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Ausgabe:

1920

Spalte:

91-92

Kategorie:

(ohne Kategorisierung)

Autor/Hrsg.:

Plaß, Johannes

Titel/Untertitel:

Der Rhythmus der Melodien unserer Kirchenlieder 1920

Rezensent:

Smend, Julius

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9'

Theologilche Literaturzeitung 1920 Nr. 7/8.

92

in die Seelen hinein. Selten findet man heute Predigten,
die mit diefer Liebe mit diefer Hingebung gearbeitet find.
Wie fucht er mit immer neuen Bildern aus Sage und
Gefchichte, mit klangvollen, finnreichen Zitaten aus aller
Welt, mit der eignen, überaus gewählten und doch nie
gekünftelten Sprache das Tieffte in der Seele feiner Hörer
auf, um es zum Klingen zu bringen! So fpricht er

Gefetze auf die Spur kommen kann, ja daß er es ergründet
hat und imftande ift, uns in feine Geheimniffe
Einblick zu verfchaffen. Folgen wir ihm, fo find wir
allerdings genötigt, recht gründlich im Bereiche unferes
Kirchengefanges aufzuräumen und völlig neue Wege zu
feiner Reinigung und Pflege einzufchlagen. Unwillkürlich
befürchtet man die Methode des Prokruftes und möchte

am Erziehungsfonntag über die Weihe der Jugend, am ! fich fchützend ftellen vor all die Gebilde unferer kirch

Gedächtnistag Schleiermachers über Stark und ftill, fo
läßt er Stimmen aus der Höhe in das Treiben des Alltags
klingen. Immer holt er aus dem Text das innerfte
Leben heraus und breitet es echt erbaulich und voll
feinen Gefchmackes vor feinen Hörern aus. Das einzige
Bedenken ift, ob nicht über diefer forgfamen Filigranarbeit
die unmittelbare rednerifche Wirkung auf die
Hörer leide, fo angenehm fich diefe Predigten in
diefer Form ja auch lefen mögen.

liehen Lyrik, deren mufikalifche Deklamation unfrer
Bequemlichkeit zwar lange läftig war, deren unüberfeh-
bare Mannigfaltigkeit uns aber auch jeder Grammatik
Hohn zu fprechen fcheint. Das Verfahren von Plaß
fchafft uns an Stelle eines reichen, überreichen Gartens
eine Taxushecke, vor der uns graut. Ihr armen Choräle,
wie fleht ihr in Parade da! Allein wenn wir es bei den
mit fo viel Mühe und Liebe wiederhergeftellten ursprünglichen
oder annähernd urfprünglichen Weifen wirklich

Ganz anders verfährt wieder Baum garten. Hier ift j mit lauter Entartung und Mißstand zu tun haben, fo
er ganz er felbft, wo es gilt, in der Weife der Propheten ! hüft kein Sträuben. Nur fragt es fich, ob die Arbeit der

weit und groß die Ereigniffe der Zeit deuten und be
wältigen zu helfen. Schon früh hat er die Revolution
kommen fehn. Seine Seele ift ihr gegenüber geteilt. Er
trauert um das alte Preußen, und er zittert für die freie
Perfönlichkeit und die wahre Kultur und Bildung. Aber
er fleht auch viel Sünde und Weltfinn in der Umwälzung
gerichtet und läßt nicht von der Hoffnung, daß Gott
aus dem Chaos eine neue Welt erflehen lafie. Ein paar
Themata mögen zum Lefen und Studieren locken: Geift
und Ordnung, Bisher verborgene Werte, Unverlierbar
(am Weihnachtsfeft), Vifion einer befferen Zukunft, Die
Axt den Bäumen an die Wurzel gelegt, m. E. die be-
deutendfte und mächtigste unter den Predigten der Sammlung
. Fein und eindrucksvoll find fie alle in das Kirchenjahr
von Advent bis Epiphanien hineingeftimmt.
Heidelberg. Niebergall.

Schubert, Pfr. D. Dr. Ernft: Die deutrch-evangelifchen Einheitsbe-

ftrebungen vom Beginn des 19. Jahrh. bis zur Gegenwart. (Volks-
fchriften zum Aufbau Nr. 6.) (48 S.) 8'. Berlin, Verlag des Ev.
Bundes 1919. M. — 55

Durch die Ereigniffe des letzten Jahres hat die Frage des Zu-
fammenfchluffes der deutfehen evangelifchen Kirchen eine große prak-
tifche Bedentung erlangt und zugleich das Bedürfnis nach einer hifto-
rifchen Orientierung über die darauf abzielenden Beftrebungen in der
Vergangenheit geweckt. Der Verf. hat diefe Aufgabe in der vorliegenden
Schrift vortrefflich gelöft. Die Berichterstattung ruht auf guter
Kenntnis der einfehlägigen Literatur und vermittelt eine klare Überficht
über die verwickelte Materie.

Göttingen. Carl Mirbt.

