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Ausgabe:

1921 Nr. 1

Spalte:

188

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Stekel, Wilh.

Titel/Untertitel:

Der Wille zum Leben 1921

Rezensent:

Thimme, Wilhelm

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Seite 1

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i87

Theologifche Literaturzeitung 1921 Nr. 15/16.

188

fcheinen können, wie aber dann die zweite Phafe, die Kon-
ftruktion des eigenen Syftems, jene beiden Probleme einbegriffen
und fie durch die Einführung des Grundgedankens
der Infinitefimalrechnung in den Begriff des Gegenftandes
in das Syftem aufgenommen, d. h. rationalifiert und ver-
gefetzlicht habe; dadurch fei auch der allgemeine Gefetzes-
gedanke verflüffigt und beweglich gemacht worden. Die
darin liegende Annäherung an Hegels Dialektik, nur nicht
als metaphyfifche Welt-Dialektik, fondern als das Weltbild
erzeugende Menfchendialektik, ift dabei mehrfach angedeutet
. Zuletzt fei bemerkt, daß der in diefer Zeitung
befprochene Band über ,den Begriff der Religion im Syftem'
nach Natorp eine Art dritter Periode eröffnet, worin die
bis dahin rein ethifch- intellektualiftifche Stellung zur
Religion als einer unwiffenfchaftlichen und tranfzendent-
mythifchen Vorform der rein philofophifchen, vernunfterzeugten
bloßen Gottesidee aufgegeben wird, und die
Religion faft myftifch als der an der Grenze des Gefetzes-
begriffes und des unendlichen gefetzlichen Prozeffes auftauchende
Inbegriff, als Grund und Ziel aller Gefetzlich-
keit, erfcheint. Etwas Unauflösliches, im Prozeß nur
entfaltetes Totales und Unteilbares in Gott und im Menfchen
kommen damit zur Empfindung. Allerdings gibt Natorp,
der felber diefen Gedanken in der Weife des Meifter
Eckart zu denken und zu verfolgen liebt, zu, daß das
mehr behauptet als begründet fei; aber es fei doch wenig-
ftens überhaupt von Cohen gedacht. Darauf vor allem
wird es fich beziehen, wenn Natorp fagt: ,Eine kommende
Zeit wird der unteren das Zeugnis nicht vertagen, daß
fie den Grund zwar im Geifte Kants, aber in völliger
Freiheit von feinem Buchftaben gelegt hat; nicht Cohen,
nicht die Marburger Schule, nicht Hufferl oder Windel-
band-Rickert oder Eucken, aber wir alle, jeder von feiner
Seite doch (wie jetzt mehr und mehr deutlich wird) auf
einen Punkt hinzielend'. Das ift eine recht bedeutfame
Erklärung, die Cohens Lehre in neuer Beleuchtung erfchei-
nen läßt, die aber doch wohl mehr von Natorp als
von Cohen gilt. In Natorp ift eben der Myftiker und
Gefchichtsphilofoph in letzter Zeit recht lebendig geworden
.

Der zweite Teil des Vortrags, der vom Syftem handelt,
ift teilweife wörtlich in der Abhandlung der Kantftudien
wiederholt und durch Einzelanalyfen der Cohenfchen
Bücher wertvoll erweitert. Eine Wiedergabe ift in der
Kürze unmöglich.

Berlin. Troeltfch.

von Hoensbroech, Paul Graf: Das Wereti des Chriftentums.

(VIII, 104 S.) 8°. Ofterwieck, A. W. Zickfeldt I920.

M. 6.80

H. eignet fich nur die Seite des Chriftentums an,
wonach es ein ethifches Ideal enthält, das jeder durch
,Selbfterlöfung' und Selbfterziehung verwirklichen foll.
Daher fängt ihm die Verkehrung des Chriftentums in
unfruchtbare Dogmenbildung bereits mit Paulus an.
Vollends die Kirchen haben ,fo gut wie nichts mit dem
Geifte Jefu zu tun'. — H. verfucht daher, Leben, Lehre
und Perfon Jefu nach den Synoptikern zu fchildern. Er
findet Irrtümer und Mißgriffe Jefu in dem Kampf gegen
die Pharifäer, in der Austreibung der Wechfler, in der
Verfluchung des Feigenbaumes, in den Gleichniffen vom
ungerechten Haushalter undvom hochzeitlichen Kleid. Doch
können diefe Flecken den ftrahlenden Glanz des Gefamtbildes
nicht wefentlich trüben. — Die Forderungen, den Feind
zu lieben, nicht zu forgen, nicht Schätze zu fammeln,
dem Böfen nicht zu widerftreben, hält H. für unerfüllbar
in diefer Welt; aber in der Umformung auf innere Freiheit
von Haß, Rachfucht, Geldliebe, enthalten fie das
höchfte Menfchheitsideal, das auch für die foziale Arbeit
die Quelle der Genefung in fich trägt. —Jedoch bezweifelt
H., daß Jefu Lehre auch für Oftafien geeignet fei. Dies
hängt damit zufammen, daß jede Notwendigkeit der

,Mittlerfchaft' Jefu beftritten wird. Jefus ift für H. der
höchfte Prophet für die europäifche Menfchheit.
Bafel. J. Wendland.

Sulzer, Kaffationsger.-Präf., Georg: Was ift Wahrheit? (74 S.)

