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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

211

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Gese, Religion u. Wissenschaft 1921

Rezensent:

Wendland, Johannes

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211

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 17/18.

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diefem Körper ihrem Wefen nach getrennten felbftändigen
Seele, von einem die ganze Welt erhaltenden und unfere
Gefchicke leitenden Gott, von einem befferen jenfeitigen
geiftigen Leben hätte, ich hätte fchon längft . .. diefem
irdifchen Leben . . . ein Ende gemacht'. (Brief vom
17. VI. 1855, S. 145.) Seinen eigenen Standpunkt am
Ende diefes Lebensabfchnitts kennzeichnet er in einem
Brief vom 20. V. 1856 (S. 188): ,Ein chriftlicher Rationalismus,
wie ihn Sydow in feinen trefflichen Predigten, oder ein
ethifcher Humanismus, wie ihn Weiße, der Leipziger
Philofoph, in feinen Auffätzen ausfpricht, oder vielmehr beides
zufammen find für mein jetziges fittlich-religiöfes Bewußtfein
und Bedürfnis die einzig zutreffenden Standpunkte.'
Man fpürt in den Briefen wohl hie und da, daß feine
Entwicklung ihn aus dem Chriftentum hinausführen wird,
aber diefe Konfequenz ift hier noch keineswegs gezogen.
— Ein ganz vortrefflich als ,Schlüffel' eingerichtetes
Regifter, das den Inhalt unter biographifchen Gefichts-
punkten erfchließt, verdient befondere Anerkennung.
Leipzig. Johannes Werner.

GeTe, iJaftor i. R. Lic. Dr.: Religion u. Wirrenrchaft. (40 s.) kl. 8U.

Leipzig, Dörlling u. Franke 1920. M. 3 —

Die völlige Trennung beider Mächte, wie iie Kant und ihm folgend
andere durchzuführen verbucht haben, befriedigt G. nicht. Denn
die Tatfachen zeigen, daß 1. eine Gefamtweltanfchauung in entfcheidender
Weife vom religiöfen Glauben beeinflußt ift. 2. die Formulierung des
Glaubens durch die wiffenfchaftliche Forfchung mit bedingt ift. 3. Eine
völlige Scheidung erweckt meift den Schein, als ob nur das Witten-
fchaftliche Erkennen objektive Realität habe, der Glaube nur fubjekfivc,
poetifche Gemütswahrheiten gebe. — Bei aller Hervorhebung der Vei-
fchiedenheit beider Mächte und bei aller Erkenntnis bleibender Spannungen
legt G. dar, daß eine umfaffende Weltanfchauung nur vom religiöfen
Glauben aus gewonnen werden kann. Ihre Durchführung im
einzelnen muß die Konflikte zwifchen den Gemütswahrheiten und der
kaufalen Erforfchung der Wirklichkeit löfen.

Bafel. Johannes Wendland.

Simmel, Georg: Lebensanlchauung. Vier metaphyf.Kapitel.
(III, 245 S.) 8°. München, Dimcker&Humblot 1918.

M. 6—; geb. M. 8 —
Die letzte Arbeit Simmeis bedeutet wieder eine ftarke
Wendung in dem wandlungsreichen und grundfätzlich
unfyftematifchen Denken diefes fcharf- und tieffinnigen
Kopfes. Der Nebentitel befagt das Wefen diefer Wendung
, die übrigens ohne Kenntnis des ganzen Entwicklungsganges
Simmeis in ihrer Bedeutung nicht zu begreifen
ift. Es iftdie Wendung voneinerder Windelbandkhen
Schule einigermaßen verwandten Transzendentallogik zur
Metaphyfik, wie jener Transzendentalismus feinerfeits bereits
eine Wandlung aus dem anfänglichen Pofitivismus
und Darwinismus heraus war. Die neue Metaphyfik ift
die Metaphyfik des .Lebens'. Diefes Leben ift ein Schopenhauer
undBergfon entnommener Begriff, derzunächftnurdie
Unendlichkeit, Kontinuierlichkeit, Flüffigkeit und Irrationalität
der gefamten Wirklichkeit, vor allem aber der
biologifch-hiftorifchen, bedeutet. Aber Simmel bleibt nicht
in dem ungegliederten und ziellofen Lebensftrom ftecken,
fondern lehrt die aus ihm heraus erfolgenden Achfendreh-
ungen zur Idee, zu zeitlos gültigen, rein ideellen Inhalten,
in denen offenkundig Hufferls nur phänomenologifch
fchaubare und erfaßbare Ideen gemeint find. Das ergibt
nun einen fortgefetzten fich immer erneuernden
Dualismus, eine beftändige Selbftfpaltung des Lebens
in vitale und transvitale, naturhafte und geiftig-werthafte
Inhalte. Würde man von da aus die geiftigen Inhalte
zur Kontinuität ihres Werdens und Hervorbrechens aus
dem bloß Leben fammeln, würde man die grundlegende
Wurzeleinheit des animalifch-naturhaften und des geiftigen
Lebens in einer von Geift und Sinn beherrfchten göttlichen
Lebenseinheit fuchen und damit den Weltprozeß
aus einer fubftanziellen Grundlage heraus entfpringen
laffen, fo könnte man auf ähnliche Gedanken wie bei
Fichte und Hegel oder etwa gar wie beim fpäteren
Sendling kommen. Aber gerade diefer Rückgang wird

