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Ausgabe:

1920

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132

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(ohne Kategorisierung)

Titel/Untertitel:

Die Reformation und wir 1920

Rezensent:

Schornbaum, Karl

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Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 11/12.

132

Dank verdient auch feine Kritik der Wertung einzelner
Männer, wie des ftark überfchätzten Ulrich von Hutten.
H. Ernft bringt ein handfchriftliches Fragment zu Luthers
Genefisvorlefung cap. 26 v. 9 aus einer Abhandlung des
Joh. Ligarius über die Prädeftination im Kirchenarchiv
zu Norden. Die Vorlage bildet nicht die gedruckte Ausgabe
, fondern eine der Nachfchriften, die für den Druck
benützt wurden, und die Ligarius wohl während feines
Aufenthalts in Wittenberg feit 1. Jan. 1547 abgefchrieben
hat. S. 210, Z. 3 v. u. ift ficher destinat Lefefehler Ernfts
für destruat. P. Dietze gibt Lutherana aus Altenburger
Archiven, darunter eine Nachfchrift von Luthers Predigt
in Erfurt über Glauben und Werke am 21. Oktober 1522,
die während der Predigt gemacht und etwa Mitte des
16. Jahrh. abgefchrieben wurde, und die gegenfeitigen
Befchwerden Spalatins und des Rats mit deffen unveröffentlichtem
Brief an Luther vom 13. Nov. 1543 und
zwei Stücke Stipendienfachen. Zu Blafius Stockei S. 100,
Anm. 4 vgl. BBKG 24, 165 ARG 12, 257. In NKZ 1918,
430—437 hat Haußleiter nachgewiefen, daß Aurifabers
Troftheft für den gefangenen Kurfürften Johann Friedrich
aus dem Frühjahr 1549 ftammt, als er auf Bitten der
Kurfürftin Sibylle zum Gehilfen des leidenden Hofpredigers
Stolz in Weimar beftellt wurde. Jetzt befpricht
er die einzelnen Teile, deren dritter eine befondere Beachtung
verdient. Aurifaber macht eine Anleihe bei
Melanchthons Loci consolationis 1547 C. R. VI, 483—488,
welche Veit Dietrich 1547 wörtlich überfetzt hatte, während
A. fie etwas freier behandelt, Sprichwörter einfügt und
in feinen Ausführungen manches für unfere fchwere Zeit
darbietet. W. Köhler bringt wieder aus dem Codex
Suevo-Hallensis Brentiana und andere Dokumente aus
der Zeit des Reichstags in Augsburg nach Überreichung
der Confessio Aug. Das erfte Stück ift das ganze Bedenken
von Brenz, von den Förftemann Nr. 156 nur den
Schlußabfatz gibt. Es ift die Rechtfertigung der Evan-
gelifchen gegen den Vorwurf, daß fie die verdammen,
welche das Sakrament in einer Geftalt empfangen. Dann
folgt der viel fchärfere Entwurf zum Schreiben Melanchthons
C. R. II Nr. 907 an den kaiferlichen Prediger Aegidius
und eine längere Abhandlung Evangelica doctrina de
merito unter ftarker Bezugnahme auf die Apologie der
Aug., ohne daß feftzuftellen ift, ob fie von Melanchthon
oder Brenz oder einem dritten ftammt. Ref. teilt Bucers
Vergleichsvorfchlag zwifchen Luther und Zwingli vom
Januar 1531 aus Frommanns Stamm-, Wappen- und
Handfchriftenbuch 4. Bd. S. 121—129 mit, muß aber bedauern
, daß er Frommann und feinem Gewährsmann zu
viel getraut hat. Denn ein Vergleich der Handfchriften
beweift, daß es fich nicht um ein Original, fondern um
eine Abfchrift handelt und auch die Randgloffen Luthers
Abfchrift find. S. 227, Anm. I ift ftatt quicunque nach
der Vulgata quidquam zu lefen. Eine große Arbeit bringt
P. Vetter über Thomas Naogeorgs Flucht aus Kahla,
für welche er eine große Anzahl Briefe Naogeorgs und
feiner theologifchen Gegner und Aktenftücke gibt. Gewiß
ift feine poetifche Begabung, die Vetter fehr hoch achtet,
nicht zu unterfchätzen und ebenfo die noch wenig geordneten
Gehaltsverhältniffe der damaligen Pfarrer, aus
der fich viele Schwierigkeiten in Sulza und Kahla erklären
, aber feine Charakterfehler, welche ihn allenthalben
in heftige Streitigkeiten verhetzen, die wenig fchöne Stellung
zu Luther und den Wittenbergern, welche an die Tücke
erinnert, mit welcher er Brenz heimlich in feinen Satyren
angreift, die Unvorfichtigkeit in feinen Predigten, find
bei aller Minderwertigkeit des ihm feindlichen Diakonus
und der Härte der Superintendenten fchärfer in Anfchlag
zu bringen. K. Schornbaum teilt aus dem Briefwechfel
Kargs 3 Briefe von Vikt. Strigel mit, in denen er Karg
vor zu fchärfer Scheidung der Arten des Gehorfams
Chrifti freundlich warnt. W. Friedensburg gibt 2 Briefe
Michael Stifels (fo fchreibt er fich) an Flacius, in welchen
er diefem feine große Verehrung ausfpricht, aber auch

