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1920 Nr. 1

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140

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Hundert Jahre A. Marcus und E. Webers Verlag, 1818-1918 1920

Rezensent:

Titius, Arthur

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139

Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 11/12.

140

gerechtfertigt oder gemildert. Ein Frauenfolo z. B. muß toleriert werden, j
wenn damit ein Vorteil für die Kirche verbunden ift, etwa Auslieht auf
Konverfion. Nur in einem Stücke ift W. mit dem Kirchengefetze nicht
ganz einverftanden. Daß das polyphone Benedictus erft nach der Wandlung
angeftimmt wird, ift nicht finngemäß, weil nun das qui venit nicht
mehr im präfentifchen, fakramentalen Sinne verftanden werden kann, fo
wie es der Priefter (vor der Wandlung) rezitierte. Der Papft zeigt in- j
deffen alles in allem den ,gefahrlofen Weg', und das ift der Segen. Denn
„die größte Gefahr droht der Kirche (der .Mutter alles Fortfehritts') vom I
Geifte der Unabhängigkeit und Selbftändigkeit". In diefer Hinficht waren 1
und find die Jefuiten nicht einwandfrei (S. 24, 73, 156).

Die gefchichtlichen Ausführungen Wagners leiden an j
arger Parteilichkeit. Er verhöhnt die Kunftverdienfte der
Sogenannten Reformierten'; aber auch ein fogenannter j
Univerfitätsprofeffor von Freiburg (Schweiz) dürfte etwas |
von Goudimel, dem Lehrer Paleftrinas, und von einem
weltberühmten Meifterwerk, wie dem von Calvin begründeten
Genfer Pfalter, wiffen. Daß feit J. S. Bach keine
.Großtaten' auf dem Felde proteftantifcher Kirchenmufik
zu verzeichnen waren, ift nicht richtig. Wir erinnern nur
an zwei Katholiken, die ihre befte Lebenskraft in den
Dienft des evangelifchen Gottesdienftes geftellt haben,
Heinrich von Herzogenberg und Max Reger. Bei der
flüchtigften Darfteilung des XIX. Jahrhunderts und feiner
Errungenfchaften durfte Thibaut, der Lehrer von Proske,
Haberl, Witt ufw., nicht ungenannt bleiben, wenn er auch
Hugenottenabkömmling war. Erwähnt man mit Befriedigung
den Niedergang des evangelifchen Kirchenliedes
feit dem XVIII. Jahrhundert, fo darf man, ob auch mit
Bedauern, auch feine Auferftehung im XIX. buchen. Sehr
treffend ift die Kennzeichnung J. S. Bachs, deffen Ton-
kunft neben ,technifchem Gefchick', einen trotzigen, zähen,
um Reibungen unbeforgten, hartnäckigen, eigenwilligen,
rückfichtslofen Geift — ganz entfprechend dem Luther-
liede — zu erkennen gebe. Dem gegenüber fei die ,ge-
fchmeidige' Kunft Paleftrinas Kunft für die ganze weite
Welt. Daß es übrigens auch in deutfehen Kirchen Roms
noch Richard Wagner-Kultus gibt, dafür können wir Peter
Wagner Beweife genug erbringen. Summa: Diefe Schrift
ift als klafftfehes Zeugnis römifcherKirchenkunft-Auffaffung
überaus fchätzenswert.

Münfter i. W. I. Smend.

Verhandlungen des 6. Deutfehen Evangelifchen Gemeindetages in

Duisburg am 30. Sept. u. 1. Okt. 1918. (57 S.) 8°. Leipzig,
J. C. Hinrichs 1919. M. 2.25

