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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

200-201

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Alt, A.

Titel/Untertitel:

Die griechischen Inschriften der Palästina Tertia westlich der Araba 1921

Rezensent:

Gressmann, Hugo

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Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 17/18.

200

fammen, die für die Abhängigkeit Muhammeds von der
Gnofis erwogen werden müffen. Eine Reihe von Argumenten
, darunter vor allem die Tatfache, daß der Ramadan
als aus dem Manichäismus übernommen nachweisbar
ift, bewegen ihn zu der Entfcheidung, daß die aus
der Gnofis flammenden Elemente durch Vermittlung des
Manichäismus an Muhammed gekommen feien. Da die
judaiftifchen Elemente aus dem Judentum direkt flammen
können, bleibe für eine Berührung Muhammeds mit
den Elkefaiten keine Grundlage mehr. O. Ritfehl (II 27)
fammelt auf engem Raum eine Fülle von Material über
das Aulkommen der unio mystica auf lutherifchem Boden.
Die Entflehungsgefchichte des Begriffs kann nunmehr
annähernd überfehen werden. Die forgfältige Unterfuchung
der Theologie Melanchthon's unter dem genannten Ge-
fichtspunkte wird mit befonderer Dankbarkeit zu begrüßen
lein. An ein großes Problem, nur fchwerlich mit
ganz glücklicher Hand, hat fich auch Fabricius (II 33)
gewagt. Er fucht (m. E. mit Recht, doch ohne die nötigen
Vorbehalte und die zureichende Begründung) Hegel's
Philofophie als unter den geifligen Nachwirkungen Luther's
flehend zu erweifen, und benutzt die Abhängigkeit Marx's
von Hegel dann, um das Urteil auch auf den Sozialismus
auszudehnen. So entfleht ihm zu Max Weber's Verknüpfung
von Calvinismus und Kapitalismus eine Dublette:
Luthertum und Sozialismus. Der Grundfehler fcheint mir der
zu fein, daß Marx wohl nach feiner formalen Methode, nicht
aber nach dem Gehalt feines fozialen Ideals, von
Hegel abhängig ift. Wer den Stammbaum der fozialiflifchen
Ideale unterfucht, wird nach Frankreich hinüber geführt.

Eine Reihe von Auffätzen gilt dem Neuen Teftament.
Der wertvollfte ift doch wohl der von Brun (II 3). Er
erklärt die beiden erften Bitten des Unfervaters in ihrer
Verknüpfung aus einem in den Thronbefteigungspfalmen
bezeugten kultifchen Brauche und hat damit der Erklärung
Zahn's aus Ezechiel einen beachtenswerten andern
Verfuch entgegengeftellt. Ich will freilich nicht verhehlen,
daß die damit vollzogene Umbiegung des Sinnes der
beiden Bitten aus dem BThifchen ins Kultifch-Eschato-
logifche mir ein Problem bleibt. Altteftamentler werden
fich den Hinweis S. 24 auf des Norwegers Mowinckel
Thefe, die die Thronbefteigungspfalmen mit dem jüdifchen
Neujahrsfeft in Beziehung fetzt, nicht entgehen laffen dürfen.
Schütz (II 5) bringt eine Anzahl neuer fprachlicher Beobachtungen
zur Quellenfcheidung in der Apoftelgefchichte
bei, die ihm weittragende Folgen für die urchriftliche Ge-
fchichte zu geftatten fcheinen. Liechtenhan (II 6) macht
den Verfuch, die wefentliche Übereinftimmung des Berichts
Gal 2 mit der Apoftelgefchichte nachzuweifen. Trotz
der großen Kunft, die an die Sache gewandt ift, kann
ich mich mit diefer Preisgabe wefentlicher kritifcher Er-
rungenfehaften nicht befreunden. Und fo leichten Kaufes
kann man mit den gewiß fragereichen Forfchungen von
E. Schwarz doch nicht fertig werden. Auch Violet's
Beitrag (IT 2) fleht im Zeichen der rückläufigen Bewegung.
Er tauet m. E. mit Recht einen wunden Punkt in dem
kritifchen Aufriß des Lebens Jefu an und wird darum auch
dem, dem feine Deutung der Verfuchungsgefchichte unmöglich
erfcheint, Anlaß zur Nachprüfung der eigenen
Stellung geben.

Die zahlreichen Unterfuchungen und Späne zur alt-
chriftlichen Literaturgefchichte kann ich hier nicht im
einzelnen aufführen. Dibelius (II 9) fucht im Hermasbuch
die Geftalt des ,Hirten' aus heidnifchen Vorftellungen
zu erklären und widerfteht nur fchwer der Verfuchung,
die Gleichfetzung von Hermes und Hermas in den Bereich
feiner Vermutungen einzuziehen. Hennecke (II 13) führt
die von E. Schwarz erarbeiteten Ergebniffe über die
pfeodoapoftolifchen Kirchenordnungen in einer großen
Anzahlliterarkritifcher Einzelbeobachtungen weiter. Waitz
(II 8) begründet eine neue Deutung des .Buches des El-
chafai' und fkizziert die Gefchichte der Sekte und ihres
Stifters, foweit die Überlieferungstrümmer das erlauben.

