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Ausgabe:

1920 Nr. 1

Spalte:

129

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Commer, Ernst (Hrsg.)

Titel/Untertitel:

Divus Thomas. Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie. 2. Serie. 4. Jahrg., 4 Hefte 1920

Rezensent:

Scheel, Otto

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129

Theologifche Literaturzeitung 1920 Nr. 11/12.

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Zufammenhang der herrfchenden Auffaffung (vgl. Ad.Hof-
meifters Befprechung von Hallers Auff. in Hift. Ztfchr.
116, 340) aufs neue feft. Das ift fehr dankenswert.

Für die Würdigung der Delib. als Rede hätte vielleicht Bezug genommen
werden können auf die Rede Innocenz' von 1199 vor den Boten
König Philipps, die auch im felben Regifter (Nr. 18) und noch in anderer
Faffung erhalten ift (vgl. Reg. Imp. V, 5679) und etwa auf vier Reden
Papft Bonifaz' VIII. (Finke, Bonifaz VIII. S. 117), die freilich alle im
öffentlichen Konfiftorium gehalten und daher, anders als die Delib., auch
von Dritten als fertige Kundgebungen der Kurie aufgezeichnet werden
konnten.

Marburg (Lahn). Karl Wenck.

Divus Thomas. Jahrbuch f. Philofophie u. fpekulative Theologie.
2. Serie. Hrsg.: Apoftol. Protonot. Präl. Prof. i. R. D. Dr.
Ernrt Commer. 4. Jahrg. 4. Hefte. (VI, 504 u. IV S. m. 1
Bildnis.) 8°. Wien (VII, Mechithariftengaffe 4), Mechitha-
riften-Buchdr. 1917. M. 12.50

Eugen Roifes berichtet über die belle Staatsform nach
Ariftoteles und Thomas von Aquin und ftellt feft, daß beide im
wefentlichen gleicher Meinung find. Ariftoteles ift kein Gegner
des Königtums an lieh, wie es nach feiner Stellung zum abfoluten
Königtum icheinen könnte. Er würde das ,konftitutionelle' Königtum
, d. h. das Königtum der Ariftokratie, jeder anderen Staatsform
überordnen. Ebenfo ift Thomas die durch Gefetz und Herkommen
geregelte und gemäßigte königliche Gewalt die befte und gerech-
tefte Form der Regierung und des Staates. Reginald Maria
Schultes fetzt feine Unterfuchungen zur Gefchichte der fides
implicita in der katholifchen Theologie fort (Innocentius III u.
IV, Wilhelm von Auxerre, Wilhelm von Auvergne, Alexander
von Haies, Albertus Magnus, Bonaventura und Petrus von Taran-
tafial. Michelitfch führt feine Lifte der Kommentatoren zur
Summa Theologiae des hl. Thomas weiter. Jofef Leon iffa handelt
über die Myftik des hl. Bonaventura, die wie die thomiftifche als
die Myftik der chriftlichen Überlieferung beurteilt wird. Die
myftifche Vollkommenheit ift von der chriftlichen nicht wefent-
lich verfchieden, umfaßt vielmehr die höheren Stufen der chriftlichen
Vollkommenheit, die Vollkommenheit der heldenmütigen
und heiligen Seelen. Bei ihnen bewirken die Gaben des heiligen
Geiftes die heroifche Tugendübung, die heldenmütige Übung der
göttlichen Tugenden, auf welche auch die Kirche bei der Selig-
und Heiligfprechung das meifte Gewicht legt.
Tübingen. Scheel.