Es find vornehmlich die Anliegen und Bedürfniffe (tädtifcher
Gemeinden, die fich in dem Gemeindetag ein bedeutfames Organ
gefchaffen haben. So ,die Einrichtung eines Gemeindeamtes', für
die Rendant Eißen aus Düfieldorf aus feinen rheinifchen Erfahrungen
heraus mit Recht fehr warm eintritt. Von allgemeiner
Bedeutung waren die Verhandlungen über die Frage: , Welche
Veränderungen der kirchlichen Gefetzgebung mülfen vorgenommen
werden, wenn unfere Gemeinden ein regeres Leben entfalten
follen?'. Die Referate von Rechtsanwalt Dr. Krämer und Pfarrer
Doering in ihrer vorfichtigen Haltung und maßvollen Faffung find
freilich vielfach durch die Revolution überholt, geben aber auch
jetzt noch für den nötigen Neubau wertvolle Fingerzeige zu einer
freieren Geftaltung unferes Kirchenwefens. Es tauchen da allerlei
Probleme auf. Mit Recht erinnert der Vorfitzende in feiner
wertvollen Eröffnungsanfprache daran, daß die Gemeindefrage nur
ein Spezialfall des Problems: ,der Einzelne und die Gemeinfchaft'
fei. Um feine Löfung wird eben auf der ganzen Linie gekämpft.
Individualismus und Sozialismus, vielfach feltfam miteinander
verfchränkt, ringen in der Gluthitze vulkanifcher Explofionen, die
unfer Volk durchzittern, um die Herrfchaft oder ihre Verföhnung.
Problematifch bleibt auch der Begriff der ,Volkskirche', hinter
dem mehr gefühlsmäßig erfaßte Vorftellungen als klar durchgeführte
Gedanken ftehen. Zur Klarheit darüber werden wir auch
nicht durch Gedankenarbeit, fondern lediglich durch die tatfäch-
Iiche Entwicklung der Dinge kommen.
Frankfurt a/M. D. Georg Schloffer.

Hilbert, Konf.-Rat Prof. D. Gerhard. Was ift uns untere Kirche?

Drei Vorträge. (32 S.) 8°. Schwerin, F. Bahn 1919. M. —80
Drei Vorträge. Sie beantworten die Fragen: Was ift uns
unfere Kirche 1. für unfer perfönliches Leben, 2. für unfer Volk,
3. für unfere Jugend? Ob die Unterfcheidung des zweiten und
des dritten Themas begrifflich richtig ift, macht nicht viel aus;

praktifch ift fie. Die Darftellung ift volkstümlich, klar und frifch,
die Gefamthaltung durch den apologetifchen Zweck beftimmt
und ohne jede Enge. Nicht alle Gefichtspunkte, die herausgezogen
werden können, find benutzt; die religiös-ftttlichen werden
ftärker berückfichtigt als z. B. die charitativen, fozialen und kulturellen
. Aber was gefagt ift, wirkt. H. tritt energifch für die
Volkskirche ein; die Lebensbedingungen, die er für diefe fordert,
find durchaus angemeffen formuliert.
Gießen. M. Schian.

Hundert Jahre A. Marcus und E. Webers Verlag, 1818—1918. (VIII,
392 u. 48 S. m. 6 BildnilTen.) 8". Bonn 1919, Selbftverlag.
Eine eigenartige und wertvolle Gabe des verdienten, durch
die Herausgabe von Ritfchls Hauptwerken, Lietzmanns Kleinen
Texten und andern namhaften Schriften unferm Leferkreis wohl
bekannten Verlages! Sie enthält neben Mitteilungen aus der
Gefchichte des Verlages kurze Auffätze allgemein kulturellen,
theologifchen und philofophifchen, rechtswiffenfehaftlichen, medi-
zinifchen und naturwiffenfehaftlichen, volkswirtfchaftlichen, poli-
tifchen pp. Inhalts—theologifche von Meinhold (bibl. Urgefchichte),
Staerk (Einleitung oder Literaturgefchichte?), C. Clemen(Affumptio
Mosis), E. Kloftermann (Petrusapokalypfe), N. Bonwetfch (Gefch.
d. Montanismus), A. Baumftark (,Hymnus angelicus'), J. Meyer
(,Amt der Schlüffel'). Auch die übrigen (mehr als 60 an der
Zahl) enthalten viel Intereffantes, fo Briefe Jakob Grimm's
(S. 140ff.), Medizinifches zum ,Wefen der menfehlichen Perfön-
lichkeit' von Magnus Hirfchfeld ufw.
Göttingen. Titius.

