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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

228

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Hänel, Johannes

Titel/Untertitel:

Der Schriftbegriff Jesu 1921

Rezensent:

Bauer, Walter

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Seite 1

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22/

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 19/20.

228

dann erft der ägyptifchen und perfifchen, darauf der
ifraelitifch-jüdifchen und zuletzt der chriftlichen Religion
zu, die er bis ins Mittelalter verfolgt. Es ift für einen
in der klaffifchen Literatur bewanderten Forfcher ver-
ftändlich, wenn er die hellenifchen Zeugniffe voranftellt,
die ihm leichter zugänglich und nahe vertraut find.
Aber fie find relativ fpät und müfien daher von vornherein
als fekundär gelten; ihnen verdankt er den unklaren
Begriff eines ,Duftfymbols', die falfche Ableitung eines
Hauptgedankens (S. 9) und die Unmöglichkeit einer
gefchichtlichen Auffaffung. Wenn er meint, daß ,die
griechifche Anfchauung vom göttlichen Dufte in die
jüdifche Frömmigkeit eingedrungen ift' (S. 26), fo ift das
fchon aus chronologifchen Gründen fehr unwahrfcheinlich,
da die entfprechenden orientalifchen Zeugniffe unver-
geichlich viel älter find, und ebenfo fehr aus fachlichen
Gründen, da fich die Vorftellungen ideengefchichtlich
einfacher und ohne Zuhilfenahme eines .Symbols' erklären
laffen. Die eine Hauptwurzel des göttlichen Wohlgeruchs
hat L. richtig erkannt und im Anfchluß an die ägyptifchen
Texte trefflich entwickelt; wie die Menfchen durch
die Salbe .ihren Geruch angenehm machen', fo zeichnen
fich auch die Götter durch ihren Wohlgeruch aus (S. 17).
Das ift kein .Symbol', fondern eine Realität, wenn auch
eine Realität des Glaubens. Die zweite Hauptwurzel des
göttlichen Wohlgeruchs geht von der Vorftellung des
Göttergartens aus: Wie die Bäume hier auf Erden duften,
fo erft recht im Paradies oder im Lande der Seligen.
Auch diefen Zufammenhang hat L. richtig gefehen, hat 1
ihn aber doch, wie es fcheint, nicht ganz erfaßt (S. 9),
fonft könnte er nicht eine Stelle wie Jef. Sir. 24,15 auf
.griechifche Anfchauung' zurückführen (S. 26); der Duft
der .Weisheit' erklärt fich ganz einfach aus dem ,Baum
der Weisheit' im Paradies. Damit hängt dann natürlich
auch die od/irj rrjg yvcööscog in II. Cor. 2,14 f. zufammen,
wie die oöfirj ex Qcofjg mit dem .Baum des Lebens', zwei
gewiß gut orientalifche Vorftellungen. Zu Jef. Sir. 39,13 f,
erinnert L. wieder mit Recht an die Paradiesvorftellung.
hat aber überfehen, daß diefelben Bilder, wenn auch auf
die efchatologifche Heilszeit übertragen, fchon Hofea 14,6 f.
vorliegen. Aber wenn auch einzelne Ergebnifle auf
einem fo weit verzweigten Gebiet naturgemäß anfechtbar
find, fo ift die Studie doch wertvoll, erftens durch
die Sammlung des Stoffes, zweitens durch ausgezeichnete
Beobachtungen im Einzelnen und drittens durch die erft-
malige Zufammenfaffung und Erklärung der ganzen
Vorftellungsreihe.

Schlachtenfee-Berlin. Hugo Greßmann.

Mundle, Priv.-Doz. Lic. Wilhelm: Die Exegefe der pauli-
nifchen Briefe im Kommentar des Ambrofiafter. (Diss.
Marburg). (94 S.) 8°.
Diefe Arbeit aus der Schule Heitmüllers und Jülichers
wird mit einer Erörterung über Abfaffungszeit, Verfaffer
und Überlieferung des fog. Ambrofiafter eröffnet. Den
neuen Hypothefen über den Verfaffer fteht Mundle mit
berechtigter Zurückhaltung gegenüber. Morins Euagrius
von Antiochien lehnt er ab, fchon weil der Ambrofiafter
ein Lateiner vom reinften Waffer gewefen fein muß. Er
erfcheint, wie im 2. Kapitel gezeigt wird, als der boden-
ftändigfte, vielleicht am wenigften von griechifchem Geift
berührte Ausleger des Abendlandes.. Ausführlich verweilt
Mundle fodann (3. Kap.) bei der Exegefe des Ambrofiafter
nach ihrer formalen Seite. Es handelt fich um
wiflenfchaftliche, den Text (deffen Wiedergabe für die
Kritik von großem Werte ift) Abfchnitt für Abfchnitt, oft
Wort für Wort erklärende Erläuterung. Bei der Verbindung
von Text und Kommentar bedient fich der Ambrofiafter
einer Reihe ftändig wiederkehrender Formeln,
die, wie Vergleiche zeigen, zum eifernen Beftande eines
in den Grundzügen feftftehenden exegetifchen Stils gehören
. Für die formale Eigenart des Exegeten ift Kürze
und Knappheit bezeichnend, daneben die Vorliebe für