Plaß, Paft. em. Johannes: Der Rhythmus der Melodien
unferer Kirchenlieder. Nach den Erforderniffen des
Gemeindegefanges v. den mufikal. Grundlagen aus
entwickelt. (166 S.) 8°. Leipzig, Breitkopf & Härtel
1918. M. 5 —

Die Bemühungen um einheitliche Textgeftalt des
evangelifchen Chorales für Deutfchland haben mit dem
Erfcheinen des ,Deutfchen evang. Gefangbuchs für die
Schutzgebiete und das Ausland' (Berlin 1915) ihren vorläufigen
Abfchluß gefunden. In den letzten Jahren hat
der Eifenacher Kirchenausfchuß auch die Vereinheitlichung
der Sangesweifen angeftrebt. Die 15er Kommiffion,
durch die Revolution vorerft geftört, wird binnen kurzem
ihre Arbeit abfchließen, nachdem fie vier ihrer Mitglieder
(Kawerau, Nelle, Ph. Wolfrum, Lang) durch den Tod
verloren hat. Inzwifchen erfchienen die Unterfuchungen
von Plaß, die dem Gelingen des Unternehmens sicherlich
nützen werden. Wir haben es mit einem der gründ-
lichften Kenner des geiftlichen und weltlichen Volksliedes
zu tun, der auf williges Gehör Anspruch hat, auch
wo er an die Geduld und Umlernungsbereitfchaft ungeheuere
Anforderungen ftellt. Plaß ift überzeugt, daß
es ein Gefetz gibt, dem das Volkslied — hier kommt
nur deffen rhythmifch-deklamatorifche Seite in Betracht —
Entstehung und Wefen verdankt, und daß man diefem

letzten 50—70 Jahre zur Wiedererwerbung unfrer Erbgüter
tatfächlich auf völlig verkehrter Bahn war. Oder
ob ihr Erträgnis mit der Kraft eines wohlbegründeten
Widerstandes aller Theorie trotzen wird. Man kommt
über den Eindruck nicht hinweg, daß dem Verfafler eine
nahe Fühlung mit der fingenden Kirche, z. B. unfres
preußifchen und niederfächfifchen Westens, gefehlt hat
und fehlt. Meine Abficht ift nicht die, von dem Studium
des Plaß'fchen Buches fernzuhalten, dem ein Philipp
Wolfrum, trotz entgegenstehender bayerifcher Gewöhnung,
im Wefentlichen freudig zugestimmt hat. Ich felbft habe
die Drucklegung des Werkes dringend gewünfeht und
befürwortet. Auch der Umstand, daß Plaß vor dem
Druck noch recht einfehneidende Änderungen an feiner
Arbeit vorgenommen haben muß, läßt mich jenen
Wunfeh nicht im geringsten bereuen. Die Mitglieder
der erwähnten Kommiffion follen fich mit Plaß ja eingehend
befchäftigen und auseinanderfetzen. Und alle,
die dem fo wichtigen Gegenstände Intereffe entgegen
bringen, feien nachdrücklich auf Plaß verwiefen. Aber
daß wir nun des Rätfels Löfung haben, glauben
wir nicht

Münster i. W. J. S m e n d.

Meinhof, Prof. D. Carl: Eiferne Zeit. (Flugfchriften der Deut.
Evang. Mirfionshilfe, 8. Heft.) (15 S.) 8°. Gütersloh, C. Bertelsmann
1917. M. — 20
Eine Rede, auf der Miffionskonferenz in der Prov. Sachfen
vor Studenten gehalten, aufmunternd zum Durchhalten im Kriege
und in der Miffion, zu Pflichtbewußtfein, stiller, friedlicher Arbeit
und opferwilliger Hingebung mit dem Ausblick auf eine beffere
Zeit.

Frankfurt a. M. W. Bornemann.

Ed er, Dr. Karl: Heilige Pfade. Ein Buch aus des Priefters Welt
u. Seele. (Bücher f. Seelenkultur.) (XII, 339 S.) kl. 8». Freiburg
i. B., Herder (1917). M. 3.60; geb. M. 4.50
Die Schrift (der 1. Band der ,Bücher für Seelenkultur', die
,dem Ringen der Zeit nach religiöfem Innenleben wegeleitend
zu Hülfe kommen' wollen) tritt ,mit bewußter Abficht aus dem fche-
matifchen Rahmen heraus, in den eine vorwiegend zu Erbauungszwecken
gefchriebene Literatur das Leben des katholifchen Priefters
zu fpannen pflegt'. Sie will den Priefter in der Nähe, nicht
idealisiert aus der Ferne fehen laffen und nimmt als Bezugspunkt
ihrer Darstellung die Perfon des Weltpriefters. Das klingt alles
fehr modern. Aber der Stoff, an dem fleh diefe moderne Art zu
denken und zu empfinden auswirkt, ift das nirgend auch nur
Ieife gebrochene Priefterideal der römifch-katholifchen Kirche.
Es ift auch für den evangelifchen Lefer lehrreich zu verfolgen,
wie ein dem modernen Leben mit Bewußtfein aufgefchloffener
und zugleich gänzlich von der abfoluten einzigartigen Würde feines
Berufs erfüllter katholifcher Welrpriefter (der Unterfchied
zwifchen Welt- und Ordenspriefter wird häufig ftark unterstrichen)
fleh mit den Werten, Aufgaben, Schwierigkeiten feines Priefter-
amtes innerlich auseinanderfetzt. Antihäretifche Polemik fehlt
gänzlich; doch wird alles Nichtkatholifche felbitverftändlich
lediglich als Irrtum angefehen. Intereffant ift noch, daß das Buch
für Priefter und Laien gefchrieben fein will.
Halle a. S. K. Eger.