nicht vollzogen. Die geiftigen Werte tranfzendieren das
bloße Leben nur als gelegentliche Infein und find im Grunde
jedesmal nur die Spiegelungen der naturhaften Lebens-
ftrecke unter das Kategorie der Idee, d. h. unter dem
Exponenten einer künftlerifchen oder kunftartigen Bildeinheit
, die als Individualität, Schickfal oder individuelles
Gefetz erfcheint und als folches das Sollen diefer Lebens-
ftrecke darftellt. Es ift alfo im Grunde der Gegenfatz
von Geift und Natur, von Leben und Idee wieder aufgehoben
und die das Leben tranfzendierende Idee wird
lediglich zur Erfaffung der Lebensftrecke als individuelle
Sinneinheit, wobei der Sinn doch wefentlich vom Leben
und nicht von der Idee beftimmt ift. Trotz allem fchein-
baren Dualismus ift es im Grunde ein naturaliftifcher
Monismus, aber ftark äfthetifch temperiert und durch
taufend erkenntnistheoretifche Kautelen vor jeder mate
rialiftifchen, überhaupt vor jeder eigentlich fyftematifchen
Auffaffung bewahrt. Ein bißchen wird man an die Iden-
titätsphilofophie des jungen Schölling erinnert, nur fehlt
trotz alles Lebensbegriffes deffen übermütige Vitalität.

Die ethifchen Konfequenzen find damit deutlich hervorgehoben
. Sie intereffieren auch den Verfaffer vor
allem. Doch bleibt er hier m. E. in ftarken Widerfprüchen
hängen. Die völlige Subftanzlofigkeit des Ganzen, das
Aufgehen in einem Spiel mit Formen, Gefetzen und
Aprioritäten, die aber alle nur relative Geltung im Verhältnis
zu einander und zu einem fubftanzlofen Subjekt
haben: all das hat feinen Grund in der völligen Ablehnung
jedes Gottesbegriffes, wenn auch jetzt — fehr
im Gegenfatz zu früher — wenigftens eine Art myftifcher
negativer Theologie für möglich gehalten wird. Vergleicht
man Leute wie Descartes, Spinoza, Malebranche,
Leibniz, Locke, Berkley, Kant mit folchem Denken, fo ift
der entfeheidende Grund des tiefen Unterfchiedes die
Rolle, die der Gottesbegriff bei jenen alten Klaffikern
und bei den modernen Relativiften fpielt. Er war bei
jenen Alten fehr ernft gemeint und nicht ein unüberwundenes
Anghängfel aus älteren Epochen. Er gab ihnen
die Möglichkeit von Subftanz und Abfolutheit. Indem
die Modernen den Gottesbegriff grundfätzlich oder tat-
lächlich ausfchalten, kennen fie auch keine Subftanz und
keine Abfolutheit. Das ift fchließlich der ganz einfache
Unterfchied der Klaffiker der modernen Philofophie und
der heutigen relativiftifchen Epigonen. Man kann ihn
fich nicht genug klar machen, wenn man die moderne
Geiftesgefchichte verliehen will. Daher auch das Ent-
fetzen über Hobbes, der leincr Zeit zuerft mit dem vollen
Relativismus hervortrat, fich aber dafür wenigftens durch
den Abfolutismus in der Politik entfehädigte, während
die Gläubigen des Abfoluten Relativiften in der Politik
fein konnten.

Für Näheres muß ich auf meine eingehende Studie
über Simmel in der hiftorifchen Zeitfchrift verweifen.
Berlin. Troeltfch.

Haering, Prof. D. Th.: Evangelium, Bekenntnis und Kirche.

Freundfchaftl. Antwort auf die gleichnamige Schrift
von D. Chr. Römer. (19 S.) 8". Heilbronn, E. Salzer
[1920]. M. 1.30

Eine wertvolle Auseinanderfetzung des ehrwürdigen
Verfaffers mit dem ihm befreundeten verftorbenen Prälaten
Römer über die Beurteilung der modernen oder religions-
gefchichtlichen Theologie. In befonnener Weife unter-
fucht Haering, ob die letztere in dem Maße verbreitet
fei, wie Römer vorausfetze, ob fie von diesem allenthalben
genau gefchildert, und ob fie in ihren tiefften Wurzeln
erkannt fei. Auf die weiten Kreife, bei denen er Vertrauen
genießt, wird diefe Darlegung, mufterhaft im Ton
und ebenfo umfichtig wie gerecht im Inhalt, eine wohltuende
Wirkung ausüben. Freilich weckt sie zugleich ■
ein lebhaftes Gefühl für die Schwierigkeit einer Vermittlung
zwifchen Gemeinfchaftschriftentum und moderner Theologie
. Diefe Schwierigkeit beruht einerfeits darauf, daß