Worterklärungen, die Beeinfluffung durch die Aporie und
die Erläuterung des Textes durch Schriftzitate. Die alle-
gorifche Methode hat er, wie im 4. Kap. dargelegt wird,
zwar nicht, wie die Antiochener, mit Bewußtfein abgelehnt
, vielmehr die typologifche Betrachtungsweife des
alten Teftaments mit ziemlicher Unbefangenheit angewandt
, aber die Allegorifterei der Alexandriner ift ihm
fremd. Mit dem Fehlen folcher allegorifchen Umdeu-
tung ift eine wichtige Vorausfetzung gefchichtlichen
Verftändniffes der Paulusbriefe gegeben. Mit diefem Gedanken
leitet der Verf. (5. Kap.) zu des Ambrofiafters
Interpretation der gefchichtlichen Daten der Paulusbriefe
und feiner Anfchauung vom apoftolifchen Zeitalter hinüber
. Trotz manchen Mißgriffes überwiegt eine Freiheit
und Unbefangenheit gefchichtlichen Denkens, die den Exegeten
den Antiochenern an die Seite zu rücken geftattet.
Freilich hat fich ihm die religiöfe Tiefe des Apoftels nicht
erfchloffen (6. Kap.). Dazu ift er zu nüchtern, zu ratio-
naliftifch. Die Dogmenhiftoriker haben ihn nicht richtig
eingefchätzt, wenn fie ihn auf Grund feiner berühmten,
von Auguftin zitierten Erklärung von Rom. 5,12 zu den
Vorläufern der auguftinifchen Erbfündenlehre rechnen.
Auf das Ganze gefehen ift er, feiner rationaliftifchen Grund-
ftimmung entfprechend, dem Pelagius verwandter. So
die Hauptgedanken der fleißigen und beachtenswerten
Abhandlung, in der auch die Literatur vollftändig verarbeitet
ift.

Gießen. G. Krüger.

Hänel, Privatdoz. Lic. Johannes: Der Schriftbegriff Jehl.

Studie zur Kanongefchichte u. religiöfen Beurteilg. des
A. T. (Beiträge zur Förderg. chriftl. Theol., 24. Band,
5./6. Heft.) (224 S.) 8°. Gütersloh, Bertelsmann 1919.

M. 12.50

Die umfangreiche Studie Hänels fucht die beiden
Fragen zu beantworten: 1. Wie fah die altteftamentliche
Schriftfammlung Jefu aus? 2. Welches Urteil hat Jefus
über den Wert des A. Ts gefällt? Der erfte Teil kommt
zu dem Ergebnis, daß der Kanon Jesu über die gleiche
Zahl Schriften verfügte, wie unfer A. T. und daß ihm diefe
Schriften bereits eine festgefchloffene, einer Erweiterung
unfähige Sammlung gebildet haben. Kein Apokryphon
ift ihm hl. Buch. Die Schrift gliederte fich ihm in
Gefetz, Propheten, Hymnen (Pfalmen, Sprüche, Hohes
Lied, Prediger) und war eine Targumbibel. — Im zweiten
Teil wird die Stellung Jefu zum A. T. befchrieben als eine
Mifchung von Freiheit und Gehorfum. Jefus habe mit
Bewußtfein einen Teil der Schriftforderungen als den
Frommen nicht mehr verpflichtend außer Geltung gefetzt.
Mt. 5,-17 erklärt er es für feine Aufgabe, das Gefetz und
die Propheten .vollkommen zu machen' durch Ausfeheiden
des für das echte Gotteskind unbrauchbaren Stoffes. Mit
diefer durchaus überlegten Haltung foll fich auch das
Wort vom Häkchen und Jota reimen, da es bildlich, als
Gleichnis verftanden werden müffe — gewiß der fchwächfte
Punkt in der Beweisführung. Mancher wird es wohl auch
beanftanden, daß an der evangelifchen Tradition über
Jefus keinerlei Kritik geübt wird. Was fich in ihr als
Schriftzitat des Herrn gibt, wird auch als folches hingenommen
und verwertet. Sowenig die Berechtigung von
Einzelheiten dem Zweifel unterliegt, ebenfowenig die Anordnung
des ganzen Lebens Jefu in den Evangelien.
Chronologifche Bemerkungen des Joh. z. B. werden als
brauchbare gefchichtliche Überlieferung behandelt. Die
moderne Literatur wird mit Maaß herangezogen. Doch
fcheint mir nichts Wefentliches überfehen zu fein.
Göttingen. W.Bauer.

Metzner, Gymnafialprof. Dr. theol. Emil: Die Verfalfung
der Kirche in den zwei erlten Jahrhunderten unter befond.
Berückfichtigung der Schriften Harnacks. (VII, 248 S.)
gr. 8°. Danzig, Weftpreuß. Verlag 1920.

M. 10 —; geb. M. 12 —