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Ausgabe:

1921 Nr. 2

Spalte:

262

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Luther, Johannes (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Martin Luthers Auslegung des 90. Psalms 1921

Rezensent:

Benrath, Karl

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2ÖI

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 21/22.

262

er direkter .ganze' Auguftiner aufflicht, (bei Denifle kommt wohl Fava-
roni, unvollftändig bzw. einfeitig, dagegen weder Perez noch Fidati
vor). Holl hebt fchr fein zum Schluffc hervor, wiefern Luther bei
Auguftin und den .Auguftinern', foviele ihrer er etwa gekannt hat,
kein Genüge fand: .Weil er vor der ftrafenden Gerechtigkeit (Gottes)
erzitterte, fich von ihr zermalmt fühlte und doch ihr Urteil als berechtigt
anerkannte, hat er auch ihren letzten Sinn zu ergreifen vermocht
Gott fchenkt nicht Gnade an feiner Gerechtigkeit vorbei — fo hatte
es Auguftin und auch die Scholaftik verftanden —, fondern durch feine
Gerechtigkeit hindurch. Er will, indem er den Menfchen flraft und
vernichtet, ihm Gerechtigkeit mitteilen. Und zwar feine eigene Gerechtigkeit
. Denn es ift fein Wefen, fich mitzuteilen .... Gott
ifl . . nichts anderes als fich felbft fchenkende Güte. Das war mehr
als eine neue Auslegung von Rom. 1,17, das war der Urfprung eines
neuen Gottesgedankens'. Ich felbft habe es fchon oft genug ausgefprochen,
daß alle Speziallehren Luthers ihren eigentlichen Rückhalt und Zu-
fammenhalt haben an einer neuen Gottesintuition, die ihm aufgegangen
ift. In meiner letzten Auseinanderfetzung mit M. habe ich ja auch
darauf Bezug genommen. Das fchließt gar nicht aus, daß Luther hin
und her in Einzelausführungen (ich mit Auguftinern einfach begegnet.
Nicht jedesmal, wo Luther fich über die Themata äußert, die M. berührt
, fagt er .alles'. Zumal als Exeget begrenzt er fich oft faft zu fehr
auf das, was ,zur Stelle' gehört. Nicht überall fagt er, brauchte, konnte
er fagen, was ihm dem Begriffe nach gratia, fides, justitia, justificatio
bedeute, bei Gott, beim Menfchen. Er ift fich auch nur allmählich
ganz darüber klar geworden, was ihn auch von Auguftin und feinen
Schülern fcheide. Und er behielt ja mit ihnen dauernd eine ganze
Reihe von Antithefen wider die .Naturaliften' (um mich M.'s Bezeichnung
der Occamiften zu bedienen). Man mag ihn fchließlich fogar ruhig
einen .Anguftiniften' nennen, wie er fich lelbft dauernd auch einen
Occamiften genannt hat trotz aller Verfelbftändigung. Wie er ein Occa-
mift höherer Ordnung wurde, fo auch ein Auguftinift höherer Ordnung.
Bei den Auguftinfchülern hat er doch nicht ohne Grund auch dann,
wenn fie ihren Auguftinismus ernft nahmen und verteidigten,
fchärfften Widerfpruch gefunden, als er fich erft wider den Papft und
die .Kirche' wendete. Das ift ein Symptom dafür, daß die Uberein-
ftimmung in der Heilslehre nicht bis in die Tiefen reichte. Sie reichte
in der Tat nicht bis in den bewußten Gottesbegriff, der feinerfeits auch
Konfequenzen über den Begriff der Kirche und der Sakramente verlangte
, die Luther erft allmählich feit 1518 erkannte, oder entfchloffen
ins Auge zu faffen und in feine Verkündigung aufzunehmen wagte.
Durch M.'s Exzerpte aus Fidati kann man nicht erfehen, ob auch nur
diefer Auguftiner über die Heilslehre im engften Sinne hinaus Luther'fche
Gedanken vorweg genommen hat. In der Heilslehre felbft fteht er
Luther unzweifelhaft nah. l'nd ich kann mir ganz gut vorftellen,
daß Luther, wenn er wirklich Fidati gelefen hat oder hat vorlefen
hören, fich in den Zeiten feiner Ängfte durch Ausführungen, wie M.
fie S. 36 f. aus Lib. VII, cap. 45 mitteilt, hat aufrichten, ja anfängerweis
auf ,feine', die evangelifchen Gedanken hat führen laffen. Schade,
daß M. nicht von der gefamten Theologie Fidatis ein Bild gibt; mir
fcheint, daß der Mann einer Monographie wert wäre, zumal fein Thema
eine Vorftellung gewähren könnte von der Chriftusanfchauung, die
ihn erfüllte. Ich habe es ja fchon öfter bezeugt, daß ich meinesteils
glaube, man habe den Umfchwung bei Luther nicht fo punktuell,
wie noch gefchieht, bei der ,Rechtfert|gungslehre' anzufetzen, er ift vielmehr
zu verliehen als Auswirkung irgendwann und -wie gewonnener
Anregung, den occamiftifchen theoretifchen Gottesbegriff konkret
mit dem biblifchen Chriftusbilde zu verbinden. Auch Holl Icheint
mir Luthers neuen Gottesbegriff für eine allmählich zuftande gekommene
Ausweitung feiner Erkenntniffe über den biblifchen (paulinifchen)
Rechtfertigungsgedanken zu halten, während ich umgekehrt meine, der
Anfangspunkt derjenigen Entwicklung, in der Luther ,er felbft' wurde
als Theolog und Reformator, fei in eine elementare Umdenkung des Gottesbegriffs
von der Gott-Chriftusidce aus zu fetzen. Doch das muß nun
hier genügen. M 's Schrift über Fidati ift mir befonders intereffant
gewefen, weil ich für möglich halte, daß Fidatis Werk wirklich ein An-
ftoß für Luthers Entwicklung geworden in der Richtung, die ich foeben
andeutete. Im einzelnen ift Luther dann Fidati über den Kopf ge-
wachfen. Um nur einen Punkt da zu berühren: Fidati könnte Luther
u. a. dazu verholfen haben, zu begreifen, daß nicht die ,Früchte' (die
Werke) den ,Baum' (den Menfchen) ,gut machen', fondern umgekehrt;
aber wieviel freier hat Luther die .bonitas', die die Werke eines .fidelis'
charaktcrifieren, verliehen gelernt als Fidati — foweit ich nach M. fehen
kann! (Daß Fidati bei der Vorftellung von der .gratia' in Ideen von
habitus und virtus flecken geblieben, die Luther früh überwand, ift
auch kaum ein Zweifel. Hat M. alles Material, das Fidatis Werk für
die von ihm herausgehobenen Theorien bietet, mitgeteilt?)