Ein Beitrag zum Verftändnis einer verfpätet erfchienenen
Apokalypfe will auch v. Soden's (II 35) unbarmherzig
gerechte und unanfechtbar richtige Auseinderfetzung mit
Spengler's Einfällen zur Kirchengefchichte fein, die fich
den vernichtenden Kritiken des bekannten Logosheftes
zur Seite ftellt. Ehe ich den damit gegebenen Übergang
zur neueren Gefchichte vollziehe, weife ich noch auf
Krüger hin (II 17), der den Ferrandus auf Grund neuer
literarifcher Beobachtungen als Verfaffer der Vita Fulgentii
erweift undjülicher's Anfatz des Todesjahrs des Fulgentius

j feinerfeits mit einer Reihe von Gründen beftätigt.

Nur das Allerwefentlichfte aus den Beiträgen zur
Neuzeit kann noch hervorgehoben werden. Zwei von
ihnen bereichern die Gefchichte der theologifchen Wiflen-
fchaft. Heuffi (II 26) bringt die Centurieneinteilung der
Magdeburger zu verdienten Ehren, indem er fie als erften
Verfuch hiftorifcher Gruppierung und Mutterfchoß der
modernen Epocheneinteilung nachweift. Unter den von
Kloftermann (II32) erftgedruckten Briefen des Erlanger
Hofmann's findet fich (Nr 6; S. 430) ein für Hofmann

j charakteriftifches fchönes Wort. Unter den übrigen Auffätzen
erfcheint mir der von Völker (II 25) befonders
wertvoll, weil er wichtige Grundlagen zum Verftändnis
der polnifchen Reformationsgefchichte erftmals heraus-

i arbeitet. Hoffmann (II 28) bringt uns an einem Beifpiel
mit Recht zum Bewußtfein, daß die Wurzeln auch unfers

: hiftorifchen Verftehens in der Aufldärungswiffenfchaft

! liegen. Zfcharnack (II 31) ift jeder, der die geiftige
Gefchichte des Zeitalters der Befreiungskriege erforfcht,
für die überfichtliche Zufammenftellung und Bearbeitung
entlegenen und weitfehichtigen Materials zu Dank verpflichtet
.

Eine perfönliche Erinnerung an Harnack und einen
| kleinen Nachtrag zu feinem Wefen des Chriftentums gibt
j am Schluß der zweiten Feftfchrift Israel (II 36). Wer
Sinn für die Anekdote hat, wird fie gerne lefen. hür das
j Gefchlecht, dem der perfönliche Eindruck von Harnack
nicht mehr fo lebendig fein kann wie uns gegenwärtig,
werden folche Züge doppelten Wert haben. Darum glaube
ich auf die Erinnerungen Deißmann's und ganz befonders
auf die reizenden Kattenbufch's, die fich in der
I kleinen Feftfchrift der Akad.-Theol. Vereine finden (Adolf
v. Harnack zum 70. Geburtstag, Sonderdruck der Kartell-
Zeitung des Eifenacher Kartells Akad.-Theol. Vereine
1921 Nr. 7) auch an diefer Stelle hinweifen zu dürfen.
Man lernt aus ihnen etwas von dem kennen, worin —
wie Holl in feiner Vorrede zu I hervorhebt — das Geheimnis
der Wirkfamkeit Harnack's des Theologen liegt,
Harnack den Menfchen.

Göttingen. E. Hirfch.

Alt, A.: Die griechifchen Inlchriften der Paläftina Tertia
weltlich der Araba. [Wiffenfchaftl. Veröff. des deutfeh-
türkifchen Denkmalfchutz-Kommandos. Heft 2] (64 S.
u. 10 Abb.) 35x26 cm. Berlin, Vereinigg. wiffenfchaftl
. Verleger 1921. ( M 50 —
Die Paläftina Tertia weltlich der 'Araba, die Gegend von
blr es-seba' bis 'abde, ift wie heute noch, fo auch in der
Vergangenheit meift von Halbnomaden bewohnt gewefen;
I nur in der byzantinifchen Zeit wurde fie der Kultur (d. h.
dem Ackerbau) gewonnen. Nur aus diefer Zeit flammen
die Ruinen der Städte, die in Heft 1 des vorliegenden
Werkes befchrieben find. Auch die meiden griechifchen
Infchriften gehören diefer Zeit an, doch reichen einige
bis in die helleniftifche Periode zurück; fie umfaffen die
Zeit von 294 v. — 647 n. Chr. Da literarifche Nachrichten
faft ganz fehlen, müffen die kurzen und wenig originellen
| Infchriften als Erfatz eintreten. Die Sammlung und
1 Bearbeitung der 150 Texte, die bisher weit zerftreut waren,
j ift um fo verdienftvoller, als fie große Forderungen an
i die Entfagung des Forfchers ftellt. Befonders dankenswert
ift, daß die Literatur vollftändig angeführt ift und