feine Vorliebe für die Apokalypfe verrät. Der Schluß
der Abhandlung von Remig. Stölzle Joh. Fried. Coeleftin
als Erziehungstheoretiker' nötigt zu hoher Achtung vor
dem bis jetzt wenig beachteten Mann, der auf Originalität
keinen Anfpruch macht, bekennt er doch, der Verehrer
Luthers und Melanchthons, das Meifte von Calvin und
Joh. Sturm gelernt zu haben, aber einen ungewöhnlichen
Reichtum verftändiger pädagogifcher Gedanken und
warmer Liebe zur Jugend bietet. Befonders Beachtung
verdient fein Drängen auf deutfchen Sprachunterricht.
Willkommen find die Mitteilungen Friedensburgs aus der
neueften Literatur. Leider fehlt Titelblatt und Inhaltsverzeichnis
, die dem nächften Heft beigegeben werden.
Stuttgart. G. Boffert.

Die Reformation und wir. Ein Bekenntnis zu evangel. Deutfchtum.
Fünf Vorträge. (128 S.) 8°. Wilhelmshaven, Friefen-Verlag
1918. M. 2.20

Im Winter 1917/1918 wurden in der Oldenburger Arbeitergemeinde
Bant 5 Vorträge über die Bedeutung der Reformation
für das deutfche Volk gehalten. Joh. Tilemann fprach über
,die Reformation und die fittlichen Kräfte des deutfchen Volkes';
Gotthold Merten über ,die Reformation und die Entfeffelung des
deutfchen Denkens'; Otto Modick über ,die Reformation und
der deutfche Staat'; Frch. Gogarten ,die Reformation und der
foziale Gedanke'; Wilhelm Bortfeldt ,die Reformation und die
deutfche Dichtung'. Es ift zu begrüßen, daß fie auch im Drucke
der Nachwelt feftgehalten wurden. Vor vielen anderen Erzeugnilren
jener Tage zeichnet fie volle Beherrfchung des Stoffes
und die Alltagsgeleire ganz verlaffende orginale Art der Darbietung
aus. Nur die Frage erhebt fich, ob nicht eine Inkongruenz
befteht zwifchen der Höhenlage einer ,Arbeiter'gemeinde und
der der Vorträge. Obwohl meift äußerft wirkfam in der Form
fetzen fie eine Kenntnis mancher Probleme voraus, die man
einer folchen Gemeinde nicht ohne weiteres zumuten kann.
Alfeld. Schornbaum.

Runze, Pfr. Doz. Dr. Max: Neue Fichte-Funde aus der
Heimat und Schweiz, nebft e. Einleitg. (Brücken Heft 2.)
(128 S.) 8°. Gotha, F. A. Perthes 1919. M. 4 —

S. 1—22 enthalten die Einleitung des Herausgebers,
S. 107—128 eine fchon in den fämtlichen Werken gedruckte
Novelle, der, außer dem, daß fie von Fichte
ftammt, nichts nachzurühmen ift. Alles übrige find bisher
ungedruckte Stücke aus Fichtes Nachlaß. Im erften
der Schulzeit gewidmeten Teile ragt hervor die Abfchieds-
rede des Abiturienten von 1780 (S. 31—78) in der Verdeutschung
Runzes. Sie ift ein einzig wichtiges Dokument
. Das Grundprinzip der Fichtefchen Philofophie,
daß die Wahrheit nicht ein fertiger Gedanke fei, den
man von außen übernehmen kann, fondern von innen
heraus im Selbftdenken lebendig erzeugt werden müffe,
ift in ihr fchon mit überrafchender Deutlichkeit ausge-
fprochen. Das ift eine für die Beurteilung des Verhält-
niffes Fichtes zu Kant fehr zu beachtende Tatfache.
Daneben zeigt die Rede, daß die äfthetifchen und die
pädagogifchen Probleme, die Fichte von Natur am nächften
liegenden gewefen find. Der zweite Teil bringt
hauptfächlich Tagebücher aus dem Schweizer Jahre 1789.
Sie betreffen den berühmten Vorgang, daß Fichte ftatt
der ihm anvertrauten Kinder zunächft deren Eltern erzieht
, und find in jeder Hinficht eine biographifche Koft-
barkeit. Auch auf Fichtes perfönliche Stellung zur Religion
werfen fie neues helles Licht.

Dies wundervolle Material ift leider ziemlich mäßig
herausgegeben. Genauere Befchreibungen der benutzten
Manufkripte, Angabe der urfprünglichen Seitenzahlen,
überhaupt alles, was an philologifche Akribie erinnert,
ift, vielleicht grundfätzlich, vermieden. Die Einleitung
bringt einige interefiante Notizen über fonft noch im
Nachlaß Vorhandenes, verbreitet fich jedoch meift im
Feuilletonftil über allgemein Bekanntes, zudem vielfach
zur Sache überhaupt nicht Gehöriges. Die Fußnoten
find feiten belehrend und fehlen oft am rechten Platz.
Der Herausgeber hat leider gar kein Gefühl dafür be-
feffen, daß man folch Gut nicht zu populären Zwecken