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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

224

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Nöldeke, Theodor

Titel/Untertitel:

Geschichte des Qorans. 2. Aufl., völlig umgearb. v. Friedrich Schwally. 1. u. 2. Teil 1921

Rezensent:

Goldziher, Ignác

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 19/20.

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gründende Kraft' erlangt. .Dann kann fie als etwas gedeutet werden, wodurch
der ewig Lebendige felbft feinen Menfchenkindern bekundet, daß fie höheren
Wefens find und der Vollendung teilhaftig werden follen' (S. 89).

Diefe letzten Ausführungen des Verf. über die Stützpunkte
des Unfterblichkeitsglaubens erfcheinen mir am
wenigften gelungen. Befonders bei den ,primären Grundlagen
' ift die .Bedeutfamkeit' der Erfcheinung doch reichlich
eine Sache des fubjektiven Dafürhaltens. Auch das
bloße Nebeneinander einzelner Stützpunkte hat etwas
Unbefriedigendes. Hier hätte vielleicht doch auch in
der durch die Vortragsform gebotenen Kürze mehr von
einer zufammenhängenden Philofophie des Geifteslebens
geboten werden und deutlicher gezeigt werden können,
wie man eine folche befriedigend nicht geben kann ohne
den Gedanken der,Ewigkeit' gerade auch des perfönlichen
Geiftes.

Der Vortrag von Perthes behandelt den Tod lediglich
als phyfiologifchen Vorgang und als feelifches Erlebnis
. — Schleichs Vortrag hat es gleichfalls nur mit
dem Tode zu tun. Von der Vorausfetzung aus, daß ,die
Tatfache des Beftandes der echten, unzerftörbaren Un-
fterblichkeit bei Einzellern für abfolut gefichert gelten'
dürfe (S. 15) und daß ,es fchlechterdings keine Möglichkeit
gibt, den Gedanken abzulehnen, daß diefelbe Un-
fterblichkeit . . . auch den Kleinfiegelträgern der Perfön-
lichkeit, die fichja nurauszufammenverbundenenEinzellern
figuriert, verliehen worden ift' (S. 18): fieht er im Tode
nicht Vernichtung des Lebens, fondern ,ein ewiges Karten-
mifchen, wie ein gewaltiges Kombinationsfpiel einer gewaltigen
Künftlerfehnfucht' ,zwecks immer höherer Steigerung
der grandiofen Idee des Lebensaufftiegs' (S. 28).

,Das Verfenken unferer Verftorbenen in den Schoß der Erde vermittelt
eben fchon phyfiologifch die Auferftehung aller (in ihrem In-
dividüalleben) erkämpften und heraus gefteigerten Geiftigkeiten' (S. 46).
Im Verwefungsprozeß .brechen die Zellkapfeln auf, in denen die Perlen
des fteigenden Lebens eingelaffen find, die Edelfteine des Aufftiegs (der
grandiofen Gefamtidee des Lebens) werden frei und der perfönliche Anteil
am Lebenskampf rinnt in die Natur zurück' (S. 45). Wie realiftifch
das gemeint ift vgl. z. B. S. 44: Der Mentch .lernte von den (feinem
Organismus eingefügten) Fifchnukleinen das Unterfeeboot bauen, von
den Vogelzellen die Luft, im Luftmeer zu fahren' ufw. oder S. 39: , Viel
deutlicher noch würde hiftorifch der durch die Leichenverbrennung
ganzer Völkerftämme . . vollzogene Niedergang ganzer Kulturen fein,
wie bei den Indern, alten Germanen und den ihre Chromofome durch
Gift feffelnden Ägyptern (Balfamierung der Leichen), wenn nicht die alten
Holzftoßverbrennungen im Sinne der Chromofomvernichtung als höchft
unvollkommen bezeichnet werden müßten' verglichen mit der modernen
Leichenverbrennung. Darum bekämpft Sch. die Leichenverbrennung.
Es ift .fittliche Pflicht, ein Leben von folcher Art zu führen, daß untere
Chromofome (nach der Zerfetzung unferes Leibes) dem Aufftieg des
Dafeins dienen können, und alfo unfere Zellen unverbrannt nach dem
Tode der Natur zu freiem Nutz und Niesbrauch für ihre höheren Zwecke
zu überlaffen' (S. 29).

Ein Erfatz für den eigentlichen Unfterblichkeits-
glauben wollen diefe naturwiffenfchaftlichen Phantafien
ausgefprochenermaßen nicht fein (S. 30, 49).
Herrnhut. Steinmann.

Journal of the Society of Oriental Research. Vol. IV, u.
V, 1, 1. 2. Ed. by Sam. A. B. Mercer. (62 S.) gr. 8°.
Chicago, The Society of Oriental Research 1920 — 21.

