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Ausgabe:

1920

Spalte:

99-100

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Jaeger, Johannes

Titel/Untertitel:

Ist Jesus Christus ein Suggestionstherapeut gewesen? 1920

Rezensent:

Titius, Arthur

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Seite 1

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99

Theologifche Literatur:

zeitung 1920 Nr. 9/10.

100

tehen Tempels' lehren wird. Dann aber trennen lieh unlere Wege. A.
behauptet, daß nur eine der beiden überlieferten Lesarten richtig lein könne;
man müffe zwifchen der Lade oder dem Ephod wählen, und fo ent-
fcheidet er fich für die Lade, weil der Ephod angeblich niemals zum
Orakel-Einholen gebraucht fei. Das ift nicht methodifch gedacht; denn
er erwägt die zweite Möglichkeit nicht, daß Lade und Ephod eins fein
können. Erft auf S. 124 A. 1 ftreift er flüchtig diefe Idee, lehnt fie
aber fofort ab. Es ift natürlich abfurd, Ephod und Lade für zwei
Namen desfelben Gegenftandes zu halten; wohl aber konnten beide Ausdrücke
miteinander wechfeln, wenn Ephod und Lade fachlich zufammen-
gehörten. Das ift meine Theorie, und fie empfiehlt fich fchon aus dem
äußeren Grunde, weil fie die Überlieferungen wirklich erklärt, wahrend
A. gezwungen ift, fie von feinem Standpunkt aus zu vergewaltigen. Er
verändert das Wort Ephod überall, wo es kein Kleid bezeichnet, in
,Lade'; wie der Kalten durch ein Kleid erfetzt werden konnte, bleibt
trotz S. 125 Anm. 2 völlig unklar. Überdies vergewaltigt er die Texte
nach den Regeln feiner Grammatik. Danach müßte man I. Srtm. 3,3 überfetzen
: ,Samuel fchlief im Tempel Jahwes, wo ein heiliger Kalten ftand'
(a sacred box). Wie falfch dies ist, lehrt 4,11, wo man nach denfelben
Regeln überfctzen müßte: ,Ein heiliger Kalten wurde erbeutet', während
doch der (erwähnte) heilige Kalten gemeint ift, den Hophni und
Pinehas trugen.

Ich kann daher in das Lob Martis nicht einftimmen,
der von A.s Unterfuchungen fagt, daß fie ,nach hervorragender
Methode' geführt feien (ZATW. 37, 244). Das
Buch hat zwei Schwächen: Es leidet zunächft unter dem
völligen Mangel an archäologifcher Frageftellung und
kann darum nicht bis in die Tiefe der Anfchauung vordringen
; die Philologie allein genügt nicht, um die hier
vorliegenden Probleme zu löfen. Es fchadet fodann fich
felbft durch Vergewaltigung der überlieferten Texte, die
fich hauptfächlich aus der Übertreibung einer an fich
richtigen Erkenntnis erklärt. Ich möchte nicht Gleiches
mit Gleichem vergelten und feine Studie für einen philo-
logifchen ,Midrafch' ausgeben (S. 7), ich möchte im Gegenteil
betonen, daß man fich durch Überfpannung des
Prinzips an der einen Hauptthefe A.s nicht irre machen
laffen foll: Einzelne der von ihm behandelten Texte
lehren in der Tat und andere Beobachtungen beftätigen,
daß die Ifraeliten wahrfcheinlich an allen Heiligtümern
nach kanaanitifchem Vorbilde Laden Jahwes befaßen, die
auch beim Orakel-Einholen eine Rolle fpielten. Aber
damit ift das Buch nicht erfchöpft; es enthält eine Fülle
von Einzelheiten, die auch dann anregen und erwägenswert
bleiben, wenn man ihnen nicht zuftimmen kann.
Schlachtenfee b. Berlin. Hugo Greßmann.

Harari, Prof. Dr. Haim: Litterature et Tradition. I. Problemes
g6neraux. Creation populaire. Creation litteraire. II. La
tradition litteraire hdbraique. Hebra'fsme. Aggadah. Crea-
tion d'art. (VIII, 424 S.) gr. 8". Geneve, Georg & Co. 1919

fr. 14 —

Der Verfaffer, ,Profeffeur' am Hebräifchen Lyzeum in Jaffa,
fchickt das Buch als erftes Stück einer geplanten Reihe von
Studien über die hebräifche ,Haggadah' (,Legende', volkstümliche
Überlieferung im Gegenfatze zur fyftematifchen Gefetzesforfchung
und Lehre, der Halachah) in die Welt. Um das Wefen der
Haggadah zu ergründen, unterfucht er im 1. Teile ziemlich weit-
fchweiflg die Urfprünge der mündlichen und fchriftlichen volkstümlichen
Tradition, um fleh dann, ebenfalls weit ausholend, der
hebräifchen fchriftlichen Überlieferung und danach infonderheit
der Entftehung und dem Wefen der Haggadah zuzuwenden.
Voran gehen hier intereffante Studien zur hebräifchen Archäologie,
den Anfängen der biblifchen Literatur und zur Bibelkritik, die
nicht viel Selbftändiges und Neues, aber befonnene Auswahl und
gewandte Gruppierung bekannter Ergebniffe bieten. — Eine oft
geiftreiche gelehrte Plauderei über fehr vielerlei.
Leipzig. Erich Bifchoff.

