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Ausgabe:

1921

Spalte:

207-208

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Wünsch, Georg

Titel/Untertitel:

Die Bergpredigt bei Luther 1921

Rezensent:

Köhler, Walther

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208

künftlerifchen Betätigung vollends zu Tage tritt, die auf
die befagte Weife nunmehr zu überbrücken ift. Religiöfe
Kunft ift keineswegs etwa bloß Bibelmalerei, wenn auch
der religiöfe Gegenftand neben ,präreligiöfem Stil' (diefer
an der imaginativen Vollendung gemeffen, vgl. die fixti-
nifche Madonna als vollendetften Ausdruck des Idealismus
' fowie frühere Teilerfcheinungen des Expreffionismus)
die Grundvorausfetzung bildet, fondern vollzieht fich wahrhaft
erft mit wirklicher Religiofität des Schaffenden, der
glaubenserfüllten Gefinnung des Künftlers (Glaube nicht
mehr mit bezug auf Objektives genommen). Was Chriftus,
deffen hiftorifche Exiftenz immerhin nur als möglich angenommen
wird (S. 20), mythifch vorgelebt hat, ift bei-
zubehalten, der Hauptnachdruck auf die extremen Zuftände
der Paffion und Ekftafe zu verlegen (erftere auch aktiv
gedacht, letztere recht weit gefaßt), die ja auch für die
jüngfte Motivwahl bereits beftimmend waren (S. 17. 97).
Chriftus felbft wird durchaus ins Menfchheitliche projiziert
und liegt, in die Freiheit des Ichs aufgenommen, nicht
hinter, fondern vor uns. Ungeahnte Fähigkeiten der gottähnlichen
Menfchenfeele können fomit zur Entfaltung
kommen — auf dem Wege durch die Kunft! Die Kirche
in ihren verfchiedenen Geftaltungen, auf dem langen ge-
fchichtlichen Wege zu diefem Ideale gemeffen, kommt
natürlich, wie bei aller oberflächlichen Kenntnis der Tages-
fchriftfteller von ihrer unermüdlich erziehenden Arbeit,
fchlecht weg, da fie fich im ganzen Verlaufe als im wefent-
lichen nur hindernd, beftenlalls ertragend, erwiefen hat,
und auch die ,dünn-liberale Myftik' moderner Proteftanten
hat das Ideal nur von ferne gefehen (S. 98). Jene follte
fich allerdings in ihren maßgebenden Vertretern gerade
unter der Flut moderner Kulturgedanken ftets fagen, daß
fie diefe nicht ignorieren darf, fondern irgendwie zu verarbeiten
und zu bewältigen fuchen muß, wenn fie ihr
Geltungsrecht als geiftige Größe behaupten will. Eine
Vernachläffigung gerade auch der Kunft als wichtiger
Lebensbetätigung innerhalb der geiftigen Gefamtftrömungen
(vgl. die mittleren Kapitel des Buches, dazu etwa
W. Waetzoldt, Deutfche Wortkunft und deutfche Bild-
kunft, Berlin 1919), darf man dem kirchlichen Proteftan-
tismus, im großen und ganzen genommen, in der Tat
vorwerfen, ohne das Vertrauen des Verfaffers in feine
Ideale zu teilen, da er doch felbft die Gefahren der neuften
Kunftrichtung nicht überfieht (S. 45). Vielleicht verfucht
fich diefe noch einmal in Wiedergabe der wunderbar
fchwungvollen ,Oden Salomos', hinter der die Chriftus-
geftalt in myftifcher Verallgemeinerung ja auch fleht!
Betheln. E. Hennecke.

Wolff, Richard: Studien zu Luthers Weltanfchauung. Ein

Beitrag z. Frage d. Einordnung Luthers in Mittelalter

oder Neuzeit. (Hiftor. Bibliothek, 43. Bd.) (65 S.) 8°.

München, R. Oldenburg 1920. * M. 10 —

Wünlch,Pfr.Lic. Georg: Die Bergpredigt bei Luther. Eine Studie
z. Verhältnis v. Chriftentum u. Welt. (227 S.) gr. 8°.

Tübingen, J. C. B. Mohr 1920. M. 14--h 7S % V.-T.-Z.

Diefe beiden Schriften gehören infofern zufammen,
als fie in ihren letzten Intentionen auf E. Troeltfch zurückgehen
d. h. feine Thefen über die Reformation im Allgemeinen
und ihre Stellung zum Sozialproblem im be-
fonderen einer Prüfung unterziehen. Wolff bietet eine
fehr hübfche und lefenswerte Einführung in die derzeitigen
methodologifchen Fragen der Reformationsgefchichte, einfetzend
bei der Aufgabe des Gefchichtsforfchers überhaupt
und dann einen gut orientierenden Aufriß der m. a. Weltanfchauung
bietend, im Anfchluß an Troeltfch. Dominierend
ift die Vorftellung einer einheitlichen Weltordnung, und
felbft bei den radikalften Reformtheorethikern handelt es
fich nur um Abgrenzungen der geiftlichen und weltlichen
Kompetenzen innerhalb des einen und einzigen Gottesreiches
, wobei die Hoheit des Papftes und feines Klerus
auf dem Gebiete der Spiritualien unantaftbare Voraus-
fetzung ift. Die Probleme der Lutherforfchung werden