Eine fehr willkommene Beigabe hat die Bilychnis
M. geftattet. Das Bildnis Luthers felbft (1521, von Cranach)
ift uns in Deutfchland ja bekannt genug; es wird in Italien
manchem Lefer wertvoll fein. Uns ift die zweite ta-
vola vielleicht um fo intereffanter; fie bietet in recht guter
Wiedergabe eine Freske von Benozzo Gozzoli in San Gf-
mignano (bei Siena), die uns die Tracht der Auguftiner-
mönche in Luthers Zeit (fie hat feither gewechfelt — die
armen Auguftiner möchten es wohl gern vergeffen machen,
daß Luther zu ihnen gehört hat) veranschaulicht. ,Zu

Haufe', im Konvent, trugen fich die Auguftiner-Eremiteti
völlig weiß (das Cranachbild zeigt Luther felbft in der
Konventstracht); wenn fie in der Kirche tätig waren (predigten
, Beichte hörten), oder in die Stadt gingen, warfen
fie ein fchwarzes Gewand fo völlig über das weiße, daß
letzteres nur noch oben am Hälfe, an der Kapuze, und
unten etwas hervorftehend unter der Kutte, fichtbar war.
Halle. F. Kattenbufch.

Martin Luthers Auslegung des 90. Pralms. Ein literarifcher Feftgruß
der Wittenberger Theologen an die Königin Dorothea von Dänemark
im Jahre 1548 von Prof. D. Dr. Johs. Luther. (Bibliographien
u. Studien, Bd. 2.) (50 S.) gr. 8°. Berlin, M. Breslauer 1920.

