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Ausgabe:

1920 Nr. 1

Spalte:

150-151

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Kaufmann, C. M.

Titel/Untertitel:

Die hl. Stadt der Wüste 1920

Rezensent:

Lietzmann, Hans

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Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 13/14.

Formen des Urchriftentums, Johannes, vollends die ur-
chriftlichen Ausläufer des 2. Jahrhunderts kommen kaum
zur Geltung.

Die Hauptfache ift dem Verf. die kräftige Herausarbeitung
der Thefe, daß die Gemeinde bei Paulus als
Gefamtperfönlichkeit erfcheint, daß die meiften foterio-
logifchen Ausfagen nicht dem Individuum der Chrift, fondern
dem Kollektivum Chriftenheit gelten und daß diefe
Gefamtperfönlichkeit mit der überragenden Einzelperfön-
lichkeit Chriftus durch das Bild des Leibes zur Einheit
zufammengefchloffen wird. Der Gedanke des Leibes
dient fo mehr als Rahmen.

Die Arbeit ift von dem verftorbenen Roftocker
A. Seeberg angeregt, von dem der Verf. dankbar gelernt
zu haben "bekennt, befonders die Ausfagen des N. Ts. in
in ihrem urfprünglichen konkreten Wortfinn zu erkennen,
in ihrer Bedingtheit durch die Anfchauung der Zeit, während
er von R. Seeberg lernte ,fie unter große allgemeine
Gefichtspunkte zu Hellen und fo aufzuraffen als Ausdruck
einer einzigartigen religiöfen Gefamtanfchauung'. Dabei
geht er Hand in Hand mit den Männern der religions-
gefchichtlichen Schule; man erftaunt oft, Thefen, die heiß
umftritten waren (und m. E. auch noch find) hier einfach
als felbftverftändliche Eorfchungsrefultate vorausgefetzt
zu finden. Schmidt bemüht fich geradezu Erklärungen
der verfchiedenften Forfcher, z. B. bei der Namensfrage
J. Böhmer, Heitmüller und A. Seeberg zu harmonifieren.
Oft gibt er felbft beachtenswerte Ableitungen von Formeln
aus dem Alten Teftament. Überhaupt erfcheint der
Hellenismus nur als fehr äußerlicher Schmuck; fchließlich
wird ihm nur ein geringer Einfluß zuerkannt. Wenn man
manchmal glaubt, rein völkerpfychologifche* Analyfen
vor fich zu haben, fo findet man fich mit Erftaunen doch
immer wieder in dogmatifche Betrachtung zurückverfetzt.
Die Myftik fpielt eine große Rolle, tri. E. zu wirklichem
Verftändnis des Paulinismus eine zu große; die ethifche
Abzielung aller Gedanken kommt zu wenig zur Geltung.
Rö. 13,14 fällt neben Gal. 3,27 ganz aus. Bei der Plrörte-
rung über Ekklefia werden zwar Kol. Eph. grundfätzlich
von den andern Briefen , getrennt, aber doch fo ftark
fchon für den erften Abfchnitt benutzt, daß dadurch das
Bild fich ganz verfchiebt. Der literarkritifche Schluß auf
die Echtheit beider geht von der beute kaum mehr be-
ftehenden Alternative: beide echt oder beide unecht, aus.
Der begabte Verfaffer hat felbft das Gefühl gehabt, daß
bei der Fülle der erörterten Gedanken manches nicht
eingehend genug begründet werden könne: immer wieder
flößt man auf die Ankündigung, daß weiteres einer geplanten
künftigen Arbeit vorbehalten fei: wehmütige Denkmale
emfigen Schaffens, unerfüllter Hoffnungen, wertvolle
Fingerzeige für den Nachwuchs, wo mit der Arbeit
einzufetzen ift.

Im Druck find begreiflicherweife manche Fehler
flehen geblieben. S. 70 1. unzuläffiger ft. zuverläffiger.
Halle. v. Dobfchütz.

Schultze, Prof D. Dr. Victor: Grundriß der chriftlichen
Archäologie. (VII, 159S.) 8°. München, C. H.Beck 1919.

M. 5 —

Seiner 1895 in demfelben Verlage erfchienenen
.Archäologie der altchriftlichen Kunft' (befprochen von
Achelis in Nr. 23 desf. Jahrgangs, von mir im Lit. Zentralblatt
1896 Nr. l) läßt V. Schultze, der Senior der prote-
ftantifchen Erforfcher altchriftlicher Kunft, hier eine kurze
Einführungfolgen, in derden gegenwärtigen Anforderungen
entfprechend die frühere Einteilung praktifch geändert
und ein in der Hauptfache für die Gegenwart ausreichender
Literaturnachweis gegeben wird. Dem Kirchenbau ift
ein lehrreicher Abfchnitt Grabbau vorgefetzt und innerhalb
der Malerei das Mofaik vor die Buchmalerei gerückt,
auch ein anderer über Kirchenmalerei davorgefchoben
(mit Rückfchlüffen auf die Zeit vor Konftantin, worüber
lieh ftreiten läßt). Auch der Abfchnitt Plaftik ift nun