Jordan, Prof. D. Herrn.: Luthers Staatsauf faffung. Ein

Beitrag; zu der Frage des Verhältnifles v. Religion u.
Politik. (VIII, 202 S.) gr. 8°. München, Müller & Fröhlich
1917. M. 3.50; geb. M. 5 —
Der hohe Wert diefer Schrift, der fie vor allen
Dingen auch einem weiteren Kxeife fehr empfehlen dürfte,
liegt in einer überaus reichlichen und doch nie ermüdenden
Materialdarbietung aus Luthers Schriften in wefentlich
chronologifcher Folge. Der eigentliche Text ift fehr knapp
gehalten, dabei, wie der Untertitel der Schrift verrät, auf
aktuelle Frageftellung eingeftellt, unter den Text find
dann die Belegftellen gefetzt. Manches aus ihnen ift
natürlich bekannt, aber J. hat wirklich tief zu fchürfen
gewußt und aus wenig begangenen Schächten Wertvolles
herauszuholen gewußt. TJberrafchend ift nicht feiten der
moderne Klang der Lutherworte, Zeichen nicht nur, daß
fein Geift noch unter uns lebendig ift, fondern ebensosehr
für das gute Recht des Untertitels. Z. B. ,Wenn Deutfch-
land unter einem Haupte und in einer Hand wäre, fo
wäre es unüberwindlich und hätte auch einen rechten
Herrn' (S. 184) oder: ,die Deutfchen find kühn und verwegen
, die Franzofen find fehr zügellos nach dem Sieg'
(ib., überfetzt allerdings nach dem Lateinifchen). Oder
wer kann es nicht nachempfinden: ,Ich bitte Gott um ein
gnädiges Stündlein, daß er mich von hinnen nehme und
nicht den Jammer fehen laffe, der über Deutfchland gehen
muß' (S. 186)? Das fyftematifche Ergebnis: ,es ift im
ganzen eine einheitliche Entwicklung, die nirgends durch
einen wirklichen Bruch hindurch gegangen ift' (S. 188),
wird richtig fein, überrafcht aber nicht. Ebenfo ift der
Einheitspunkt in der einheitlichen religiöfen Anfchauung
Luthers von der Welt, der Arbeit in der Welt, dem Berufe
und dem Staate richtig beftimmt. Hingegen hätten
die Schranken und Gefahren der Anfchauung Luthers
wohl fchärfer herausgearbeitet werden können; hier hätte
aus Troeltfchs ,Soziallehren', nicht minder aus feinen

,Vorfragen der Ethik' (Gef. Schriften II) noch ein Mehr
an Gefichtspunkten der Kritik gewonnen werden können;
ihr Fehlen hängt damit zufammen, daß J. im wefentlichen
den Standpunkt Luthers teilt, daher dann feine unleugbaren
Vorzüge gut herausgearbeitet werden. ,Indem
Luther das natürliche und das chriftliche Leben fcharf
von einander fchied, erhielt er beide in ihrer vollen Reinheit
, rettete das Evangelium vor Vermifchung mit weltlichen
Intereffen und bewahrte den Staat vor der heuch-
lerifchen Anwendung evangelifcher Motive in feiner
Sphäre.' Ganz recht. Auch das ift richtig, daß Luther
der Politik ein ethifches Grundelement mitgab, aber bei
der Näherbeftimmung und Sicherftellung desfelben haperte
es; es ließ fich nicht Alles, wie der Verteidigungskrieg,
als Liebestat anweifen, und dann beginnen die Konflikte,
die nicht fo einfach zu löfen find, wie J. meint. Daß es
fich in der Politik ,um eine durchaus andere Welt mit
ihren eigenen Gefetzen handelt', diefe aber einfach als
gottgegeben anerkannt werden follen, kann nicht befriedigen
. So richtig Bismarcks Gewaltpolitik einerfeits,
feine perfönliche Frömmigkeit andrerfeits als lutherilch
beurteilt wird — er hat fich felbft auf den Reformator
berufen — die Kluft zwifchen Amtsmoral und Perfonal-
moral bleibt unerträglich. Die reformierte Einheitstendenz
ift hier befriedigender, fo gewiß auch fie ihre Gefahr hat:
den Cant (S. 192).

Zürich. Walther Köhler.

Preuß, Prof. D. Dr. Hans: Luther und der gotilche Menrch. (29 S.)

