Lebensgang, dann den Gelehrten,
den religiöfen Denker, den Politiker, den Pädagogen, den
deutfchen Mann. Er hat L. noch perfönlich nahe ge-
ltanden und hat fleh in L.'s umfaffende Arbeit fleißig
vertieft. Die Verehrung, die er diefem Propheten deutfchen
Wefens entgegenbringt, macht ihn nicht kritiklos,
z. B. gegen den Kampfhahn L.; überdies mag Sch.'s Pietät
manche Wunderlichkeiten L.'s gerechter erklären, als
es dem Urteil der Mitlebenden möglich war. Überfchätzt
er feinen Helden, dann nicht fo fehr die Perfon als die
wiffenfehaftlichen Leiftungen, z. B. wenn er zwar L.'s
blinden Haß gegen Luther preisgibt, aber in L.'s Urteilen
über die Reformation mehr Wahrheit findet, als fleh gerade
auch nach den neueflen Verhandlungen über Reformation
und moderne Kultur ergibt. Und wie (zwar
nicht allein, aber wefentlich) Luther es war, der L. und
Ritfehl fchied, fo wird Sch. auch diefem nicht gerecht.
L.'s Gottesanfchauung vermag Sch., der zum Pantheismus
neigt, fleh nicht anzueignen. Des großen Gelehrten fprung-
hafte Schreibweife, feine Art, wichtigfte grundfätzliche
und fpeziellfte fachmäßige Stücke durcheinanderzuwerfen,
führt B. nur .offizielle und offiziöfe' Schriften und Werke ; hat Sch. treffend gekennzeichnet. Was Sch. im ganzen
für die Jefuiten an, und zwar meiftens von ihnen felbft j gibt, ift Lebensbild, nicht Zeitgefchichte, die wir in an-
gefchriebene. Damit ift der breitern Öffentlichkeit nicht [ deren Biographien vorbildlich mit jenem verbunden Angedient
, die mit Recht auch die gegnerifche Jefuiten- i den. Der inneren Gefchichte des Proteftantismus fleht
Literatur kennen lernen will. B. hätte die ,Überficht über j er fern, wie fein feltfamer Satz (S. 188) zeigt, die freiere
die wichtigften Quellen und Hilfsmittel' der 3. Auflage j Richtung im Proteftantismus fei durch Schleiermacher
(171—174) wieder zum Abdruck bringen follen; dann hätte I und die Romantik angebahnt worden. So fleht man bei

Gleich der Anfang mutet einem einiges zu. C. F. Meyers's ,Das
Größte tut nur, wer nicht anders kann' wird auf die Stunde der Ehe-
fchließung Luthers angewandt.

Wir müffen nun gewiß jedem dankbar fein, der Luther
dem deutfeh-evangelifchen Volke nah zu bringen fucht,
zumal wenn er fleh folcher Gründlichkeit befleißigt wie Sch.
Und dennoch, gibt es keinen anderen Weg als diefen,
daß man den geiftesgewaltigften Mann der abendländifchen
Gefchichte zum Hausfreund degradiert?

Bonn/Göttingen. E. Hirfch.

Boehmer, Prof. H.: Die Jefuiten. Eine hiflor. Skizze. 4.

neubearb. Aufl. (Aus Natur u. Geifteswelt, Bd. 49.)

(VI, 109 S.) kl. 8°. Leipzig, B. G. Teubner 1921.

Kart. M. 2.50 + 120 % V.-T.-Z.
Mein im Jahre 1914 an diefer Stelle abgegebenes fehr
ungünftiges Ui teil über die 3. Auflage der Boehmer'fchen
Schrift kann ich zu meiner Freude etwas mildern. Zu-
nächft flelle ich fefl, daß faft alle von mir namhaft gemachten
Fehler der 3. Auflage in der 4. Auflage befei-
tigt find; ob propter oder bloß post hoc, ift für die Sache
gleichgültig. Unbegreifliche Irrtümer, die nicht auf forg-
fältiges Quellenftudium fchließen laffen, finden fich aber
auch noch jetzt. So find nicht nur die .Profeffen' eheunfähig
(49), fondern fchon die Scholaftiker werden es
durch Ablegung der drei einfachen Gelübde; die ,Profeffen'
legen überhaupt keine .einfachen', fondern nur .feierliche'
Gelübde ab (49); .geheime' Jefuiten hat es nicht nur ,zu
Loyolas Zeit zweimal gegeben' (50), fondern Händig und
man kann in der Tat fagen: ,daß das Ordensrecht die
Exiftenz einer folchen Klaffe ausdrücklich vorfehe und
geftatte' (vgl. mein Werk: ,i4jahre Jefuit' 23, 158—165.)
Boehmer fcheint merkwürdigerweife von den von mir
angeführten Gefchichtstatfachen nichts zu wiffen. Sehr
mangelhaft ift, was Boehmer über den unbedingten und
blinden Gehorfam der Jefuiten und über feine Unvereinbarkeit
mit den Grundfätzen der Lehre Jefu fchreibt (52ff).
Bei Entwicklung der jefuitifchen .Lehre von der indirekten
Gewalt' der Kirche über den Staat fpricht B. von der
Confeffio(l) Unam sanetam Bonifaz' VIII. Wie kommt
er als Kirchengefchichtler dazu, die Bulle Unam sanetam
fo völlig falfch zu bezeichnen? Und wie kommt er dazu
— was weit fchlimmer ift — zu behaupten, die Jefuiten
hätten die dort niedergelegte .unverträgliche Anfchauung
Bonifaz' VIII allmählich befeitigt' (61)? Gerade die Jefuiten
find es, die auch heute noch das entfeheidende, .unfehlbare
' Anfehen der Bulle Unam sanetam in bezug auf
ftaatlich-kirchliche Fragen immer wieder betonen. Ein
Blick in die Werke der Jefuiten Wernz, Straub, Cathrein,
Laurentius hätte B. von der Falfchheit feiner Behauptung
überzeugen müffen. Aber folche ,Blicke', die für einen
Wiffenfchaftler doch eigentlich felbftverftändlich find, hat B.
überhaupt lehr häufig unterlaffen. Auch bei der Frage über
den jefuitifchen Grundfatz ,Der Zweck heiligt die Mittel' fehlt
diefer .Blick'. Er fagt von den in meiner Schrift: ,Der
Zweck heiligt die Mittel' (3. Aufig. Leipzig 1904) vorgelegten
Stellen: ,fie haben keine Beweiskraft' (75); während
fie fo beweiskräftig find, daß felbft der katholifche Pro-
feffor Mausbach ihre Beweiskraft anerkennt; allerdings
nur in einem mir zur Verfügung geftellten Privatbriefe an
Prof. Heiner, Auditor der römifchen ,Rota' (vgl. Deutfcher
Merkur, 17. April 1921, 38 f.). B.'s Ausführungen über
den Jefuitenftaat' in Paraguay (96f.) find im Vergleich
zu denen der 3. Auflage fehr verfchlechtert. Äußerft
mangelhaft ift die .Literaturüberficht' (108 f.). Außer 6
Schriften gegen die Jefuiten aus dem 17. Jahrhundert,