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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

225

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Clemen, Carl

Titel/Untertitel:

Die nichtchristlichen Kulturreligionen in ihrem gegenwärtigen Zustand. 2 Tle 1921

Rezensent:

Haas, Hans

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225

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 19/20.

226

Clemen, Prof. D. Dr. Carl: Die nichtchriftlichen Kulturreligionen
in ihrem gegenwärtigen Zuftand. L TL: Die
japanifchen und chinefifchen Nationalreligionen, der
Jainismus und Buddhismus. II. TL: Der Hinduismus,
Parfismus und Islam. (Aus Natur und Geifteswelt,
Band 533/534-) (I23 und 119 Seiten.) kl. 8°. Leipzig,
B. G. Teubner 1921. Kart, je M. 2.50 und 120% V-T-Z.
Es gibt unter den Autoren Käuze — Ref. felber
rechnet fich zu ihnen —, die, fo oft fie in die Lage
kommen, mit einer Arbeit hervorzutreten, das niemals
ohne Herzklopfen zu tun vermögen. Ift's nicht immer
gerade das ,Der Stein aus der Hand ift des Teufels',
das fie fchreckt, fo das Bedenken, ob's wohl auch wirklich
fo durchaus nötig ift, die Zahl oder Unzahl der
Bücher abermals um eine Nummer zu vermehren, und ob
nicht doch ein anderer tüchtiger wäre als gerade fie, die
etwa tatfächlich vorhandene Literaturlücke zu füllen.
Gut jedenfalls, das es Andere gibt — zu ihnen zählt
ohne Frage der Herr Verfaffer —, die frifchmutig an
eine Arbeit nach der andern gehen, die fonft, ohne ihr
rüftiges Zugreifen, am Ende wie oft! ganz unverrichtet
bliebe. C. Clemen, einer unferer produktivften Autoren,
hat mehr als einmal fchon gezeigt, daß er eine ganz
befondere Gabe hat, zu fehen, wo's fehlt. So wieder hier.
,Allgemeine Religionsgefchichten' haben wir m. E. nachgerade
genug. Aber fo etwas wollen die beiden Teubner-
bändchen auch nicht fein. Ihre Eigenart bezeichnet das
,in ihrem gegenwärtigen Zustand', das dem Titel ,Die
nichtchriftlichen Kulturreligionen 'zugefetzt ift. Aus eigener
Anfchauung kennt Clemen diefe Religionen nicht. Aber:
ward die Arbeit von folchen, die aus unmittelbarer
Kenntnis über fie fich literarifch äußern könnten, denn
doch nicht aufgegriffen, fo haben fie kein Recht, der
Arbeit Clemen's anders als befchämt gegenüberzuftehen.
Aufmerkfam gemacht fei auf die jedem der beiden
Bändchen angehängten reichen Literaturliften zu fämt-
lichen einzelnen Abteilungen der ganzen Kompilation.
Sie bekunden mit ihren Hunderten von Bücher- und
Auffatztiteln, daß Clemen für feinen Zweck mit bekanntem
Fleiße ein Vieles ausgebeutet, was fonft unbeachtet zu
bleiben pflegt. Eine befonders ergiebige Quelle find ihm
die Bände der Encyclopaedia of Religion and Ethics
von Hartings, deren glücklicher Befitzer er ift — ich
felber konnte fie mir nur bis Bd. VI befchaffen —
gewefen, aber auch die Miffionszeitfchriften.
Leipzig.

H. Haas.

Scheftelowitz, Privatdoz. Dr. J.: Die altperfifche Religion
und das Judentum. Unterfchiede, Übereinftimmungen
u. gegenfeit. Beeinfluflungen. (VIII, 240 S.) 8°. Gießen,
A. Töpelmann 1920. M. 48 —

Scheftelowitz behandelt ,die vielen Ähnlichkeiten und
Berührungspunkte zwifchen der Perferreligion und dem
Judentum, die teilweife bereits bekannt waren teils von
ihm bei genauer Durchficht der authentifchen Quellen
aufgedeckt worden find' und verfucht ,ihre Genefis klarzulegen
' (S. V).

Schon aus der Einleitung erlieht man, daß er auf dem Standpunkt
des Judentums fleht, das er merkwürdigerweife ebenfo wie den Parsis-
mus eine .Erlöfungsreligion' nennt. Der Vf. hat gewiß ein Recht dazu,
aber er wird dann nicht erwarten dürfen, daß wir als Chriften feinem
Urteil folgen, weil wir in den ,Sinn und Geift der Thora' nicht .wahrhaft
eingedrungen' find (S. 2). Ihm fehlt jede Kritik gegenüber dem
Judentum: Mofes Lehre ,geht auf einen fchon von Abraham überlieferten
Monotheismus zurück', weil es ,die biblifchen Quellen' fo berichten;
Zarathuftra dagegen bringt ganz neue Gottheiten (S. 7). Ein zweites
Beifpiel: Die perfifchen Gottheiten find körperlich gedacht; .Herodots
Bericht (I 131), daß die Perler es nicht für recht hielten, Götterbilder
zu errichten, weil fie nicht glaubten, daß die Götter eine menfehliche
Geftalt hätten, erfcheint daher als unrichtig'. Im Gegenfatz dazu wird
der ifraelitifche Gott als ein geifliges Wefen bezeichnet und auf
Ex. 33, 18 ff. verwiefen, wo Mofe ,den Wunfeh äußert, Gott zu fehen
und den Befcheid erhält, daß man Gottes Wefen nur in feinen Werken
und in feinem gnadenreichen Walten erfchauen könne, aber niemals
ihn felbff (S. 10 f.). Diefe Art der Exegefe ift charakteriftifch und erweckt
ein ungünftiges Vorurteil; denn am Schluß verfpricht Jahve dem
Mofe, ihm feine .Rückfeite' zu zeigen. So malt der Vf. das Judentum
' auf Goldgrund, während die .heidnifche' Religion Zarathuftras
fchwarz in fchwarz erfcheint. Die Magie fteht im Dienft der perfifchen,
aber niemals der ifraelitifchen Religion; fogar dann, wenn Mofe die
Künfte der ägyptifchen Zauberer nachmacht, ift er beileibe kein Zauberer
(S. 22). ,Das Gebet (der Perfer) ift niemals von dem lauteren
Wunfeh getragen, fich ein reines Herz zu verfchaffen, fondern von der
Furcht der einfügen Sündenftrafe' (S. 23); ganz anders das Judentum.
Man merkt die Abficht.