8°. Leipzig, A. Deichen 1919. M. 1 —

Diefe erweiterte Antrittsvorlefung knüpft an bei der namentlich
von Timerding (Neue Jahrbb. für klaff. Altertum 1917) in die Geiftes-
wiffenfehaften eingeführten Auffaffung des gotifchen Menfchen als eines
beftimmten pfychologifchen Typs, den fechs Merkmale kennzeichnen:
dezentralifiertes, ubiques Raumgefühl, myftifch-poetifche Wertung des
Sichtbaren, Gebundenheit an logifche Grübelei, Aufgefchloffenheit für
die Fülle des Lebens im Individuellen, Auffchwung nach oben im religiöfen
Sehnen, tief fchmerzliches Gefühl für das Elend der Sünde als
Gottesfernc — alle fechs Züge zufammengehalten durch das pfychologifche
Grundphänomen der Unruhe. Es wird natürlich nicht fchwer, diefe
Merkmale in Zügen bei Luther nachzuweifen, obwohl Pr. zugeben muß,
daß die Sache beim dritten Punkte, der Freude an möglich!! differenzierter
kühner Statik des Aufbaues, nicht recht (timmen will. Neben
diefen gotifchen Zügen finden lieh bei Luther andere, die Pr. im An-
fchluß an Dürer ,antikilch' (warum nicht einfach: antik?) nennen möchte,
d. h. die Züge der Ruhe, des Maßes, der Harmonie. Das Ganze ift
geiftreich durchgeführt, entbehrt aber nicht des Künftlichen; m. E. ließe
fich das alles einfacher und richtiger fagen bei Anwendung der beiden
Kategorien der Irrationalität und Rationalität oder auch des Chriften-
tums und der Antike. Ganz richtig ift beobachtet, daß ,der reformierte
Typus zweifellos mehr dem antikifchen Menfchen zuneigt'; aber daß
,das Antikifche dem Gotifchen immer nachfolgt', ftimmt bei Zwingli
nicht, da kam jenes d. h. Erasmus vor diefem d. h. Luther. Daß die
gotifche und antikifche Seele ,bloß pfychologifche Prädispofitionen' für
Luthers wirkliche Religion fchufen, diefe felbft aber das Evangelium
gab, wirkt nach dem Vorhergehenden nicht logifch, da das Evangelium
doch fo oder fo ergriffen werden muß. Geiftreichelnde Spielerei dürfte
die kunfthiftorifche Periodifierung der Kirchengefchichte (Anm. 31) fein:
Orthodoxie — antikifch, Pietismus = barock, Zinzendorf = Rokoko.
Zürich. W. Köhler.

Archiv für Reformationsgefchichte. Texte u. Unterfuchgn.

In Verbindg. m. dem Verein f. Ref.-Gefch. hrsc. v.

D. W. Friedensburg. Nr. 61/62. XVI. Jahre Heft 1/2!

(128 S.) 8«. Leipzig, M. Heinfius Nfl. 1919.

Subfkr.-Pr. M. 6—; einzeln M. 6.50

Archiv für Reformationsgefchichte Nr. 63/64. — S. 256.

1919- M. 6.50; Subfkr. M. 6 —

P. Kalkoff zeigt in feiner Abhandlung .Redliche
Wünfche für die Anfangsperiode der Reformationsgefchichte
', wieviel bis jetzt für diefen Abfchnitt der Kirchen-
und Reichspolitik, deren genaufter Kenner er ift, gefchehen
ift und zwar beibnders durch ihn felbft, und wehrt fich
gegen die Kritiker feiner Arbeiten, aber zugleich zeigt
er, wieviel noch zu gefchehen hat. Künftige Forfcher
werden es ihm danken, daß fie willen, wo fie einzufetzen
haben. Befonders wichtig ift der Hinweis auf den Mangel
an genügenden Biographien der Staats- und Kirchenmänner
, darunter des noch zu wenig beachteten Cajetan.

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