reicher gegliedert. Im übrigen bedauert man natürlich
die Kürze der Ausführungen und das Fehlen von Abbildungen
(bis auf eine), denn was läßt fich, zumal für
den Nichtkenner, über den Stoff ohne Anfchauung vortragen
! Insbefondere ift der Abfchnitt Mofaik gegenüber
den früheren Ausführungen, und weil in diefem Zweige
die altchriftliche Kunft eine fo nicht wieder erreichte
Höhe gefunden hat, zu dürftig geraten. (S. 92 Z. 8 lies
ftatt Pietro Cosma; der gegen einen jüngeren Forfcher
gerichtete Satz S. 92 f. wäre, zumal in einem Grundriß,
beffer fortgeblieben.) Daß ,auch für die Bildnerei bereits
in den Anfängen des Chriftentums Bedürfnis und Verftändnis
vorauszufetzen' war (S. 103), ift doch recht fragwürdig
(vgl. jetzt G. Koch, die altchriftliche Bilderfrage
nach den literarifchen Quellen, Gött. 1917). Im Kapitel
Kirchenbau gibt Verf. die von ihm bisher vertretene Ableitung
aus dem antiken Wohnhaufe auf. Die von Wulff
(in Anlehnung an Strzygowski) mit befonderen Hinblick
auf die Grabmalerei gebildete Theorie über die Entwicklung
und Aufeinanderfolge der großen Kunftkreife des
Oftens lehnt er ab (S. 85 f.), entnimmt ihr aber doch
anderfeits wichtige Richtlinien bei feiner Hinftellung von
Kleinafien als Urfprungsland der chriftlichen Kunft (S. 9).
Für die inhaltliche Deutung der Grabmalereien bevorzugt
er nachwievor die Auferftehungsidee, trotz v. Sybels
Ausführungen in Zeitfchr. f. neuefte Wiffenfchaft 1914
(die doch auch ,gefchichtliches Verftändnis' zeigen). Am
Schluffe fleht wiederum ein Abfchnitt Ikonographie.

Hiernach hätte den jüngeren hartlöten Typus des Erlöfers ,ein genialer
Unbekannter im Often des Reiches' gefunden; ift der Typus in
Wirklichkeit aber als fo einheitlich feftzuftellen? Volle Zuftimmung
verdient des Verf.s Behauptung von dem Vorkommen des bärtige:.
Typus nicht vor dem 5. Jahrb.. N. Müller wird trotz anderer Abteilungen
, z. B. aus dem Zeustypüs (fo zuletzt wieder der Däne F. Poulfen,
überfetzt von Gerloff, Globus-Verlag, Leipzig u. Dresden), mit feiner
dafür gegebenen Begründung (S. 140) recht behalten. Ich füge feinem
Nachweife aus Auguftin hier bei, daß bartlofe, jugendliche Darfteilung
von Gottheiten fchon von Syrern des 2. Jahrhs. nach Pf.-Lukian de
dea Syria 35 für etwas Unvollkommenes angefehen wurde; derartiges
dürfte für die örtliche Herkunft des bärtigen Heilandstypus und feine
innere Begründung mehr ins Gewicht fallen als dogmengefchichtliche
Ausführungen (S. 135 vgl. 132).

Das Büchlein wird fich nicht nur für den Anfänger
(S. IV), fondern auch für den felbftändigen Forfcher als
nutzbringend erweifen können, auch dadurch, daß es an
verfchiedenen Punkten Richtlinien aufweift, die die fortarbeitende
Forfchung aufzunehmen hat.

Betheln (Hann.) E. Hennecke.

Kaufmann, C. M.: Die hl. Stadt der Wüste. Unfere Ent-
deckgn., Grabgn. u. Funde in der altchriftl. Menas-
ftadt weiteren Kreifen in Wort u. Bild gefchildert.
Mit e. Farbendr. u. 189 Abbildgn. zumeift nach Aufnahmen
meiner Expedition. (IX, 218 S.) Lex. 8°.
Kempten, J. Köfel (1918). M. 15 — ; geb. M. 18 —
Im Jahre 19/05 entdeckte C. M. Kaufmann in der li-
byfchen Wüfte füdlich von Alexandria das einft hochberühmte
aber längft verfchollene Heiligtum des hl. Menas
wieder. Es war ein wüfter Trümmerhaufen, der von
gründlicher Zerftörung Zeugnis ablegte. Mit rühmenswerter
Energie hat K. die nicht leichte Aufgabe der Aufdeckung
der Schuttmaffen in Angriff genommen und zähe
weiter arbeitend in den folgenden Jahren durchgeführt. Der
Erfolg ift überrafchend gewefen; eine gewaltige Kultanlage
des V. Jahrhunderts von reizvoller Mannigfaltigkeit der Bau-
formenund ungewöhnlich großer räumlicher Ausdehnung
kam zum Vorfchein. Drei Berichte aus den Jahren 1906—
1908 geben Rechenfchaft von dem Fortfehreiten der Arbeit.
1910 erfchien der erfte Band der großen wiffenfehaft-
lichen Veröffentlichung, der jiie Hauptbafilika behandelt.
Uns liegt zur Befprechung eine gemeinverftändliche Darfteilung
vor, welche auch in der Form auf jenen drei
Berichten fich aufbauend und fie zu einem Gefamtbild
vereinigend den Lefer recht gefchickt und unterhaltfam
in die Trümmerwelt einführt. Die Legende des hl. Me-

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