Auch in der Beantwortung der Frage, ob Abhängigkeit
vorliegt oder nicht, wird man dem Vf. meift nicht
folgen können. Er denkt faft immer nur an .Entlehnung',
obwohl diefe als Ausnahme gelten muß; viel wichtiger
und bedeutfamer ift die .Anlehnung* oder, wie er bisweilen
fagt, ,Anlpielung', weil fie die gewöhnlichfte Form der
Beeinfluffung darftellt. Wenn fich z. B. in Deuterojefaja
,viele Anfpielungen auf den mazdayasnilchen Dualismus
finden' (S. 4), fo ift der Prophet von diefem abhängig,
obwohl er dagegen polemifiert. So ift der ,Entwicklungs-
reiz', der vom Parfismus ausgegangen ift, fehr viel ftärker
gewelen, als der Vf. zugeben will. Er meint, die Abhängigkeit
fchon dann ablehnen zu können, wenn er primitive
Vorftellungen aufzuzeigen vermag, aus denen
bisweilen höher entwickelte Anfchauungen hervorgegangen
find; aber warum das hier der Fall war und dort nicht,
ift eine Frage, die er nicht erörtert oder für die er nur eine
unzulängliche Antwort beibringt. So hält er z. B. für
möglich, daß fich die Idee der Hölle aus dem vorexili-
fchen Gedanken eines Strafgerichtes Gottes durch Feuer
entwickelt haben könnte (S. 185); aber man fieht nicht
ein, felbft wenn man diefe Möglichkeit zugibt, warum eine
folche Entwicklung erft in der perfifchen Zeit eingetreten
ift und nicht fchon vor dem Exil. Der Glaube an eine
leibliche Auferftehung ift nach ihm aus dem Intereffe
entfprungen, die Seligkeit des meffianifchen Reichs mitzuge-
nießen (S. 98). Diefe Art der pfychologifchen Ableitung
und Erklärung einer Entwicklungsreihe entfpricht der berüchtigten
fprachgefchichtlichen Methode, mit Tafchen-
fpieler-Gefchicklichkeit .Alopex' in ,Fuchs' zu verwandeln.
So kommt er zu dem Gefamtrefultat, ,daß die meiften
Übereinftimmungen zwifchen perfifchen und jüdifchen
Vorftellungen nicht als Entlehnungen betrachtet werden
können, fondern auf einer parallelen religionsgefchichtlichen
Entwicklung beruhen. Einzelne perfifche Bräuche, kos-
mologifche Vorftellungen und folche aus der Angelolo-
gie, Dämonologie und Efchatologie find in das Judentum
eingedrungen. Diefe mit dem Judentum verfchmolzenen
fremdartigen perfifchen Gedanken haben nicht im Ge-
ringften zur Entwicklung und Vertiefung der religiöfen
und ethifchen Begriffe deffelben beigetragen' (S. 228).
Wer die Methode ablehnt, wird auch diefen ,Ergebniffen'
nicht zuftimmen können.

Wertvoll ift das Buch nur als StofiTammlung, und
zwar nicht nur für die einzelnen Vorftellungen der jüdifchen
und der perfifchen Religion, die mit einander ver-

Pliehen werden, fondern auch für die Fülle ethnologifcher
arallelen aus aller Welt, die zum Vergleich herangezogen
werden. Davon kann eine Rezenfion keinen rechten Begriff
geben, weil man fonft das ganze Regifter ausfehrei-
ben müßte. Ein Beifpiel muß genügen: Im 4. Kapitel
werden die Apotropaea behandelt (S. 64—88), darunter
Feuer, Kreis, Umfchlingung, rote Farbe, Knoblauch, Horn,
Weide, Halm, Ziegenopfer, und überall wird die Literatur
angeführt, fodaß faft jeder Satz feine Anmerkung
hat. So überflüffig diefe Parallelen für das Hauptthema
find, fo dankenswert find fie für fich allein; um ihretwillen
muß man das Buch trotz feiner Schwächen empfehlen.
Schlachtenfee-Berlin. Hugo Greßmann.

Lohmeyer, Ernft: Vom göttlichen Wohlgeruch. (Sitzungsberichte
der Heidelberger Akad. d. Wiff. Philof.-hift.
Kl. Jahrg. 1919. 9. Abhdlg.) (52 S.) gr. 8°. Heidelberg
, C. Winter 1919. M. 1.75
Lahmeyer hat ein dankbares Thema mit weitem Blick
und feinem dichterifch-religiöfen Verftändnis behandelt. Er
geht von griechifchen Vorftellungen aus, wendet fich

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