mit Recht um die Frage einer Betrachtung von univerfal-
gefchichtlichem Standpunkt gruppiert und von da aus
Mittelalterliches und Modernes an Luther benimmt.
Speziell hebt Verf. Luthers Auffaffung von der Gefell-
fchaft (Staat und Kirche) heraus, fie mit Recht aus der
m. a. Weltanfchauung entwickelnd. Wenn dabei eine
fpirituale, rein geiftige, jenfeitige Vorftellungsreihe (.Chriftus
kümmert fich nicht um Politie') von einer realen richtig
unterfchieden wird, fo ift der fchwierige Punkt, die Verknüpfung
beider Gedankenreihen, nicht ganz klar herausgearbeitet
worden (vgl.S. Soff.); der Satz: ,die rein geiftige,
transzendente Sphäre ergießt fich in die irdifche, chrifti-
anifiert dasDafein auf Erden'läßt gerade das entfcheidende
Wie? offen, und eine Auseinanderfetzung mit Holl, der
zu kurz bei Seite gefchoben wird, wäre erfprießlich ge-
wefen. Ebenfo vermiffe ich den Gedanken, daß die
fpirituale Gedankenreihe durch ihre Freigabe der Politie
der Entwicklung des modernen Staates die Bahn öffnete,
daher dann der Proteftantismus fich ihm erfchließen konnte,
während der Katholizismus ihn knurrend toleriert und
dirigieren möchte. Dem Schlußergebnis, daß bei einer
.begrifflichen' (nicht .zeitlichen') I'affung des M.-A. und
bei ideengefchichtlicher (nicht: politifch-hiftorifcher) Betrachtung
Luther in den m. a. Weltanfchauungskreis hineingehört
, ftimme ich völlig zu und hoffe von der guten
Auseinanderfetzung W.s mit den Gegnern von Troeltfch
eine Förderung gegenfeitigen Verftändniffes.

Die Arbeit von Wünfch ift unmittelbar durch die
Äußerung von Troeltfch in den .Soziallehren' S. 479 veranlaßt
: ,eine Darfteilung von Luthers Verhältnis zur Bergpredigt
wäre fehr wünfchenswert'. Sie will alfo eine
monographifche Ergänzung der .Soziallehren' darftellen und
kann auch als eine folche gelten, fofern fie das Material
fleißig gefammelt und zulammengeordnet hat; inhaltlich
beftätigt fie die von Troeltfch gezogenen Grundlinien,
fleht fogar an Präzifion und fcharfer Begriffsfaffüng hinter
ihm zurück. Das Drückende des ganzen Bergpredigtproblems
hat W. fehr wohl empfunden; jeder einigermaßen
mit der Pfychologie unferer jungen Theologen
Vertraute wird verliehen, daß es ihm ,Lebensproblem'
(vgl. die Vorbemerkung) ift, und daß er die Konflikte
zwifchen dem Rechte des Jenfeits und des Diesfeits brennend
fpürt, und zwar als hier auf Erden unlösbar. Es ift auch
durchaus richtig, wenn er die Spannungen, und zwar
wiederum im Sinne einer irdifchen Unlösbarkeit, fchon bei
Luther findet, ihn alfo .dualiftifch' einftellt; durch die
einzelnen Gebiete der Ethik wird das im Anfchluß an die
Bergpredigt fehr gut durchgeführt. Damit ift aber die
Hauptfchwierigkeit noch nicht berührt; fie liegt in dem
Aufweis der Brücken zwifchen Diesfeits und Jenfeits, Weltbürger
und Chrift, Amt und Perfon oder wie man den
Dualismus beftimmen will. Daß Brücken für Luther vorhanden
find, weiß W. fehr wohl, fagt auch manches Gute
dazu, aber es ift auffallend, ja bei einem Geiftesfchüler
von Troeltfch gewiffermaßen unbegreiflich, daß er die
Bedeutung der Brücke des Naturrechts gar nicht erkannt
hat; die ift doch geradezu grundlegend. Schon bei dem
kurzen Rückblick auf Paulus (W. leitet von Jefus über
Paulus zu Luther) tritt diefer Mangel heraus, um fich
fortfchreitend zu vertiefen. W. ift ja fehr nahe daran,
wenn er für das gute Recht der natürlichen Ordnungen
auf den Schöpfergott abftellt, aber der ganze Aufbau
wäre bei Verwertung des Naturrechtkomplexes ein ftrafferer
geworden. Doch hindert diefes Verfäumnis nicht, in dem
Buche von W. eine wefentliche Förderung der in ihm behandelten
Probleme zu fehen. Manche glückliche Formulierung
erfreut, und der Grundgedanke: .Luther erfaßte
das Diesfeits und Jenfeits im abfoluten Gegenfatz, er fah
im wefentlichen nur Licht und Schatten, der Gegenfatz
erfährt einige Milderung durch die ,Ordnungen Gottes',
das fogen. ,Reich der linken Hand Gottes' wird gut durch
die ethifchen Einzelgebiete durchgeführt.
Zürich. W. Köhler.