Jahrgang 5 $

Den Hauptinhalt diefes JSOR b eftreitet der Herausgeber
Mercer, der Rektor der Gefellfchaft, Profeffor für
Hebräifch und Altes Teftament am Weftern Theological
Seminary in Chicago. Als Schüler Hommels vereinigt
er gediegenes Wiffen mit weitem Horizont und klugem
Urteil. Den Umfang feines Könnens lehren die Aüffätze
über das fumerifche Götterparadies, über den Gottesdienft
in Ur, über die affyrifche Moral, über die ägyptifche
Moral, über das Horusauge in den Pyramidentexten und
über die Anaphora des hl. Chrysostomus, eine Überfetzung
der äthiopifchen Liturgie. _ Alle diefe Abhandlungen find
für die religionsgefchichtliche Betrachtung anregend; die
Studien über das Ethos der Affyrer und Ägypter find
für den Theologen befonders reizvoll. Wiffenfchaftlich
am wertvollften, aber auch für Laien verftändlich ift die

I Darfteilung über den fumerifchen Paradiesmythus, die
mit Beherrfchung der gefamten Literatur über Langdon
und fogar noch über Witzel hinausführt; das befte, was
bisher darüber gefchrieben ift (mit Umfchrift und Uber-
fetzung des Textes). — Zwei kurze und doch ausgezeichnete
Bibliographien der affyriologifchen Literatur mit knappen
Erläuterungen flammen von Maynard, der auch im
Anfchluß an das bekannte Werk Autran's die Frage
behandelt, ob die Phöniker ein femitifches Volk waren.
Langdon liefert einen kurzen Beitrag zur affyrifchen
Lexikographie und Kelly macht den hoffnungslofen
Verfuch, das fanft entfchlafene Schwa medium zu neuem
Leben zu erwecken. So find alle Auffätze bis zu den
,Reviews' am Schluß jedes Halbjahrsheftes feffelnd, und
darum kann ich die Zeitfchrift den Altteftamentlern aufs
wärmfte empfehlen.

Schlachtenfee (bei Berlin). Hugo Greßmann.

Nöldeke, Theodor: Gelchichte des Qoräns. 2. Aufl., völlig
umgearb. von Friedrich Schwally. 1 . u. 2. Teil.
(X, 262 S. u. VIII, 224 S.) gr. 8°. Leipzig, Dieterich'fche
Verlagsbchh. 1909 u. 1919. I: M. 11—; ILM. 16 —
Seit Jahren, ja Jahrzehnten äußerte fich dringend das
Verlangen nach einer Neuausgabe des meifterhaften, von
der Parifer Academie des Inscriptions gekrönten Erftlings-
werkes (1860) des Führers unferer femitiftifchen Wiffen-
fchaft. Da Nöldeke zur perfönlichen Veranftaltung der
Neuausgabe nicht zu gewinnen war, wurde diefelbe, auf
feine Empfehlung, feinem für diefe Arbeit kompeteten
Schüler, dem Gießener (nachher Königsberger) Profeffor
Schwally anvertraut, der den größten Teil der ihm ge-
ftellten Aufgabe mit Pietät und allfeitiger Sachkenntnis
löfte, bis ihn der Tod (5. Febr. 1919) nach forgfamer Bearbeitung
von zwei Dritteilen des Grundwerkes der Vollendungderfelben
entriß. Schw. faßte die ihm übertragene
Aufgabe auf als Neugeftaltung des Meifterwerkes, das
auch in feiner urfprünglichen Geftalt als grundlegende, die
obfchwebenden Probleme mit ficherer Hand erfaffende,
das weitfchichtige Quellenmaterial zu allererft erfchließende
und kritifch ordnende Behandlung der Koranfragen den
vollen Wert und dauernde Geltung behält. Zunächft bereicherte
er das Material des Buches durch Einverleibung
der feit feinem Erfcheinen hervorgetretenen Studien in
bezug auf allgemeine Fragen der Korankritik (z. B.
Chronologie der Suren ufw.) fowie auch in Betracht
kommender zahlreicher Einzelheiten. Er beftrebte fich
durch das ganze Buch ein reichhaltiges Material up to
date möglichft vollftändig aufzufpeichern; ferner hat er
den Beftand des Grundwerkes durch Angliederung neuer
Themata erweitert, wobei befonders auf die intereffanten
Abfchnitte (II, 193—217) ,Die neuere chriftliche Forfchung'
hingewiefen werden möge. So ift der Umfang des Werkes auch
in quantitativer Beziehung in bedeutender Weife ange-
wachfen. Die XXXII + 233 Seiten des von Schw. bearbeiteten
Textes von zwei Dritteln der erften Ausgabe
find in diefer Neuausgabe in 261 (1. Tl.) + 228 (2. Tl.)
Seiten vertreten. Die Bearbeitung der mit römifchen
Seitenzahlen bezifferten Einleitung N.'s ift bei Schw. in
den Körper des Werkes (II 122—192) verfetzt worden.
Zum Schluß (II 220—224) find Nachträge aus der Feder
Prof. Aug. Fifcher's hinzugefügt, der fich nach dem
Hinfeheiden Schw.'s im Verein mit Prof. H. Zimmern,
dem Schwager Schw.'s, in die Korrektur- und Revifions-
arbeit geteilt hat. Es ift jetzt nur noch die Bearbeitung
des 3. Drittels des N.fchen Werkes ausftändig, für die fich
der Königsberger Nachfolger Schw's. Prof. G. Bergfträßer
bereit erklärt hat.

.Somit ift — fo ichließt Zimmern das dem Werk feines frühvoll-
endeten Schwagers vorgefetzte Vorwort — die begründete Hoffnung vorhanden
, daß die Neubearbeitung des meifterhaften Jugendwerkes von
Theodor Nöldeke kein Torfo bleibt, fondern in abfehbarer Zeit ab-
gefchloffen vorliegen wird. Möge es unferem allverehrten hochbetagten
Altmeifter vergönnt fein, dies noch felbft zu erleben'.

Budapeft. I- Goldziher.