Jaeger, Prof. Dr. Johannes: Ift Jelus Chriltus ein Suggeftions-
therapeut gewefen? Eine medizinifch-apologet. Studie.
(VI, 78 S.) 8°. Mergentheim a. T., K. Ohlinger 1918.

M. 1.60

Jaeger wendet fich gegen die Auffaffung der Heiltätigkeit
Jefu als Suggeftionstherapie bei Stoll (Hypnotis-
mus und Suggeftion in der Völkerpfychologie 2. A. 19x04).
Der katholifche Autor läßt Kritik an den Evangelienberichten
nicht zu, erklärt die Jefu Heilungen zu
gründe liegende Kraft als .äquivalent der göttlichen
fchöpferifchen Urkraft' und verfucht dies Urteil durch
gründliche Vergleichung der evangelifchen Berichte mit

dem über Suggeftionskuren Bekannten zu erhärten. Ohne
Zweifel hat er Recht damit, daß, wenn fämtliche Berichte,
auch die johanneifchen, als gefchichtlich gelten follen, auch
der erfolgreichfte Arzt nur als ,ein armfeliger Stümper,
ohnmächtig gegenüber dem allmächtigen Gottesfohn
Jefus Chriftus' erfcheint. Ebenfo begründet ift der Hinweis
auf die Marken Schranken aller fuggeftiven Heiltätigkeit
, vor allem gegenüber organifchen Leiden.
Immerhin bringt J. felbft in ausführlicher Darftellung
zwei Fälle von organifchen Augenleiden bei, in denen
es Delboeuf gelang, durch Suggeftion in der Hypnofe
eine erhebliche Befferung zu erzielen (S. 53 ff.). Gegen
die übliche generalifierende Verwendung des Begriffs der
Suggeftion, unter dem fehr verfchiedene pfychifche Er-
fcheinungen zufammengefaßt werden, habe ich ebenfalls
Bedenken, aber daß mancherlei, bisher noch wenig durchfichtige
, Heilungen einen Marken Einfluß des pfychifchen
Lebens auf das phyfifche bekunden, ift anerkannt, und
ich wüßte nicht, was man der Größe Jefu nimmt, wenn
man darin Analogie (meift nur recht befcheidene)
wenigftens zu vielen feiner Heilerfolge fleht. Übrigens
habe ich meine eigene Auffaffung von diefen Dingen
in einem Auffatz über ,die Dämonifchen des Neuen
Teftaments' (in der Feftfchrift für Bonwetfch 1918) durchzuführen
verfucht.

Göttingen. Titius.

Knopf, Prof. Dr. Rudolf: Einführung in das Neue Teftament.

Bibelkunde des Neuen Teftaments, Gefchichte und Religion
des Urchriftentums. (Sammlung Töpelmann.
1. Gruppe. Die Theologie im Abriß. Band 2.) (XII,
394 S.) gr. 8°. Gießen, A. Töpelmann 1919.

M. 11.40; geb. M. 14 —
Als einer der erften Bände der unter dem Namen
.Sammlung Töpelmann' geplanten umfangreichen Reihe
von Handbüchern ift Knopfs Einführung in das Neue
Teftament erfchienen, rechtzeitig genug, um den Kriegs-
teinehmern noch beim Abfchluß ihrer Studien zu helfen.
An die aus dem Studium geriffenen Theologie-Studenten,
die fchnell wieder hineinkommen wollen und müffen,
haben Verf. und Verleger in erfter Linie gedacht. Sie
bieten ihnen auf 394 Seiten nicht weniger als ein Kompendium
der gefamten Wiffenfchaft vom Urchriftentum
mit Ausnahme der eigentlichen Exegefe: Judentum,
Hellenismus, Gefchichte Jefu, apoftolifche und nachapo-
ftolifche Zeit, Textkritik, Literatur- und Religionsge-
fchichte. Kein Wunder, wenn man zunächft mißtrauilch
wird, und kein Zweifel, daß in dem Erfcheinen eines
folchen Kompendiums eine gewiffe Gefahr für das Studium
liegt. Bei einem Teil der Kriegsteilnehmer hat
fich eine Sucht nach kompendiarifchem, auf das Hauptfächliche
befchränkten Studienbetrieb entwickelt (übrigens
fcheint mir diefe begreifliche Pfychofe jetzt, Ende 1919,
bereits in ftarkem Rückgang), die wirtfehaftliche Lage
befördert diefen Drang, Verleger können ihn benutzen
und auch das vorliegende Buch würde ihm, zweifellos
wider den Willen des Autors, Vorfchub leiften, wenn die
Studierenden es als Erlatz für eine kleine Handbibliothek
hinnähmen. Das wäre natürlich ein Mißbrauch, aber
kein ganz fernliegender, und ich möchte wünfehen, daß
jeder Kollege, der K.s Buch wie billig empfiehlt, vor
diefem Mißbrauch ausdrücklich warnt. Dann wird das
Buch feinen Dienft tun unter den Kriegsteilnehmern wie
unter den folgenden Studenten-Generationen; es wird
fich aber auch einen weiteren Leferkreis erringen, etwa
unter Pfarrern und Lehrern, die mit dem gegenwärtigen
Stand der Forfchung Fühlung fuchen.

Denn das Buch ift nicht etwa ein Repetitorium, fondern
weit Wertvolleres; es ift eine wirkliche Einführung
geworden. Mit richtigem pädagogifchen Taktgefühl hat
K. den in den geläufigen Handbüchern leicht zugänglichen
Stoff zufammengedrängt, um für andere Partien
Raum zu gewinnen, über die fich der Student fonft nicht