Mitteilungen.

D. Dr. Dechent in Frankfurt a. M., (Niedenau 58) hat eine
einzig daftehende Sammlung von Autographen von Theologen des
iqten u. 20ten Jahrhunderts, Akademikern und Kirchenmännern, angelegt
, die in den Befitz der Frankfurter Stadtbibliothek übergegangen
ift; fie kann dazu dienen, fpäter die Verfafferfchaft von Urkunden ohne
erkenntlichen Urfprung ieftzuftellen. Dazu bedarf es müglichfter Voll-
ftändigkeit, und er bittet um Ergänzung der Lücken.

Der 1914 bei den Falklandsinfeln gefallene Marinepfarrer Hans
Koft hat am 6. Auguft 1914 in feinem jetzt hereingekommenen Tefta-
mente aus Ponape beftimmt, daß ein Teil feines Vermögens dazu verwandt
werde, auf dem Boden der modernen Theologie flehende Männer
zu dem Verfuch anzuregen, unferer Zeit den vollen Gehalt des evangelifchen
Chriftentums als der für die Gefundheit unferes Volks unentbehrlichen
und mit den geficherten Kulturelementen durchaus zu vereinbarenden
Lebensmacht zum Verftändnis zu bringen.

Die unterzeichneten Preisrichter fordern dementfprechend zur Einreichung
von

Preisarbeiten

auf, welche geeignet find pofitiv aufbauend die aufdrehenden Geifter
unferes Volks in das Wefen des evangelifchen Chriftentums einzuführen
und das Verftäindnis feiner Bedeutung für die Menfchen unferer Zeit zu
erfchließen. Die Wahl des Themas ift dem Bearbeiter freigeftellt. Der
Umfang der Arbeit foll acht Druckbogen nicht überfchreiten. Die
Arbeit ift nur mit Kennfpruch bis zum 30. Juni 1921, der Name im
Briefumfchlag mit dem gleichen Kennfpruch Prof. D. Nowack, Leipzig,
Blumengafle 2 abzuliefern. Als Preife find für die befte Arbeit 2000 M.,
für die zweitbefte 1000 M. vorgefehen. Die Drucklegung der preisgekrönten
Arbeiten, über die die Preisrichter nach Erteilung des Preifes
freie Verfügung haben, ift beabfichtigt.

Leipzig, den 10. März 1920.

Prof. D. Nowack Prof. D. Naumann, Pfarrer

Pf. i. R. W. Rod, Grimma Prof. D. Wobbermin, Heidelberg.

Bibliographie

von Oberbibliothekar Kippenberg in Leipzig,
Univerfitätsbibliothek.

Beziig/. Hinweiß und Sendungen ßnd jederzeit erwünjeht.

1. Jiingft errchienene Besprechungen.

Thieme: Perfönlichkeit u. Gemeinfchaft (HM: EvFrht 1919, 2; Neuberg:
Pstrlbll 61, 5, '19; Bachmann: ThLtbl '19, 26; Katzer: Dt-Evg '19, 12).

Thomas de Celano: Leben des hl. Franziskus üb. v. PSchmidt (GMenge:
ThRev 1919, 5/6; AMKoeniger: LtHdw '19, 4; AW: SchweizThZ
•19, 4; GKr: LtZtbl '20, 20; FPelfter: StimmZeit '19/20, 6).

Thomae Hemerken a Kempis opera omnia ed. MJPohl 4 (KBihlmeycr:
ThRev 1919, 7/8; RWindel: DtLtztg '19, 47; HBoehmer: ThLtbl '20, 1).

Thomfen: Das Alte Ted. (Studst 1919, 7; PHeinifch: ThRev '19, 15/16 S.;
B: NThStud '19, 4; Jirku: ThLtbl '20, 1; MLöhr: OrLtztg '20, 1/2;
AGuftavs: BerlPhilWf '20, 3; BiblZ 15, 3, '20; JHerrmann: LtZtbl
I '20, 21).