8°. Leipzig, O. Mutze 1920. M. 3.50

Verf. ift eifriger Verfechter des Okkultismus und bereits
in einer ganzen Anzahl größerer und kleinerer Schiften
für ihn eingetreten. Aber er beabsichtigt nicht, die Religion
durch die Wiffenfchaft vom Überfinnlichen zu verdrängen
. Vielmehr ift dies das Charakteriftifche feines Standpunkts
, daß nach ihm Wiffenfchaft, insbefondere Spiritismus,
wohl gewiffe Grundlagen und Fingerzeige bietet, diejedoch
erft dann zu einer idealen, religiös und fittlich befriedigenden
Weltanfchauung ausgeftaltet werden können, wenn der
Glaube erweiternd und vollendend an fie anknüpft. So
ift beifpielsweife durch diefeitensderSpiritiftenerfchloffenen
Tatfachen bewiefen, daß die Geifter der Veiftorbenen
fortleben und fich von Stufe zu Stufe emporläutern. Doch
vermag der irdifche Forfcher ihnen nur eine Strecke weit
zu folgen. Daß fie, nachdem fie feiner Beobachtung endgültig
entfchwunden find, fich weiter zur göttlichen Vollendung
erheben, bleibt Glaubensfatz (religiöfe Wahrheit).
Alfo bedarf auch der Spiritift der Religion, und die Zukunft
gehört einem gereinigten Chriftentum, das geftützt
und empfohlen wird durch die okkulten Tatfachen. S.
wendet fich in diefer Schrift in erfter Linie an feine
fpiritiftifchen Gefinnungsgenoffen. Seine Abficht ift, ihnen
die Religion fchmackhaft und wert zu machen, und infofern
ift fein Buch gewiß begrüßenswert. Hätte er an die
Glieder der chriftlichen Kirchen als Lefer gedacht, müßte
man wünfchen, daß er die fraglichen Tatfachenbeftände, fo-
weit fie ihm zugänglich find, gegen die fich noch immer
ein fchwer überwindlicher Zweifel abfchließt, (vgl. Deffoirs
,Vom Jenfeits der Seele') zuverläffig zu erhärten fuchte.
Iburg. W. Thimme.

Stekel, Dr. Wilb..: Der Wille ZUItl Leben. Neue und alte Wege zum
Glück. (143 S.) 8». Berlin, O. Salle '20. M. 6—

.Nervofität', die mit den Nerven nichts zu tun hat, entlieht, fo
hören wir von dem Wiener Nervenarzte, infolge feelifchen Zwielpalts,
indem die im Bewußtfein vorherrfchenden Launen, rhantafien, Ideale
ufw. untereinander oder mit den Realitäten des Lebens, auch wohl mit
unterbewußten Trieben, die aber nicht allemal fexuellcr Art fein muffen,
kollidieren. Heilung ift zu erhoffen, wenn man die Illufionen fchwinden
läßt, fich mit der Wirklichkeit abfinden lernt, jene geheimen Regungen
erkennt, ihre relative Berechtigung würdigt und einen billigen Ausgleich
herlteilt. Die fo erreichte innere Gefundheit und Harmonie bedeutet
Glück, und der Glückliche beglückt — was will man mehr? Wir find
bereit, uns von St., der manche feine Beobachtung bietet und feine gewandte
Darfteilung mit intereffanten Fällen aus feiner Erfahrung veran-
fchaulicht, über fein Spezialgebiet belehren zu laßen (obwohl wir feine Behauptung
, daß Neurofe die Krankheit der Zeit, und Psychoanalyse die
Diagnofe diefer Krankheit fei, mit einigem Zweifel begleiten), doch fchmeckt
uns feine Ethik, der er fonderbarerweife zum Schluß einen heroifchen
Anftrich zu geben lucht und die er als neue Religion der Lebensfreude
anpreift, die aber keine andere ift, als die altbekannte Epikurs, allzu
flau.

Iburg. W. Thimme.

Andrea, Dr. Emft: Der geiftige Menlch und feine Freiheit. Ein

Führer durch die Irrgänge der Gegenwart. (VII, 222 S.) 8°.

Stuttgart, Jul. Hoffmann [1920J. kart. M. 15—; geb. M. 22 —

Dies Buch, das im Übrigen weder gedanklich noch fchriftftellerifch
fonderlich zu feffeln vermag, nötigt den Theologen, durch zwei feiner
Grundtendenzen, die wie hier, fo auch fonft in der Gegenwart fich
in zunehmend verftärktem Maße Geltung verfchaffen, zur Auseinander-
fetzung. A. tritt dafür ein, daß die Erörterung und Beantwortung re-
ligiöfer Fragen nicht aufdcrBafis des kirchlichen Chriftentums erfolgen,
fondern daß alles, was Philofophen, Dichter, Myftiker, Kabbaliften, was
Buddhismus, Spiritismus, Theofophie ufw. geforfcht, gefchaut und geoffenbart
haben, mit herangezogen und verwertet werden muß; fodann
bezeichnet er als den Pfadfinder in diefen Wirrniffen die geiftige, bzw.
religiöfe Intuition. Das freilich weiß er nicht anzugeben, wie man
denn nun diefem inneren Lichte folgend die Willkür vermeidet, und er
erweckt ftark den Eindruck, daß er zumal den Enthüllungen der Theofophie
gegenüber, die doch nur teilweife, wie etwa Reinkarnationslchre,
Aftralleib, diskutabel find, fich allzu kritiklos verhält. Hier muß der
Theologe, der jener erften Grundlendenz zu folgen fich entfchließt, mit
größerer kritifcher Befonnenhcit vorgehen. Es mag noch bemerkt werden,.