M. 60 —; geb. M. 150 —
Die während Bugenhagen's reformatorifcher Wirkfamkeit in Dänemark
geknüpften perfönlichen Beziehungen zum königlichen Haufe legten
es den Wittenbergern nahe, daß man der Königin, als fie 1548 im
Oktober am fächfifchen Hoflager zur Teilnahme an dem Hochzeitsfefte
ihrer Tochter fich einfand, einen literarifchen Gruß entböte. Dazu geeignet
erfchien die 1546 veröffentlichte Verdeutfchung des 90. Pfalms
nach Luther's lateinifcher Auslegung von 1534, von dem Nordhäufer
Prediger Joh. Spangenberg beforgt, der eine Vorrede Georg Majors beigegeben
wurde. Was man der Königin darbot, war ein Behelf in
fchwerer Druckernot. In Wittenberg ein präfentabeles Druckwerk her-
zuftellen, war man infolge des Schmalkaldifchen Krieges außer Stande — fo
griff man, zumal auch ein geeignetes neues Werk nicht vorgelegt werden
konnte, in der Verlegenheit zu der Spangenberg'fchen Verdeutfchung.
Zwar war deren Originalausgabe im Urdruck dem Göttinger Rat gewidmet
, aber man half fich, indem man die Spuren diefer Widmung tilgte,
das dänifche Wappen auf den fchwarz und rot gedruckten Titel fetzte
und wie bemerkt, eine Dedikation an die Königin durch Major beifügte
. In diefer Form wurden zwei Exemplare überreicht.

Der Herausgeber legt in der Einleitung die Anfänge der Reformation
in Dänemark unter Chriftian II. und feinen Nachfolgern, vor
allem die Tätigkeit Bugenhagens dar, dem die Entftehung des feltenen
Werkes verdankt wird.

Königsberg. Benrath.

Walther, Prof. D. Dr. Wilhelm: Luther u. die Juden und
die Antilemiten. (39 S.) 8°. Leipzig, Dörflling & Franke
ig2i. M. 4—

Ein erweiterter Sonderdruck von in diefem Jahr in
der Allg. Ev. Luth. Kirchenzeitung erfchienenen Auffätzen.
W. verbindet feine Darftellung von Luthers Äußerungen
und Erfahrungen in der Judenfrage mit einer Kritik der
Beurteilung, die fie von antifemitifcher wie von jüdifcher
Weife gefunden haben, und trifft dabei, foweit ich fehe,
überall das Rechte. Darüber hinaus zieht er kritifche
Vergleiche zwifchen der Gegnerfchaft gegen das Judentum
, bei der Luther endete, und dem heutigen Äntife-
mitismus. Ich bin perfönlich geneigt, ihm auch hier weitgehend
recht zu geben, meine jedoch, daß eine rein fachliche
Darftellung Luther's ohne diefe Gegenwartsbeziehungen
eine wertvollere Gabe gewefen wäre. Jedenfalls
ift die Schrift als zur Zeit befte Darfteilung von Luther's
Stellung zur Judenfrage zu empfehlen.

Eine Kleinigkeit: Es geht mir gegen den Sinn, die ,Vermahnung
wider die Juden', die Luther kurz vor feinem Tode in Eisleben tat,
das .Teftament' Luther's zu nennen. Dies Wort follte für größere
Dinge gefpart werden.

Bonn/Göttingen. E. Hirfch.

Scheurlen, Paul: Luther unfer Hausfreund. 2. Aufl. (VIII,
280 S. m. 12 Abbildgn.) 8°. Stuttgart, Belfer'fche
Verlagsb. (o. J.) geb. M. 20 —

Ich kennzeichne die Art des Buchs wohl am ein-
fachften durch Wiedergabe der Kapitelüberfchriften:

I. O wie eine feiige Ehe und Haus. 2. Je mehr Kinder, — je
mehr Glück. 3. Freude und guter Mut in Ehren. 4. Das liebe heilige
Kreuz. 5. Unfer Schirm und Schutz allein in dem Gebete fteht.
6. Siehe auf dein Amt und Beruf.

Sch. hat eine gute Kenntnis Luthers und der Lutherliteratur
und weiß die Lutherworte (die er in großer Zahl
j einflicht) und Lutheranekdoten gefchickt zu wählen. Seine
1 Lefer lernen im einzelnen viel Wiffenswertes über Luther,
und der Ton behaglich-gemütvoller Erbaulichkeit wird
1 ihnen gewiß nicht die Pein machen, die Rez. empfunden
hat.